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Podcast "Archiv der Straße"

Stimmen von draußen

Podcast "Archiv der Straße": Stimmen von draußen
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Ein Leben ohne die Sicherheit der eigenen vier Wände: Für viele ist das unvorstellbar, für andere bittere Realität. In einem Podcast lässt Uwe Kassai Menschen aus Stuttgart und Umgebung zu Wort kommen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen auf der Straße leben.

"Ich war zwölf Jahre alt, als ich angefangen hab'", erzählt Angie. "Ich war immer mit Älteren zusammen, und irgendwann mal haben drei Gurken Heroin angebracht. Das war ja von vornherein meine Never-Ever-Probierdroge, aber nachdem man mir das für Schore verkauft hat oder Braunes – das klingt ja alles weit weg von Heroin ..." Schließlich landete Angie auf dem Strich. Ihre Lehrerin in der sechsten Klasse bekam mit, dass sie im Unterricht einschlief. Angie flehte sie an, ihrer Mutter nichts zu erzählen. Die Lehrerin entschied, es würde reichen, wenn ihr mobiler Jugendarbeiter – das gab es außer im Stuttgarter Stadtteil Hallschlag nur noch in der Hochhaussiedlung Fasanenhof, in der Angie aufgewachsen ist – sie zum Entzug brächte.

Heute ist Angie 46 oder 47 Jahre alt, ganz sicher ist sie sich nicht. Seit 30 Jahren ist sie im Methadon-Programm, sie ist arbeitslos, bezieht Bürgergeld (das inzwischen Grundsicherung heißt) und lebt mit zwei Hunden in einer kleinen Wohnung in Stuttgart-Möhringen. All das erfährt man in der ersten Folge von "Archiv der Straße", wie Uwe Kassai seinen Podcast nennt. Sie erschien Anfang November, inzwischen gibt es vier Staffeln, die nach den Protagonist:innen gegliedert sind. 

Kassai hat bereits 2021, gefördert von der Heinrich-Böll-Stiftung, einen Dokumentarfilm über den Paule-Club gedreht: Drei Substituierte wie Angie, die in der Corona-Zeit die Initiative ergriffen haben, die Menschen, die sich unter der Paulinenbrücke treffen, mit Essen zu versorgen. Weitere Dokus im SWR folgten. Doch Kassai wollte mehr. "Eine Beziehung, Vertrauen zu entwickeln, braucht Zeit", erklärt er. Und: "TV-Formate sind immer begrenzt." Er wollte die Menschen nicht exponieren, sondern zu Wort kommen lassen. So entschied er sich für einen Podcast.

Abseits bürgerlicher Zwänge

"Berichte von draußen", lautet der Untertitel. Mit "draußen" ist hier gemeint: die Welt "außerhalb der bürgerlichen Normalerfahrung eines 'Zuhauses'". Bürger, also Stadtbewohner konnten schon im Mittelalter nur Männer werden, die ein Haus besaßen. Doch es gab auch Menschen, die umherzogen: Pilger, Handwerksgesellen, das "fahrende Volk": "Landstreicher:innen", "Vagabund:innen", die keinen Ort fanden, wo sie sich niederlassen konnten. Sie wurden ausgegrenzt, diskriminiert, verfolgt. Und romantisiert.

Eine Volksgruppe, auf die dies in besonderer Weise zutrifft, sind die Sinti und Roma. Opern und Operetten von Georges Bizets "Carmen" bis hin zum "Zigeunerbaron" von Johann Strauss feiern das freie Leben jenseits der bürgerlichen Zwänge. Doch die echten Sinti, die seit 600 Jahren in Deutschland leben, wurden und werden bis in die jüngste Zeit verfolgt. Peter Reinhardt und Mano Guttenberger, die in der zweiten Staffel des Podcasts, "Die Reisenden", zu Wort kommen, können ein Lied davon singen.

Reinhardt ist Chronist der kleinen Stuttgarter Sinti-Community. 1951 geboren, saugte er schon als Kind am Küchentisch die Geschichten der Überlebenden des nationalsozialistischen Völkermords in sich auf. Das erzählt er in zwölf Episoden des Projekts "erinnert", ein Zeitzeugenprojekt des Stadtjugendrings, zu dem Kassai die Videos gedreht hat. Im Podcast geht es dagegen um die eigenen Erfahrungen der beiden. Im Wohnwagen zu reisen, gehört für sie zu den frühesten Kindheitserinnerungen.

Maschinenpistolen am Morgen

"Das sind Gefühle, wie wenn ich daheim wäre", so Guttenberger. "Ich bin im Wohnwagen groß geworden, habe mein ganzes Leben im Wohnwagen verbracht, hab' mit meiner Familie acht Jahre am Stück im Wohnwagen gelebt. Der Geruch vom Wohnwagen, wenn man morgens den Heizer anschaltet: Das wird für immer und ewig im Gehirn abgespeichert bleiben." Er hat es genossen: "Das war schon als Kind so: Freiheit. Die Natur. Hitze, Kälte. Wir sind morgens früh aufgestanden, draußen lagen vierzig Zentimeter Schnee. Eigentlich mit Worten gar nicht zu beschreiben. Das war die schönste Zeit in meinem ganzen Leben."

"Die Reise vereint uns alle", bestätigt Peter Reinhardt, der mit seiner Familie ebenfalls als Kind mit einem dreirädrigen Pritschenwagen durch den Schwarzwald tuckerte. Er erinnert sich, wie er mit der bloßen Hand Forellen aus dem Bach fischte und auf einem heißen Stein im Feuer zubereitete. "Ich würde fast sagen, da war die Welt in Ordnung." Immer wieder trafen sie "die liebsten und liebenswertesten Menschen".

Doch beide, Reinhardt und Guttenberger, haben auch anderes erlebt. Einmal campte Reinhardt mit anderen auf einem Waldgrundstück, mit Einverständnis des Besitzers. Dann kam mitten in der Nacht die Polizei: mit Blaulicht, angetrunken. Sie mussten weiter, fanden einen anderen Platz und einigten sich mit dem Bauern. Diesmal rückte morgens um sechs Uhr ein Sondereinsatzkommando mit Maschinenpistolen an. Die Reinhardts wurden angezeigt, waren schon zur Gerichtsverhandlung geladen, da rief der Richter an und entschuldigte sich. Er habe die Verantwortlichen suspendiert. Doch Reinhardt hatte genug. Er hat seinen Wohnwagen verkauft. 

Nur schöne Erinnerungen von Indien

Man erfährt viel von den Lebensumständen und Wertmaßstäben der Sinti-Community, von der die meisten wohl wenig wissen. Ähnliches gilt für die drei Episoden der jungen Afghanin Maryam, die Kassais Tochter Greta bei einem Job in der Bäckerei kennengelernt hat. Ihre Kindheit verbrachte sie zwischen Kandahar und Kabul. Kandahar war gefährlich, vor allem für ihren Vater, der nach verschiedenen Anläufen als Kfz-Mechatroniker und Schneider zum Militär gegangen war.

Innerhalb einer Woche verließen sie eines Tages das Land und flogen nach Indien. Für die achtjährige Maryam zunächst ein Kulturschock. Doch die Exil-Afghan:innen hielten zusammen. Und als sie die Sprache erlernt hatte und in die Schule kam, fühlte sie sich wohl. Sie gewann einen Pokal in einem Wettbewerb für indischen Tanz, sie konnte auf der Straße spielen, was Mädchen in Afghanistan nicht möglich war, und sie musste kein Kopftuch tragen. "Die ganzen drei Jahre waren für mich nur schöne Erinnerungen", schwärmt sie. 

Maryam beschreibt das Holi-Fest, bei dem sich die Menschen mit Farbe bewerfen: "Das war das Beste." In ihrem Stadtteil in Neu-Delhi lebten Mittelschichtfamilien und Ärmere. "Es haben teilweise Leute auf der Straße geschlafen", erzählt sie, "aber die haben gelacht, die haben Instrumente gespielt – die waren glücklich." Das hat auf sie abgefärbt. "Ich hab' immer gute Laune, ich bin immer am Lächeln. Das liegt auch daran, dass ich drei Jahre lang in Indien war. Ich war in Indien die ganze Zeit am Lachen."

Podcasts gibt es wie Sand am Meer. Über die gängigen Plattformen kann jede:r leicht eigene Sendungen anbieten. Viele hören sich gern selbst reden, manchmal ist es aber auch nur Genuschel. Kassai ist Profi. Er hat seit November jede Woche eine Folge ins Netz gestellt. Jede Staffel basiert auf langen Gesprächen, die er transkribiert und zu einer Geschichte zusammenfügt. Er selbst kommentiert nur dann und wann zur Erklärung. 

Schäfer und Helfer

Musik und Hintergrundgeräusche tragen viel zu einem plastischen, lebendigen Eindruck bei. Bei Maryam ist die Klangkulisse besonders bunt, entsprechend ihrer Reise durch fünf Länder und Kulturen. Bei den "Reisenden" spielt Guttenberger, ein virtuoser Gitarrist. In der jüngsten Staffel "Der Hirte" über den Schäfer Jonas Henniger, der mit seiner Herde immer im November von Münsingen auf der Schwäbischen Alb in Richtung Donautal aufbricht, ist es neben dem wiederkehrenden "Mäh" der Schafe die Uracher Schäfermusik: eine neunköpfige Blaskapelle, die normalerweise beim Schäferlauf aufspielt. 

Henniger, 34 Jahre alt, verbringt freiwillig die Wintermonate unter freiem Himmel. Als Sohn eines Schäfers, ging er zunächst zur Marine, wollte die Welt sehen, doch er konnte sich nicht unterordnen. Heute ist er mit seinem Beruf zufrieden, wie man an seinem häufigen Lachen hört. Seine Erzählungen vermitteln ein Gefühl für die Weite der Landschaft, die Vegetation, Wind und Wetter auf der Schwäbischen Alb und die Nöte des Schäfers.

In der nächsten Staffel, die an diesem Samstag startet, geht es zurück in die Stadt. "Stuttgart bei Nacht" begleitet den Kältebus auf seinen nächtlichen Touren. Betrieben vom Deutschen Roten Kreuz, patrouillieren Ehrenamtliche mit einem VW-Bus durch die Straßen, um Obdachlosen zu helfen. Es ist ein niederschwelliges Angebot. Keiner muss seinen Namen sagen. Die Helfer:innen haben gespendete Kleidung, heiße Suppe, Snacks, Kaffee und anderes dabei.

Charaktere, die faszinieren

Die Sendung begleitet Laura und Klaus auf ihrer Tour. Einem Mann, der so aussieht, als könnte er Hilfe brauchen, bieten sie etwas zu essen, zu trinken oder Kleidung an. Einen warmen Schlafsack kann er brauchen, auf Nachfrage auch eine Isomatte. Laura ist schon im Studium mitgefahren, das sie eine Woche zuvor erst abgeschlossen hat. "Wir sind ein großes Team, mittlerweile über 50 Leute, da kann man sich gut abwechseln", meint sie. "Wenn man sagt, ich fahre einmal in der Woche, das ist total in Ordnung." 

"Was mich tatsächlich ein bisschen überrascht hat", bemerkt Klaus, der seine sechste Tour fährt: "Wenn man da mal mitfährt und denkt Stuttgart als reiche Stadt, dass du doch permanent eine Gruppe von Menschen hast, die wohnsitzlos sind, die auch wirklich auf der Straße leben." Ein hartes Leben. Dennoch sagt Klaus: "Tatsächlich kriegt man auch was zurück. Spaß machen ist vielleicht der falsche Begriff, aber es ist – nicht falsch verstehen – auch faszinierend, was für Menschen, was für Charaktere man da trifft."


Zum Podcast geht es hier. Am Samstag, 28. März um 19.30 Uhr gibt es wie bei jeder neuen Staffel eine Live-Veranstaltung, diesmal vor der Kirche St. Maria im Stuttgarter Süden mit Laura und Klaus sowie Caroline Goetz, der Koordinatorin beim Roten Kreuz. 


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