Der Bass lässt die Wände des Club Voltaire vibrieren, als LISÆ um kurz nach 21 Uhr mit einem energiegeladenen Intro in ihre Show starten. Kein großes Setup, kein aufwendiges Bühnenbild, trotzdem ist sofort klar: Dieser Raum gehört ihnen. Wenige Sekunden später tanzt nicht nur die erste Reihe mit. Ganz hinten wippt jemand so heftig mit dem Kopf, als hätte er den Beat längst überholt. Stillstehen ist an diesem Abend keine Option. Es ist die erste eigene Show von LISÆ in ihrer Wahlheimat Tübingen, mindestens 35 Konzerte sollen es in diesem Jahr werden. "Für uns einer der Top-Auftritte dieses Jahr", sagen sie während des Auftritts. Und es wirkt nicht wie ein Satz, den man halt sagt. Dafür ist zu viel Energie im Raum, zu viel Nähe, zu viel von dem, was diese Band ausmacht.
Lise und Lisa (von links) beim Kontext-Gespräch.
LISÆ, das sind Lise und Lisa (beide 26), die sich in ihrer Kindheit im Chor kennenlernten, damals mit klassischer Gesangsausbildung, Wettbewerben und Auszeichnungen. Seit Januar 2025 stehen sie mit ihrer eigenen Musik zwischen Pop, Rap und Indie auf der Bühne. Zwischenzeitlich konnten sie sich in der linksalternativen Musikszene der Region und auch weit darüber hinaus etablieren. Gegen Ende dieses Jahres planen LISÆ den Release ihres ersten Albums. "Wir sind inzwischen seit achtzehn Jahren beste Freundinnen", erzählen sie vor dem Konzert gegenüber Kontext. Vielleicht erklärt genau das, warum diese Band nicht wie irgendein Projekt wirkt, sondern eher wie etwas natürlich Gewachsenes.
Musikalisch sind LISÆ schwer einzuordnen. Mal dominieren eingängige Pop-Melodien, dann wieder drängt Rap nach vorne, dazwischen viel Deutsch-Indie oder auch elektronische Einflüsse. Eine Konstante gibt es: die Haltung. Ihre Songs sind wütend, witzig und gleichzeitig empowernd – ein Soundtrack für alle, die genug haben von gesellschaftlichen Ungleichheiten. LISÆ verstehen sich als Teil einer aktivistischen Bewegung, in ihren Texten behandeln sie Queerfeminismus, Klimagerechtigkeit und Kapitalismuskritik. Nicht als Zusatz, sondern als Grundlage.
Mehr als nur Musik
Das schlägt sich auch beim Konzertablauf nieder, der Abend im Club Voltaire beginnt nämlich nicht mit Musik: Zuerst stellen sich drei lokale Initiativen vor, die im Raum Infostände aufgebaut haben. Etwa der vor rund zwei Wochen neu eröffnete Bunte Buchladen in der Tübinger Bursagasse, der dort auf den Frauenbuchladen Thalestris folgt. Ein bewusst gesetzter Rahmen, der zeigt, dass es LISÆ um mehr als "nur" Musik geht. Das Publikum ist jung, überwiegend weiblich. Die Stimmung ausgelassen, vorfreudig. Hier ist etwas entstanden, das sich wie ein Safe Space anfühlt. Ein Raum, in dem Wut laut sein darf, aber auch Zärtlichkeit nicht leise sein muss.




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