Premiere: Zum ersten Mal sehen Richard Lutz' polierte Bahnchef-Schühchen einen dreckigen S-21-Tunnel. (Bild 1 von 10)

Richard Lutz: volle Durchschlagskraft dank finsterer Entschlossenheit.

Gemein: S-21-Gegner wollen Lutz hinter Gittern sehen, ...

... obwohl er sich für den Tunneldurchstich so viel Zeit genommen hat. Wirklich gemein!

Gruppen-Buzzern mit anderen wichtigen Menschen (Lutz hat die Hand oben drauf, ergo alles im Griff).

Richard Lutz gefällt das.

Drecksvorteil: Man braucht für die Lichtshow keine Nebelmaschine.

Lutz weiß genau, who who ist (von links): Oberbürgermeister Fritz Kuhn, Tunnelpatin Selma Kreutzer, The great Lutz himself, Staatssekretär Steffen Bilger und Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut.

Gemeine (wir können uns nur wiederholen) Protestaktionen lächelt Strahlemann Lutz einfach weg.

Und beim Erinnerungsfoto strahlt er mit Ex-MP Erwin Teufel (fast ganz rechts) um die Wette.

Ausgabe 381
Schaubühne

Hurra, hurra, der Lutz ist da!

Von Minh Schredle
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 18.07.2018
Er ist es wirklich: der leibhaftige Richard Lutz! Eineinhalb Jahre nach seiner Ernennung zum Bahnchef begutachtet der 54-Jährige sein teuerstes Gelände. Anlass ist der Durchstich einer Tunnelröhre für S 21 – ein religiös lackiertes Event mit Happening-Charakter.

Claus Schmiedel ("Über Stuttgart 21 liegt Gottes Segen!") wäre stolz gewesen: Da stehen drei-, vier-, vielleicht sogar fünfhundert erwachsene Menschen, viele von ihnen hochangesehene und verdiente Mitglieder der Gesellschaft, in einem staubigen Tunnel und beten bierernst das "Vater unser". Es soll den Allmächtigen dazu bewegen, dem Projektfortschritt ein gutes Gelingen zu garantieren. Oben auf dem Podest steht Pfarrer Jochen Maurer in einer Robe und animiert die Anwesenden, sich beim Beten die Hände zu reichen, "damit wir uns verbunden fühlen". Ein paar machen das wirklich. Nach verrichtetem "Amen!" appelliert der Gottesmann, nach dieser gemeinsamen Erfahrung: "Sagt euch doch vielleicht etwas, das ihr euch noch nie zu sagen getraut habt." Jemand grölt: "Ich liebe Dich!" – und ein paar beleidigte Christen schütteln verärgert den Kopf angesichts von so viel Übergriffigkeit.

Wenn die Schickeria irgendein Gedöns zelebriert, geht das selten ohne Superlative. Am Dienstagnachmittag eignet sich dafür der Durchstich der zweiten Tunnelröhre des 6054 Meter langen Feuerbach-Tunnels für S 21 (insgesamt knapp 59 000 Meter Tunnel). Das ist ein "herausragendes Ereignis" (Richard Lutz), ein "bedeutender Meilenstein" (Staatssekretär Steffen Bilger), der baden-württembergischen Wirtschaftsministerin gibt der Durchstich, wie sie mitteilt, "den Mut, auch weiterhin Großprojekte zu realisieren" (Nicole Hoffmeister-Kraut), schließlich sei Stuttgart 21 ja auch "der nächste Quantensprung in der Schieneninfrastruktur" (nochmal Lutz).

Und weil es keine Nummer kleiner geht, erklärt Manfred Leger, Geschäftsführer der DB Projekt Stuttgart-Ulm, die Tunnelpatin des Bauvorhabens zur "irdischen Vertreterin der heiligen Barbara" (hat er wirklich gesagt). Leger hatte außerdem ein Geheimnis auf Lager, "das weiß noch niemand". Er erzählte, wie die Tunnelpatin zur Ehre ihres Amtes kam: Weil Männer den Job nicht machen können, "haben wir unter unseren Mitarbeiterinnen einen Beauty-Contest durchgeführt."

Weil das alles noch nicht dick genug aufgetragen ist, gibt es auch noch eine Lasershow. Dazu spielt in Trommelfell erschütternder Lautstärke Europes "Final Countdown" (später dann die "Fluch der Karibik"-Musik in Dauerschleife), was symbolisch sein soll: "Mehr als 70 Prozent des Tunnelvortriebs sind geschafft", verkündet ein strahlender Lutz: "Jetzt geht es an den Endspurt!" Von finsterer Entschlossenheit ist dem Strahlemann an diesem "Tag der Freude" (Steffen Bilger) nichts anzumerken, nein. Heute wird gefeiert, und dabei lässt sich die bunte Schar überwiegend alter, weißer, christlicher Männer auch nicht von dem lautstarken Protest rund um die Baugrube beirren.

Knallharte Kritik kommt einzig vom grünen OB Fritz Kuhn, der seinem Ärger über Kostensteigerungen im Zuge des Großprojekts Luft macht: "Die Gap zwischen der angenommenen und der tatsächlichen Summe ist ja schon ziemlich groß", traut er sich zu sagen – um dann die Hoffnung zu äußern, dass man jetzt "noch enger zusammenkommen" und sich bei der unklaren Finanzierung außergerichtlich einigen könne. Stuttgart 21 betrachte er als "kommendes Faktum" und er wolle sich nun Mühe geben, "das Gesamtpaket weiter zu optimieren". Auch die anderen Projektpartner ließen in ihren Redebeiträgen nicht den geringsten Zweifel daran, dass sie Stuttgart 21 um jeden Preis durchdrücken wollen.


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8 Kommentare verfügbar

  • Dieter Reicherter
    am 20.07.2018
    Jetzt habe ich mir beim Recherchieren zu viel Mühe gemacht, weil Klaus Gebhard – wie ich gerade entdeckte – das wunderbar erklärt hat. Also: Auf
    www.bahnprojekt-stuttgart-ulm.de/baustelle/vortrieb-und-aushub-fuer-tunnelbau/s21-vortrieb-und-aushub/ nachschauen und “Tunnel Feuerbach“ anklicken oder den Bericht in der StZ lesen, in dem ausdrücklich steht:
    „In Richtung Feuerbach fehlen noch gut 100 Meter, ehe auch dort die Mineure Licht sehen.“
    Und sich vom „Duden“ den Begriff Durchstich erklären lassen: „das Herstellen einer direkten Verbindung durch Graben oder Sprengen“. Das Herstellen einer Verbindung in einen Berg hinein statt aus ihm heraus fällt meines Wissens nicht darunter.

    Aber das ist nicht das Hauptproblem der Feier von Fake News auf unsere Kosten. Traurig stimmt mich die Haltung der Kirche, die lieber mit den Großkopfeten gebetet hat als mit uns Demonstranten, die draußen bleiben mussten. Und wenn schon, hätte Pfarrer Jochen Maurer ein Gebet für die Menschen sprechen können, die im Mittelmeer ertrinken. Aber da hätte er sich ja mit denen anlegen müssen, die dazu schweigen, also auch mit den Amtskirchen und den potenten Kirchensteuerzahlern im Publikum. Ursprünglich stellte sich die christliche Kirche auf die Seite der Armen und Schwachen, heute offensichtlich auf diejenige der Reichen und Mächtigen, auch wenn sie „Ich liebe Dich“ grölen. Ich frage mich, ob Jesus diesen Rufer entfernt und die Tische mit den feinen Speisen und Getränken umgeworfen hätte. Verdient hätten sie es, denn weshalb die Kirche dieses Schmierentheater mitspielen musste, leuchtet mir nicht ein.

    Immerhin habe ich endlich begriffen, was es mit dem ständigen Hochhalten der Volksabstimmung auf sich hat. Das hat mir MdB Gastel (Grüne) am Rand der Sitzung des Verkehrsausschusses in Berlin erklärt. Dass diese Abstimmung nicht rechtswirksam, durch Zeitablauf und neue Tatsachen überholt und durch Belügen der Wähler zustande gekommen sei, sei nämlich unerheblich. Entscheidend sei, dass sich zunächst Grün/Rot und jetzt Grün/Schwarz darauf geeinigt hätten, auf der Grundlage jenes Ergebnisses ihre Regierungen zu bilden und es weiter zur Basis ihrer Politik zu machen. Mit meinen Worten: Es geht um Machterhalt und nicht um Gestaltung. Amen!
  • Horst Ruch
    am 19.07.2018
    ....„Knallharte Kritik“ kommt von OB Kuhn „le“ . .... Machets schneller...., jämmerlich was er jetzt als OB einer Landeshauptstadt zum x-ten Tunneldurchstich von sich gegeben hat. Wie alle politischen Kraftmaier „les“ hat er leider „vergessen“ was sein Steigbügel-Förderer Peter Conradi vor seinem Wahlerfolg für die unsichere Wählerschaft verkündet hat. Nämlich die Sinnhaftigkeit der Vision S21, die Funktion insgesamt, zu hinterfragen und zu kontrollieren. Stattdessen wird das öde Geschacher der ehemaligen Macher auf Kosten der Allgemeinheit weitergeführt.
    Die DB AG, hat auch mit ihrem neuen Chef Richard Lutz am „machets schneller“ natürlich das geringste Interesse. Im Sinne der allgemeinen Geldvermehrungshysterie spült jeder Verlängerungstag Millionen in das vom Volk gehaltene Aktienpaket des „privatwirtschaftlichen“ Projektes. Zumindest für die „Führungs“-Riege, ein großer Ansporn aus Jux und Tollerei so lange wie möglich am Spielball zu bleiben. Und wenn’s dann nicht so klappt, bleibt doch ein jedenfalls sicheres Abfindungspaket für die zusätzliche Altersvorsorge garantiert, gesponsert von der Kanzlerin.
  • Andreas Stumpf
    am 18.07.2018
    Ich finde es interessant, dass Sie hier den Bezug zur Religion herstellen. Ich habe in letzter Zeit aufgrund diverser Diskussionen im Bekanntenkreis ähnliche Gedanken, sind doch die heftigsten Befürworter von S21 zumindest in meinem Umfeld auch heftig religiös (bis hin zur Empfehlung des Wahl'o'Maten für die "Partei bibeltreuer Christen"). Es sind meiner Ansicht nach auch dieselben Charaktereigenschaften, die den Religiösen und den S21-Befürworter auszeichnen: Zunächst einmal die Obrigkeitshörigkeit: "Die da oben weren schon wissen, was für uns gut ist" . Dann der im wahrsten Sinne des Wortes unverrückbare Glaube an irgendein Hirngespinst. Und zum Schluss noch die Weigerung, naturwissenschaftliche Erkenntnisse und Fakten anzuerkennen. Ich finde das passt alles wie Arsch auf Eimer.
  • Helmut Strenger
    am 18.07.2018
    OB Fritz Kuhn fühlt sich S 21 durch den Volksentscheid verpflichtet (er findet „es gibt in einer Demokratie nichts höheres und wichtigeres als einen Volksentscheid und der ist für mich das letzte Wort.“ darauf erhält er einen Applaus von der S 21 Festgemeinde). Täuschung und Propaganda wie vom S 21 Lobbyverein u.a. bei der Volksabstimmung getrieben sind aber Feinde einer Demokratie.
    Es gibt viele Gründe warum der Volksentscheid keine bedingungslose Zustimmung war und nur ein Propagandaerfolg unterhalb des Quorums der NEIN ZUM S 21. KÜNDIGUNGSGESETZ Politiker war. Ein Volksentscheid der durch Täuschung der gläubigen Bürger und durch eine verlogene Propaganda zustande kam war moralisch verwerflich. Die Grünen stehen eigentlich dafür „ ..Schaden vom Land und seiner Bürgerinnen und Bürger fernhalten ..“ . Das bedingungslose NEIN zur Atomwirtschaft war ein grünes Markenzeichen.
    Jetzt machen es sich einige Grüne in Amt und Würden zu einfach sie akzeptieren den größten Schaden fürs Land indem sie die Realität ausblenden und für einen Schadbahnhof eintreten.
    • Kornelia .
      am 19.07.2018
      CDUSPDFDP und vor allen Dingen die Grünen (und Teile der Bürgerbewegung!!) wollten die VArce!!!!
      Warum? Weil sie diese zur Legitimation in den darauffolgenden Jahren benötigten!
      Pontius Pilatus Effekt: Wir Wendehalsgrünen können nix dafür: das Volk wollte!

      Ich habe damals immer gesagt: lieber erhobenen Hauptes untergehen als kriechend in den Abgrund stürzen!
      Tja....
      Leute, es sind und waren zuviele Goliath Interessen, die egal wie die VArce ausgegangen wäre, ihr Ding durchgezogen hätten!
      Glaubt irgendjemand der der Stadtteil "Geld" also Sparda Bank, LBBW Bank, südleasing, Sparkassenakademie habe sich dort angesiedelt, um an den Gleisen zu residieren?
      (Landesweit sind an Gleisen Puff s oder Arme anhänglich)
      Und sie haben dort 'dicke' Protzbauten hingesetzt, damit die reiche Leute Gelder besser versorgt werden können! Und die 'reiche' Leute wollen ihr Stadtdomizil am Stadtpark, direkt Kontakt zur Staatsmacht und ihrer Kulturmeile.... und auf keinen Fall mit den Loosern der Gesellschaft teilen!
      Stuttgart -wie andere Orte auch- eine KlassenHabitatGesellschaft....
      Killesberger Park eher 1.Klasse,
      Schloßgarten: eher 2.Klasse (mir fehlt der Landespavillon!)

      Glaubte irgendjemand, die ImmobilienJunkies wollten 'verlieren'?
  • Andreas Spreer
    am 18.07.2018
    Unsäglich. Grotesk. Was kümmern noch Fakten.
  • Klaus Gebhard
    am 18.07.2018
    Zum wiederholten Mal ein Fake-Tunneldurchstich!

    Wie verkommen das gesamte Projekt S21 ist, kann man auch daran ablesen, dass gestern zum wiederholten Male eine "Tunneldurchbruchfeier" inszeniert wurde, obwohl der Feuerbacher Tunnel - wie ALLE bisher gebohrten S21-Tunnels!! - mitnichten von einem Ende bis zum anderen Ende gebohrt ist!

    Ehrliche Kaufleute und anständige Tunnelbauer haben mit ihren Durchbruchsfeiern bisher übeall in der Welt immer so lange gewartet, bis durch den Ausbruch des letzten Gebirgsmeters tatsächlich Licht an beiden Enden eines Tunnels zu sehen war - oder falls dieser zu lang oder kurvig dafür ist: bis man ihn komplett durchschreiten oder durchfahren kann.

    Nicht so bei Stuttgart 21. Die schwer in Verzug befindlichen S21-Bauer feiern fast schon am laufenden Band Pseudo-Tunneldurchbrüche, und haben doch noch nicht einen Tunnel wirklich bis zu seinen je zwei Enden ausgebrochen! Wir dürfen uns also noch auf viele weitere solche "Durchbrüche" einstellen.

    Im Prinzip kann man mit der in Stuttgart praktizierten Methode pro Tunnel fast unendlich viele "Durchbrüche" inszenieren, wenn man nur genügend "Zwischenangriffe", von denen aus vorgetrieben wird, einbaut ...
    • Philipp Horn
      am 18.07.2018
      Hat aber, in der SWR Landesschau, schon nach einem echt Durchstich ausgesehen.

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