Letztes Wochenende bei der Gegendemo zur "Demo für alle": SchülerInnen setzen Zeichen. Foto: Jens Volle

Ausgabe 390
Politik

"Du schwule Sau!"

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 19.09.2018
Kein Gender-Wahn und kein Sexkoffer, keine desorientieren Kleinen und kein übergriffiger Unterricht: Die Leitperspektive zur "Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt" ist in den baden-württembergischen Schulen angekommen. Aber jetzt brauchen die LehrerInnen Hilfe.

Der Landesparteitag der AfD vor drei Jahren in der Horber Hohenberghalle stand ganz unter dem Eindruck der Flüchtlingspolitik. "Wir wollen nicht, dass sich unser Land verändert und wir wollen nicht, dass sich Deutschland in einem Strom fremder Menschen auflöst", sprach Alexander Gauland. Und danach gab es das Versprechen, Gender-Mainstreaming mit "all seinen Folgen wie Frauenquoten, Gleichstellungsbeauftragten und staatlicher Propaganda für sexuelle Minderheiten" abzuschaffen.

Unten im Saal stand Christina Baum, heute Abgeordnete aus dem Main-Tauber-Kreis, und beklagte wortreich, dass in den Kitas die "Schamgrenzen" von Kindern im Vorschulalter nicht beachtet würden beziehungsweise Kinderseelen belastet würden durch Indoktrinierung und einschlägige Utensilien. Baum und der Heidenheimer Abgeordnete Heiner Merz fungierten wenig später als Erstunterzeichner der "Magdeburger Erklärung", in der die Botschaft vermittelt wurde, "dass nicht Triebbefriedigung, sondern eine intakte Familie primäres Lebensziel" zu sein hat.

An entsprechender Agitation im Landtagswahlkampf war kein Mangel, was keinen anderen Schluss zulässt, als dass die AfD auch für solche Töne gewählt wurde; Baum und Merz in ihren Wahlkreisen mit überdurchschnittlichen jeweils 17,2 Prozent. Und manche in der CDU fühlten sich dem Grün-Rot-Bashing gar nicht so ferne, denn zur "Demo für alle" kamen UnionsanhängerInnen und MandatsträgerInnen ebenfalls, zum Beispiel Gemeinderäte. Inzwischen sind alle schwarzen EntscheiderInnen eingehaust, bis auf ganz wenige Ausnahmen, wie der stellvertretende Vorsitzende der CDU- Stuttgart-Ost, Karl-Christian Hausmann ("Ich bin der CDU wegen dem C") am vergangenen Wochenende. Die Grünen hatten den neuen Partner im Koalitionsvertrag festgelegt, wollten die Leitperspektiven auf ihre Praxistauglichkeit hin überprüfen.

Eisenmann will jetzt auch zur Demokratie erziehen

Als tauglich haben sich die offenbar bereits erwiesen, denn Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) will mit "Demokratieerziehung" gar eine weitere Leitperspektive einführen. Grundsätzlich läuft zurzeit die Evaluation der neuen Instrumente an 300 ausgewählten Schulen. Im Herbst, sagt ein Sprecher des Ministeriums, kämen die Ergebnisse auf den Tisch. Ohnehin gehe es nicht allein um "Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt", kurz BTV genannt, sondern "ganz allgemein" um die Anwendung im Unterricht. Und von Schwierigkeiten sei dem zuständigen Referat im Hause, das sogar ein "Funktionsbrieffach" eingerichtet habe, um Vorschläge direkt in Empfang zu nehmen, auch nichts bekannt. 

Dabei wäre es vergleichsweise einfach, die mannigfaltige Kritik zur Kenntnis zu nehmen. Zum Beispiel beim Thema Fortbildung. Gerade findet im Kulturhaus Karlstorbahnhof in Heidelberg ein Erfahrungsaustausch statt zur Frage, was zu tun ist bei Sprüchen, wie "Du schwule Sau!", wie mit sexueller Orientierung und geschlechtlicher Identität im Unterricht umzugehen ist, wenn man weiß, dass statistisch in jeder Schulklasse mindestens "ein bis drei direkt betroffene Jugendliche sitzen". Die Umgebung reagiere aber "oft mit Unverständnis und Ablehnung". Homosexuelle und transsexuelle Jugendliche seien häufig Diskriminierungen ausgesetzt und/oder müssten ohne dringend benötigte Unterstützung auskommen. Die zweitägige Veranstaltung ist überbucht.

Natürlich, sagen Fachleute, weil die Nachfrage groß ist, das Angebot aber mager. Nur SchulpsychologInnen bekämen eine Fortbildung und demnächst eine Handreichung, klagt die GEW in einem Positionspapier. Für die Umsetzung von BTV durch das Kultusministerium im Unterricht "gibt es keine für uns erkennbare Unterstützung für die Lehrkräfte".

Grün-Schwarz müsste sich nur an den Aktionsplan "Für Akzeptanz und gleiche Rechte" erinnern. Der stammt aus grün-roten Tagen, ist von der damaligen Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD) angeschoben worden und hat sogar Eingang in den Vertrag der Kiwi-Koalition gefunden, die sich dieser Tage wortreich und an unterschiedlichen Orten für ihre Zwischenbilanz feiert. "Die freie Entfaltung der Persönlichkeit und die volle gesellschaftliche Teilhabe setzen voraus, dass jeder Mensch, ungeachtet seiner sexuellen und geschlechtlichen Identität, gesellschaftliche Achtung erfährt und sein Leben ohne Benachteiligungen und Diskriminierungen leben kann", schreiben die ungleichen Partner unter der Überschrift "Gleichstellung verwirklichen".

Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) lobte beim diesjährigen Christopher-Street-Day-Empfang die "ganz starken Zeichen", die Baden-Württemberg setze. Jeden Tag gelte es aufs Neue "hart um Toleranz und Vielfalt zu ringen und dafür zu kämpfen, denn die sind nicht in Stein gemeißelt". Eine noch von Altpeter angestoßene Studie weist darauf hin, dass "die expliziten Angebote für LSBTTIQ-Jugendliche zum größten Teil aus der LSBTTIQ-Community selbst kommen (...) und in der sonstigen Jugend(sozial)arbeit kaum verankert sind".

Die Lehrkräfte sind auf sich allein gestellt

Der Brückenschlag zum Kultusministerium würde sich anbieten, weil auch die Schulbücher einseitig auf die Zweigeschlechtlichkeit angelegt sind. Warum das so ist, wollte die Grünen-Landtagsabgeordnete Brigitte Lösch vor der Sommerpause von der Behörde wissen und bekam nur wolkige Antworten: "Entsprechend der Zulassungsvoraussetzungen für Schulbücher in Baden-Württemberg müssen diese mit den Vorgaben des jeweiligen Bildungsplans bzw. Lehrplans übereinstimmen. Bezüglich der Leitperspektiven, auch BTV, bedeutet dies, dass das Werk in seiner Gesamttendenz klar den Leitperspektiven des Bildungsplans verpflichtet sein muss. (...) In welcher Art und Weise die Schulbuchverlage die bezüglich der Leitperspektiven genannten Anforderungen umsetzen, obliegt ihrer Verantwortung." 

Manches offenbart - ungewollt vermutlich - den eklatanten Nachholbedarf. Gerade zweimal ist bisher ein "mehrtägiger Lehrgang" zum Thema "Vielfalt der geschlechtlichen Identität und sexuellen Orientierung" angeboten worden. Und die Kultusministerin meint hervorheben zu müssen, dass er "2020 ein weiteres Mal stattfindet". Intern verweisen sich Interessierte gegenseitig auf die funktionierenden und detaillierten Verlinkungen im Bildungsplan und zu den einzelnen Fächern. Was allerdings auch bedeutet, dass Lehrkräfte auf sich selbst gestellt sind oder den Austausch über gewonnene Erkenntnisse im Wesentlichen in ihrer Freizeit organisieren müssen.

Selbst die vom Ministerium empfohlene Liste des Landesmedienzentrums umfasst zu BTV, wie die GEW herausgefunden hat, zwar viele Medien, aber vorwiegend zu den anderen Aspekten von Vielfalt, wie Behinderung oder Migration und nur sechs Angebote zu LSBTTIQ. Und die zur Fortbildung empfohlenen "MOOC Massive open online course" enthalten dazu nicht ein einziges Modul.

Dabei ist der nächste Aufreger in den Augen jener, die immer noch Hemmungen im offenen Umgang haben, längst programmiert. Das Bundesverfassungsgericht hatte im vergangenen November einer intersexuellen Klägerin recht gegeben und verlangt, dass es im Behördenregister künftig neben männlich und weiblich einen dritten Geschlechtseintrag geben muss. Christina Baum hatte nach dem höchstrichterlichen Spruch aus Karlsruhe eine reaktionäre Botschaft. "Eines weiß ich jedoch ganz sicher, und das beruhigt mich sehr", rief sie den anderen vier Fraktionen im Plenarsaal zu, "Sie können noch so viel Geld in die Hand nehmen, gegen die Natur kommen Sie trotzdem nicht an."


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4 Kommentare verfügbar

  • Jue.So Jürgen Sojka
    am 21.09.2018
    Frauenquoten – Gleichstellungsbeauftragte – Minderheiten – Desorientierung

    Diese kleine [b]Orientierung[/b] aus dem 19. Jahrhundert, die in unserer Verfassungsurkunde des freien Volksstaates Württemberg [b]vom 20. Mai 1919[/b] niedergeschrieben steht – heute ebenso noch niedergeschrieben [b][1][/b]:
    [i]„…, [b]ohne Unterschied des Geschlechts[/b], …“[/i]

    Nun, unsere "Altvorderen" haben offensichtlich grundlegendes aus den erarbeiteten Grundlagen der "Alt-Griechen" sich selbst zur Grundlage genommen:
    [b]Hermaphroditismus[/b] (gr. von Hermes und Aphrodite) – es gibt also mehr als lediglich weiblich und männlich.

    Wir übrigens, eingeschult 1961 in S-Nord Hohensteinschule, haben eine Aufklärungsfibel im Grundschul-Unterricht verwendet. Nicht ohne Aufregung unter den Eltern, die unbedingt vorab einen Elternabend wollten, an dem sie (dann) ihre Zustimmung erklärt haben (wollten).
    Naja, gefragt werden soll schon sein! Nicht dass die Kinder mit einem Mehr an Wissen aufwachsen, das nicht von den "Erziehungsberechtigten" kontrolliert ist!
    2015.10.23 Fr. 11.24 Mail ins Studio an Michael Branik http://up.picr.de/33873834rk.pdf

    Gestern WELTKINDERTAG auch im SWR Fernsehen https://swrmediathek.de/player.htm?show=40ae7510-bcf3-11e8-b070-005056a12b4c Video 14:55 Min.
    Ab Min. 10:46 Michael Matting [i]„Heute ist Weltkindertag und deshalb haben wir uns gedacht, wir lassen sie mal selbst zu Wort kommen – Die Kinder. Und hören einfach mal zu, was sie auf dem Herzen haben. …“[/i]

    [b][1][/b] neu gefasst durch die Verfassung Württembergs vom 25. September 1919 (RegBl. S.281, 300) http://up.picr.de/32533326rw.pdf Auszug:
    II. Abschnitt. Staatsgewalt.

    § 3. Alle Staatsgewalt geht vom Volk aus.

    § 4. (1) Das Volk äußert seinen Willen durch Abstimmung und durch Wahl.

    (2) Stimm- und wahlberechtigt sind, ohne Unterschied des Geschlechts, alle württembergischen Staatsbürger, die am Tage der Abstimmung oder Wahl das 20. Lebensjahr vollendet und im Lande ihren Wohnsitz haben. Das Stimm- und Wahlrecht ist gleich und wird geheim und unmittelbar ausgeübt
    • Jue.So Jürgen Sojka
      am 21.09.2018
      Genderwahn [b][2][/b] und Gentrifizierung in neuzeitlicher Verwendung – Urbanes Umfeld [b][3][/b], so der englische Begriff „gentry“ gemeint ist, der niedrige Adel kann mit höherem Status durch Aufwertung "rechnen".

      Wie übrigens bei der [b]Orientierung[/b] im 19. Jahrhundert, dieses noch auf den Hochadel begrenzt war:
      Verfassungs-Urkunde für das Königreich Württemberg, [b]vom 25. September 1819[/b]
      § 7 Das Recht der Thronfolge gebührt dem Mannsstamme des Königlichen Hauses; die Ordnung derselben wird durch die Lineal-Erbfolge nach dem Erstgeburtsrechte bestimmt. Erlischt der Mannsstamm, so geht die Thronfolge auf die weibliche Linie, [b]ohne Unterschied des Geschlechts[/b], über, und zwar so, daß die Nähe der Verwandtschaft mit dem zuletzt regierenden Könige, … ENDE Auszug

      Wer da so alles bei uns in STUTTGART die "Alten Zeiten" für sich zurück sehnt – und damit gleich für die im Volk, die unter dem Begriff
      [b]DEMOKRATIE[/b] zuallererst "[b]eigenverantwortliches Denken und Handeln[/b]"
      verstehen, Bevormundung zurückersehnt!!!

      [b][2][/b] http://de.wikimannia.org/Genderwahn Der Begriff Genderwahn wurde vom österreichischen Politiker Karlheinz Klement erstmals am 6. Juni 2008 in einer Rede im österreichischen Nationalrat verwendet. …

      [b][3][/b] Deutsches Institut für Urbanistik https://difu.de/publikationen/difu-berichte-42011/was-ist-eigentlich-gentrifizierung.html
      Der Begriff [b]Gentrifizierung[/b] wurde in den 1960er Jahren von der britischen Soziologin Ruth Glass geprägt, die Veränderungen im Londoner Stadtteil Islington untersuchte. Abgeleitet vom englischen Ausdruck „gentry“ (= [b]niederer Adel[/b]) wird er seither zur Charakterisierung von Veränderungsprozessen in Stadtvierteln verwendet und beschreibt den Wechsel von einer statusniedrigeren zu einer statushöheren (finanzkräftigeren) Bewohnerschaft, der oft mit einer baulichen Aufwertung, Veränderungen der Eigentümerstruktur und steigenden Mietpreisen einhergeht. …
  • Charlotte Rath
    am 19.09.2018
    Gegen die Natur? Da gibt es für Frau Baum und ähnlich Gesinnte ja noch einiges zu entdecken - von den menschlichen Hermaphroditen über Salatschnecken bis zum Tulpenstrauß. Oder wie wäre es mit noch "Perverserem" wie Jungfernzeugung, Männerbrutpflege oder gattungsübergreifendem Sex? Beispielsweise ahmen Pflanzen die Sexuallockstoffe von Insekten nach und bringen damit deren Männchen zur Kopulation auf den Blüten ... Schön, dass die Realität staunenswert bunter ist, als es manche menschlichen Gehirne zu denken wagen.
    • Erwin Lindemann
      am 21.09.2018
      Menschliches Verhalten und biologische Ausprägungen des Menschen mit evolutionären Seitenlinien wie Hermaphrodismus oder Jungfernzeugung gleichsetzen zu wollen, ist wie Äpfel mit Birnen zu vergleichen und zeugt von wenig Intelligenz. Alle diese Sonderwege führen in der Natur nur zu einem Ziel – und zwar der Fortpflanzung, einem zentralen Kriterium des Lebens. Die gibt es beim Menschen bekanntlich auch und hat bei uns nur wenig mit dem Bienchen und der Blüte zu tun, sondern mit einer entsprechenden und von der Natur genau vorgegebenen Interaktion zwischen MANN und FRAU. Deshalb gibt es zwei Geschlechter. Nicht mehr und nicht weniger. Alles andere ist hanebüchener Unsinn auf dem intellektuellen Niveau einer hermaphroditischen jungfernzeugenden Nacktschnecke…

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