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Innenministerium Baden-Württemberg

Saftladen

Innenministerium Baden-Württemberg: Saftladen
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Ein CDU-Netzwerk hat Günstlingen zu Spitzenposten in Baden-Württembergs Polizei verholfen. Ein CDU-Staatssekretär schließt vorbei am Parlament Deals mit Demokratiefeinden ab. Der verantwortliche CDU-Minister ist immer noch da.

Zwölf Jahre lang saß Thomas Strobl der CDU Baden-Württemberg vor, von 2011 bis 2023 – und in diese Zeit fallen die beiden schlechtesten Ergebnisse, die seine Partei bei Landtagswahlen im Südwesten je eingefahren hat. Der historische Tiefstand war 2021 erreicht: Die Union kommt auf 24,1 Prozent, der Chef schneidet unterdurchschnittlich ab (23 Prozent), landet im Wahlkreis Heilbronn sieben Punkte hinter der grünen Kontrahentin Susanne Bay und verpasst den erneuten Einzug in den Landtag.

"Parteipolitik ist ein Mannschaftssport", lautete zu dieser Zeit eine Kritik aus den eigenen Reihen: "Wenn man den Ball nicht mehr trifft, muss man bessere Spieler aufs Feld lassen." So äußerte sich der CDU-Politiker Günther-Martin Pauli, Landrat des Zollernalbkreises. Er fragte sich, wie Strobl die baden-württembergische Union wieder auf Erfolgskurs bringen solle, "wenn er selbst in seinem Wahlkreis die Menschen nicht mehr überzeugen kann".

Andere wären mit einer vergleichbaren Bilanz schnell von der Bildfläche verschwunden. Aber Strobl vergeht nicht. Genau wie in der vorangegangenen Legislaturperiode sicherte er sich in der Neuauflage der grün-schwarzen Koalition die Ämter als Innenminister und Regierungsvize – diesmal eben ohne ein Mandat fürs Parlament.

So ist die Fallhöhe für gut vernetzte Männer in der CDU meist gering, wenn es mal nicht läuft wie geplant. Einer, der damit sogar prahlt, ist Siegfried Lorek aus dem Wahlkreis Waiblingen. Der studierte Polizist ist seit 2016 Abgeordneter und erklärte im Vorfeld der Wahl 2021, er habe "wesentlich dazu beigetragen", dass die Landespolizeipräsidentin Stefanie Hinz und der Inspekteur der Polizei Andreas Renner in ihre Ämter kamen. Falls es mit dem Einzug in das Parlament nicht klappen sollte, hätten diese beiden "schon für mich gesorgt".

Im Gegensatz zu Strobl konnte Lorek allerdings ein Mandat gewinnen und wurde Staatssekretär im Justizministerium. Er ist nicht der einzige, bei dem die Karriere erfolgreich läuft. Auch bei Loreks Ehefrau Gabriele geht es steil bergauf, nachdem ihr Gatte in den Landtag einzog: Sie wechselte von der Polizei ins Kultusministerium und konnte den nicht ausgeschriebenen Posten als persönliche Referentin von Susanne Eisenmann, Spitzenkandidatin der CDU bei der Landtagswahl 2021, ergattern, was mit einem üppigen Gehaltszuwachs einherging. Vorangegangen waren dem Aufstieg hervorragende Beurteilungen, darunter sogar eine als quasi unerreichbar geltende Bestnote. "Pikant an den Beurteilungen" sei zudem, schreibt der Journalist Franz Feyder in den "Stuttgarter Nachrichten", "dass Gabriele Lorek 2016 und 2019 Mutter wurde – also in beiden mit Spitzennoten bewerteten Zeiträumen allenfalls in überschaubarem Zeitraum arbeitete."

Dem Lebenslauf tun Netzwerke gut

Wie manche Lebensläufe von politischen Interessen profitieren, zeigt sich auch am Werdegang von Andreas Renner: Loreks Günstling und Strobls Wunschkandidat stieg in rasanter Geschwindigkeit ins höchste Amt der Landespolizei auf. 2017 wurde Renner an das schon damals von Strobl geführte Innenministerium berufen und dort zum Stellvertreter des Landeskriminaldirektors ernannt. 2019 folgt die Beförderung zum stellvertretenden Präsidenten des Landeskriminalamts (LKA). Doch auch diese Position ist nur ein kurzer Zwischenschritt, denn nur ein weiteres Jahr später wird Renner als Inspekteur der Polizei zum ranghöchsten Uniformträger in Baden-Württembergs Exekutive.

Rätselhaftes Verhalten

Über Themen wie Kriminalität und Sicherheit schreibt bei den "Stuttgarter Nachrichten" (StN) Franz Feyder, der früh Klüngeleien und Filz bei Baden-Württembergs Polizei aufgriff. Im Dezember 2021 berichtete Feyder über ein Schreiben von Renners Anwalt, in dem er ein persönliches Gespräch zwischen seinem Mandanten und Innenminister Strobl anregte. Der Bericht führte zu Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen Geheimnisverrat: Wer könnte das vertrauliche Schreiben durchgestochen haben? Ein halbes Jahr später fliegt auf: Strobl selbst hatte den Brief weitergegeben. Nachdem er die Behörden Monate lang ins Leere ermitteln ließ, erklärte der Minister, er habe auf diesem Weg "maximale Transparenz" schaffen wollen. Eine Anklage wurde nur deswegen nicht erhoben, weil Strobl sich bereit erklärte, 15.000 Euro für eine gute Sache zu spenden.

Ein weiterer Vorgang, der Fragen aufwirft, ereignete sich im Juli 2023. Feyder zitierte aus Chatverläufen von Jörg Krauss, dem heutigen Chef der Staatskanzlei, der sich für Renner stark gemacht habe. In einem höchst ungewöhnlichen Vorgang veröffentlichte das Innenministerium daraufhin eine Pressemitteilung, wonach Feyders Bericht "jeglicher Grundlage" entbehre und "schlichtweg falsch" sei. Das Ministerium verlangte daher ausdrücklich, die Passagen zu löschen. Feyder und StN blieben bei ihrer Darstellung – woraufhin das Ministerium in einer zweiten Pressemitteilung einräumte, die umstrittenen Chatnachrichten gar nicht zu kennen.  (min)

Der Mann habe "genau das richtige Format für dieses Amt", bescheinigte ihm Strobl bei der Ernennung. Zum Aufgabenbereich gehört die innere Aufsicht der Polizei. Zudem war Renner federführend bei Wertekampagnen wie "Nicht bei uns!", laut denen zum Beispiel für Sexismus kein Platz sei beim Freund und Helfer. Renner ist "mit seinen 47 Jahren der jüngste Inspekteur in der Geschichte der Polizei Baden-Württemberg", wie Strobl bei der Ernennung betont. In der Landespolizei gibt es keinen nächsten Karriereschritt, die höchste Stufe ist erklommen, es ist ein Posten, der meist bis zur Pension bekleidet wird. In Renners Fall war aber schon nach zwölf Monaten Schluss.

Der hochgelobte Spitzenbeamte wird suspendiert, als der Vorwurf sexueller Nötigung gegen ihn erhoben wird. Hintergrund ist ein Kneipenabend mit einer jüngeren Kollegin. Der begann im November 2021 mit einer Sektrunde im Landespolizeipräsidium, das professionelle Personalgespräch ging letztlich in einen feuchtfröhlichen Feierabend unter Vorgesetzten und Untergebenen über. Mit dabei war auch Landespolizeipräsidentin Stefanie Hinz, die es "grundsätzlich in Ordnung" findet, wenn "nach einer arbeitsreichen Woche im Landespolizeipräsidium Sekt getrunken wird" und ihrerseits zu einem Gläslein nicht nein sagen wollte. Wie sie später zu Protokoll gibt, habe sie angesichts der "wirklich weitreichenden Folgen" jedoch "sehr oft hinterfragt", was an diesem Abend passiert ist.

Allerdings sind die Geschehnisse umstritten. So kam es vor der Kneipe wohl zu einem Vorfall zwischen dem Inspekteur und der jüngeren Kollegin. Was genau vorgefallen ist, konnte vor Gericht nicht abschließend geklärt werden. Das zugehörige Strafverfahren endete mit einem Freispruch aus Mangel an Beweisen, weil Aussage gegen Aussage stand.

Anklage wegen Verdacht auf Bestechlichkeit

Es gibt jedoch den Mitschnitt eines Gesprächs zwischen dem seinerzeit ranghöchsten Beamten und der Untergebenen, in dem der Vorgesetzte zu verstehen gibt, dass es einer Karriere keine Nachteile verschaffen würde, sich auf ihn einzulassen. Die Staatsanwaltschaft hat daher Anklage wegen des Verdachts auf Bestechlichkeit erhoben, die Verhandlung steht noch aus.

Im Zuge der Vorwürfe gegen Renner hatte der Landtag zudem einen Untersuchungsausschuss einberufen, der drei Jahre lang die Beförderungspraxis bei der Landespolizei überprüfte. Seit Dezember 2025 liegt dazu ein 2.000 Seiten umfassender Abschlussbericht vor, enthalten sind 119 Protokolle von Zeug:innenbefragungen. Besonders spannend ist der dritte Teil im zweiten Band: Hier stellen die Oppositionsparteien SPD und FDP ihre Bewertungen vor.

Demnach würde durch die Ergebnisse "ein eklatantes Versagen der Führungsspitze des Innenministeriums, namentlich von Minister Strobl und Landespolizeipräsidentin Dr. Hinz" deutlich (FDP). Bei Personalangelegenheiten würden "allzu oft Entscheidungen zu Stellenbesetzungen getroffen und danach die erforderliche Beurteilung ausgerichtet. Diese Vorgehensweise war insbesondere feststellbar, wenn es um die Besetzung hochwertiger Stellen ging." (SPD)

Als Andreas Renner zum Inspekteur der Polizei aufsteigen sollte, ging die Einflussnahme so weit, dass potenzielle Konkurrent:innen unter anderem von der Landespolizeipräsidentin Hinz persönlich am Telefon über die Aussichtslosigkeit ihrer Kandidatur informiert wurden. So blieb am Ende nur noch ein Bewerber für den Posten übrig und der Wunschkandidat der Union konnte triumphieren. Der Abschlussbericht macht deutlich, dass Renner kein Einzelfall war und der im Grundgesetz festgeschriebene Anspruch, öffentliche Ämter mit den bestqualifizierten Bewerber:innen zu besetzen, in Baden-Württemberg durch den Filz der Union torpediert wird. Die FDP-Abgeordnete und frühere Richterin Julia Goll bilanziert: "Es wurde in zahlreichen Fällen erst in informellen Vorabsprachen die Beförderung ausgekungelt und dann im Nachhinein die Beurteilung so vorgenommen, dass das gewünschte Ergebnis herauskommt."

Machtmissbrauch ohne Konsequenzen

Oliver Hildenbrand, Abgeordneter der mitregierenden Grünen, sprach in diesem Zusammenhang zwar von "strukturellem Machtmissbrauch", und Andreas Renner wird bei der Polizei wohl keine Karriere mehr machen. Für alle anderen, die ihre Finger im Spiel hatten, zeichnen sich aber bislang keine nennenswerten Konsequenzen ab.

Strobl war durchgehend darum bemüht, die skandalösen Zustände bei der Landespolizei herunterzuspielen. "Wissen Sie, was ein Soufflé ist?", fragte er 2023: "Da ist viel Luft drin – und nach einer gewissen Zeit macht's pffft." Genauso laufe die parlamentarische Aufarbeitung im Untersuchungsausschuss.

Mit dieser Einschätzung hat Strobl offenbar den grünen Ministerpräsidenten überzeugt: Winfried Kretschmann ließ zu keinem Zeitpunkt ein gesteigertes Interesse an den Vorkommnissen bei der Landespolizei erkennen. Von den vielfach aus der Opposition laut gewordenen Rücktrittsforderungen gegen Strobl hat Kretschmann sich nie beeindrucken lassen, bei Fragen zum Thema antwortete er meist ausweichend. Als der Abschlussbericht vorlag, erklärte der Regierungschef am 9. Dezember 2025, bevor er sich äußere, wolle er erst einmal anhören, "was die Fraktionen zu sagen haben". Bei der Debatte einen Tag später im Landtag war er dann aber nicht anwesend.

Somit bleibt Strobl Minister, Lorek Staatssekretär und Hinz Landespolizeipräsidentin. Als Letztere von den Vorwürfen gegen ihren Trinkkumpanen Renner erfahren hatte, nahm sie die Dinge selbst in die Hand, suspendierte den Inspekteur und leitete ein Disziplinarverfahren ein – wobei sie ihn laut einem Regierungsbericht auch darauf aufmerksam gemacht habe, dass in unmittelbarer zeitlicher Nähe auch die Staatsanwaltschaft eingeschaltet werden wird. Bis es etwa eine Woche später dazu kam, hatte Renner sein privates Handy vernichtet. Möglicherweise Kompromittierendes war den Verfahren damit entzogen.

Während die Landespolizeipräsidentin ernsthaft vor dem Ausschuss behauptet, es sei nicht davon auszugehen, dass dadurch Beweismittel verloren gegangen wären, hält die SPD dagegen: "Die Sicherstellung und Auswertung von gespeicherten Daten in Mobiltelefonen gehört zu den Standardmaßnahmen der kriminalpolizeilichen Arbeit im Zusammenhang mit Sexualdelikten." Für die Zukunft wäre es daher besser, wenn die "Staatsanwaltschaft selbst entscheidet, was Beweismittel ist oder sein kann".

Deal mit Thiel

Die Führungsspitze im Innenministerium wurde also mit etlichen Belegen unterfüttert dabei ertappt, wie sie politische Günstlinge bei der Polizei installiert, gefällige Bewertungen für sie organisiert und die Karrieren besser qualifizierter Konkurrent:innen sabotiert. Daneben handelte Staatssekretär Thomas Blenke (CDU) ohne Rücksprache mit dem Parlament einen Deal mit Demokratiefeinden aus: So unterzeichnete er – offenbar ohne dass Minister Strobl davon wusste – einen 25 Millionen Euro schweren Deal mit dem Unternehmen Palantir, damit Baden-Württembergs Polizei dessen Software Gotham zur Kriminalitätsbekämpfung nutzen darf.

Der kommerzielle Erfolg von Palantir hat den Investor Peter Thiel reich gemacht. Der Milliardär gehörte zu den frühesten Unterstützern von US-Präsident Donald Trumps politischen Ambitionen. Bereits 2009 bekannte Thiel offen: "Ich glaube nicht länger, dass Demokratie und Freiheit kompatibel sind." Er gilt als radikaler Libertärer, für den Regeln zweitrangig sind.

Die CDU Baden-Württemberg vertraut aufs gute Geschäft, das Angebot sei ein Schnäppchen gewesen, zudem werde durch Verträge ausdrücklich verboten, dass Daten der Polizei angezapft werden und in die USA abfließen. Kritiker:innen bleiben skeptisch, wie viel Vertrauen dem Dunstkreis von Donald Trump in solchen Angelegenheiten geschenkt werden darf.

Zweifel an der Eignung benennt nicht nur die Gesellschaft für Informatik, die davor warnt, sich bei der kritischen Infrastruktur von US-Tech-Firmen abhängig zu machen. Eine Petition gegen den Einsatz von Palantir-Software bei Bundesbehörden sammelte 450.000 Unterschriften, Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) erklärte in dieser Woche: "Palantir werden wir nicht einsetzen." Die Schweiz hat jahrelang geprüft, ob sie Palantir-Technik in öffentlichen Behörden nutzen will – und sich schließlich dagegen entschieden, da sich nicht vollständig ausschließen lasse, dass sensible Daten dem Zugriff Dritter unterliegen. Und in Baden-Württemberg zieht ein Staatssekretär los und unterschreibt halt mal.

Dass Strobl hinterher beteuert, nichts von einer Unterschrift gewusst zu haben, unterstreicht, wie sehr er sein Ministerium nicht im Griff hat. "Politik muss nicht laut sein, um etwas zu bewegen", schreibt er vor der Landtagswahl am 8. März auf seiner Website. "Sie muss verständlich sein, ehrlich – und nah an den Menschen." Auf seinen Wahlplakaten in Heilbronn steht neben "Thomas Strobl" und "CDU" nur ein einziges Wort: "Vertrauen".

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2 Kommentare verfügbar

  • Frieder Kohler
    vor 3 Stunden
    Antworten
    "Das Ansehen der Polizei in Baden-Württemberg ist durch die Affäre um den ehemaligen Polizeiinspekteurs Renner beschädigt worden. Welche Lehren ziehen Sie daraus für Ihre Führungsarbeit als Polizeipräsident" - so die BZ an den neuen Polizeipräsidenten Schneider!
    "Es ist nicht meine Aufgabe, den…
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