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Der Merz ist gekommen

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Jetzt, wo Annegret hingeschmissen, ist es Zeit, dass Männer wie Friedrich das Ruder in die Hand nehmen: Der große Navigator hätte den Coup von Erfurt nicht besser planen können. Wer aber schon immer mal wissen wollte, wie "das mit den Nazis" in Deutschland damals "einfach so" passieren konnte, lebt in der richtigen Zeit, stellt Jan Böhmermann fest. Andere KommentatorInnen müssen ganz tief im See von Wikipedia tauchen, um herauszufinden, wann nun tatsächlich die ersten echten Nazis nach dem Steuer griffen.

Luther? Quatsch, der war nur Rassist. Und auf Heinrich Globke, den Kommentator der Nürnberger Rassengesetze, lässt man heute eh nix mehr kommen. Sorry, der heißt nicht Heinrich, das hab' ich mit Lübke verwechselt, einer der Bundespräsidenten. Der gläubige Heinrich war Katholik und Bauleiter in Peenemünde, wo KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter unter seiner Oberaufsicht eingesetzt wurden.

Anders als Hans Filbinger, Marinerichter bei Hitler und Ministerpräsident in Baden-Württemberg, hat ja Globke nie direkt Todesurteile gefällt. Die Leute sind zu hunderten einfach so gestorben. Verdienstkreuz! Kurt Georg Kiesinger andererseits kann man allenfalls seine Mitgliedschaft in der NSDAP vorwerfen (seit 1933), im Übrigen hat er unter Ribbentrop nur seine Pflicht als Propagandist für Goebbels erfüllt.

Theodor Oberländer hat es da nur bis zum Minister unter Adenauer geschafft. Wechselhaft bei FDP und CDU engagiert, hatte er sich vorher für die kompromisslose ethnische Säuberung in von Deutschland annektierten Gebieten eingesetzt und nur nebenbei für die Ermordung der Juden. Reinhard Gehlen wiederum baute skrupellos den skrupellosen Bundesnachrichtendienst auf: Dort wurden nach 45 zahlreiche hohe und niedrige Kriegsverbrecher geparkt. Der Generalmajor der Nazis (Fremde Heere Ost) erhielt dafür 1968 das Bundesverdienstkreuz.

An der Schalthebeln der Macht saßen nach 1945 Mitläufer oder Täter als Richter, Politiker, Unternehmer, als Abgeordnete, Kanzler, sie saßen in Polizei und Verwaltung, in den Medien, Banken, in den Spitzen der Bundeswehr, in Universitäten und Schulen. Überall. Wisch und weg, sagte man meist auch bei der SPD, die das Gesindel wie die anderen Parteien auch direkt oder indirekt schützte und selbst nicht frei davon war. Auch nicht Kirchen, Gewerkschaften, die ganze Mischpoke der bürgerlichen Mitte.

Selbst hinter dem antifaschistischen Schutzwall, ostwärts und zwischen Erfurt, Karl-Marx-Stadt und Berlin (Hauptstadt der DDR), hatten die großen Nazis eine neue Heimat. Von den kleinen Nazis reden wir nicht. Die haben sich angepasst und hier und da ihre Ansichten an Enkel und Urenkel vererbt: Dass man "damals" verführt wurde, ja, in Wahrheit Opfer war und nicht Täter. Und in Auschwitz waren ja beide – die Linken hinter und die Rechten vor dem Stacheldraht. 

     Thüringen, du schönes Land
     Deutschlands grünes Herz genannt

     Hilfst mit Köpfen und mit Händen
     Merzens Pläne zu vollenden ...


Peter Grohmann ist Kabarettist und Koordinator des Bürgerprojekts Die AnStifter. Alle Wettern-Videos gibt es hier zum Nachgucken.


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1 Kommentar verfügbar

  • Peter Nowak
    am 17.02.2020
    Antworten
    Guter Kommentar vom Kollegen Großmann, nur über diese Stelle bin ich gestolpert.
    "Selbst hinter dem antifaschistischen Schutzwall, ostwärts und zwischen Erfurt, Karl-Marx-Stadt und Berlin (Hauptstadt der DDR), hatten die großen Nazis eine neue Heimat."

    Kann der Kollege da konkrete Beispiele…
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