Frau in Unterzahl: AfD-Landtagsabgeordnete Christina Baum. Fotos: Joachim E. Röttgers

Frau in Unterzahl: AfD-Landtagsabgeordnete Christina Baum. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 402
Politik

Arme Männer

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 12.12.2018
Bei keiner anderen Partei ist der Gender-Gap ähnlich groß wie bei der AfD. Und die Rechtspopulisten sorgen mit ihren Ausfällen zum Thema Geschlechtergerechtigkeit dafür, dass er sich weiter verbreitert.
Heiner Merz: Quoten sind was für "dumme, faule, wiederwärtige Frauen."
Heiner Merz: Quoten sind was für "dumme, faule, wiederwärtige Frauen."

Heiner Merz, der Abgeordnete aus Heidenheim, hat einen ganz besonderen Blick auf Deutschland anno 2018. Aus der Sicht des Informatikers mit Doktortitel ist "das System linksrotgrün versifft"; der öffentlich-rechtliche "Querfunk" produziert "gefährlichen Unsinn" und will vor allem junge Menschen "indoktrinieren", und zwar "rund um eine absurde Gedankenwelt (...), um Multikulti, um Genderwahn und um Gutmenschen-tümelnde Umerziehung"; deshalb müsse endlich mal "ganz ordentlich ausgemistet werden"; sogar die Finanzierung der "deutschen Staatskirchen" ist in Frage zu stellen, weil Kardinal Marx 50 000 Euro an eine private Seenotrettungsorganisation stiftete; und, das ist der jüngste Geistesblitz dieses Volksvertreters, Quoten "nützen nur unqualifizierten, dummen, faulen, hässlichen und widerwärtigen Frauen", die "bemühten und passend qualifizierten finden ihren Weg allein". Nur das Prädikat "hässlich" nimmt Merz später zurück, den Rest ausdrücklich nicht.

Immerhin, eine gute Nachricht lässt sich leicht herauslesen: für die Arbeit bei der AfD, in Fraktionen und Vorständen, sind also nur wenige Frauen passend qualifiziert angesichts des eklatanten Männerüberhangs. Franziska Schreiber, die Aussteigerin, die es davor bis in den Bundesvorstand gebracht hatte, weiß auch warum. Für die meisten ihrer Ex-Kollegen sei eine Frau "nur eine schöne Hülle", und wenn sie aufsteigen will, gelte sie als "Karriere-Bitch". Das Innenleben der "Alternative für Deutschland" beschreibt die Dresdenerin mit Begriffen wie "Übergriffigkeiten", "Belästigungen" und "Grenzüberschreitungen".

Populistische Polemik gegen Genderforschung

Insgesamt liegt der Männeranteil unter bundesweit rund 28 000 Mitgliedern laut Statista bei 83 Prozent. In der 21-köpfigen Landtagsfraktion sitzen zwei Frauen, im Landesvorstand keine einzige. Nach dem Geschäftsverteilungsplan ist allein der Landesvorsitzende für die Programmatik verantwortlich und der, der Karlsruher Bundestagsabgeordnete Marc Jongen, brandmarkt den "Fanatismus", mit dem (...) "die neomarxistisch inspirierte Gender-Ideologie exekutiert werden soll". Das sei "beängstigend und nimmt immer mehr totalitäre Züge an".

Jongen, der in seinen Kreisen oft als Vordenker, als Philosoph oder "Parteibrain" gerühmt wird – mit Migrationshintergrund übrigens, er kommt aus Südtirol –, trägt ebenfalls einen Doktortitel und hat immerhin etliche Jahre akademische Lorbeeren geerntet an der Seite des berühmt-berüchtigten Peter Sloterdijk, Professor in Karlsruhe und TV-Gastgeber im "Philosophischen Quartett" der ARD. Mit dem absichtlichen Missverstehen des Begriffs "Gender" steht Jongen dennoch oder deshalb für die Spitze eines Eisbergs der Desinformation, der tief in die gesamte Partei hineinragt. Weil die AfD in vielen Gemeinderäten sitzt, hat das konkrete Auswirkungen: Wenn etwa Kommunen über geschlechtergerechte Haushalte diskutieren oder darüber, dass politische Entscheidungen auch vor dem Spiegel ihrer Auswirkungen auf die unterschiedlichen Gruppen der Gesellschaft diskutiert werden müssen. In Landtagen wird regelmäßig die große populistische Windmaschine angeworfen, um gegen Genderforschung zu polemisieren, als gäbe es etwa in der Medizin keine geschlechtsspezifischen Krankheitssymptome. Ungezählte Frauen sind am Herzinfarkt gestorben, weil bei ihnen die Anzeichen ganz andere sind als bei Männern. Und internationale Abkommen sind gleich mit diskreditiert. Denn seit 1999 und dem Inkrafttreten des Amsterdamer Vertrages ist ein gesetzlich verankertes Ziel der EU, unterschiedliche Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern bei allen Entscheidungen auf allen Ebenen zu berücksichtigen.

Alice Weidel spielt gern die Rolle "zorniges Kind".
Alice Weidel spielt gern die Rolle "zorniges Kind".

Mit den Stimmen von AfD-Frauen wird in allen Wahl- und anderen Programmen eine ersatzlose Streichung von Gender-Mainstreaming gefordert. Außerdem von sämtlichen Gleichstellungsgesetzen, und selbstredend müssen diese Gleichstellungsbeauftragten weg. Wenn Letzteres vielleicht doch noch mal überdacht wird, dann nur deshalb, weil sich derzeit unter den Populisten eine neue absurde Idee breitmacht: die wirklich Benachteiligten seien die Männer. In Berlin hat die Partei, vielbeklatscht im Netz, eben die Aktion "Weiße Weihnacht" gestartet, weil "weiße Männer im Zuge einer längst aus den Fugen geratenen Gender-Kampagne in den letzten Jahren für manche zum Schimpfwort geworden" seien, wie der Fraktionschef im Berliner Abgeordnetenhaus Georg Pazderski dazu mitteilt. Die Psychologin Beate Küpper von der Hochschule Niederrhein lieferte kürzlich eine ganz andere Erklärung: "Kulturelle Modernisierungsverlierer" wollten einfach ihre Privilegien nicht teilen, "nicht mit Frauen und nicht mit Migranten", und fühlten sich eben deswegen zur AfD hingezogen: "Es sind die Männer, die erleben, Papa kriegt nicht mehr automatisch das größte Schnitzel." Dass die wenigen Frauen in der Partei dagegen nicht kämpfen, muss nicht erstaunen – sie wären sonst nicht in der AfD.

Widersprüche im Sekundentakt

In der Landesgruppe im Bundestag sind mit Franziska Gminder und Alice Weidel auch nur zwei von elf Abgeordneten weiblich und treten sehr unterschiedlich auf. Fraktionschefin Weidel hat das Alleinstellungsmerkmal des zornigen Kindes erobert, wenn sie zornig aufstampft im Berliner Plenarsaal oder ihr Manuskript aufs Rednerpult klatscht, als sei das schuld an Deutschlands Ausverkauf. Und doch verbindet alle VolksvertreterInnen vom rechten Rand diese Unfähigkeit, allein einen weniger getrübten und hysterischen Blick auf diese Republik zu werfen, ihr ganz eigener Gender-Wahn und der notorische Hang zur Provokation. Gminder, 73-jährige Großmutter von sieben Kindern, ist bundesweit bisher vor allem einmal aufgefallen: mit einer Bundestags-Anfrage, die einen Zusammenhang zwischen Migration, Behinderung und Inzucht herstellt.

Eine Kollegin der Heilbronner Diplomkauffrau ist die Saarländerin Nicole Höchst. Durchtrainiert und sportlich, mit Erfahrungen als Boxerin, sagt sie von sich selber, sie könne jeden Mann töten, wolle es aber nicht. In einer der wenigen einschlägigen Reden brachte sie es sogar fertig, einerseits "der Generation unserer Mütter" zu danken, weil die "uns die große Freiheit gebracht hat, berufstätig zu sein – ohne die Erlaubnis des Mannes"; andererseits sieht sie nur Sekunden später in erwerbstätigen Frauen mitnichten eine Errungenschaft unserer Gegenwart. Vielmehr würden sie zum Verdienen gezwungen, und die Quote zerstöre "das Ansehen Millionen freier, selbstbestimmter Frauen, die nach Ihrer Logik allen Ernstes der Hilfe bedürfen, um in den Genuss bestimmter Positionen zu gelangen". Gleichstellung für eine Errungenschaft der Neuzeit zu halten, demütige "im Grunde genommen und in Wahrheit Frauen" und sei "zutiefst sexistisch", weil "die Würdigung primärer Geschlechtsorgane zum wichtigsten Merkmal im Berufsleben" würde.

Im Kreise seiner Kollegen: AfD-Mann Stefan Räpple.
Im Kreise seiner Kollegen: AfD-Mann Stefan Räpple.

Anhaltend setzt sich die AfD für drei Gruppen von Frauen ein. Erstens für den Typ Fünfziger Jahre, der in der Aufzucht des Nachwuchses aufgeht. Zweitens erstaunlicherweise für vollverschleierte Musliminnen, ganz so als wären die außerhalb von Edelboutiquen in München, Düsseldorf oder Hamburg massenhaft auffällig im Straßenbild. Das gesetzliche Burka-Verbot, heißt es in einem Antrag im Bundestag, diene "dem Schutz des Individual-Freiheitsrechts der muslimischen Frau" – zugleich außerdem "der inneren Sicherheit und dem staatlichen Ziel der Sicherstellung des gesellschaftlichen Zusammenlebens". Drittens für die Opfer von Gewalttaten oder Übergriffen von vornehmlich muslimischen Männern. Die sind nämlich, wie der Abgeordnete Stefan Räpple gerade erst im Landtag ausführte, "nicht zehnmal, nicht elfmal, nicht zwölfmal, nicht 13-mal, nicht 14-mal, nicht 15-mal, nicht 16-mal, nicht 17-mal, sondern 18-mal krimineller als Deutsche".

Abgründe in Sachen Gendergerechtigkeit

Die hochgefährliche Republik ist derart präsent im eigenen politischen Alltag und in den sozialen Medien, dass die AutorInnen selber nicht mehr unterscheiden können zwischen Dichtung und Wahrheit, oder zwischen Realität, Satire oder Protest. Kaum im Landtag angekommen, hatte Christina Baum ein Video britischer Rechtsradikaler geteilt, das die Versteigerung von Frauen an den IS mitten in London zeigt und anprangert. Die WahrheitswächterInnen von "Mimikama" stellten richtig, es habe sich um eine Protestaktion gegen den IS gehandelt. Immerhin – einer der seltenen Lichtblicke – entschuldigte sich die Zahnärztin Baum für die Verbreitung der fake news.

Zwischen der AfD-Welt und der Realität gibt es ohnehin immer weniger oder gar keine begehbaren Brücken mehr. In Fragen der Geschlechtergerechtigkeit gähnt ein Abgrund. "Wir, die nach Herrn Merz' Ansicht 'unqualifizierten, dummen, faulen, hässlichen und widerwärtigen Frauen' der 50 Mitgliedsverbände des Landesfrauenrates, die sich in allen Bereichen für Gleichstellung und Parität einsetzen – sind entsetzt über die rhetorisch entfesselte Missachtung, sowohl des Chancengleichheitsgesetzes als auch des im Grundgesetz § 3 Absatz 2 festgeschriebenen Staatsauftrages 'Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin'" – so heißt es in einer Stellungnahme des Dachverbands der Frauenorganisation im Land. Charlotte Schneidewind-Hartnagel, die Vorsitzende und frühere Grünen-Landtagsabgeordnete nennt "die abwertende, ausgrenzende und verächtlich machende Rhetorik des AfD-Landtagsabgeordneten Merz" als ein Beispielen von vielen dafür, wie sich der Ton seit dem Einzug der AfD in den Landtag zuspitze. Und sie verlangt Konsequenzen: "Wir erwarten von den parlamentarischen Kontrollgremien, dass sie dieser frauenfeindlichen, menschenverachtenden und illiberalen Rhetorik, die Ausdruck einer grundsätzlichen Haltung in der AfD ist, eine Grenze setzt."

Am Dienstagabend befasste sich das Präsidium des Landtags, nicht eben prominent, sondern unter Punkt „Verschiedenes, e)“ tatsächlich mit Merz' Äußerungen. Rechtliche Handhabe gibt's keine, nicht einmal ein Sitzungsausschluss ist möglich, weil die Äußerungen nicht im Parlament fielen. Aber eines immerhin hat die AfD, wieder einmal, geschafft: Die Reihen der DemokratInnen sind geschlossen, die Kritik war scharf und heftig. Auch keine ganz schlechte Nachricht in Zeiten wie diesen.

Kontext schaut nach den Rechten

Wer sich als Alternative für Deutschland anpreist, muss Lösungen anbieten. Kontext lässt sich durch politische Nebelkerzen und dreiste Lügen nicht einlullen, sondern checkt die Fakten.

Zum Dossier


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!
botMessage_toctoc_comments_9210
KONTEXT per E-Mail:  

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail. Datenschutz-Hinweis

Letzte Kommentare:


Ausgabe 407 / AfD im Visier – endlich! / Gerda Breuninger / vor 1 Tag 5 Stunden
d’accord !!!














Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!