KONTEXT:Wochenzeitung
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Mit Peter auf dem Bauernhof

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Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) begibt sich derzeit mitten rein in seinen Job: Zuerst hat er versucht, den Skandal um die Corona-Infektionen bei Müller-Fleisch kleinzureden, jetzt geht er sogar Kühe und Schafe gucken. Unsere Autorin war dabei.

"Frau Schulze! Insekten mögen unseren Mist. Den, den Sie verzapfen nicht! Treten Sie zurück." Die Botschaft, platziert auf einer Schubkarre mit Mist, am Eingang des Hofes von Traugott Fetzer in Aichwald ist klar. Dieser Landwirt hat was gegen die Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) und deren Pläne, weniger Dünger und Pestizide einzusetzen, und das möchte er anlässlich des Besuchs von Baden-Württembergs Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) klar zum Ausdruck bringen.

Dabei hatte Hauk vergangene Woche nur zu einer kleinen PR-Tour eingeladen. Als Auftakt seiner Kampagne "Wir versorgen unser Land" (Kontext berichtete) besuchte Hauk drei Landwirte, Kontext begleitete ihn dabei zur Schäferei von Jörg Schmid in Owen bei Kirchheim/Teck und zum Rinder- und Schweinebetrieb der Familie Fetzer in Aichwald bei Esslingen. Von beiden Höfen hatten sich entweder der Landwirt selbst oder Familienmitglieder bereit erklärt, auf Plakaten für "Wir versorgen unser Land" zu posieren. Jetzt wollte auch Hauk mal posieren, um der Kampagne Schub zu geben.

Zwei Vorzeigehöfe für hübsche Fotos

Selbstverständlich sind beide Höfe geradezu beispielhaft, was Tierhaltung und regionale Vermarktung betrifft. Die 1.200 Schafe und Lämmer von Jörg Schmid weiden das ganze Jahr über draußen, kommen nur zum Lammen in den Stall. Schmid kooperiert mit lokalen Partnern, das Fleisch geht unter dem Label "Württemberger Lamm" in die Vermarktung, die Wolle wird unter anderem zu Pellets zum Düngen verarbeitet. Beide Töchter sind auf dem Weg in die Landwirtschaft. Eine lernt Landwirtin, die zweite will nach ihrem Schulabschluss Landmaschinenmechatronikerin werden. Vorbildlich.

Ähnlich sieht es bei den Fetzers aus. Tochter Judith arbeitet in Teilzeit als Angestellte, ansonsten auf dem Hof. Zwei Söhne ackern ebenfalls bereits mit. Über ihren Hofladen vermarkten die Fetzers vor allem das Fleisch ihres Viehs, das in Göppingen geschlachtet wird, die Milch geht in erster Linie an Landliebe, das Futter kommt nahezu komplett aus eigenem Anbau. So soll es laut Minister Hauk auch sein. Er möchte das Ansehen der Bauern verbessern. Sowohl Schafwirt Schmid als auch Bauer Fetzer sind für ihn "authentisch".

"Sie übernehmen hier in Owen ja im Prinzip die gesamte Landschaftspflege", sagt Hauk zu Jörg Schmid. "Wer soll denn sonst das ganze Gras fressen?" Das hört Schmid natürlich gerne. Er betont, dass die Bewirtschaftung der Häge rund um Owen mit seinen 1.200 Schafen nicht einfach sei. "Im Tal kann ja jeder. Aber so am Hang!" Detailliert erzählt er, wie er das Ablammen seiner Schafe organisiert, wie oft der Herdentierarzt kommt (alle vier Wochen), dass inzwischen nicht mehr nur die Edelteile des Lamms nachgefragt werden, sondern auch das Fleisch der Brackschafe – so nennt man die Schafe, die demnächst zum Metzger kommen. "Für Convenience-Essen, Dosengerichte und so. Die Jüngeren kochen ja nicht mehr."

Hauk mag lieber keine Schafe streicheln

Mit dieser Erkenntnis geht es zu den Tieren, schließlich muss noch ein idyllisches Pressefoto her. Weil Schafe eher scheu sind, lockt Jörg Schmid sie mit Futter an. Während die Owener Bürgermeisterin Verena Grötzinger (CDU) am liebsten jedes Schaf streicheln möchte, scheint Hauk mit den Tieren zu fremdeln. An unmittelbarem Kontakt ist ihm offenkundig nicht gelegen. Schließlich ist das Bild gemacht und Hauk lobt noch einmal die Familie Schmid: "Sie sind der Beweis, dass konventionelle Landwirtschaft nicht schwarz/weiß ist. Da gibt es fließende Übergänge. Sie sind ja fast ein Biobetrieb, kommen nur nicht in der Statistik. So geht es auch."

Ganz so debattenfrei geht es bei den Fetzers in Aichwald nicht zu. Nicht, dass man hier etwas gegen den Landwirtschaftsminister hätte. Aber insgesamt sind die Fetzers nicht so zufrieden mit der Landwirtschaftspolitik. Weder mit der von der EU noch mit der vom Bund. Aktuell hat Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) den Zorn von Landwirten auf sich gezogen. Sie stellte Mitte Mai den Umweltbericht des Naturschutzbundes Nabu vor und twitterte unter anderem: "Der Bestand vieler Tierarten der Agrarlandschaft ist eingebrochen – auch wegen einer immer intensiveren Landwirtschaft. Umso wichtiger, dass wir mit dem neuen Düngerecht und dem Aktionsprogramm Insektenschutz hier die Trendwende schaffen!" Jetzt fühlen Bauern sich gebasht. Die relativ neue Interessenvertretung "Land schafft Verbindung" stellte sogar Strafanzeige wegen Verleumdung und bundesweit protestierten Hunderte Bauern mit ihren Traktoren gegen Schulze und den Nabu.

Traugott Fetzer regt am meisten die Sache mit der Gülle auf. Seit 1. Mai gilt eine neue Verordnung, um den Nitratgehalt im Wasser zu senken. "Wir haben hier kein Wasserproblem", sagt Fetzer sichtlich sauer. Das Wort "Gülle" lehnt er ab. "Das ist Mist, also Dünger. Ich finde, der Mist braucht eine Imagekampagne", gibt er Hauk mit auf den Weg. Der lächelt etwas gequält. Doch Fetzer ist es ernst. Im Mist seien Nährstoffe und die benötige der Boden. Bei ihnen auf dem Hof passe das Verhältnis von Kühen und Fläche für deren Ausscheidungen "locker". Darauf springt Hauk an. "Mist ist Dünger, um das Optimum rauszuholen, nicht das Maximum", sagt er, die Fetzers nicken zustimmend. Wenn Svenja Schulze sage, dass die Landwirtschaft generell Schuld an allem möglichen sei, "trifft das einfach nicht zu. Ohne Landwirtschaft gibt es keine Artenvielfalt und keine vielfältige Ernährung." Und um das den Menschen klar zu machen, gebe es die Kampagne "Wir versorgen unser Land." Sagt Hauk.

Dame falsch gepolt

Die Kampagne finden die Fetzers ja auch gut. Doch das Leben ist eben immer konkret und so erzählt Hof-Chefin Beate Fetzer: "Vor Jahren waren hier öfter Kontrolleure, da habe ich gefragt, warum die immer bei uns Kleinen rumstieren. Da sagte mir die Kontrolleurin: Bei den Großen kommen wir nicht weit. Das denke ich mir nämlich auch: Die großen Landwirtschaftsbetriebe hängen mit den großen Wirtschaftsbetrieben zusammen. Ich kann mir keinen Fauxpas leisten. Aber wo kommen denn die großen Fleischskandale her?"  - "Ist ja gut", versucht ihr Mann sie zu beruhigen und Hauk widerspricht: "Da war die Dame falsch gepolt. Wir kontrollieren die Großen und die Kleinen." Beate Fetzer schaut skeptisch.

Dass es einen ziemlichen Unterschied gibt zwischen Großlandwirten und Bauern wie ihnen, findet allerdings auch ihr Mann. Die einen produzieren, "aber bei uns wächst etwas", sagt Traugott Fetzer. Dennoch: "Die Bauern sind in diese Ecke getrieben worden. Ständig sollte mehr produziert werden, ständig sollte alles größer und mehr werden." Das sei kein guter Weg. Doch genau diese Richtung – je größer der Hof, desto mehr Subventionen - wurde vom Bauernverband in den vergangenen Jahren doch stets verteidigt, oder? Fetzer: "Ich bin nicht im Bauernverband!" Er will, dass differenziert geschaut wird. "Wir haben hier in Baden-Württemberg doch ganz andere Situation als in Niedersachsen oder in Nordrhein-Westfalen." Die CDU in Baden-Württemberg habe in den vergangenen Jahrzehnten vieles gemacht, um die Landwirtschaft zu ökologisieren. Aber seit die Grünen in der Regierung seien, werde alles Geld in die Bio-Höfe gesteckt. "Sie glauben ja nicht, wieviel die bekommen!" Wieviel denn? "Ich würde 250.000 Euro für die Umstellung auf Bio bekommen!" Macht er's? "Nein. Da würde ich ja noch mehr kontrolliert."

Nachhaltige Nahrungsproduktion bis 2030

Mittlerweile haben Hauk und Marius Fischer, Fetzers Schwiegersohn in spe, das Kampagnen-Plakat über die Tür des Hofladens gehängt. Bevor es an den Grill geht, um Burger aus eigener Herstellung mit Gemüse von Esslinger Gemüsebauern in Brötchen aus Mehl einer regionalen Mühle zu essen, ist auch hier noch der Fototermin dran. Die Kühe sind gerade ganz weit weg, reagieren aber im Gegensatz zu den Schafen auf Pfeifen und Rufen, kommen langsam angetrabt, stellen dann aber fest, dass Fotografieren nicht ihr Ding ist. Streicheln ist nicht möglich. Hauk scheint das nicht zu bedauern, er stellt sich mit den Fetzers ein Stück vor die Herde und lässt sich lächelnd fotografieren.

Der Minister für ländlichen Raum und Verbraucherschutz kann zufrieden sein, die Kampagne "Wir versorgen unser Land" läuft. Sicherlich nicht nur, um den Baden-Württembergern zu erzählen, dass man Essen auch da kaufen kann, wo es herkommt, sondern auch als Rahmen für die laufende Debatte über die EU-Agrarpolitik. Vor etwa zwei Wochen legte die EU-Kommission ihren neuen Plan vor: "Vom Hof auf den Tisch – eine Strategie für ein faires, gesundes und umweltfreundliches Lebensmittelsystem". Bis 2030 soll damit eine nachhaltige Nahrungsmittelproduktion erreicht werden, unter anderem mit 50 Prozent weniger Pflanzenschutz und 20 Prozent weniger Dünger.

Dem Bauernverband stinkt's schon wieder

Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen, des baden-württembergischen und des europäischen Bauernverbandes, außerdem Mitglied im Aufsichtsrat der Südzucker AG und der BayWa AG sowie Eigentümer eines 340-Hektar-Hofes (der nicht auf Hauks Besuchsliste stand), hat den Plan bereits einen "Generalangriff auf die europäische Landwirtschaft" genannt. Peter Hauk geht konstruktiver vor. Gemeinsam mit seinen CDU-Landwirtschaftsministerkollegen aus Bayern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen hat er ein Positionspapier vorgelegt. Darin werden unter anderem faire Preise und zielgerichtete Zuschüsse gefordert, auch um besonders kleine und mittlere landwirtschaftlichen Familienbetriebe zu stärken.

Besonderen Wert legen die Agrarminister auf eine starke zweite Säule, also auf die agrarpolitischen Maßnahmen, die in den EU-Mitgliedsländern und ihren Regionen entwickelt werden. Die erste Säule, in der die Subventionen alleine nach der Größe eines Hofes verteilt werden (mehr Land, mehr Geld), soll "schlank" gehalten werden. Zudem fordern die Minister, dass auch importierte Lebensmittel die neuen EU-Standards einhalten müssen, um Umwelt- und Sozialdumping zu unterbinden.

Über die neue EU-Agrarpolitik wird in den nächsten Monaten intensiv diskutiert werden. Vielleicht kommt es sogar so weit, dass Peter Hauk und der einflussreiche Bauernverband dabei nicht immer Seite an Seite debattieren. Traugott Fetzer dürfte dann irgendwo dazwischen stehen. Denn er ist der Ansicht: "Die Politik hält uns arm, der Bauernverband hält uns dumm."


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1 Kommentar verfügbar

  • Waldemar Grytz
    am 03.06.2020
    Antworten
    Dass es im Lenninger Tal auch Bioland-Höfe gibt, scheint dem Minister nicht sonderlich zu interessieren. und warum sich manche konventionelle, doch eher kleine Betriebe, sich von den Big-Players im Geschäft um Nahrungsmittel, Maschinen, Chemie instrumentalisieren lassen, ist kaum nachvollziehbar.
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