Lassen sich bestimmt nichts mansplainen: Nachwuchs-Feministinnen beim Women's March in Heidelberg, 2017. Foto: Joachim E. Röttgers

Lassen sich bestimmt nichts mansplainen: Nachwuchs-Feministinnen beim Women's March in Heidelberg, 2017. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 378
Debatte

Mansilencing

Von Elena Wolf
Datum: 27.06.2018
Rebecca Solnit kommt ins Stuttgarter Literaturhaus und hat ihr neues Buch im Gepäck. Die Initiatorin einer der interessantesten feministischen Wortschöpfungen fasziniert unsere Autorin schon seit ihrer Studienzeit.

Mansplaining ist im Mainstream angekommen. Oder vielleicht nur in einer Bubble, die ich für das große Ganze halte. Das aus den USA stammende Wort, das zusammengesetzt aus "man" und "explaining" die herablassende Art von Männern bezeichnet, Frauen Dinge zu erklären, weil sie davon ausgehen, dass sie mehr als die Frau über ein beliebiges Sujet Bescheid wissen, ist inzwischen bis zu meinen Eltern vorgedrungen. Das ist meist ein sicherer Indikator dafür, dass ein Thema aus dem Hochschulseminar über das Intellektuellen-Fischglas in eine allgemeinere Sphäre gehüpft ist.

Entstanden ist der Begriff in der feministischen Bloggerinnen-Szene nach 2008. Initialzündung war Rebecca Solnits Essay "Men explain things to me". Zwar hatte die Menschenrechtlerin und Feministin das Wort "Mansplaining" selbst nicht verwendet. Jedoch ein Phänomen beschrieben, das viele Menschen zunächst für eine persönliche Beobachtung, gar ein persönliches Problem hielten: Ein Mann, der auf einer Party ein Gespräch mit einer Frau dominiert, ungeachtet dessen, dass die Frau Vollprofi im Gegenstand des Gesprächs ist. In Solnits Fall fragte sie der Gastgeber einer Party nach den Büchern, die Solnit veröffentlicht hatte. Als sie dabei ihr Buch über den Fotografen Eadweard Muybridge erwähnte, wollte der Gastgeber mit seinem Wissen um ein ganz besonders wichtiges Buch über ebendiesen Fotografen punkten. Der Witz war, dass es sich dabei um Solnits Buch handelte – und er sein breit vorgetragenes Wissen außerdem aus einer Rezension darüber hatte. Diesen Moment beschreibt mein englisches Lieblingswort wie es kein deutsches kann: awkward. Superhardcorepanne.

Rebecca Solnit – eine der herausragendsten Feministinnen unserer Zeit

Schnell verbreitete sich Mansplaining in der US-amerikanischen Medienwelt und wurde verwendet, um Supermännlichkeits-Männer des öffentlichen Lebens, wie etwa den Republikaner Mitt Romney oder Texas-Gouverneur Rick Perry zu beschreiben. Ein Wort war geboren, um eine männliche Verhaltensweise zu bezeichnen, die durch dominantes Auftreten in öffentlichen Räumen das Machtgefälle zwischen Männern und Frauen zementiert und die Frau nicht ernst nimmt. Mittlerweile hat es Mansplaining sogar ins Oxford English Dictionary geschafft.

Auch ich war begeistert von dieser Wortschöpfung und hatte endlich einen Begriff für den klassischen Party-Honk im Ärmel, der in einen feucht-fröhlichen Stehkreis platzte, und meinen Monolog über meine Masterarbeit (Thema: "Final Girls – Frauenbilder und Kampf um Hegemonie im Splatterfilm") mit halbsteifen Expertisen an sich riss. Mit "mansplain mich nicht voll!" war schnell Ruhe im Karton. Nicht, dass ich dieses Wort gebraucht hätte, um den Mann in seine Schranken zu weisen. Doch es gefiel mir, dass ich ein Zauberwort kannte, das meine persönliche Aversion zu einer öffentlichen Angelegenheit machte. Dabei war mir schnell klar, dass es nicht nur Männer sind, die auf eine herablassende Art anderen Menschen Dinge erklären. Ich tat es auch manchmal. Auch Männern gegenüber. Schuldig im Sinne der Anklage: Ich womansplainte.

Karikatur: Oliver Stenzel

Der Grund, weshalb sich das weibliche Äquivalent "Womansplaining" nicht durchgesetzt hat, ist jedoch ein Paradebeispiel absurder Momente in der never ending Geschlechterstory: Hatte ich es mit dem Womansplaining mal wieder übertrieben, reagierten die betroffenen Männer oft mit auffällig zuckenden Augenlidern und der Frage, ob ich sie für Idioten halten würde. Ungeachtet weiterer Ausführungen über die tatsächliche Trottelhaftigkeit mancher männlichen Subjekte, machte mir diese Reaktion sofort bewusst, dass sich durch meine Party-Agitation ein unschönes Machtgefälle ergab – ohne, dass ich dieses bewusst herbeiführen wollte. Manchmal habe ich dann gesagt, dass im Duden neben dem Wort "Womansplaining" ein Bild von mir zu sehen sei und beide konnten wieder drüber lachen. Fisch geputzt. Weil mann sich artikuliert hat. Ganz einfach.

Kastrationsängste auf der Testo-Seite der Macht

Klar ist diese These nicht übertragbar auf das institutionalisierte Zum-Schweigen-Bringen von Frauen, die nach einer Vergewaltigung in vielen Ländern der Welt einen männlichen Zeugen nennen müssen, damit ihre Anklage vor Gericht zulässig ist. Klar wirkt sie im großen Zusammenhang überheblich, weil irgendwo auf der Welt immer Leute sitzen, die größere Probleme haben – leider . Doch unter diesem Horror-Aspekt wird das Wort "Mansplaining" in westlich geprägten Teilen der Erde nicht gebraucht, auch wenn Solnit ein eindeutiges Kontinuum des Wirkmechanismus feststellt.

Viele Menschen halten einfach zu oft die Backen bei herablassenden Laberattacken – weil sie den Mansplainer nicht vor den Kopf stoßen möchten. Dazu kommt, dass das Phänomen von einer der herausragendsten Feministinnen unserer Zeit, eben von Rebecca Solnit, beschrieben wurde und so zu einer feministischen Angelegenheit, einem "Frauending" wurde. Und das wiederum triggert auf der Testo-Seite der Macht Kastrationsängste. Weil immer noch zu wenige Erdlinge verstanden haben, dass Feminismus eigentlich Allemenschismus heißen müsste und zum Ziel hat, allen Geschlechtern ein entspannteres Leben zu bereiten. Weil Freiheit immer noch als Größe gedacht wird, die kleiner wird, wenn man sie mit anderen teilt. Weil Feminismus eben kein "Frauending", sondern ein Ding von allen ist und kein Mann ein Attribut seiner Männlichkeit verliert, wenn er sich für Frauen einsetzt.

Da die lustige feministische Reise nach Besserwelt jedoch wahrscheinlich nicht in diesem Jahrhundert erfolgreich beendet sein wird, und FeministInnen weiterhin als sexuell frustrierte Störenfriede wahrgenommen werden, die einfach nicht akzeptieren wollen, dass doch eigentlich alles molto geilo sei, würde ich gerne ein neues Wort zur weiteren allgemeinen Erregung einführen: "Mansilencing". Männer, die schweigen. Ein Phänomen, auf das Rebecca Solnit auch in ihrem neuen Buch "Die Mutter aller Fragen" eingeht. Neben anderen scharfsinnigen Beobachtungen der heutigen Geschlechterverhältnisse gibt es in der Essaysammlung auch einen Text über männliches Schweigen. Und seine Geschichte ist ein Beweis dafür, dass die Ordnung des Patriarchats auch für Männer eine einzige große Entsagung ist.

Auch Männer sind Opfer des Patriarchats

Solnit macht hier klar, dass Männer nicht eines Tages auf die Welt kommen und sich dazu entscheiden, Frauen zu unterdrücken. Die Stärke ihres Feminismus liegt darin, herauszuarbeiten, dass auch Männer Opfer der Welt sind, in die sie geboren werden. Sie zitiert an einer Stelle die afroamerikanische Literaturwissenschaftlerin belle hooks, die sagte, dass der erste gewaltsame Akt, den das Patriarchat Männern abverlange, nicht die Gewalt gegen Frauen sei. Das Patriarchat verlange hingegen von jedem Mann psychische Selbstverstümmelung, um emotionale Anteile in sich selbst abzutöten. Ein Mann, der diese Selbstverkrüppelung nicht betreibe, müsse damit rechnen, dass patriarchalische Männer Machtrituale einsetzen, die sein Selbstwertgefühl angreifen. Für die Ordnung des Patriarchats müssen sich Männer also zunächst selbst zum Schweigen bringen. Müssen verlernen, mit sich selbst zu kommunizieren über Aspekte ihres Innenlebens und Ichs.

Bislang stand einem Mann, der sich selbst gern reden hört, in den meisten Fällen (mindestens) eine Frau gegenüber, die schweigt. Doch mit "Mansilencing" könnte eine neue Ära im feministischen Diskurs anbrechen. Ich bin gespannt, ob dieses Thema auch aus dem Fischglas hüpft.

 

Info:

Rebecca Solnit kommt am 2. Juli mit ihrem neuen Buch "Die Mutter aller Fragen" zur Veranstaltungsreihe "I am not. Feminismus in Literatur, Kultur und Gesellschaft" ins Literaturhaus Stuttgart, Breitscheidstraße 4. Moderation: Annette Bühler-Dietrich. Eintritt 5-10 Euro.


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