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KI und Videoüberwachung

Eine Wende steht bevor

KI und Videoüberwachung: Eine Wende steht bevor
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Baden-Württembergs CDU und Grüne sind sich einig: Jedes Dorf sollte mit Kameras überwacht werden können, und eine KI-Software soll prüfen, wer sich auffällig benimmt. Jetzt braucht es nur noch eine lokale Palantir-Alternative.

Bei der Baden-Württemberg-Wahl nahmen sich Grüne und CDU nicht viel. Um die 30 Prozent erreichten beide, die Grünen einen Hauch mehr. Eine stabile Mehrheit, um das Land weiter grün-schwarz zu regieren, andere reale Optionen fehlen. Sicherheitspolitisch heißt das: Jetzt wird vollzogen, was sich bereits ankündigte.

Denn in Sicherheitsfragen liegen Grüne und CDU wie beim Wahlergebnis eng beieinander. Beide Spitzenkandidaten, Cem Özdemir von den Grünen und Manuel Hagel von der CDU, wollen Datenanalysen, wie Palantir sie ermöglicht. Nur will Özdemir nicht die Original-Software aus den USA nutzen, sondern lieber mit Partnern aus Europa eine Alternative entwickeln. Am besten sogar eine regionale. Er sei mit verschiedenen Unternehmern aus Baden-Württemberg im Gespräch, "die alle sagen: Wir können das."

Beim Thema Videoüberwachung herrscht noch deutlicher Einigkeit zwischen Hagel und Özdemir. Beide wollen die Videoüberwachung massiv ausweiten, dahinter soll ein System prüfen, ob die Gefilmten sich auffällig benehmen. Bislang gibt es in Baden-Württemberg ein Gesetz, das die Videoüberwachung des öffentlichen Raums einschränkt. Sie ist nur erlaubt, wenn an diesem Ort besonders viel Kriminalität stattfindet. Beiden ist das ein Dorn im Auge.

Schon lange gibt es Bestrebungen, dieses Gesetz aufzuweichen. Die Idee ist, Videoüberwachung – und damit auch KI-gestützte Videoüberwachung – nicht nur an tatsächlichen Kriminalitätsschwerpunkten zuzulassen, sondern auch an "strukturellen". Was ein struktureller Kriminalitätsschwerpunkt ist, entscheidet dann die Polizei.

Entgrenzung der Videoüberwachung

Es sieht so aus, als stamme die Idee der Entgrenzung der Videoüberwachung aus Mannheim. Dort wird seit 2018 KI-gestützte Verhaltenserkennung getestet und trainiert. Allerdings gab es dazu nie genug Kriminalität, sodass die Polizei mit Schaukämpfen nachhelfen musste. Polizist:innen simulierten Schlägereien, damit die Software lernt, wie ein Kampf aussieht. Weil es nicht genug Kriminalität gab, scheiterten auch die Versuche, weitere Areale in die Überwachung einzubeziehen.

Vermutlich arbeiten der heutige Mannheimer Oberbürgermeister Christian Specht und Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl deshalb seit 2019 daran, das Gesetz aufzuweichen. 2023 stellte ein Referent der Stadt Mannheim deren Konzept auf dem Städtetag vor. Demnach sollen auch Orte videoüberwacht werden können, an denen die Kriminalität sinkt.

Im Wahlkampf hatte sich der Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir in der Wahlarena des Mannheimer Morgens dieser Vision angeschlossen: In Mannheim gebe es "mit der intelligenten Kamera" ein gutes Modell. "Allerdings hat mir Ihre Polizeipräsidentin auch gesagt, das darf dann nicht dazu führen, wenn die Kriminalitätsbelastung dank der Kamera zurückgeht, dass man sie dann abbauen muss. Das ist natürlich ein Treppenwitz, das würde ich gerne ändern."

In Hessen reicht "Sicherheitsgefühl" als Grund

Wenn jetzt also auch der Grüne für eine Entgrenzung der Videoüberwachung ist, steht diesem Vorhaben der sich anbahnenden Koalition nichts mehr im Weg. Manuel Hagel von der CDU will schon länger, dass Kommunen "überall dort, wo sie es für notwendig halten, KI-gestützte Videoüberwachung einsetzen können".

Die Videoüberwachung rund um Areale im städtischen Besitz haben die bisherigen und wohl auch künftigen Koalitionäre dieses Jahr ebenfalls entgrenzt – mit Hilfe des neuen Datenschutzgesetzes. Özdemir-Kumpel Boris Palmer, Tübingens Oberbürgermeister, beruft sich bei der Videoüberwachung seiner Stadt bereits darauf.

In Baden-Württemberg zeichnet sich eine Wende ab, die jahrelang vorbereitet wurde. Eine Wende von der verdachtsabhängigen Videoüberwachung hin zur anlasslosen. Die muss dann nicht mehr mit Zahlen untermauert werden. Es geht dann, fast wie in Hessen, bei der Legitimierung von Videoüberwachung nicht mehr um tatsächliche Straftaten, sondern eher um ein Gefühl. Ende 2024 ergänzte die hessische Landesregierung einen Passus im Polizeigesetz, der die Polizei dazu verpflichtet, das "Sicherheitsgefühl" der Bevölkerung zu stärken. Seitdem können dort Orte videoüberwacht werden, bei denen die Polizei annimmt, dass sie aufgrund eines mangelnden Sicherheitsgefühls gemieden werden. Die Bestrebungen in Baden-Württemberg zeigen in eine ganz ähnliche Richtung.


Dieser Beitrag ist bereits bei netzpolitik.org erschienen, der Autor hat ihn für Kontext aktualisiert.

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3 Kommentare verfügbar

  • Der Hannes
    vor 4 Stunden
    Antworten
    Vielleicht sollte ich auf meine alten Tage doch nochmal ein bisschen mit der Zwille üben.
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