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Der Wasserstand in der Baugrube

Der Wasserstand in der Baugrube
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 Fotos: Wolfgang Rüter 

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Datum:

Viele haben vor den Gefahren gewarnt, die die Bauarbeiten für Stuttgart 21 bergen. Besonders heikel: das Unterwasserbetonieren für den Nesenbach-Düker. Derweil sprudeln in Obertürkheim jeden Tag drei Hallenbäder voll Wasser in die Baustelle – seit anderthalb Jahren. Doch die Bahn hat die Lage im Griff. Sagt die Bahn.

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Wolfgang Rüter hat 13 Jahre lang als Ingenieur gearbeitet, danach als Fachjournalist. Er beobachtet immer wieder das Geschehen rund um Stuttgarts Großbaustelle am Hauptbahnhof, hält seine Beobachtungen auf Fotos fest, die er auch der Parkschützer-Seite und anderen Interessierten zur Verfügung stellt. Rüter spricht aber nicht nur mit Stuttgart-21-Gegnern, sondern auch mit den Menschen auf der anderen Seite des Zauns, denen, die am Baugeschehen beteiligt sind.

"Nach (bislang) unbestätigten Informationen soll es an der gefluteten Nesenbachdüker-Baustelle Bedenken geben", schreibt er zu einer Serie von 68 Aufnahmen rund um die Baustelle des Nesenbach-Dükers, "dass man mit dem Ausbaggern / Auflockern des Erdreichs an dieser Stelle mittels schwerem Werkzeug unter Wasser dem unter hohem, natürlichem Druck stehenden Mineralwasser jetzt möglicherweise doch zu nahe kommt und damit die so wichtigen Mineralwasserschutzschichten ('Dichtschichten') zerstören könnte."

Der Nesenbach-Düker ist der kritischste Punkt am gesamten Tiefbahnhof-Projekt. Das Wasser des Nesenbach-Hauptwassersammlers, das bisher wenige Meter unter dem Erdboden gleichmäßig unter dem Schlossgarten zum Neckartal strömen konnte, muss unter dem Bahnhofstrog hindurch geleitet werden. Dafür muss der Düker so tief abtauchen, dass nur noch wenig von den Gipsschichten im Grund übrig bleibt, die das Mineralwasser im Boden halten.

Werden diese Schichten durchlöchert, steigt das Mineralwasser auf, und das Mineralbad Berg braucht gar nicht erst fertig saniert zu werden. Viele hatten vor den Gefahren gewarnt, unter anderem der Geologe Rolf Laternser, der darauf hinwies, dass es in den Deckschichten Verwerfungen, also Höhensprünge gibt. Deshalb hatte das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) den Dükerbau nur genehmigen wollen, wenn zuerst eine mehrere Meter dicke Sohle unter Wasser betoniert wird, sodass zuerst das Wasser und danach das Gewicht des Betons das Mineralwasser am Aufsteigen hindert.

Tückenreich: Betonieren unter Wasser

Bevor der Düker nicht in Betrieb ist, kann an dieser Stelle der Boden des Bahnhofstrogs nicht betoniert werden – Stuttgart 21 also nicht in Betrieb gehen. Der Düker besteht aus einem Oberhaupt zwischen den beiden neuen Stadtbahnröhren, die den Hauptbahnhof mit der Haltestelle Staatsgalerie verbinden. Hier soll das Wasser in die Tiefe geleitet werden. Dann folgen eine Gefällestrecke, der Abschnitt direkt unter dem Trog, eine Steigstrecke und das Unterhaupt, wo der Kanal wieder das gewohnte Niveau erreicht. Dort, wo das Oberhaupt hin soll, befand sich aber bis vor kurzem noch der alte Nesenbachkanal. Seit 6. Dezember des vergangenen Jahres ist er in einen seitlichen Bypass umgeleitet.

"Tatsache ist, dass das Wasser in der gefluteten Nesenbachdüker-Baustelle rund 10 m hoch ansteht und die geplante Sohle durch Ausbaggern mit dem Seilzugbagger noch eine Tiefe von 15 m erreichen soll" schreibt Rüter. "Erst in dieser Tiefe soll dann das Unterwasserbetonieren erfolgen. Zuvor müssen aber unter anderem noch die Bohrpfahlwände mechanisch von Erdreich und mittels Druckluft bzw. Hochdruck-Wasserstrahl von den Industrietauchern gereinigt werden."

Kontext hat nachgefragt: Sind die Mineralwasserschutzschichten noch intakt? Ja, antwortet ein Sprecher des Bahnprojekts. Die Bagger seien allerdings noch nicht am Boden angekommen: "In Teilbereichen der Baugrube ist der Unterwasseraushub noch nicht vollständig abgeschlossen. Danach kann unter Wasser betoniert werden." Um genau zu sein: "Die Wassertiefe wird bis zu circa 15 Meter betragen, derzeit erreicht sie etwa 13 Meter." Fehlen also noch zwei Meter. Und da nicht ganz klar war, wie dick die Betonsohle werden soll: "Die unter Wasser betonierten Sohlen sind circa 2,2 bis 2,4 Meter dick, darüber wird Füllbeton zum Gefälleausgleich verbaut, darüber folgt die Bauwerkssohle der Gefällestrecke."

Die Bahn optimiert das Optimieren

"Unter dem Ansatz der derzeitigen Terminpläne der Stuttgarter Straßenbahnen AG und der DB Projekt Stuttgart-Ulm GmbH wird der neue Düker Nesenbach 2020 in Betrieb genommen", hatte Kontext vor drei Jahren auf Nachfrage erfahren. Dies würde bedeuten, dass der Düker noch in diesem Jahr fertiggestellt und angeschlossen werden müsste. Ob das noch reicht? "Bevor das Dükerbauwerk in Betrieb genommen wird", antwortet nun der Projektsprecher, "müssen das Oberhaupt und die Gefällestrecke gebaut werden sowie das neue Kanalbauwerk an den Bestand angebunden werden."

Und weiter: "Wie bei großen Bauprojekten üblich, werden auch beim Bahnprojekt Stuttgart-Ulm Bauabläufe ständig optimiert. Verbindliche Voraussagen für das Erreichen einzelner Teilschritte im Bauablauf sind deshalb nicht möglich." In einem Punkt hat er jedoch keinen Zweifel: "Auf Grundlage der bisherigen Erkenntnisse ist der Inbetriebnahmetermin von Stuttgart 21 Ende 2025 gesichert."

Der Bau des  Dükers, vor allem des Oberhaupts, hängt aber auch eng zusammen mit den beiden Stadtbahnröhren, die zwischen Hauptbahnhof und der Haltestelle Staatsgalerie neu gebaut werden müssen, denn das Wasser muss über die eine und unter der anderen hindurch. Auf die Frage, wie es damit aussieht, antwortet der Bahnsprecher: "Die SSB AG plant die Inbetriebnahme der Haltestelle Staatsgalerie für Stadtbahnen mit Fahrtrichtung Haltestelle Charlottenplatz im September 2020. Die Trasse zwischen dem Halt Staatsgalerie und dem Halt Hauptbahnhof ist im Rohbau voraussichtlich Mitte Juli 2023 fertiggestellt." Also nur zwei Jahre vor Inbetriebnahme des Tiefbahnhofs. Im Rohbau. Wenn alles gut geht: "Wie bei großen Bauprojekten üblich, werden auch beim Bahnprojekt Stuttgart-Ulm Bauabläufe ständig optimiert. Verbindliche Voraussagen für das Erreichen einzelner Teilschritte im Bauablauf sind deshalb nicht möglich."

Und was war mit dem Tunnel in Obertürkheim, wo seit September 2018 täglich drei Hallenbäder voll Wasser, 30 Liter pro Sekunde, in die Baustelle strömen? Die Bauarbeiten wurden unterbrochen, bisher konnte der Wasserandrang nicht gestoppt werden. Aber die Bahn war nicht untätig: Die Ingenieure haben sich ein neues Verfahren ausgedacht, wie dies bewerkstelligt werden soll. Dieses bedarf aber zuerst der Genehmigung.

Der Bahnsprecher antwortet nun: "Die wasserrechtliche Genehmigung zur weiteren Wasserentnahme liegt vor. Der Vortrieb im Tunnel Obertürkheim wird in diesem Frühjahr planmäßig weitergeführt." Und weiter: "Wie bei großen Bauprojekten üblich, werden auch beim Bahnprojekt Stuttgart-Ulm Bauabläufe ständig optimiert. Verbindliche Voraussagen für das Erreichen einzelner Teilschritte im Bauablauf sind deshalb nicht möglich."


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7 Kommentare verfügbar

  • Manfred Fröhlich
    am 17.02.2020
    Antworten
    Frage: Bieten diese #Unterwasserbetonbauwerke mit #Mineralwasser wenigstens auch technische oder ideelle Vorteile?
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