Vergangene Woche verlieh die Landeshauptstadt Stuttgart erstmals Preise für Zivilcourage. Die Preisträger:innen lud Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) ins Rathaus ein, grüßte sie dort mit den Worten: "Wir brauchen Menschen mit Haltung. Menschen, die hinsehen und eingreifen, wenn andere verletzt oder gefährdet werden." Dass ihm diese Botschaft selbst am Herzen liegt, wollte Nopper anscheinend vorab noch unterstreichen – sah sich danach aber mit Vorwürfen der Körperverletzung konfrontiert. Es folgte ein Medienspektakel, sogar die "Tagesschau" berichtete. Im Fokus: ein Banner, eine Pferdekutsche und jede Menge Trachten.
Was war geschehen? Vergangenen Sonntag zog der alljährliche Volksfestumzug durch die Straßen von Bad Cannstatt. So weit, so traditionell. Und weil man es mit den Traditionen bei der CDU bekanntlich besonders ernst nimmt, ließ sich das Ehepaar Nopper die Teilnahme am offiziellen Programm nicht verwehren und kutschierte, von zwei Pferden gezogen, gen Wasen. Doch zum Leidwesen des Stuttgarter Stadtoberhaupts teilte nicht jeder die Verbundenheit zum Brauchtum. Zum Beispiel das Kollektiv "Tierbefreiung Stuttgart", das selbst Anlass zur Zivilcourage sah.
Die Aktivist:innen werfen dem Cannstatter Volksfestverein, der den Umzug organisiert, Tierausbeutung vor: Schweine würden da zusammengetrieben, Huftiere durch lange Transporte und ständige Beschallung gequält. Nachdem auf dem Cannstatter Wasen seit 2019 bereits ein kommunales Wildtierverbot gilt, fordert das Kollektiv bei Veranstaltungen nun ein generelles Tierschauverbot. Doch auch aktivistische Gruppen können sich den Spielregeln der Aufmerksamkeitsökonomie nicht entziehen. Die "Tierbefreiung Stuttgart" entschied sich also, ihre Forderung auf der wohl zeitlosesten aller Bühnen zu platzieren: einem großen Leinenstück, beschriftet mit den Worten "Tierschauverbot für Stuttgart", mit dem sie sich von hinten der Pferdekutsche des Ehepaars Nopper näherten.
Ein Oberbürgermeister rettet vor der Belanglosigkeit
Echten Nachrichtenwert bot der Protest bis hier noch nicht. Doch zum Glück interessiert sich ein guter Bürgermeister für die Anliegen seiner Stadtbevölkerung und verhalf dem Kollektiv kurzerhand zur erhofften Aufmerksamkeit. Noppers Pressesprecherin Susanne Kaufmann wird die dann folgende Eskalation später als "unmittelbare Gefährdung" schildern.




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