Ausgabe 390
Kultur

Ihr Kampf

Von Michael Lünstroth
Datum: 19.09.2018
Gutachten gegen Gutachten: Der Streit zwischen dem Konstanzer Theaterintendanten Christoph Nix und dem Kulturbürgermeister Andreas Osner ist nun völlig eskaliert. In einer Sondersitzung des Kulturausschusses räumte der Bürgermeister Fehler ein.

Bei Dreijährigen ist das manchmal so: Wenn sie nicht bekommen, was sie wollen, können sie furchtbar wütend werden. Sie können dann mit dem Fuß auf den Boden stampfen, grimmig gucken und laut rufen: "Ich will aber!" Selbst gut gemeinte Ratschläge und Erklärungen, dass es jetzt beispielsweise keine gute Idee sei, mit dem Kopf voraus vom Sofa zu springen, ignorieren sie im Zweifel und machen genau das, was sie nicht sollen.

Sozial- und Kulturbürgermeister Andreas Osner (Mitte). Foto: Holger Reile
Sozial- und Kulturbürgermeister Andreas Osner (Mitte). Foto: Holger Reile

In Konstanz kann man gerade beobachten, dass auch im Kopf eines 50-Jährigen manchmal ein Dreijähriger stecken kann. Dieser Kopf gehört zu Andreas Osner (SPD), seit 2013 Sozial- und Kulturbürgermeister der Stadt. In seinem inzwischen zum Dauerzwist geratenen Verhältnis zum Theater-Intendanten Christoph Nix suchte der studierte Volkswirt offenbar verzweifelt nach irgendwas Handfestem, was er dem streitlustigen Intendanten entgegen setzen könnte. Die Idee dazu geriet abenteuerlich: Der Kulturbürgermeister beauftragte eine auf Krisenkommunikation spezialisierte Agentur mit der Frage, ob aus der Berichterstattung um die viel diskutierte Hakenkreuz-Aktion zur Inszenierung "Mein Kampf" von Serdar Somuncu im April diesen Jahres "ein Reputationsschaden" für Stadt oder Stadttheater entstanden seien (Kontext berichtete). Dass ein Kulturbürgermeister sein Stadttheater in dieser Hinsicht überprüfen lässt, dürfte seit 1945 deutschlandweit einzigartig sein.

Osner lässt zählen bis die Zahlen stimmen

Es passierte, was passieren musste: Die Geschichte wurde öffentlich. Und der Bürgermeister steht jetzt ziemlich dumm da. Denn: Die Ergebnisse seiner Analyse sind dünn. 1199 Beiträge rund um die Inszenierung haben die Gutachter gezählt. In 13 davon gebe es "eine direkte negative Zuweisung für die Stadt Konstanz", heißt es in dem Bericht. 13 von 1199 - das ist etwa ein Prozent. Das wäre eigentlich der Punkt gewesen, an dem man die Untersuchung abbricht und das ganze Theater ums Theater für erledigt erklärt. Nicht so in Konstanz. Hier ließ Bürgermeister Osner weiter sammeln und zählen. Die Gutachter sollten sich stärker auf einen möglichen Reputationsschaden konkret beim Theater umsehen. Also zählten sie weiter und fanden 343 Beiträge, in denen die Aktion des Stadttheaters negativ bewertet wurde. Die Schlussfolgerung daraus für die Gutachter: "Damit kann die Reputation des Stadttheaters als dauerhaft beschädigt gelten." Was das nun bedeutet, wird nicht weiter erläutert.

Der Preis dafür jedoch ist klar: 17.572 Euro. So viel hat diese gesamte "Medienanalyse" gekostet. Nicht nur die Kosten sowie die wenig aussagekräftigen Ergebnisse, sondern auch die Art und Weise, wie der Auftrag vergeben wurde, macht die Sache für den Bürgermeister nun ungemütlich. Intern ist er gewarnt worden vor den möglichen Folgen. Sowohl Kulturamt als auch Pressestelle rieten davon ab. Osner ignorierte das. Rückendeckung hielt er offenbar nicht für notwendig. Eine Absprache mit Oberbürgermeister Uli Burchardt (CDU) in der Sache hat es ebenfalls nicht gegeben.

Praktisch: Das Sozialamt hat noch Geld übrig

Besonders pikant an der Sache ist allerdings, mit welchen Mitteln der Bürgermeister das methodisch fragwürdige Gutachten bezahlen ließ: Die Gelder stammen aus dem Budget des Sozial- und Jugendamts, wie Osner in der Sondersitzung des Kulturausschusses am Dienstagnachmittag (18. September) einräumen musste. Wohl auch, weil im Budget der Kultureinrichtungen nichts mehr zu holen war. Dort hatte Osner zunächst nachgefragt. Stattdessen wurden die knapp 18.000 Euro aus unerwarteten Mehreinnahmen des Sozialamts entnommen. Das sei zwar mit dem Amtsleiter abgesprochen gewesen, erklärte der Bürgermeister. Aber trotzdem bleibt das der für Osner wohl heikelste Punkt in der Affäre.

Auch Christoph Nix ist kein Meister der leisen Töne. Foto: Hans-Peter Koch
Auch Christoph Nix ist kein Meister der leisen Töne. Foto: Hans-Peter Koch

Christoph Nix weiß das. Und tut alles dafür, diese Stimmung zu befeuern. Denn auch in dem 63-Jährigen steckt manchmal ein Dreijähriger. Und wenn ihm einer sein Schäufelchen aus der Hand schlagen will, dann schlägt er hemmungslos zurück. In diesem Fall in Form eines Gegen-Gutachtens, das Nix, er ist ja auch Jurist, mal flugs selbst erstellt hat. "Über den Schaden und die Schädlinge" heißt es, und es ist in Teilen so bizarr, dass man es für Satire halten möchte. Ist es aber nicht. Zwischen rechtlichen Formulierungen über den Schadensbegriff, finden sich auch persönliche Einschätzungen: "Er (Andreas Osner, d. Red.) hoffte, es hätte Kündigungen der Abos gegeben, aber es gab wegen des Stücks "Mein Kampf" nur eine einzige Kündigung. Stattdessen aber ausverkaufte Vorstellungen."

In seinen weiteren Ausführungen dreht Christoph Nix den Spieß um: "Ohne das Gutachten von Andreas Osner, wäre das Vermögen der Stadt Konstanz zweifellos um 13.000 Euro größer, insoweit ist ein berechenbarer Schaden entstanden", schreibt der Intendant. Und stellt schließlich auch noch einen Untreue-Vorwurf in den Raum ("BM Osner hat eine Treuepflicht gegenüber dem Vermögen der Stadt. (...) Es wäre zu prüfen, ob diese Pflicht verletzt wurde.")

Es ist wohl der vorläufige Höhepunkt in einer seit Jahren konfliktreichen Beziehung. Interne Disziplinierungsversuche des Bürgermeisters parierte der Intendant immer wieder mit öffentlichen Angriffen. So auch in der Debatte um seine gescheiterte Vertragsverlängerung Anfang dieses Jahres. Damals bezichtigte Nix in einer Pressemitteilung, Osner die Unwahrheit zu sagen.

Gegen Nix hatte der Bürgermeister nie eine Chance

Dass dieses Dauerduell der beiden Männer mal so ausgehen würde, hätte man ahnen können. Hier der nette, aber oft etwas ungelenk wirkende Volkswirt ohne jedes politische Gespür aus den gemütlichen Stuben der Bertelsmann-Stiftung. Dort der mit allen Wassern gewaschene, eloquente und bisweilen brachiale Jurist, Theatermann und Clown. Andreas Osner war Christoph Nix von Anfang an intellektuell und machttaktisch nicht gewachsen, sollte aber formell sein Chef sein. Das konnte nicht gut gehen. 

Gewinner in der Sache gibt es am Ende keine. Das machte auch die jüngste Sondersitzung des gemeinderätlichen Kultur-Ausschusses deutlich. Fraktionsübergreifend wurde das Handeln des Bürgermeisters missbilligt, Holger Reile von der Linken Liste forderte Osner zum Rücktritt auf. Dass dies passieren wird, ist allerdings sehr unwahrscheinlich. In der Sitzung bedauerte Osner, sein Vorgehen nicht mit dem Gemeinderat abgestimmt zu haben. Dies sei sein "größter politischer Fehler" in der ganzen Sache. Heute würde er nicht mehr so agieren, erklärte Osner. Wer indes auf einen Schlagabtausch auf offener Bühne an diesem Nachmittag gehofft hatte, wurde enttäuscht: Theaterintendant Christoph Nix erschien nicht zur als Aussprache firmierten Sitzung.

Nicht nur deshalb geht auch Christoph Nix beschädigt aus der Angelegenheit heraus. Mit seiner in dem Gutachten offen demonstrierten Unversöhnlichkeit könnte er am Ende alles kaputt hauen, was er sich seit 2006 in Konstanz aufgebaut hat. Wie ein Kind, das die Lust an seinem Spielzeug verloren hat. Eine Erkenntnis hat die Debatte allerdings gebracht: Die Posse zeigt eindrucksvoll, in welch frühkindlicher Phase die Konstanzer Kulturpolitik aktuell stecken geblieben ist. Zum Schaden für die Stadt, den man übrigens ganz ohne Gutachten feststellen kann. 


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