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Bildungspolitik und Schulalltag

Bröckelndes Vertrauen

Bildungspolitik und Schulalltag: Bröckelndes Vertrauen
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Schulen müssen Lern- und Lebensorte sein, heißt es oft. Aber warum investieren die meisten Städte dann so wenig in ihre Schulen? Eine Spurensuche zwischen globalen Krisen, komplizierten Entscheidungen und Schüler:innen, die beginnen, am System zu zweifeln.

Angenommen, man suchte nach einem Symbol für das Versagen des Staates im Schulbau, auf dem Schulhof der Berchenschule in Konstanz würde man fündig. Ein hellgrauer Baucontainer, außen verwittert, innen dünner, abgenutzter Teppich und kalte Metallwände. Gäbe es das Wort, dann wäre das hier der Prototyp für einen Unwohlfühlort.

Genau hier ist aber der Ganztagsbereich der Schule untergebracht. Der Container war vor einigen Jahren eigentlich nur zur kurzfristigen Überbrückung von wenigen Wochen während einer Sanierung von Klassenzimmern vorgesehen. Weil es aber an der ganzen Schule zu wenig Räume gibt, blieb er einfach stehen. Ohne ihn wäre der Ganztagesbetrieb nicht mehr möglich gewesen. Solche Mangelverwaltung ist Alltag in vielen Schulen.

Ein Donnerstag im Dezember. Oliver Fecht, Glatze, üppiger Bart, Typ strenger, aber gerechter Kumpel-Lehrer, läuft über die Flure seiner Schule und versucht, irgendwie den Alltag in den Griff zu bekommen. "Die Schule ist seit 20 Jahren Ganztagsschule. Aber die notwendigen Voraussetzungen dafür wurden nie umgesetzt", sagt er, als er in seinem Büro ankommt. Vor der Tür hängt ein Schild in neongelber Schrift: "If nothing goes right, go left." Wenn es so einfach wäre. 

Seit zwei Jahren ist der 53-Jährige Leiter der Berchenschule. Gegründet wurde sie in den 1960er Jahren als Volksschule. Der Bau: funktional, Nachkriegsmoderne. Die Lage: im Konstanzer Norden, das Einzugsgebiet ist sozial gemischt, aber mit überdurchschnittlichem Anteil an Haushalten mit Unterstützungsbedarf. Die Zahl der Bürgergeld-Empfänger:innen (SGBII) in den angrenzenden Stadtteilen ist jedenfalls höher als anderswo in Konstanz.

Vertröstet, hingehalten, frustriert

Heute lernen hier rund 400 Kinder. Nach diversen Bildungsreformen ist die Berchenschule inzwischen eine Grund- und Werkrealschule. Um es kurz zu machen: Es fehlt an Räumen, und die Räume, die es gibt, sind teilweise marode. Das hat ihm die Stadt Konstanz als Schulträger sogar offiziell bestätigt. In einem Gutachten zur Lage der Schulen wurde festgestellt, dass hier mehr als ein Drittel der eigentlich benötigten Räume fehlt. Eine besondere Herausforderung: Klasse eins bis zehn sind unter einem Dach. Die unterschiedlichen Bedürfnisse in Einklang zu bringen – schwierig.

Bekannt ist das seit Jahren, geändert hat sich aber eher wenig. Die Schule schleppte sich von Zwischenlösung zu Zwischenlösung, wurde vertröstet und hingehalten. Bis heute. Statt des dringend nötigen Erweiterungsbaus kommen jetzt erstmal wieder Container, in denen die Kinder lernen sollen. Die neuen Container sollen zumindest besser ausgestattet sein als das, was bislang auf dem Schulhof steht.

Konstanz ist in dieser Misere kein Einzelfall: Überall in Deutschland gibt es kaputte Schulen. Der Investitionsstau im Schulbau liegt bundesweit bei 68 Milliarden Euro. Und doch ist die Situation am Bodensee speziell. Vor vier Jahren hat die Stadt die notwendigen Investitionen in Schulen und Sporthallen auf rund 226 Millionen Euro beziffert.

Die Konstanzer Lösung: Hoffen auf die Zukunft

Nach den Haushaltsberatungen 2025 war wegen des Spardrucks nur noch etwas mehr als ein Zehntel davon übrig. Und das angesichts von Herausforderungen wie Rückkehr zu G9, Ganztagsanspruch an Grundschulen und stetig wachsenden Schüler:innenzahlen.

Statt bestehende Schulen auszubauen, hat die Konstanzer Lokalpolitik entschieden, den Fokus auf den Neubau zweier Schulen im neuen Wollmatinger Wohngebiet "Hafner" zu legen. Die werden aber frühestens 2031 fertig. Für die aktuelle Schüler:innengeneration zu spät. Deshalb fragen sich manche in Konstanz jetzt: Wird für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft der Bildungserfolg einer ganzen Generation geopfert?

Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) dokumentiert regelmäßig den Stand beim Schulbau. Zuletzt stellten sie fest: In keinem anderen Bereich der Infrastruktur sind Investitionen notwendiger als hier. Schließlich seien funktionierende Schulbauten wesentlich für den Bildungserfolg junger Menschen.

Es ist nicht so, dass sie das in der Konstanzer Stadtverwaltung nicht auch wüssten. Man kann der Stadt nicht mal vorwerfen, in den vergangenen Jahren nicht in den Schulbau investiert zu haben. Zwischen 2017 und 2025 sind 40 Millionen Euro in Neubauten und Sanierungen geflossen. Aktuell das größte Projekt: 2031 sollen eine neue Grundschule und eine neue Verbundschule aus Gymnasium und Gemeinschaftsschule eröffnet werden. Kostenpunkt inklusive zweier Sporthallen: 116 Millionen Euro.

Die vielen Gründe der Misere

Trotzdem reicht es nicht aus. Im Frühjahr 2025 haben alle Konstanzer Schulleitungen einen Brandbrief an die Stadtverwaltung geschrieben, in dem sie die "massiven Kürzungen" bei den Schulen kritisierten. Hintergrund war der von der Stadt ausgerufene Planungsstopp bei notwendigen Erweiterungsbauten. "Ja, das war nicht gut von uns. Wir hätten die Auswirkungen der Haushaltsberatungen klarer gegenüber den Schulen kommunizieren müssen", sagt Frank Schädler, Leiter des städtischen Amts für Bildung und Sport.

Er sitzt am Besprechungstisch seines Büros, auf dem Tisch liegen ausgedruckte Grafiken zur Entwicklung des Schulbaus. Er will erklären, wie der Investitionsstau in Konstanz entstanden ist. Schnell wird klar – es gibt nicht den einen Grund, sondern sehr viele verschiedene. Die Folgen der globalen Krisen, schrumpfende Budgets für Bau und Unterhalt der Gebäude, massive Preissteigerungen im Bau, gestiegene Anforderungen bei Brandschutz, Klimaschutz und pädagogischen Konzepten sowie begrenzte personelle Ressourcen im Hochbauamt.

Ein Versprechen: Bemühen um das Beste

Letztlich seien die Fragen rund um die Finanzierung von Schulbau aber auch gesellschaftspolitische Fragen, findet Frank Schädler: "Was ist einer Gesellschaft Bildung wert? Da sind wir als kleine Kommunalverwaltung relativ weit weg, direkten Einfluss zu nehmen. Aber wir versuchen unter den Rahmenbedingungen, die wir haben, das Beste für die Schulen rauszuholen."

Ob das wirklich immer so geschehen ist, da hat Manfred Hensler so seine Zweifel. Hensler war früher Rektor einer Berufsschule in Konstanz, heute sitzt er für die FDP im Gemeinderat. Er wolle der Stadt das Bemühen nicht abstreiten, "aber der Schulbau hatte in der Vergangenheit nicht immer die höchste Priorität", sagt Hensler bei einem Kaffee in der Konstanzer Altstadt. Stattdessen fließe Geld in Projekte, die politisch gewollt, aber aus seiner Sicht nicht zwingend gewesen wären. Die Folge: Am Ende mangelte es am Geld bei den Schulen.

Pflichtpraktikum für Politiker:innen in Schulen?

Was ihm vor allem fehlt, ist eine klare Priorisierung seitens der Stadtverwaltung: "Eine Liste mit den nach Wichtigkeit geordneten Projekten im Schulbau würde dem Gemeinderat bei seinen Entscheidungen helfen und Transparenz gegenüber den Schulleitungen schaffen", ist der FDP-Mann überzeugt. Daneben helfe nur sparen: "In den guten Jahren haben wir uns Dinge geleistet, die jetzt nicht mehr drin liegen", findet Hensler. Für ihn gehören dazu: ein Fahrradparkhaus, das breite Kulturangebot der Stadt, gehypte Digitalisierungsprojekte. Weniger Gold-Lösung, mehr Pragmatismus sei gefragt.

Am Ende hat er noch einen sehr konkreten Vorschlag: "Eigentlich müssten alle Politiker:innen ein Pflichtpraktikum in einer Schule machen. Das würde Perspektiven und Prioritäten dauerhaft verändern", glaubt Manfred Hensler.

Hilfe in Sachen Schulbau ist von anderer Seite in Aussicht. Das Land hat die Fördermittel für den Schulbau im Jahr 2025 mehr als verdoppelt – auf 450 Millionen Euro jährlich. Das dürfte langfristig entlasten. Nur: Die Probleme, vor denen die Stadt jetzt steht, löst das nicht. Was bedeutet das für die aktuelle Schüler:innengeneration?

Das fragt man am besten Menschen, die es betrifft. Zum Beispiel Alena Dias-Vieira. Sie ist Vorsitzende des Konstanzer Schülerparlaments (KSP), ein Gremium, das auch den Gemeinderat berät. Sie kennt viele Konstanzer Schulen von innen. Für sie auch ein Grund für die Misere im Schulbau sind die kaum vorhandenen Mitgestaltungsmöglichkeiten für Schüler:innen im Schulalltag: "Kaum eine Generation vor uns hat so viel Zeit in der Schule verbracht und trotzdem haben wir kaum Möglichkeiten Dinge zu verändern, die uns stören", sagt die 18-Jährige.

Dieses Gefühl der Ohnmacht sei etwas, das sich auch in der lokalen Politik fortsetzt: "Es gibt zu wenig junge Menschen im Gemeinderat. Es wird über uns, aber selten mit uns gesprochen, wenn es um Themen geht, die uns betreffen", so die KSP-Vorsitzende. Dabei engagiere sie sich gerade deshalb politisch, weil sie nicht diejenige sein will, über die entschieden wird; sie will mitreden.

Traumschule? Offen, partizipativ, ohne Leistungsdruck

Mal angenommen, sie könnte Schule so verändern, wie es ihr gefällt, was würde sie tun? Schöne Orte im Schulhaus schaffen, helle Räume, zwei Lehrer:innen in jeder Klasse, mehr Lerncoaching für Schüler:innen, Schüler:innen nicht in ein starres System zwängen, sondern sich mehr daran orientieren, was Schüler:innen für ihren Bildungserfolg brauchen. Und: Weniger Leistungsdruck durch Noten sowie: "Ein offener Umgang mit psychischen Belastungen, Problemen und Stress könnte helfen, die Lage zu entspannen", findet Alena Dias-Vieira.

Gemeinsam mit Lehrer:innen und Schulleitung die Schule von morgen entwickeln, das wäre ein ziemlich großer Wurf, findet die Schülerin. Gleichzeitig ahnt sie, dass das nicht so schnell Realität wird. Ob sie sich manchmal von der Politik vergessen fühle? "Ganz klar ja", sagt Alena Dias-Vieira. "Ich habe schon den Eindruck, dass unsere Bedürfnisse weder gehört noch besonders ernst genommen werden." Ist das der Moment, in dem eine Generation kontinuierlich das Vertrauen in Politik verliert? 

Jugendstudie mit beunruhigenden Ergebnissen

Wer wissen will, wo wir auf diesem Weg stehen, der sollte unbedingt mit Kilian Hampel sprechen. Der 31-Jährige ist Sozial- und Politikwissenschaftler und Co-Autor der großen Trendstudie "Jugend in Deutschland". Ende März wurde eine neue Ausgabe veröffentlicht mit beunruhigenden Ergebnissen: Das Vertrauen in Politik ist sehr gering, Parteien an den extremen Rändern sind besonders beliebt bei jungen Menschen, und es gibt eine politische Spaltung zwischen den Geschlechtern: Mädchen tendieren zur Linkspartei, Jungen zur AfD.

Wenn die Lage jetzt schon so kompliziert ist, wie wirken sich die Mangelerfahrungen in der Schule darauf aus? Naja, sagt Hampel, als Wertschätzung werden junge Menschen sie eher nicht verstehen.

Ein Dienstag im April, wir spazieren entlang des Konstanzer Seerheinufers. Hampel, blond, breitschultrig, Typ irgendwo zwischen Beachvolleyballer und Boybandmitglied, ordnet ein. "Wenn Schüler:innen das Gefühl haben, dass ihre Bedürfnisse von Schulleitung oder Politik nicht gesehen werden, wenn sie erleben, wie Toiletten über Wochen unbenutzbar sind oder es durch das Schuldach reinregnet, dann spüren sie staatliches Versagen ganz unmittelbar." Sie lernen den Staat über seine Schwächen kennen. Vertrauen gewinne man so nicht. Eine mögliche Folge: Die Zweifel an der Problemlösungsfähigkeit von Politik steigen.

Deshalb sei es so wichtig, Räume zu schaffen, in denen junge Menschen lernen, konstruktiv mit Belastungen umzugehen und Zuversicht für ihren Blick auf die Zukunft zu gewinnen. "Funktionierende Infrastruktur in gut ausgestatteten Schulen, in denen Jugendliche bei wichtigen Entscheidungen beteiligt werden, können solche Räume bieten", sagt er.

Die gute Nachricht ist: Die Jugendstudie verrät auch einen Weg aus der Krise. "Politische Glaubwürdigkeit entsteht dort, wo Problemlösungen erkennbar sind und Mitwirkung real erfahrbar wird", schreiben die Jugendforscher:innen. 

Manchmal funktioniert Politik wie eine einfache Gleichung. Von alleine löst sie sich deswegen aber nicht.

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