Stefan Räpple Anfang Dezember bei seiner Kundgebung gegen den Migrationspakt. Ob die Gebete der Frau in der Mitte ihm wohl helfen? Foto: Jens Volle

Stefan Räpple Anfang Dezember bei seiner Kundgebung gegen den Migrationspakt. Ob die Gebete der Frau in der Mitte ihm wohl helfen? Foto: Jens Volle

Ausgabe 403
Politik

Räpples Welt

Von Anna Hunger
Datum: 19.12.2018
Jetzt hat er es geschafft. Nach zwei Jahren Dauerpöbelei im Landtag ist Stefan Räpple vergangene Woche von der Polizei aus eben diesem geworfen worden. Der Abgeordnete der AfD ist wie Trash-Fernsehen. Ganz schlimm – aber man kann auch nicht aufhören, hinzugucken.

Samstag, Stuttgart, Stefan Räpple, Landtagsabgeordneter der AfD, hat zur Kundgebung gegen den UN-Migrationspakt aufgerufen. "Liebe Patrioten! Schön, dass ihr gekommen seid!" 70 seiner Fans sind da und klatschen angetan, Wolfgang Gedeon, Antisemit und Vertrauter von Räpple ("Er ist der klügste Mensch, den ich kenne") spricht später, Heiner Merz ("Quoten nützen nur unqualifizierten, dummen, faulen, hässlichen und widerwärtigen Frauen") ist aus Solidarität zum Partei- und Fraktionskollegen gekommen. Im Publikum, nur so zur Einschätzung, steht eine Frau aus Freiburg mit Deutschlandflagge, die erzählt, die Mutter Gottes habe ihr nahegelegt, für den Patriotismus Flagge zu zeigen, für Donald Trump habe sie sogar neun Tage bei Wasser und Brot gefastet.

Gegen Räpple demonstrieren an diesem Tag Anfang Dezember 700 Menschen, die Polizei hat zwei Wasserwerfer aufgefahren, 300 Polizisten sind da, vor Feinkost Böhm wartet sogar die Reiterstaffel. Nach zweieinhalb Stunden ist Ende und ein Räpple-Gegner wirft eine Sitzbank auf dessen Kleinbus, dass die Scheibe splittert. Räpple hat das aus dem Wageninneren gefilmt, "wow, scheiße", hört man ihn sagen. Wenig später steht es überall in den Zeitungen. Was für ein Auftritt, was für ein Samstag.

Räpple sitzt in seinem Büro in der Schaltzentrale der AfD-Landtagsfraktion, er schiebt ein Stück Currywurst durch die Soße, rein damit, lecker, und sorry, aber hey, das musste jetzt, so ein Hunger. Dann geht die Tür auf, ein Mitarbeiter kommt rein. Er gehe jetzt einen Verlobungsring kaufen, sagt der. Boa! Räpple springt auf, Verlobungsring für seine Freundin hat er gerade selbst erst gekauft, "du brauchst 'nen Viertelkaräter, echt, Viertelkaräter – min-des-tens!" Dann setzt er sich wieder, macht eine Dose Erdnüsse auf und stellt sein Telefon zum Gespräch auf Aufnahmemodus. Nur zur Sicherheit, geht nicht um Misstrauen, klar. Dann: eine Stunde Einblick in die Welt des Stefan Räpple. 

Seine Schwarzwälder Kirschtorte ist "sensationell"

Lieblingsländer: Bangladesch, da trägt er sogar Landestracht, und Schweiz, wegen des politischen Systems. Liebstes Kochrezept: "Ich mach' nen oberleckeren Kartoffelsalat" und als ehemaliger Konditor "sensationelle" Schwarzwälder Kirschtorte. Wobei: Noch leckerer sei die Zuger Kirschtorte, statt mit Sahne mit Kirschwassercreme und Baiser obendrauf, "der Oberhammer." Wäre er Konditor geblieben, erzählt Räpple, hätte er auch mal an der Torten-Weltmeisterschaft in Todtnau teilgenommen. Hat er aber nicht, und mittlerweile steht er zum dritten Mal vor einem Karriere-Aus.

Am Mikrofon im Landtag steht Räpple am Liebsten. Foto: Joachim E. Röttgers
Am Mikrofon im Landtag steht Räpple am liebsten. Foto: Joachim E. Röttgers

Stefan Räpple, 37, der AfD-Abgeordnete aus dem Wahlkreis Kehl, hat es gerade mal bis zur Halbzeit geschafft. Dem Internetportal "Baden Online" sagt er einmal: "Ich bin die Kratzbürste, die grobe Verkrustungen löst." Aber eigentlich ist Räpple ein Pöbler, ein Besserwisser, unberechenbar und selbst für eine Partei wie die AfD zu viel, wenn er beispielsweise über die "Koksnasen der SPD und Antifa-Kiffer von den Grünen" und den ganzen "faulen Haufen floskelschwingender Parlamentsfüllmasse" herzieht.

Den Showdown hat er sich in der vergangenen Woche geleistet, am 12. Dezember, als ihn Landtagspräsidentin Muhterem Aras – erstmalig in der Geschichte des baden-württembergischen Landtags – mit Hilfe der Polizei aus dem Plenarsaal befördern ließ, weil er die SPD als "rote Terroristen" beschimpfte und sich danach weigerte, den Saal alleine zu verlassen. Vor Kurzem hat die Landes-AfD bekannt gegeben, dass sie ein Parteiausschlussverfahren gegen ihn eingeleitet hat.

Tatsächlich sitzt da aber kein Unsympath. Räpple ist nett, solange er nicht über seine Ansichten spricht, er macht Witzchen, versteht Spaß, aber er ist das beste Beispiel dafür, wie die AfD Leute in Landtage gespült hat, die auf keinen Fall Politik machen sollten. 

Stefan Räpple hat Energie, wie ein kleiner Vulkan, das muss man ihm lassen. Kurz vor Ausbruch sieht er dann ein bisschen hilflos aus, bekommt eine Zornesfalte zwischen den Augen, dann geht's los. Wie bei seiner Bewerbung zum EU-Parlament, als ihn einer auf dem Bundesparteitag fragte, ob er nichts Besseres zu tun habe, als sich mit dem "Judenhasser" Gedeon zu solidarisieren. Da hat er sich so aufregen müssen, dass ihm der Moderator irgendwann das Mikro abdrehte.

Seine Eltern waren CDU-Wähler, er selbst sei Mitglied bei den Julis gewesen und bei der Jungen Union, aber so genau weiß er das selber nicht mehr. "Ich war immer Demokrat", sagt Räpple. "Mir war immer wichtig, dass jeder seine Meinung sagen darf. Jeder darf alles sagen." Muss man den Holocaust leugnen dürfen? "Ja selbstverständlich! Ja klar! Ja natürlich!" Außerdem: Wenn etwas per Gesetz verboten werden müsse, dann würde er anfangen zu zweifeln. Er glaubt sowieso gar nichts mehr. Die Parlamente seien – parteiübergreifend – durchsetzt von inländischen und ausländischen Geheimdiensten, überall V-Leute und Agenten in dieser Scheindemokratie, in der man nur ein oder zwei Kreuzchen machen darf. "Ich wäre auch mit einer Monarchie einverstanden", sagt er.

Vielen gilt er als Verrückter. Innerhalb der Partei gehört er zum rechten Flügel, befreundete AfD-Abgeordnete finden ihn "laut", andere unerträglich. Er selbst gefällt sich sehr gut. Er beschreibt sich als "klassisch liberalen Patrioten" mit dem Motto "leben und leben lassen" und attestiert sich einen "ziemlich ausgeprägten Gerechtigkeitssinn", der treibe ihn an. Zack, noch 'ne Erdnuss.

Räpples persönlicher Feind: Schreiben nach Gehör

Grün ist es in seinem Büro, viele Pflanzen, ein Schreiben von "Compact" liegt da, ein sauberer Stapel "Junge Freiheit" zum Migrationspakt. Erstmal Lebenslauf: Realschule, Bundeswehr, Konditorlehre, zweiter Bildungsweg in Leipzig, Abendschule, irgendwann Fortbildung zum Hypnoanalytiker, Studium auf Lehramt in Freiburg (Mathe, Erdkunde, Geschichte) über ein Stipendium, "Eliteförderung", sagt Räpple. "Stipendiat in der Exzellenzinitiative der Begabtenförderung der Top-30-Dax-Unternehmen", einer von nur 70 im Jahr, "ich bin jetzt nicht grad dumm, sagen wir es mal so." Immerhin weiß das Gegenüber da schon mal, wo der Hase langläuft. Sein Studium hat er abgebrochen, er wollte das Examen eigentlich fertig machen, aber – räusper – "ganz ehrlich, ich konnte die Inhalte nicht mittragen. Das ist halt das Ding gewesen."

Die Kuschelpädagogik, dass der Lehrer morgens nicht mehr die Themen vorgibt, sondern dass die Kinder "gefragt werden, mit was man sich so beschäftigen möchte". Da sei er richtig politisch geworden. Vor allem das Schreiben nach Gehör war sein persönliches Hassobjekt, wenn Kinder statt Vater "F-a-t-a" schreiben, da kommt er heute noch nicht mit klar. Bildungsministerin Susanne Eisenmann schaffte die Methode 2016 ab. Das sei auch ihm persönlich zu verdanken, sagt Räpple. Bescheidenheit gehört nicht zu seinen Stärken.

Wenn er nicht über Politik spricht, kann Räpple ganz nett sein. Wenn er nicht über Politik spricht, kann Räpple ganz nett sein. Foto: Joachim E. Röttgers
Wenn er nicht über Politik spricht, kann Räpple ganz nett sein. Foto: Joachim E. Röttgers

Eigentlich gab es sogar vier Schlüsselmomente in seinem Leben: Punkt eins, da war er 20 und arbeitete nachts als Konditor für 333 Euro im Monat und musste, sagt er, davon auch noch Steuern zahlen. Punkt zwei: An der Hochschule merkte er, dass Beamte für nur drei Tage Anwesenheit 5500 Euro im Monat verdienen und die Kohle an der Uni nur so rausgeworfen wird für – ja, was? – für "unmögliche Dinge". Außerdem war da die Studierendenvertretung, Linke, Antifa, die sich als tolerant empfunden hätten, aber keinerlei Toleranz für ihn aufbringen konnten. Damals, so um 2012, habe er mit der Identitären Bewegung "sympathisiert", die wegen ihrer Beobachtung durch den Verfassungsschutz gerade die AfD-Jugendorganisation Junge Alternative gesprengt hat (mehr zu Räpple und der JA gibt's hier).

Punkt drei: Räpple wollte in den Hochschulrat. Drei Mal musste er durch das Bewerbungsverfahren, weil die Hochschule statt seiner eigentlich eine Studentin haben wollte. Als dann doch endlich die Zusage kam, stand drin: Herzlichen Glückwunsch – leider ist es uns nicht gelungen, eine Frau dafür zu bekommen. "Und ich so, ah, danke schön, ich bin halt so geboren. Das ist schon sehr beleidigend."

Räpple hat die Welt nicht kennengelernt als Patriarchat, in dem Frauen unterdrückt werden. Ne. Eher andersrum. Seine Eltern hatten ein Hotel, der Vater hat "in der Backstube rumgekruschtelt", die Mutter war die Chefin und habe keine Männer eingestellt, die seien nicht zuverlässig und nicht sauber. Es sei aber was anderes, wenn ein privates Unternehmen eine männerfeindliche Politik betreibe, als wenn es eine staatliche Institution täte. Er nennt das "Staatsfeminismus".

Im Hochschulrat jedenfalls hat die Gleichstellungsbeauftragte damals zu ihm gesagt, und das ist Punkt vier und die eigentliche Initialzündung, die Räpple von einem "eher unpolitischen" Menschen zu einem Politik-Rambo werden ließ: Herr Räpple, das werden Sie nicht ändern können, wenn, dann müssen Sie das Landeshochschulgesetz ändern. "Und dann hab' ich gesagt – okay, das mach' ich."

"Ich kann alles heilen"

Dann kam die AfD, er hat sie mitbegründet, hat sich als Kandidat aufstellen lassen, kam gerade noch so mit zwei Stimmen Vorsprung in den Landtag. Und dort hat er, in der 11. Sitzung im Juli 2016, eine Rede gehalten zur Abschaffung der Gleichstellungsbeauftragten und zur Optimierung des Bildungssystems: "Diese Gutmenschenpädagogik, dieser Relativismus, die Krankheit des Zeitgeistes seit 1968, diese Laissez-faire-Pädagogik ... das ist die Seuche unseres Bildungssystems." "Das war so ein kleiner Traum, der da in Erfüllung gegangen ist", er lächelt zufrieden in sich hinein bei der Erinnerung, vor allem an die Frau, die ihm damals gesagt hat, er müsse das Hochschulgesetz ändern, so als Mann. "Ja, die kennt mich schlecht, ich mach' das direkt."

Räpple lässt kein Fettnäpfchen aus. Foto: Joachim E. Röttgers
Räpple lässt kein Fettnäpfchen aus. Foto: Joachim E. Röttgers

Und dann, ja, dann saß er im Landtag und stellte fest: "Politiker ist der lockerste Job ever. Da wird einem das Geld hinterhergeschmissen, du brauchst nichts machen. Ich hab' Mitarbeiter, die machen die Arbeit, die Abgeordneten kassieren die Knete." Noch 'ne Erdnuss, Räpple kaut, knrps, knrps. Und vor allem hat er festgestellt, dass "das gesamte politische Geschäft eine riesengroße Bühne ist mit ganz schlechten Schauspielern." Und er weiß, wie man diese Bühne für sich nutzt.

Räpple hat diverse Ordnungsrufe im Landtag kassiert, wurde rausgeworfen wie ein Pennäler, der sich nicht zu benehmen weiß. Als die Fraktion sich aufgrund des Streits um den Holocaust-Leugner Gedeon spaltete, war Räpple auf Gedeons Seite, und als sich die Fraktion wieder zusammenschloss, unterschrieb er als einziger die Präambel der Satzung nicht, in der sich die Fraktion von Antisemitismus distanziert. Er war in Chemnitz, schickte über Twitter ein Foto von sich: mit Vollbart, rosa Shirt und blauem Käppi steht er grinsend vor der Marx-Büste. "Falls ich später mal gefragt werden sollte, wo ich am 27. August 2018 war, als die Stimmung in Deutschland kippte: Ja, ich war in Chemnitz dabei!" Dem Justizbeamten, der den Haftbefehl des mutmaßlichen Täters der Messerattacke von Chemnitz illegal veröffentlichte, bot Räpple eine Stelle an: "Sie sind ein Held, und genau so, wie alle meine genialen Mitarbeiter Helden auf ihrem Gebiet sind, kann ich Sie und Ihre Expertise sehr gut in meinem Team brauchen."

Mittlerweile hat Räpple ein sicheres Gespür dafür, was ihm Aufmerksamkeit bringt. Und er spielt seine Rolle mit Leidenschaft – kein Fettnäpfchen ist ihm zu schmutzig, kein Ausspruch zu fies, keine Beschimpfung zu gemein.

Aber da ist noch etwas anderes. Kürzlich kam in der ARD eine Doku über den Motivationstrainer Jürgen Höller. Nach exakt einer Stunde und einer Minute filmt die Kamera ins Publikum – tatsächlich: Da sitzt Stefan Räpple, der sich vorstellt als "hartnäckigster Heil-Hypnotiseur". Das reicht Höller nicht, da muss mehr Schmackes ran. "Wunderheilung", sagt Räpple schließlich, "ich kann alles heilen." Später wird er versichern, das sei eine Affirmationsübung gewesen und wahrscheinlich war das wirklich so. Aber diese eine Szene beschreibt ihn perfekt: Stefan Räpple ist wie Trash-Fernsehen – ganz schlimm, aber man kann nicht aufhören, hinzugucken.


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