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Gute Aussichten für die Panoramabahn

Gute Aussichten für die Panoramabahn
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 Fotos: Joachim E. Röttgers 

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Datum:

Seit 140 Jahren umrunden Züge von und nach Horb, Singen und Zürich in großem Bogen den Stuttgarter Talkessel. Das Projekt Stuttgart 21 will damit Schluss machen. Doch die Panoramabahn wird noch gebraucht.

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"Für uns ist das Musik", sagt Rosemarie Schwarz, als eine Regionalbahn an ihrem Fenster vorbeirauscht. Bis 1997 hat ihr Mann Hermann Schwarz auf dieser Strecke gearbeitet, als Lokführer der Gäubahn, die Horb, Singen und Zürich verbindet, und sich auch durch den Stuttgarter Westen schlängelt. Die Wohnung hier an der Bahnlinie, zwischen Botnanger Straße und Westbahnhof, haben sie sich die Schwarz' nach Hermanns Pensionierung gekauft, als die Bahn die Häuser loswerden wollte. Auf den ersten Blick typisch Fünfzigerjahre, schmucklose, zwei- bis viergeschossige Häuser mit Satteldach. Erst bei näherem Hinsehen zeigt sich: Jede Wohnung ist anders. Hier lebten die feinen Herren von der Bahndirektion. Jeder hatte seinen eigenen Architekten.

Hermann Schwarz braucht nicht auf die Uhr zu sehen, um zu wissen, dass um kurz vor halb drei der Regionalexpress nach Freudenstadt an seinem Haus vorbeifährt. Und fünf Minuten später der Zug aus Singen kommt. Schwarz hat den Fahrplan auf der Panoramabahn-Strecke quasi im Blut.

1956 hat er bei der Bahn angefangen. Er kam aus dem Taubertal, dort gab es wenig Arbeit. Die ersten zehn, fünfzehn Jahre war er Heizer auf Dampflokomotiven, später hat er auch Diesel- und E-Loks nach Crailsheim gefahren. "Aber die schönste Zeit war halt auf Dampf", sagt er. Angefangen hat Schwarz im Rangierbahnhof Kornwestheim. Die ganze Nacht wurden Züge zusammengestellt. Manchmal um zwei, drei Uhr nachts musste er aufstehen, von Cannstatt ging es "mit dem Fahrrädle" durch den Rosensteinpark zum "Bw", dem Bahnbetriebswerk, wo nun das Rosensteinviertel geplant ist. Mit dem Zug fuhren die Eisenbahner nach Kornwestheim oder nach Dettenhausen, um die Daimler-Arbeiter aus den Schönbuch-Dörfern nach Sindelfingen zu bringen. Obwohl er immer wieder zu verschiedenen Zeiten anfangen musste, hat er nur ein einziges Mal in seinem Leben verschlafen, sagt seine Frau: "Fünf Minuten, bevor der Wecker geklingelt hat, ist er immer aufgewacht."

Schwarz kann viele Geschichten erzählen: von Lokführern, die mit weißen Handschuhen die Messinggeländer anfassten, wenn sie zum Führerstand hinaufstiegen – und wehe, wenn die Handschuhe schwarz wurden, dann konnten die Heizer ein Donnerwetter erleben. "Kupfer muss glühen", so sagten sie, also blank gewienert sein. Güterzüge mit 40 Waggons brachten alle zwei, drei Tage Kies zum Epple am Westbahnhof, keine 100 Meter von Schwarz' heutiger Wohnung entfernt. Rückwärts kamen sie aus dem Hasenbergtunnel. Ungefähr 15 Gleise führten damals in das Industriegebiet hinein.

Seit 1879 umrunden die Züge der Gäubahn, vom Stuttgarter Hauptbahnhof kommend, den Talkessel auf dem Weg nach Horb, Freudenstadt, Tuttlingen oder Zürich. Es war mit vielen Steigungen und Tunnels die anspruchsvollste der Strecken zum Stuttgarter Hauptbahnhof, die erst begonnen wurde, nachdem der alte Bahnhof an der heutigen Bolzstraße von vier auf acht Gleise erweitert worden war. Geplant hat sie der Ingenieur Georg Morlok, der auch die Bahnhofserweiterung, das heutige Metropol-Kino entworfen hat. Der innerstädtische Abschnitt der Gäubahn, die sich vom Hauptbahnhof um den Pragfriedhof und den Stuttgarter Westen herum zum Westbahnhof herauf windet, wird auch als Panoramabahn bezeichnet.

Stadtmarketing ist stolz aufs Panorama

In dem Film "Stuttgart, Großstadt zwischen Wald und Reben" von Walter Ruttmann, 1936 gedreht, trifft der Protagonist Hans Schilling nach 22-jähriger Abwesenheit in Stuttgart ein. Aus Brasilien kommend, ist er in Böblingen am Flughafen gelandet und umrundet nun mit der Panoramabahn den Talkessel. Der Titel des Films wurde zum Slogan des Stadtmarketings. Zu erwartungsfroher Musik genießt der Kamerablick ausgiebig den Blick auf den Stuttgarter Westen. Einen solchen Eindruck konnten und können andere Städte nicht bieten.

Im Projekt Stuttgart 21 sind schöne Ausblicke nicht vorgesehen. Die Bahn soll unter die Erde. 2001 hat die Stadt Stuttgart alle Schienengrundstücke gekauft, die von der Bahn künftig nicht mehr benötigt werden, einschließlich der Strecke zum Westbahnhof. Die Züge von Horb und Singen sollen über die noch nicht gebaute Rohrer Kurve auf die S‑Bahn-Gleise zum Flughafen und von dort über die unterirdische Bahnstrecke zum neuen Tiefbahnhof gelenkt werden. Zwar bleibt der geplante Mischbetrieb von S-Bahn- und Fernzügen ebenso wie die Abkoppelung des Bahnhofs Stuttgart-Vaihingen von der Gäubahn umstritten. Aber die Panoramabahn soll nach diesen Plänen keine Rolle mehr spielen.

Dringend gebraucht wird sie allerdings aus ganz anderen Gründen. Oft genug konnten die Fahrgäste der S-Bahn auch in den vergangenen Herbst- und Wintermonaten erleben, was passiert, wenn die unterirdische Stammstrecke zwischen Hauptbahnhof und Schwabstraße, die sich alle Linien teilen, nicht in vollem Umfang zur Verfügung steht. Züge in beide Richtungen müssen sich ein Gleis teilen. Es kommt zu Ausfällen und langen Verspätungen.

Derzeit können in solchen Fällen die Linien S1 bis S3 oberirdisch in den Hauptbahnhof einfahren und dann auf die Strecke der Panoramabahn ausweichen. Wenn das einmal nicht mehr der Fall sein sollte und die Stammstrecke längere Zeit ausfällt, bleibt nur noch die Stadtbahn, die aber nie und nimmer alle Fahrgäste der drei S-Bahn-Linien aufnehmen kann. Wolfgang Arnold, Technikvorstand der Stuttgarter Straßenbahnen und großer Anhänger von Stuttgart 21, hat deshalb schon vor anderthalb Jahren Alarm geschlagen und mit Unterstützung von Oberbürgermeister Fritz Kuhn dringend darauf hingewiesen, dass die Panoramabahn als Ausweichstrecke unentbehrlich bleibt.

Vaihingen ist der Stadtbezirk mit den meisten Arbeitsplätzen. Und es werden in den kommenden Jahren noch mehr, weil Allianz und Daimler dort <link https: www.kontextwochenzeitung.de wirtschaft kuhhandel-am-synergiepark-4378.html internal-link-new-window>neue Niederlassungen mit tausenden von Mitarbeitern errichten und im Eiermann-Areal, der ehemaligen IBM-Zentrale, weitere Arbeitsplätze und Wohnungen hinzukommen. Noch viel mehr Pendler als jetzt werden dann morgens und abends zwischen Vaihingen und Innenstadt unterwegs sein.

Gemeinderat will Panoramabahn erhalten

Nach den Planungen für Stuttgart 21 wird die Panoramabahn jedoch bald in der Nähe des Nordbahnhofs unterbrochen. Denn die S-Bahn von Cannstatt und Feuerbach soll, da ja das Schienengelände abgeräumt und bebaut werden soll, auf einem neuen Weg, nämlich über den Bahnhof Mittnachtstraße zum Hauptbahnhof geführt werden. Diese neue Trasse schneidet sich aber mit dem Bahndamm der Panoramabahn. Eine Anfrage der Grünen im Gemeinderat vom September 2016, was denn dann bei Problemen auf der Stammstrecke passieren soll, blieb unbeantwortet.

Inzwischen sind sich aber die Gemeinderatsfraktionen einig: Die Panoramabahn muss erhalten bleiben. Der Teufel steckt im Detail. Für die S-Bahn ist der Verband Region Stuttgart (VRS) zuständig, für den Bahnverkehr – falls der auch weiterhin auf der Strecke verkehren sollte – das Land, während die Schienen heute der Stadt gehören. Alle haben also ein Wörtchen mitzureden. Sobald die Strecke einmal stillgelegt ist, haben vor Wiederinbetriebnahme auch die Anlieger ein Wörtchen mitzureden. Und die empfinden das Geräusch eines vor ihrem Fenster vorbeifahrenden Zugs nicht alle als Musik.

Eine Machbarkeitsstudie im Auftrag der Region und des Landes schlägt in zwei Varianten einen Interimshalt am Nordbahnhof vor, wo die Bahnlinie, von Vaihingen kommend, enden soll, bis über ihr weiteres Schicksal entschieden ist. Viel Zeit bleibt nicht: Die Gutachter rechnen mit einem Vorlauf von 4,5 Jahren. Das könnte also ganz knapp reichen, wenn Stuttgart 21, wie derzeit angegeben, Ende 2024 fertig wird und die Panoramabahn, wie geplant, spätestens ein Jahr vorher gekappt wird.

Wie aber soll es anschließend, nach dem Interim weitergehen? Für die Pendler zwischen Vaihingen und Innenstadt wäre es zweifellos am besten, die Panoramabahn würde wieder im Hauptbahnhof enden, denn nur dort gibt es Umsteigeverbindungen in alle Richtungen. Auch für den Fernverkehr wäre dies die einfachste Lösung: Wenn die Panoramabahn erhalten bleibt, braucht es keine Rohrer Kurve und keinen zweifelhaften Mischverkehr von Fern- und S-Bahn-Zügen. Die Züge aus Zürich könnten weiter die Panoramabahn-Strecke nutzen.

Viel Geld für nichts

Genau dies aber hat die Mehrheit der Regionalräte auf Antrag der SPD abgelehnt. Bleiben zwei weitere Vorschläge: Entweder sie wird nach Feuerbach weitergeführt oder nach Bad Cannstatt. Für die zweite Variante spräche, dass der Notfallbetrieb bei Ausfall der S-Bahn-Stammstrecke sich in diesem Fall sehr einfach gestaltet, da die Linien S1, S2 und S3 über Cannstatt verkehren. Allerdings bezeichnet der VRS dies als "deutlich aufwändigere und damit teurere Perspektive."

Viel Geld muss also investiert werden, um eine Qualität zu erreichen, die hinter dem Status quo nicht zurückfällt. Dennoch werden diese Kosten offiziell nicht dem Projekt Stuttgart 21 zugerechnet, ohne das diese Umbaumaßnahmen gar nicht nötig wären. Hinzu kommt, dass die Stadt 2001 offenbar Schienengrundstücke gekauft hat, auf denen nun doch weiterhin Züge verkehren sollen. Kritiker sehen darin schon lange eine versteckte Subventionierung des Mammutprojekts.

Wenn aber die Fern- und Regionalzüge künftig von Singen über den Flughafen zum Hauptbahnhof fahren: Bleibt die Panoramabahn dann als reine Ausweichstrecke erhalten? Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) hat dazu einen charmanten Vorschlag entwickelt. Zu historischen Zeiten diente die Bahnlinie nämlich auch dem Wochenend-Ausflugsverkehr in die Stuttgarter Wälder. Bahnhöfe gab es unter anderem am Waldrand oberhalb Heslachs am Blauen Weg und am Wildpark, bei den "Stuttgarter Wasserfällen". Der VCD schlägt nun vor, diese Stationen wiederzubeleben, dazu an mehreren Stellen vom Westbahnhof bis zur Wagenhalle neue einzurichten, um die Panoramabahn zu einer attraktiven Nahverkehrslinie auszubauen.

Hermann Schwarz, der alte Lokführer, schaut aus dem Fenster auf die Schienen. Draußen ist es ruhig, keine Musik ist zu hören. "Komisch", sagt er. "Der IC nach Zürich hätte schon vor fünf Minuten vorbeifahren müssen."

Das Jahrhundertloch: Stuttgart 21

Immer neue Kostensteigerungen, Risiken durch den Tunnelbau, ungelöste Brandschutzfragen, ein De-facto-Rückbau der Infrastruktur – das sind nur einige Aspekte des Milliardengrabs.

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3 Kommentare verfügbar

  • Roland Beck
    am 10.01.2018
    Antworten
    Der VCD-Vorschlag bietet deutlich mehr als nur eine Freizeit-Attraktion fürs Wochenende. Unter http://www.panoramabahn-stuttgart.de ist zu sehen, wie der Stuttgarter Westen an den Hauptbahnhof, das Industriegebiet Österfeld und den Bahnhof Vaihingen angeschlossen werden könnte - und das Ganze…
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