Der Landesbauernverband lädt zur Ernte-Pressekonferenz in Waiblingen – da darf der Kartoffelvollernter nicht fehlen.

Der Landesbauernverband lädt zur Ernte-Pressekonferenz in Waiblingen – da darf der Kartoffelvollernter nicht fehlen.

Ausgabe 387
Schaubühne

Der Bauer ist immer das Opfer

Von Josef-Otto Freudenreich
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 29.08.2018
Wenn der Klimawandel zuschlägt, ist der Bauer das Opfer. Sagen zumindest seine Funktionäre. Und wer ihnen nicht glaubt, hat Joachim Rukwied, den Dreifach-Präsidenten, gegen sich. Eine Begegnung auf dem Acker.

Die Szene hätte perfekt in die Zeitschrift "Landlust", dem Sehnsuchtsorgan der Städter, gepasst. Kartoffeln in Herzform auf dem Tisch, mit Blüten geschmückter Quark, halbierte Butterbrezeln und vorne auf dem Podium der oberste Bauer im kornblumenblauen Jackett. Joachim Rukwied, der Präsident des baden-württembergischen, des deutschen und des europäischen Bauernverbands lädt zur traditionellen Erntepressekonferenz. In die Scheuer von Kartoffelbauer Volker Escher in Waiblingen-Hegnach, nicht in den Saal.

Der Multifunktionär will berichten, wie die Ernte ausgefallen ist, miserabel, und das wiederum überrascht nicht sehr, nach alldem, was in den Tagen zuvor verlautbart worden ist. Es habe ein außergewöhnliches Wetterereignis "von nationalem Ausmaß" gegeben, hieß es von Seiten der Bundesregierung, vulgo: keinen Regen und viel Hitze. Das ist schlecht für Getreide und Grünfutter, und muss von Staats wegen behandelt werden, was jetzt mit 340 Millionen Euro Alimenten von Bund und Ländern geschehen soll. Allerdings ist einzuschränken, dass Wein und Obst von der Wärme profitieren, der Anbau von Oliven noch spekulativen Charakter hat.

Rukwied begrüßt die Entscheidung der Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) als "richtiges Signal", worüber sich auch niemand wundert, weil die Regierung meistens macht, was der Deutsche Bauernverband (DBV) will. Und umgekehrt. Der 57-jährige Großbauer aus Eberstadt bei Heilbronn ist auch CDU-Mitglied und steht, wie er betont, in ständigem Kontakt mit der Politik. Natürlich auch mit Peter Hauk, dem schwarzen Oberförster im Kabinett Kretschmann.

Nachdem dies klargestellt ist, geht der Präsident auf den Acker. Er prüft den Mais, der besser ist als er aussieht, die Rüben, die größer sein könnten als sie sind, und seine Pressesprecherin Ariane D. Amstutz verweist auf die Sonnenblumen am Feldesrand und den Tatbestand, taz-lesende Oberschwäbin zu sein. Beides ist sympathisch. Die Sonnenblumen gehören zu den sogenannten Blühstreifen, dem Pflichtprogramm des heutigen Landwirts, wie sie sagt. Ihr Chef hat davon zwölf Hektar, neben seinen 288 Hektar an Äckern und Weinbergen. Er selbst versichert, immer wieder selbst Hand anzulegen, wenn es zeitlich reicht zwischen Brüssel, Berlin und Eberstadt. Heute sei Zeit, sagt sein Fahrer, der den dunklen Dienst-BMW neben dem Hof von Kartoffelbauer Escher geparkt hat.

Die Sache mit den Blühstreifen ist wichtig zu erwähnen, wegen der Bienen. Wenn nur noch Mais, Raps und Rüben herumstehen, summt bald nichts mehr, dann ist der Frühling stumm, und wenn dann noch das Wort Glyphosat fällt, ist Matthäi am Letzten. Dann ist alles beisammen, was den Bauern imagemäßig zum armen Schwein macht. Das Insekten- und Vogelsterben, die Monokulturen und die Pestizide, die Massentierhaltung und die Fürze der Kühe, die Überdüngung und das Nitrat im Grundwasser. Alles angerührt im Topf der industriellen Landwirtschaft, alles Grund genug für eine Agrarwende, sagen die Kritiker.

Darüber kann sich der Mann, der nach eigener Aussage seiner Profession, also dem Landwirt, "mit Leib und Seele" verbunden ist, granatenmäßig aufregen. Von Leuten, die "noch nie eine Kuh gemolken" haben, müsse man sich nichts sagen lassen, hat er den Delegierten bei seiner Wiederwahl 2016 zugerufen, die hätten "keinen blassen Schimmer". Gemeint hat er den grünen Anton Hofreiter, der dauernd die Agrarwende fordert, und die (damalige) Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD), die ihre Kritik an der Agroindustrie mit eigenen "Bauernregeln" krönte: "Steht das Schwein auf einem Bein, ist der Schweinestall zu klein". Klar, dass der Verband ihren Rücktritt forderte, wegen Verhöhnung eines ganzen Berufsstandes, klar auch, dass sie ihr Regelwerk mit dem Ausdruck des Bedauerns zurückgezogen hat.

Im Feindesland stehen auch die Ökos, die ihm ständig um die Ohren hauen, ein betonköpfiger Lobbyist der Agrarindustrie zu sein. Das sagt die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), das sagt der BUND, das sagt der NABU, der ihm zuletzt den "Dinosaurier des Jahres 2017" verliehen hat. Er sei ein "Blockierer und Strippenzieher zulasten der Umwelt", werfen ihm die Umwelt- und Naturschützer mit schöner Regelmäßigkeit vor und zählen auf: Das Beharren auf den pauschalen Flächenprämien der EU, die mit ihren Milliarden die Großen begünstigt und die Kleinen sterben lässt. Den Schulterschluss mit der Chemie-, Saatgut- und Landmaschinenindustrie. Die Fixierung auf ständiges Wachsen ("Wachsen oder Weichen"), auf den globalen Markt – und den Staat, wenn wieder Not ist in der Scholle.

Immer größer, immer gülliger, immer hormonischer, immer technischer, bis zur 100 000-Liter-Hochleistungskuh, die den Milchpreis auch nicht rettet. Wo ist die Henne, wo das Ei? Im Büro von Bayer-Chef Werner Baumann, der jüngst den Genmais-Konzern Monsanto übernommen und den "Dinosaurier des Jahres 2016" gekriegt hat? Bei Aldi oder Lidl, die das Kilo Schweineschnitzel unter sechs Euro anbieten? Oder beim Bauernverbandspräsidenten, der stets betont, Eingriffe in den Markt seien "nicht zielführend". Wenn's knifflig wird, wird Rukwied sagen, das sei Sache der Politik, und leider seien nur 20 Prozent der Verbraucher bereit, mehr für Lebensmittel zu bezahlen.

Zur Politik gehört auch das Wetter, das ihm bäuerlicherseits nicht beeinflussbar erscheint. Der Jetstream sei's, vermutet der Präsident, der immer längere Hochs und Tiefs verursache. Er komme gerade aus Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg, wo es heiß sei wie auf einer Herdplatte, berichtet Rukwied. Ein Regentropfen sei wie ein Spucker, der sofort verdampfe. Wir in Baden-Württemberg hätten da noch Glück gehabt, aber auch hier seien bis zu 1000 Betriebe gefährdet und bedürften staatlicher Nothilfe.

Volker Escher braucht sie nicht. Er verkauft seine Kartoffeln direkt, zu großen Teilen an Rewe in der Region, 1,20 Euro das Kilo. Wenn er für einen Discounter anbauen würde, sagt der 40-Jährige, müsste er viel größere Mengen erzeugen, mit den "entsprechenden Mittelchen" und einer miesen CO2-Bilanz. Das Kilo ist so schon für 40 Cent zu kriegen. Beim Sortieren auf dem Vollernter bleibt auch noch Zeit für besondere Exemplare. Die Kartoffel in Herzform bekommt Margarete Escher, die Seniorchefin auf dem Hof, die ein besonderes Verhältnis zur Knolle hat. Sie sammelt Gedichte, die sich dem Nachtschattengewächs in Reimform nähern. Zum Beispiel so: "Kartoffeln gibt's globalisiert, gekocht, gebraten und frittiert. Die allerbesten auf der Welt wachsen hier im Keimenfeld". Oder: "Es sprießt aus leckrer Ackerkrume im Frühjahr die Kartoffelblume". Übrigens, ihre "tolle Knolle" schmeckt wirklich toll.

Während auf dem Acker der Vollernter seine Bahnen zieht, der Staub in der Hitze flirrt, und die Gedanken zur naheliegenden Stadt, zu den Häusern am Horizont schweifen, entwickelt sich eine Frage an den Präsidenten: "Herr Rukwied, könnte der Staat auch Biergärten subventionieren?" Je nach Wetterlage. Die Frage verblüfft ihn. "Bei allem Respekt", antwortet er, "aber zwischen einem Biergarten und einem Bauer liegt ein signifikanter Unterschied – die Landwirtschaft ist unsere Lebensgrundlage". Kaum hat er es gesagt, schüttet es wie aus Kübeln.

Redakteur und Fotograf bei der Arbeit mit dem Dreifach-Präsidenten.

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