Die komplizierte Realisierung des "Digitalen Knotens Stuttgart" (DKS) wird von der Bahn als ein Grund für die Verzögerungen bei der Umsetzung von S 21 genannt. Seit der Vorstellung des Projekts DKS im Jahr 2018 ist zu beobachten, dass sich sehr große Heilserwartungen an die digitale Sicherungs- und Leittechnik ETCS knüpfen. Dank ihr erhoffen sich die Bahn und die S-21-Projektpartner noch einmal eine deutliche Kapazitätssteigerung im Tiefbahnhof. Zu Recht?
Das habe ich in der Vergangenheit auch untersucht. Die Erwartungen bei ETCS hinsichtlich der Kapazitätssteigerung waren vor allen Dingen theoretisch begründet, aber in der Praxis sind die unterstellten Bremsverzögerungen und Beschleunigungswerte der eingesetzten Züge oft nicht realisierbar.
Ähnliches ist aus der Schweiz zu hören, die seit rund 25 Jahren Erfahrungen mit ETCS hat. Der frühere Präsident der Schweizer Lokführergewerkschaft Hubert Giger meinte sogar gegenüber Kontext, dass mit ETCS Level 2 bis zu 14 Prozent Kapazitätseinbußen auftreten – weil die Lokführer mit ETCS defensiver fahren würden, weil die Bremskurven die ganze Zeit überwacht werden und dadurch meist viel flacher sind – und damit länger –, als bei einer manuellen Bremsung (Kontext berichtete).
Diesen Eindruck kann ich bestätigen. Das hängt, soweit ich weiß, damit zusammen, dass die Zugsteuergeräte unter ETCS Level 2 nicht die Genauigkeit aufweisen wie unter Level 3. Bei letzterem müssten nämlich die Bremskurven ganz präzise eingehalten werden.
Wenn mit Verweis etwa auf die Empirie in der Schweiz Zweifel an den Kapazitätssteigerungen durch ETCS geäußert werden, kommt bisweilen das Argument, beim Digitalen Knoten Stuttgart werde ja Level 3 und nicht Level 2 eingesetzt werden, damit werde alles besser. Aber gibt es für ETCS 3 überhaupt schon ausreichend empirische Daten, um Vorhersagen zu Kapazitäten treffen zu können?
Nein. ETCS Level 3 wird aktuell erprobt auf Nebenstrecken. Es ist nicht absehbar, wenn in einem großen Knoten Regional- und Fernverkehrslinien aus verschiedenen Streckenabschnitten zusammenkommen, ob dieses modernste Zugsicherungssystem ohne ortsfeste Signalanlagen unter allen Umständen eine zuverlässige Datenübertragung gewährleisten kann. Also, das ist nach wie vor Zukunftsmusik.
2023 hat das Verkehrswissenschaftliche Institut (VWI) der Uni Stuttgart im Auftrag des baden-württembergischen Verkehrsministeriums eine Studie zu einem zukünftigen "Nahverkehrsdreieck" in Stuttgart angefertigt (Kontext berichtete), in dem auch die Kapazität des Tiefbahnhofs nach einer Einführung von ETCS neu berechnet wurde. Das VWI nannte eine Kapazität von nun 59,9 Zügen pro Stunde – also noch einmal rund zehn mehr als im Stresstest. Ist so etwas aus Ihrer Sicht realistisch?
Ich kenne diese Studie nicht und ich würde auch vorsichtig sein, einer Untersuchung zu folgen, die eine solche Prognose abgibt – für eine Situation, die vielleicht erst 2050 infrastrukturell und beim Zugmaterial gegeben sein könnte. In der Theorie ist es nicht ausgeschlossen, aber in der Praxis würde ich in solche Kapazitätswerte mittelfristig keine großen Hoffnungen setzen. Weil eben die Haltezeiten der Züge im Personenverkehr oft über den für Stuttgart 21 geplanten Zeiten liegen und die zwei Minuten in dem zukünftigen Durchgangsbahnhof in Stuttgart meines Erachtens über mehrere Stunden nicht zu halten sind.
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