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KZ Hailfingen/Tailfingen

Die unwahrscheinliche Gedenkstätte

KZ Hailfingen/Tailfingen: Die unwahrscheinliche Gedenkstätte
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 Fotos: Joachim E. Röttgers 

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Datum:

Seit 20 Jahren klären die Herrenberger Volker Mall und Harald Roth über die lokale Nazivergangenheit auf. Dass die von ihnen initiierte KZ-Gedenkstätte Hailfingen-Tailfingen umgesetzt wurde, war dabei nie selbstverständlich. Denn in den betroffenen Orten gab es Widerstand. 

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"Per Megaphon wurden die Bewohner aufgefordert, auf den entsprechenden Plätzen zu erscheinen, angeblich um ihre Ausweispapiere zu kontrollieren. Nach kurzer Zeit aber beginnt der Massenmord an den Jüngeren, ohne dass die Deutschen da irgendeinen Unterschied machen."

Kalt läuft es einem den Rücken herunter bei den ersten Sätzen aus Iakovos Zakrians Tagebuch. Der armenische Katholik wurde gemeinsam mit 1.039 weiteren Männern am 16. August 1944 aus Athen ins Deutsche Reich deportiert – damals war er gerade 23 Jahre alt. Auch sein jüngerer Stiefbruder war unter den Deportierten. Sein Eintrag vom 9. August beschreibt eine der blutigen Razzien der SS und ihrer lokalen Kollaborateure in Athen. "Ein schwarzer und unvergesslicher Tag", so Zakrian, "für die Stadtviertel Dourgouti, Neos Kosmos, Katsipodio und Faros."

Ein strahlender Sommertag ist der 19. Juli 2022. Sengend heiß ist es auf dem trockenen Feld, wo der rare Schatten hinfällt, sind reihenweise Bierbänke und –tische aufgestellt, darauf Getränke. Im Laubschatten stehen Volker Mall und Harald Roth von der KZ Gedenkstätte Hailfingen-Tailfingen. Gemeinsam stellen sie das neue Buch der Gedenkstätte vor, in dem auch Zakrians Tagebucheinträge enthalten sind: "Wir waren Menschen zweiter Klasse" entstand in Zusammenarbeit mit dem griechischen Historiker Iason Chandrinos und beleuchtet als erstes Werk überhaupt die Geschichten der vielen griechischen Zwangsarbeiter, die vor bald 80 Jahren aus ihrer Heimat ins Deutsche Reich verschleppt wurden. An der ehemaligen Reparaturhalle des Arbeitslages Hailfingen-Tailfingen, Gemarkung Ammerbuch im Landkreis Tübingen, stehen die stählernen Überreste der tragenden Säulen, auf denen in sechs verschiedenen Sprachen in großen, grauen Lettern "No one remains nameless", jeder Mensch hat einen Namen, geschrieben steht – die Maxime von Malls und Roths Arbeit. Ihre Namen bekamen nun auch die 1.040 Athener Männer zurück. In ihrem eigenen Buch. Und an der neu eingeweihten Gedenkwand.

Das Grauen im Gäu

Nur drei Monate existierte das KZ Hailfingen-Tailfingen. Gelegen "auf einer nebelfreien Hochfläche" zwischen Herrenberg und Rottenburg, errichteten die Nationalsozialisten 1938 einen Nachtjägerflugplatz, 1944 wurde der Ausbau befohlen – die Kriegsniederlage war damals bereits absehbar, der Luftkrieg praktisch aussichtslos. Erweitert wurde dennoch. Im November kamen 600 Juden aus Auschwitz in Hailfingen-Tailfingen an. Der Komplex wurde zu einem Außenlager der Konzentrationslagers Natzweiler im Elsass. Von den insgesamt etwa 2.000 Gefangenen – unter ihnen auch 80 bis 100 sowjetische Kriegsgefangene sowie knapp 300 indische Soldaten der British Army – starben nachweislich 189 in Gefangenschaft. Die meisten von ihnen Juden aus West-, Mittel-, und Südosteuropa.

Der Häftling Ioannis Goutas beschreibt die Zustände im KZ in seinem Tagebuch als verbrecherisch menschenunwürdig: "Man hat uns in die Hölle gebracht." Seine Tagebücher aus der Haftzeit veröffentlichte er im Rentenalter als Buch. Und auch bei Chandrinos und dem neuen Buch der Gedenkstätte sind seine Einträge zu finden.

Goutas machte sich nach Kriegsende als Rechtsanwalt einen Namen. Zuvor führte ihn sein Weg von Hailfingen-Tailfingen durch 14 verschiedene Lager, quer über den europäischen Kontinent. Von Deutschland über Frankreich und Italien, schließlich kam er über Neapel zurück nach Athen.

"Zurückkatapultiert in die Steinzeit"

Verstörend sind Goutas' Eindrücke aus Hailfingen-Tailfingen, als er im September 1944 ins Lager kam: "Jetzt endlich ist unser Problem gelöst. Man musste durch ganz Deutschland fahren, um den perfekten Ort zum Sterben zu finden. Man brachte uns in eine der perfektesten Unternehmungen der Zivilisation des Dritten Reiches, in ein supermodernes Zwangsarbeitslager. […] Wir sind zurückkatapultiert in die Steinzeit. In jeder Hinsicht miserable Zustände. […] 382 Personen hat man in diese Flugzeughalle eingepfercht wie Sardinen. Der Platz darin war ohne jede Einrichtung, ohne Möbel, kein Wasser, keine Toiletten, keine Betten, keine Matratzen, keine Heizung, gar nichts."

Wie Schlachtvieh seien die Häftlinge behandelt worden: "Auf dem Boden war lediglich ein wenig Stroh, und darauf schliefen wir wie eine Horde von Tieren mit lediglich einer Decke, die fast immer durchnässt war. […] In dieses Lager wirst du gebracht, damit du stirbst. Du stirbst aber erst, nachdem du dich durch die Arbeit völlig verausgabt hast. Alle Tyrannen hier sind hart und unmenschlich, spezialisiert, um zu quälen. Man quält uns."

Die Nazis brachen die Bauarbeiten am Flugplatz im Februar 1945 ab, französische Truppen erreichten das Lager noch im selben Monat. Die verbliebenden Häftlinge kamen nach der Räumung in umliegende Arbeitslager, die gehfähigen schickte man auf sogenannte Todesmärsche. Zahllose starben in den Wochen nach Auflösung der Hailfinger Hölle.

Die Toten des Lagers kamen anfangs nach Reutlingen und Esslingen ins Krematorium. Später sparte man sich den Leichentransport und verscharrte die Toten in Massengräbern vor Ort. Französische Truppen endeckten die unwürdigen Ruhestätten im Juni 1945 und zwangen Anwohner der Gemeinden, die vielen Toten zu exhumieren. 75 bettete man auf den Tailfinger Friedhof um. Für sie errichteten die Franzosen ein Holzkreuz. Mittlerweile gibt es hier eine Gedenktafel, außerdem ein Dokumentationszentrum – doch bis dahin war es ein langer und beschwerlicher Weg.

Lückenloses Erinnern

1979, mit 39 Jahren, kam Volker Mall nach Herrenberg. Von der Pädagogischen Hochschule in Esslingen, an der er damals lehrte, wurde er als Linker, wie er sagt, strafversetzt – in die Provinz, weit hinter seine Stuttgarter Heimat. 1981 kam er das erste Mal mit dem KZ im Herrenberger Umland in Berührung. Hermann Wolf, der damalige Bürgermeister von Gäufelden, zu dem die Gemeinde Tailfingen gehört, veranstaltete seinerseits eine Ausstellung zum Nachtjägerflugplatz. Mall ging hin. Vier Jahrzehnte später erinnert er sich:

"Er hatte sich damals Dokumente aus dem Staatsarchiv in Ludwigsburg besorgt, die waren ausgestellt. Soweit alles in Ordnung." Mit der Ausstellung wollte man die Bürger:innen über die lokale Vergangenheit aufklären. Ein guter Plan, doch die Umsetzung sei scheinheilig und dogmatisch geblieben, erinnert sich Alt-Achtundsechziger Mall: Gezeigt wurden amerikanische Luftaufnahmen des Geländes. Der damals 41-jährige Mall störte sich am verunglimpfenden Unterton, in dem die Ausstellungsstücke beschrieben waren: "Nie wurde der Lagerkomplex als KZ bezeichnet, nie die grausige Vergangenheit des Ortes erwähnt." Der Leitsatz der Veranstaltung: "Es habe ja viele Lager dieser Art gegeben, aber ein KZ war das nicht."

Mall beschloss, diese Lücke zu schließen, sich für eine richtige Gedenkstätte einzusetzen. Mit dem Herrenberger Harald Roth, den er bei einer Lehrerfortbildung zu nationalsozialistischer Musik kennenlernte, fand er schnell einen Mitstreiter. 2001 gründeten sie gemeinsam den Verein "Gegen Vergessen – für Demokratie e.V." für die Region Böblingen-Herrenberg-Tübingen. Dessen Sprecher ist Roth bis heute. 2005 folgte die Gründung einer Arbeitsgruppe, die aber kleinlich überwacht wurde: Der Gemeinderat Gäufelden stellte ihnen einen Aufpasser an die Seite. Der Grund: Bürgermeister Johannes Buchter habe, so erinnert sich Volker Mall, immer zwischen den Fronten gestanden. Der Gemeinderat habe ihm ununterbrochen im Nacken gesessen und in dem spiegelte sich wider, dass die in den 1970ern zwangsverheiraten Ortschaften ein beispiellos konservativer Fleck waren. Das machte die Erinnerungsarbeit zu einem Minenfeld für den grünen Schultes und besonders aufreibend für die Gedenkstätter.

Nazis? Nein, nicht bei uns!

Von der Angst, als "Nazidorf" abgestempelt zu werden, erzählt auch Buchter. Er war von 2003 bis 2018 Bürgermeister der Gemeinde Gäufelden. Viele Skeptiker der werdenden Gedenkstätte fürchteten eben jenen Stempel. Die Ironie: Im ersten veröffentlichten Buch der Gedenkstätte, "Spuren von Auschwitz ins Gäu", finden sich nicht wenige Schnappschüsse bekennender Nazis und Gruppenfotos lokaler HJ- Verbände.

Als grüner Bürgermeister war Buchter eine politische Ausnahmeerscheinung im konservativ-pietistisch geprägten Gäu. 2003 folgte er auf den Christdemokraten Hermann Wolf, der seit 1971 amtiert hatte. Der heute 67-jährige Buchter erinnert sich noch gut an die Zeit, in der das Projekt Gedenkstätte erstmals Fahrt aufnahm: "2005 besuchte Mordechai Ciechanower – ein jüdischer Häftling im Arbeitslager – uns in Tailfingen." Das Interesse an der Veranstaltung sei gigantisch gewesen, erinnert sich Buchter. Mit 200 Gästen hatte man gerechnet, am Ende waren mehr als 500 gekommen. "Da war klar: Hier bewegt sich was." Dennoch fiel auf: Die Erinnerungen der Häftlinge und die der alten Bevölkerung gingen weit auseinander.

Dass das Gedenkstätten-Projekt nun tatsächlich erkennbare Fortschritte machte, hing auch damit zusammen, dass Mordechai Ciechanower bei seinem Besuch den damaligen Rottenburger Oberbürgermeister Klaus Tappeser traf. Der hatte Mitspracherecht, denn Hailfingen ist Rottenburger Teilort. Und er zeigte sich begeistert. Tappeser drängte den Hailfinger Ortschaftrat zur Umsetzung, doch die wurde 2007 durch einen OB-Wechsel in Rottenburg wieder gebremst. "Da war man eigentlich schon fertig", lacht Mall.

Es dauerte noch bis 2010, dass endlich das Mahnmal am Flugplatz und ein Ausstellungs- und Dokumentationszentrum im Tailfinger Rathaus eingeweiht wurden. Außergewöhnlich produktiv war der Verein der KZ-Gedenkstätte schon davor: Seit 2006 erschienen über ihn drei Filme, acht Hefte, sieben Bücher, darunter ein Kinderbuch und eine CD. Man gestaltete die "Tour des Erinnerns" mit – eine Radrundstrecke mit den wichtigen Stationen des lokalen Nationalsozialismus und den Gedenkpfad um das KZ herum. Mittlerweile hat die Gedenkstätte viele der Schrecken des KZ belegt, Quellen analysiert und ausgewertet, versucht, den Häftlingen die Würde zurückzugeben. Und ihre Namen.

Auch noch nach 2010 mangelte es nicht an Widerstand aus der Bevölkerung. Der TSV Tailfingen verbot, aufgrund vermeintlich einzuhaltender politischer Neutralität, eine Station des Gedenkpfades einzurichten. Bis 2017. Und auch mit dem Dokumentationszentrum im Tailfinger Rathaus konnten einige Bürger:innen keinen Frieden schließen. Der gemischte Chor in Tailfingen sammelte Unterschriften dagegen, nannte es ein Unding, so etwas in einem öffentlichen Raum zu installieren. Er kam damit nicht durch. Die Gedenkarbeit ging weiter.

Und Volker Mall und seine Mitstreiter:innen sind noch längst nicht fertig.

Erst im März wurde in Stuttgart ein Stolperstein auf Initiative der Gedenkstätte verlegt (hier zu lesen), momentan wird der Lebensweg des Alex Sofer aktualisiert, rekonstruiert. Sein Verbleiben nach der Hailfinger Haft war, Stand 2020, unbekannt. Nun tauchten seine Memoiren von 1948 auf. Seine Nachfahren leben in Uruguay. 


Hier geht's zur Homepage der Gedenkstätte.

Iason Chandrinos und Volker Mall: Wir waren Menschen zweiter Klasse, erschienen bei Books on Demand, 600 Seiten, 39 Euro.


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2 Kommentare verfügbar

  • Philipp Horn
    am 10.08.2022
    Antworten
    Die Gedankarbeit ist wichtiger den je. Seit wir mit der AfD & ihren Fußtruppen (Querdenker usw) wieder eine rechtsradikale Partei im Landtag & vielen Gemeinderäten haben.
    Vielen Dank für die geleistete Arbeit , trotz aller Wiederstände.
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