Jetzt tritt also doch ein Grüner das begehrte Erbe Winfried Kretschmanns an. Die Koalitionsverhandlungen sind abgeschlossen, der neue Vertrag ist geschrieben. Der Preis dafür hat sogar einen Namen: Muhterem Aras. Die grüne Landtagspräsidentin seit zehn Jahren muss weichen – als Zugeständnis an die CDU. Am vergangenen Samstag im Stuttgarter Haus der Architekten zollen der 60-Jährigen mit kurdischen Wurzeln aus dem ganzen Land angereiste grüne Kreisvorsitzende viel Respekt und Beifall – nicht weniger, aber auch nicht mehr. Keine offene Kritik an der ungewöhnlichen Abmachung und dem Bruch mit der Tradition, wonach der stärksten Fraktion im Landtag das protokollarisch zweithöchste Amt im Land zusteht. Eher geräuschlos wird stattdessen der bisherige Innenminister Thomas Strobl (CDU) nächster Präsident und Aras als seine Stellvertreterin gehandelt.
Selbst dass das den Markenkern der Grünen so sehr stützende Verkehrsministerium mit dem Langzeit-Ressortchef Winfried Hermann nach 15 Jahren ebenfalls an die Schwarzen geht, löste unter den Basisvertreter:innen keine Proteste aus und erst recht keinen Aufstand. Stattdessen pragmatischer Realismus. Die Tonlage: Dieses Entgegenkommen sei eben unvermeidlich gewesen, um mit Manuel Hagel und seiner CDU einig zu werden zum Wohle des Landes.
Cem Özdemir, der mutmaßlich nächster Ministerpräsident, will an die Solidarität der Koalitionspartner:innen glauben, auf die Vertrauensversprechen setzen. "Das Gewicht der Grünen reicht nicht aus, um das Land in der Mitte zusammenzuhalten", sagt er vor Beginn des Treffens, "sondern wir brauchen eine starke CDU, damit, wenn wir auf die Landtagswahlen im Osten schauen, die AfD nicht hegemonial wird." In den Umfragen in Sachsen-Anhalt, wo am 6. September gewählt wird, steht die Partei bei satten 38 Prozent. Das, so hofft der künftige Regierungschef, schweißt Demokrat:innen zu einer Achse mit Zukunft zusammen, gerade im Westen. Da sind die Rechtsnationalist:innen zwar ebenfalls im Aufwind, aber ohne Chance, hegemonial zu werden.
Die Südwest-Grünen jedenfalls machen schon mal vor, wie disziplinierte Geschlossenheit funktioniert. Im Landesverband, Realo-Dominanz hin oder her, hätten in früheren Jahren deutlich weniger weitreichende Konzessionen stundenlange Debatten über Machthunger und Prinzipienverrat ausgelöst. Kompromisse standen, als verbürgerlicht zu sein noch ein harter Vorwurf war, gerade Ende der Neunziger Jahre nicht besonders hoch im Kurs. Erst recht als die Partei, die ab 1998 mit der SPD im Bund regiert hat, anno 2001 nicht einmal die Stammwählerschaft mobilisieren konnte, sondern mit weniger als acht Prozent ein regelrechtes Desaster durchleben musste.
Seit Kretschmann sind sie Volkspartei
"Das Sein bestimmt das Bewusstsein", mit diesem Marx-Zitat kommentiert die Landesvorsitzende Lena Schwelling fast lakonisch die Unterschiede zwischen gestern und heute. Die Basis akzeptiere, die Füße auch mal stillzuhalten, so die 33-Jährige. Wer mit der Einstelligkeit oder gar der Fünf-Prozent-Hürde kämpfe, wie gegenwärtig die Landesverbände im Osten, habe weder die Bereitschaft noch den strategischen Ausweg, Konzessionen zu machen. In Baden-Württemberg ist vieles anders nach 15 Jahren Winfried Kretschmann, zumal der schon seit mehr als 40 Jahren zugeht aufs bürgerliche Lager unter Verzicht auf die reine grüne und erst recht linksgrüne Lehre.




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Nein, bei Palantir kann ich keine Kompromisse machen, wer hier nicht "Nein" sagt, ist für mich Teil des Problems und daher untragbar. Palantir zu akzeptieren kann niemals ein Kompromiss, kann niemals Kitt einer Regierung sein. Mein Vertrauen in diese Regierung ist nicht mehr gegeben.
Kommentare anzeigenStefan weidle
vor 2 Stunden