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Doku "Until We Talk"

Eine Freundschaft gegen den Hass

Doku "Until We Talk": Eine Freundschaft gegen den Hass
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Der Israeli Rami Elhanan und der Palästinenser Bassam Aramin haben im Nahostkonflikt ihre Töchter verloren. Doch was sie verbindet, ist stärker als das, was sie trennt. Der Kirchheimer Regisseur Florian Mebes hat ihre Geschichte dokumentiert. "Until We Talk" erzählt von Trauer, Feindschaft und der Möglichkeit, sich dem anderen zuzuwenden.

Als der Israeli und der Palästinenser einander begegnen, haben sie zunächst wenig gemein. Zwischen ihnen stehen all jene Grenzen, die die beiden Seiten seit Jahrzehnten trennen. Dass ihre Lebensgeschichten auf tragische Weise miteinander verknüpft sein würden, können sie zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen. Ramis dreizehnjährige Tochter Smadar wird 1997 bei einem palästinensischen Selbstmordanschlag in Jerusalem getötet. Bassams zehnjährige Tochter Abir stirbt 2007, nachdem sie von einem israelischen Grenzpolizisten angeschossen wurde. Erfahrungen, die Hass und den Wunsch nach Rache schüren können. Rami und Bassam wählen einen anderen Weg. Sie beginnen miteinander zu sprechen.

Diese Entscheidung steht im Zentrum von "Until We Talk", dem ersten abendfüllenden Dokumentarfilm des in Kirchheim unter Teck lebenden Regisseurs Florian Mebes. Der Film zeigt die beiden Männer bei Vorträgen und Begegnungen in Israel und den palästinensischen Gebieten, aber auch in Europa und Südafrika. Im September 2023 stellte Mebes die Dokumentation fertig – nur wenige Wochen vor dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober.

Ein palästinensischer Freund

Mebes' Interesse an Israel begann während seines Studiums in Offenburg. Dort lernte er Arslan kennen, einen Palästinenser mit israelischem Pass aus Baqa al-Gharbiyye, einer arabischen Stadt im Nordosten Israels. Die beiden wurden Freunde. Es war die Zeit der zweiten Intifada. Anschläge und militärische Gegenschläge prägten das politische Klima, Arslan sorgte sich um seine Familie, die zwischen den Fronten lebte.

Als Arslan ihn einlud, einen Film über die arabische Minderheit in Israel zu drehen, sagte Mebes zu. Sie arbeiteten in Baqa, unmittelbar an der Mauer zum Westjordanland. Dort sah Mebes die Sperranlage zum ersten Mal aus der Nähe. "Ein grauer Koloss aus Beton", erinnert er sich. Dahinter begann für ihn "eine andere Welt".

Die Erfahrung prägte seinen Blick auf den Konflikt. Er habe damals verstanden, dass dieser Konflikt "nicht nur aus Politik besteht, sondern aus Menschen, aus Schicksalen, aus Hass und Misstrauen, aus Trauer". Aber eben auch aus Hoffnung, Mut und dem Willen zur Veränderung. "Ich wollte dann aber auch die andere Seite, die jüdische kennenlernen", erzählt Mebes. Immer wieder reiste er nach Israel. 2008 erhielt er als Student der Filmakademie Baden-Württemberg ein Stipendium für ein Filmprojekt in Israel.

Ein Zufall mit Folgen

Doch der konkrete Anstoß zu "Until We Talk" ergab sich beinahe zufällig. Im Wartezimmer einer Arztpraxis blätterte Mebes durch ausliegende Zeitschriften. In einer Ausgabe des GEO-Magazins entdeckte er eine Fotografie. Sie zeigte zwei Männer an der Sperranlage im Westjordanland. "Dieses Foto hat mich nicht mehr losgelassen", erinnert sich Mebes. Die beiden Männer waren Rami und Bassam.

Foto: Jens Volle

Florian Mebes studierte Fernsehjournalismus an der Filmakademie Ludwigsburg. Nach seinem Abschluss lebte er mehrere Jahre in Israel und berichtete für deutsche Zeitungen, Radio- und Fernsehsender. Kurz nach dem Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 war er für das ZDF in Israel und dokumentierte die bedrückende Stimmung. Er hat an Dokumentarfilmen für ARD, ZDF, Arte, Pro7 und 3Sat mitgearbeitet. "Until We Talk" ist sein erster Dokumentarfilm in Spielfilmlänge.  (fs)

Der Kontakt zu ihnen kam über das aktuell für den Friedensnobelpreis nominierte Parents Circle Families Forum zustande – eine Organisation, in der sich über 850 israelische und palästinensische Familien zusammengeschlossen haben, die durch den Nahostkonflikt direkte Angehörige verloren haben, oft ihre Kinder.

Was zunächst als Diplomarbeit an der Filmakademie Baden-Württemberg geplant war, entwickelte sich zu einem Projekt, das den Filmemacher über anderthalb Jahrzehnte beschäftigen sollte. In nur wenigen Drehtagen entstand zunächst ein 45-minütiger Film, der später auf "Phoenix" ausgestrahlt wurde. Doch für Mebes war die Geschichte noch nicht zu Ende erzählt. Also blieb er an Rami und Bassam dran: auf Reisen nach Paris und Brüssel, nach Kapstadt und Johannesburg, bei Veranstaltungen und Begegnungen in Israel und den palästinensischen Gebieten.

Die Lebenswege der beiden Männer könnten kaum weiter auseinanderliegen. Rami diente seit 1967 in der israelischen Armee und verlor im Jom-Kippur-Krieg mehrere Freunde. Bassam wuchs unter israelischer Besatzung auf, schloss sich als Jugendlicher dem palästinensischen Widerstand an und saß mehrere Jahre in einem israelischen Gefängnis. Dort begann er, die Schriften Martin Luther Kings zu lesen und seine Vorstellungen von Widerstand und Gewalt zu hinterfragen.

Als Bassams Tochter stirbt, wird die Freundschaft auf eine harte Probe gestellt. Rami und seine Familie stehen Bassam und seiner Frau im Krankenhaus bei. Wird Bassam nach dem Tod der Tochter weiter an den Weg des Dialogs glauben? "Until We Talk" gibt darauf keine vorschnelle Antwort. Stattdessen schildert der Film einen Prozess, der von Trauer, Wut, Zweifeln und Rückschlägen geprägt ist.

Das Vermächtnis der Väter

Mebes nennt seinen Film eine "Langzeitbeobachtung". So rücken auch die Söhne von Rami und Bassam in den Mittelpunkt. Arab und Yigal sind mit dem Verlust ihrer Schwestern aufgewachsen. Arab reagiert zunächst mit Wut und Rachegedanken. Eine Reise nach Deutschland, bei der er sich mit der Geschichte des Holocaust auseinandersetzt, verändert seinen Blick. Heute sind die beiden jungen Männer eng befreundet und treten selbst für Dialog ein, etwa im Rahmen von Workshops mit jungen Israelis und Palästinensern. Die Perspektive weitet sich: Aus der Geschichte zweier Väter wird die Frage, was von ihren Erfahrungen an die nächste Generation weitergegeben wird – und ob es möglich ist, den Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt zu durchbrechen.

In den Geschichten von Rami, Bassam und ihren Söhnen verdichten sich die Konflikte, die das Leben in Israel prägen. Israel beschreibt Mebes als "Brennglas". "Weil hier alles aufeinandertrifft: Religion, Geschichte, Schmerz, Hoffnung. Und weil man nirgends sonst so deutlich spürt, wie nah sich Gegensätze kommen können."

Gegensätze prallen auch im Film aufeinander – etwa 2017 beim "Memorial Day" in Tel Aviv. Die Feier des Parents Circle Families Forum erinnert an die Opfer beider Seiten und stellt einseitige nationale Narrative infrage. Rund 8.000 Menschen nehmen daran teil. Vor der Halle haben sich Rechtsextreme und Nationalisten zu einer Gegendemonstration versammelt. 

Sie beschimpfen die Hinterbliebenen mit rassistischen Parolen und bewerfen sie mit uringefüllten Beuteln. Unter den Protestierenden ist auch Itamar Ben-Gvir zu sehen, heute Israels rechtsextremer Minister für nationale Sicherheit im Kabinett von Benjamin Netanjahu. Drastisch führen diese aufgeheizten Szenen vor Augen, unter welchen Widerständen Rami und Bassam an ihrer Überzeugung festhalten.

Zugleich verklärt "Until We Talk" diese Haltung keineswegs zum Universalrezept für Frieden. Der Film behauptet nicht, dass persönliche Begegnung politische Konflikte lösen könne. Er zeigt vielmehr, was es kosten kann, sich dem anderen zuzuwenden, obwohl die eigene Biografie allen Grund zu Misstrauen und Feindschaft zu liefern scheint.

Verständigung, das macht "Until We Talk" deutlich, setzt nicht voraus, dass Unterschiede verschwinden. Sie beginnt mit der Bereitschaft, dem anderen zuzuhören – allen Gegensätzen zum Trotz.


"Until We Talk" kommt am 8. Oktober in die deutschen Kinos. Welche Spielstätte den Film in Ihrer Nähe zeigt, sehen Sie hier.

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