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CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel

O heiliger Bimbam

CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel: O heiliger Bimbam
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Heimat schafft Identität. Sagt Manuel Hagel (CDU), der Winfried Kretschmann (Grüne) als Ministerpräsident beerben will. Deshalb erzählt er immer von Oberschwaben, von der Kraft des Glaubens, der Fasnet und seiner tüchtigen Frau. Ein Stück aus dem Museum.

Manuel Hagel, 37, macht Wahlkampf in Bauschlott, einem kleinen Ort bei Pforzheim. Er redet mit Wolfgang Bosbach, 73, einem knackrechten CDU-Veteranen aus dem Rheinland, über Karneval, der in Ehingen Fasnet heißt. Die Sporthalle ist halbvoll. 250 mäßig begeisterte Gäste. Der Jüngere berichtet, dass er bald die Goldene Narrenschelle erhält und dies so bedeutend sei wie das Bundesverdienstkreuz, was den Älteren wiederum ermuntert zu erzählen, dass er die Schelle auch schon gekriegt hat. Während er das tut, schaut Hagel an die Decke, als wäre er in Gedanken ganz woanders. Dieses Woanderssein ist sein ständiger Begleiter. 

Am ehesten bei sich ist er in seinem Heimatort Ehingen. In der Mitte des Marktplatzes steht der Narrenbaum, von dem aus lange Schnüre mit bunten Fähnchen zum Rathaus, dem Amtsgericht und dem Haus der "Schwäbischen Zeitung" führen. Am Baum selbst hingen ein paar Wahlplakate von ihm – und nur von ihm, was manche Bürgerinnen und Bürger für unpassend hielten. Das Büro des Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten (MP) bei der Landtagswahl am 8. März empfahl daraufhin, die Werbemittel zu entfernen. Die örtliche CDU sprach von einer "lustigen Aktion", weil der "Manu" auch Mitglied der Narrenzunft der "Spritzenmuck" sei. Letzteres stimmt, auch weil Hagel der Überzeugung ist, dass der Weg zwischen Politik und Komik bisweilen nicht weit ist. 

Fasnet ist kein Spaß, aber gut für die Karriere

In Stuttgart murren nun aufgeklärte CDUler, das Narrenwesen sei Mummenschanz für ihren Max Mustermann, und sie übersehen, dass es viel mehr ist. Ein kleiner Moment der Freiheit, raus aus der sozialen Kontrolle, mal sieben grade sein lassen. Aber auch: ein kollektiver Ausbruch nach den Regeln des lokalen Adels, der über Biografien im Alltag bestimmen kann. Will heißen: Fasnet muss kein Spaß, kann aber Karriere sein.

Manuel Hagel, katholisch, geboren 1988 in Ehingen. Bescheidene Verhältnisse. Vater Polizist, zeitweise verdeckter Ermittler, immer knapp bei Kasse, Mutter Arzthelferin mit Ambitionen nach oben. Der Sohn macht eine Banklehre, wird diplomierter Bankbetriebswirt, Mitglied in der Narrenzunft, Bürgerwache und im Sportverein. Das Vereinswesen ist quasi Pflicht, die CDU ist die Kür, weil ihr, nach eigenem Verständnis, die Stadt und ihre 27.000 Einwohner:innen gehören. Vom Oberbürgermeister über den Landrat bis zum Sparkassen-Chef – alles schwarz. 

Und so fügt es sich, dass die Ehinger Sparkasse mit ihren knapp 70 Mitarbeiter:innen einen zweiten Direktor benötigt. Einen für die Stadt und einen fürs Land. "Die Veränderung ist nicht groß", begründet die Bank den Schritt, "aber bedeutend". Man schreibt das Jahr 2014. Hagel, gerade 26 Jahre alt, wird "Direktor", der anderswo Filialleiter hieße. Später darf die noblere Bezeichnung seiner Tätigkeit in keiner Geschichte über ihn fehlen. Und viele fragen sich, wie er das alles nebenher schafft? Gemeinde- und Kreisrat, Vorsitzender der Jungen Union Württemberg-Hohenzollern, Vorsitzender CDU-Kreisverband, ehrenamtlicher Stellvertreter des Oberbürgermeisters, CDU-Landesvorstand. Und immer der Jüngste. 

Jetzt beginnt die eigene Erzählung, der Lebenslauf im Dreierschritt: Glaube, Heimat, Familie. Erdverbunden im Wurzelwerk eines tiefen Volkskatholizismus, Ministrant in der Stadtkirche St. Blasius, geleitet vom Domkapitular, der ihm den spirituellen Weg über Taufe, Firmung und Trauung weist, Prediger zur Mutter Maria, die den Frieden lehrt. Der Glaube gebe ihm "Halt und Ordnung", sei "Quelle und Grenze" für sein Handeln, betont der Christdemokrat, in dessen Partei das "C" für "Kompass und Wurzel" steht. Deshalb ist er auch für Lebensschutz, also gegen Abtreibung. 

Gattin Franziska ist "der Chef im Haus"

Die Heimat ist der Bauernhof der Großeltern. Eigentlich ist er nur ein Haus mit Stall für Pferde. Aber für Hagel Geborgenheit, Traktorfahren, Wandern im Wald. Der Junge will Förster werden. Der Opa, der nicht Bauer, sondern Mesner ist, führt ihn zur Stoffelberg-Kapelle, zu einem verwunschenen Fleckchen Erde, wo die Ruhe Kraft gibt, wenn nicht gerade die Vögel zwitschern oder jemand das Glockenseil zieht. Als Beweis, hier gewesen zu sein und gebetet zu haben, ist das ein Muss. Der Politiker Hagel wird später hier sein, um der Presse vorzuführen, wie eine Glocke zu läuten ist. 

Am allerwichtigsten ist die Familie mit Gattin Franziska als Anker, Fundament und Rückgrat. Sie ist der "Chef im Haus", hat viel Verständnis für die Belastungen, die ein politisches Leben mit sich bringt, weiß der Ehemann. Wenn er zu Hause ist – so oft wie möglich –, nimmt er sich Zeit und liest den drei Buben Gutenachtgeschichten vor. Später, wenn er ihr Licht ausmacht, greift er selbst zum Buch, ein Favorit ist die Biografie von Wolfgang Schäuble. Das gibt ihm Energie für alles andere und dafür empfindet er große Dankbarkeit. 

Ausführlich nachzulesen ist dieses Leben im baden-württembergischen "Staatsanzeiger", im Klatschmagazin "Bunte", in der Münchner "Abendzeitung", und in der rechtskatholischen "Tagespost", die Hagel als profilierten Kopf des "werteorientierten, bürgerlich-konservativen Flügels" der Union entdeckt hat. Im "Spiegel" darf er als leidenschaftlicher Hobbyjäger auf dem Hochsitz von seiner "Ehrfurcht vor der Schöpfung" berichten. Nur dem Angebot von Kontext, über seine Ehinger Jahre zu sprechen, mochte er nicht folgen. 

Es gibt Ehinger, die ihn "Phrasen-Hagel" nennen

Nun ist das mit dem Glauben so eine Sache, und der Eindruck, dass hier jemand  Courths-Mahler-Kitsch mag, verfestigt sich mit jeder Neuauflage des Vortrags. Es gibt Einheimische, die können das Gerede von der Demut, die ihn täglich durchdringt, nicht mehr hören, nennen ihn den "Phrasen-Hagel". Aber wozu die Heuchelei? 

Das Publikum fragt sich eher: Wo steht der Mann, der sich als neue Kraft fürs Land inszeniert? Die Bigotterie, die Heimattümelei, die heilige Familie – das alles mag Hagel zur oberschwäbischen Identität zählen. Zeigt aber nur, dass er, die Ideologieproduktion betreffend, im Museum lebt. 

Aber vielleicht findet er Retro auch nur zeitgemäß und profilbildend im Zuge des allgemeinen Rucks nach rechts? Bei der "Werte-Union" auftreten, sich mit Sebastian Kurz, dem rechtslibertären Ex-Ösi-Kanzler, in einer Stuttgarter Kneipe treffen. Alles Zufall, man hat ja nur über die Kinder gesprochen? Oder mit dem ungarischen Außenminister Peter Szijjarto? Vielleicht denkt er, Gattin Franziska, Jahrgang 1986, sei eine "Tradwife", die in der traditionellen Frauenrolle aufgeht? Genauso ticke er in Wahrheit, vermuten Weggefährten, aber man weiß es nicht genau, man weiß nur, dass er von dem gottesfürchtigen Alt-MP Erwin Teufel und Annette Schavan, der ehemaligen Botschafterin beim Heiligen Stuhl, beraten wird. 

Nach der Schlecker-Pleite ist Glanz notwendig

Aber zurück auf Los, nach Ehingen. Als "Sparkassen-Direktor" ist Hagel angekommen, bei seiner Hochzeit 2016 erscheint "viel Prominenz", berichtet die Lokalpresse stolz, darunter die Minister und Parteifreunde Thomas Strobl und Peter Hauk. Der weltberühmteste Sohn im Flecken bringt wieder Glanz in die Hütte.

Nach der Pleite des Reichsten in der Stadt, Anton Schlecker, ist das dringend nötig. Jetzt scharen sich die Honoratioren wie Prätorianer um den strahlenden Stimmenkönig, von dem sie alle Geschenke erwarten.

Fahren wir auf die Ehinger Höhe, in die Josef-Probst-Straße. Dort wohnt Veit Feger, der Spross einer uralten Verlegerfamilie, dem die "Schwäbische Zeitung", Ausgabe Ehingen, bis 2004 gehörte. Die feine Gesellschaft betrachtet er aus großer Entfernung. "Hagel ist eine gewisse Chance für die CDU", sagt er, "der Junge ist charmant, sieht gut aus und ist angepasst." Der 82-Jährige, Adorno- und Bloch-Schüler, Unterstützer der Stuttgarter Anstifter, ist ein Alt-68er und amüsiert sich köstlich, wenn er auf Instagram ein Foto von Hagel und der Goldenen Narrenschelle entdeckt, das er sogleich herumschickt. 

Für seine Besucher ist Feger ein knitzer Unterhalter, für die Eigner des Gesamtverlags der "Schwäbischen Zeitung" war er unerträglich. Zu kritisch, zu unabhängig, er musste weg. Und dann kauften sie seinen Laden eben auf. 

Widerspruch wird in der Ehinger Society nicht geschätzt, Friede sei um Gottes Willen. Zwei Gemeinderäte, ein ausgeschiedener und ein aktiver, trauen sich trotzdem. Der Ehemalige hat Erfahrung mit Führungskräften. Er hat Hagel als Fraktionschef erlebt, wie er immer seltener erschienen ist, aber sicher sein konnte, dass alles gerichtet war, weil Rathausspitze und CDU-Fraktion mit einer Stimme sprachen. Hagel sei wie eine "leere Leinwand, auf die jeder seine Wünsche projizieren kann", glaubt der langjährige Kommunalpolitiker, "was ihm nützt, spiegelt er wider", streng nach Freund und Feind filternd, insofern sei er ein "Kind des aktuellen Systems". Ein interessanter Satz, der vieles über die Beliebigkeit des politischen Geschäfts aussagt.

Und eine Hölderlin-Gesamtausgabe für den Papst

Der zweite Kritiker ist ein Urgrüner. Hubert Dangelmaier, Jahrgang 1958, seit 45 Jahren Mitglied, Fraktionsvorsitzender der Ökos im Ehinger Rat. Der Lockenkopf kommt wirklich vom Bauernhof, ist einer vom alten Schlag: naturverbunden, gegen Atomkraft, gegen Flächenfraß. Und wenn der alles überragende Weltkonzern Liebherr, der größte Steuerzahler der Stadt, sein Gelände um 54 Hektar vergrößern will, fragt er zumindest: "Darf's it a bissle weniger sei?" Kollege Hagel antwortet dann: "S'isch koi Land verlora, Hubert, bloss anders g'nutzt." 

"Hagelschaden"

In der CDU keimen da und dort Zweifel, ob Manuel Hagel die Ernsthaftigkeit mitbringt, um Baden-Württemberg zu regieren. Hinter vorgehaltener Hand werden auch von Parteifreunden mangelnde Reife beklagt und ebenso ein fehlendes Amtsverständnis, das er, wie ein Abgeordneter sagt, "in die Villa Reitzenstein mitschleppen muss", wenn er tatsächlich Ministerpräsident wird. Als Beispiel angeführt wird eine Stippvisite an der Spitze des baden-württembergischen Landesverbands der "Schutzgemeinschaft Deutscher Wald" (SDW). Im Herbst 2022 hatte Manuel Hagel die Nachfolge des langjährigen CDU-Landtagsabgeordneten und früheren Münsinger Gymnasialdirektors Karl-Wilhelm Röhm angetreten. Hagel werde sich, wie es in der Pressemitteilung der SDW hieß, "für die Amtszeit von vier Jahren (...) für den Waldschutz und die Waldpädagogik einsetzen". Letztere trieb ihn nach eigenen Worten "als Familienpapa" besonders an, er pries sich selber als Kind des ländlichen Raums, Jäger und langjähriges Nabu-Mitglied. Der heutige Spitzenkandidat versprach "konservativen Umweltschutz" und machte intern deutlich, sich nicht weiter von den Grünen "die Butter vom Brot nehmen zu lassen".

Nach seinem Amtsantritt verlieh er diesem Ansinnen schnell Kontur. Neu zu gründende Kreisgruppen oder verwaiste Vorsitzenden-Posten des gemeinnützigen Vereins wurden mit CDU-MdLs (Mitglieder des Landtags) besetzt: Tobias Vogt in Ludwigsburg, Michael Preusch in Heilbronn, Sarah Schweizer und MdB Hermann Färber als Beisitzer:innen in der neuen Kreisgruppe Göppingen, und auch die Geschäftsführungen kamen in vielen Regionen in CDU-Hand. Dazu geschwänzte Sitzungen, lieblose Reden und zahlreiche Baumpflanzungen (Speierling, Rotbuche, Moorbirke) fürs naturnahe Foto mit Schaufel. Schon nach einem Jahr war Hagels Interesse an der SDW und am Amt des Vorsitzenden wieder erlahmt, weitgehend unbemerkt kam ein bisheriger Stellvertreter ins Amt. Der Begriff "Hagelschaden" machte die Runde. Offiziell begründet wurde der Abgang "mit neuen Aufgaben", die Hagel "in seiner Funktion als Abgeordneter übernommen" habe. Wenig glaubhaft, denn Fraktionschef war er schon seit 2021.  (red)

Hagel ist ihm unheimlich. Kaum ist er mal da, zieht er Handy und Laptop raus, unterschreibt mitgebrachte Akten, ist häufig zu spät und früh wieder weg. Kein gedanklicher Tiefgang, mal ist er für Windkraft, mal dagegen, je nach politischer Wetterlage, mal für Photovoltaik, mal dagegen, je nach Mainstream, mal für die Bauern, mal dagegen, wenn sie mit Kettensägen protestieren. Bei diesen Schilderungen macht Dangelmaier einen ziemlich ratlosen Eindruck.

Er rekapituliert einen Dialog, wie er Hagel beim Joggen begegnet. Der atemlose Läufer bedauert: "Hubert, schade, dass so wenig Zeit zum Schwätza bleibt." Dangelmaier sagt: "Manu, du bischt ein Populischt." Hagel antwortet: "Aber Hubert, du woischt doch wie Politik funktioniert!" Er könne sich den "Manu" beim besten Willen nicht als Ministerpräsident vorstellen, sagt Dangelmaier.

Die "Schwäbische Zeitung" (nach Feger) ist anderer Meinung. Der Lokalchef, ebenfalls Mitglied im Narrenrat, sieht in Hagel ihren Mann fürs hohe Amt, feiert ihn wie einen "Popstar", kürt ihn, rekurrierend auf "Bild", zum zweitschönsten Politiker, und berichtet begeistert von dessen Besuch beim früheren Papst Franziskus und seinem Kopfzerbrechen, was er dem Pontifex schenken könnte. In einer seiner Biografien sei er auf Franziskus‘ Freude an Hölderlin gestoßen, darf Hagel verraten, worauf er eine Gesamtausgabe überreicht habe.

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3 Kommentare verfügbar

  • Emilia Lewandowski
    vor 6 Stunden
    Antworten
    Manuel Hagel ist ein Schein-Riese. Ein Unscheinbarer. Ein Fähnchen-im-Wind-Typ. Für was steht er, für wen steht er - nix genaues weiß man nicht. Gegenüber einem Cem Özdemir, zu dem man parteipolitisch stehen mag wie man will, kommt er daher wie der verdruckste Hinterhof-Schulbub, der gerne bei den…
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