Ausgabe 371
Gesellschaft

Männlichkeit ist keine Marotte

Von Kim Posster
Datum: 09.05.2018
An Christi Himmelfahrt ist es wieder soweit. Am sogenannten Vatertag werden unzählige Männer ihrer Einhegung im Privaten entfliehen, um zusammen mit andern Männern und einem Fass Bier auszuziehen und Männlichkeit zu feiern. Doch dazu gibt es keinen Grund.

Wenn das Wetter gut ist, werden an Christi Himmelfahrt viele Männer Unmengen an Fleisch auf Grills werfen. Manche werden T-Shirts tragen, auf denen Sprüche stehen wie "Vegetarier kommt aus dem 'Indianischen' (sic!) und heißt: Zu blöd zum Jagen!". Aber vor allem werden sie trinken, sehr viel trinken. Die klassische Aktivität des Herrentages ist eine Wanderung mit einem Bollerwagen voller Alkohol, meist Bier, der am Ende der Wanderung geleert sein muss. Für viele bleibt das aber nicht der einzige Wagen für diesen Tag. Denn den leer getrunkenen Bollerwagen ersetzen viele der nun dementsprechend vollen Herren mit ihrem PKW, mit absehbaren Konsequenzen. An Christi Himmelfahrt explodiert die Verkehrsunfallrate alljährlich.

Es ist ziemlich leicht, darüber den Kopf zu schütteln, die Augen zu verdrehen und sich vielleicht sogar ein bisschen über solche Männer lustig zu machen. Besonders wenn man als Bildungsbürgerbengel früh gelernt hat, seine Männlichkeit nicht über Grölen und Trinkfestigkeit zu beweisen, sondern Souveränität eher über ironischen Humor und intellektuelle Erhabenheit herzustellen. Doch wahrscheinlich betäuben auch sie ihre Unfähigkeit zu Trauern mit Coolness und Rauschmitteln. Wahrscheinlich liegen auch unter ihrem lockeren Umgang mit ihren Freunden, die eigentlich doch nur Kumpel sind, Gefühle der Einsamkeit und Entfremdung. Und wahrscheinlich sind auch sie beides: Täter und Opfer, Komplizen und Betroffene des Patriarchats. Anstatt also 'Gute Männer, Böse Männer' zu spielen, soll hier über das Leiden von Männern als Männer gesprochen werden. Und warum es so schwer ist, über dieses Leiden zu reden, ohne an den allseits herrschenden Antifeminismus im allgemeinen und Männerrechtsdiskurse im Besonderen anzuschließen.

Eine Schippe mehr Männlichkeit ist nicht die Lösung

Die Männerrechtsbewegung oder der "Maskulismus" hat nämlich viele Ähnlichkeiten mit dem Geist des Vatertages. Beide versprechen sie Kompensation und eine Art Auszeit in einer anderen Lebenswelt für Männer, die von den Anforderungen ihres Lebens überfordert oder schlicht belastet sind. Und beide versprechen sie als Heilmittel eine extra Schippe Männlichkeit mehr. Oder ist es nicht bezeichnend, dass Männer, die in unserer Gesellschaft nach wie vor sehr viel weniger an dem Heranwachsen ihrer Kinder beteiligt sind, wenig bis keine Elternzeit nehmen und in der geschlechtlichen Arbeitsteilung Putz-, Pflege- und Sorgearbeit immer noch den Frauen in ihrem Leben überlassen, ihre Vaterschaft dadurch feiern, dass sie ohne ihre Familie in der Öffentlichkeit Raum einnehmen, um im Männerbund unter sich zu sein? Als wären Betriebsfeiern, Fussballspiele oder schlicht jeder beliebige Kneipenabend nicht Möglichkeit genug.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Dass das Leben als Mann voller Entbehrungen und Leid ist, ist, vorsichtig gesagt, äußerst plausibel. So beschreibt der britische Journalist und Autor Jack Urwin, dass die Rate frühzeitiger Tode bei Männern ungefähr anderthalb mal so groß ist, wie bei Frauen. Die Hauptgründe: Selbsttötungen (nach nicht diagnostizierter Depression), Sucht (meist Alkohol) und fehlende Selbstsorge. Was Urwin hingegen von Maskulisten unterscheidet, ist, dass er nicht so tut, als ob das Geschlechterverhältnis ein Nullsummenspiel wäre und der Fakt einer größeren Betroffenheit von Männern in einzelnen Punkten, ein unumstößlicher Beweis gegen jeden Feminismus sei. Statt sich im eigenen Opfermythos zu suhlen, schaut Urwin genau hin und befragt auch seine eigene Geschichte. Wer sich nämlich wirklich für die Ursachen spezifisch männlichen Leids interessiert, landet dort, wo er angefangen hat: bei Männlichkeit.

Denn es ist die herrschende Männlichkeit und ihr Credo des "Stell dich nicht so an", die es Männern so schwer macht, Hilfe anzunehmen, über ihre Ängste zu reden und sich um sich selbst und andere zu sorgen. Und es sind nicht Frauen und schon gar nicht Feministinnen, die diesen Problemen gegenüber ignorant sind und von denen die Gewalt ausgeht, die Männer einschränkt, emotional aushöhlt und verletzt. Es sind maßgeblich andere Männer: Der erste Mann, der mich schon als Konkurrent behandelte, bevor mich andere Jungen verprügeln konnten, der mich herabwürdigte, beschämte und missachtete, war mein Vater.

Feminismus ist für alle da?!

Liberale Feministinnen haben deshalb immer wieder versucht, Männer in das feministische Projekt einzuladen und auf gemeinsame Interessen hinzuweisen. Von Chimamanda Ngozi Adichies "We Should All Be Feminists" bis zur Rede von Emma Watson vor der UN lautet die Botschaft: Feminismus ist kein Männerhass. Ihr Männer seid mehr als das, was das Patriarchat von euch verlangt und Gleichberechtigung geht uns alle etwas an.

Das klingt nicht nur sympathisch. Darin steckt viel Wahres. Trotzdem dethematisiert eine zu versöhnliche Kritik von Sexismus zumindest tendenziell, dass männliches Leiden und männliche Vorherrschaft eng miteinander verzahnt sind. Feminismus bedeutet nämlich mehr als ein Projekt der Chancengleichheit und Gleichberechtigung, an dem dann alle, die guten Willens sind, teilhaben können. Bei Feminismus geht es zentral um die Kritik an Herrschaft. Und zwar nicht um irgendeine Herrschaft, sondern um männliche. Neben dem Herrentag gibt es unzählige Möglichkeiten für Männer, die Narben ihrer Gewordenheit durch eine extra Portion Männlichkeit zuzukleistern und Vorteile aus der Männerhierarchie und Dauerkonkurrenz zu ziehen, die ihr Leben bestimmt. Sei es in der allgemeinen Dominanz der Starken und Durchsetzungsfähigen, den männerbündischen Strukturen in Betrieben und Vereinen oder schlicht der kapitalistischen Grundordnung, welche die konkurrenzfähige Verfolgung des Eigeninteresses einfordert und belohnt.

Dass dabei vor allem Frauen verdrängt und eingeschränkt werden, sollte offensichtlich sein. Und jeder Verweis auf männliche Gewalterfahrungen, der ignoriert, dass Männer ihr Leid allzuoft mit der Erniedrigung von Weiblichkeit kompensieren, wird trotz aller korrekt zitierten Fakten zur antifeministischen Lüge. Männlichkeit ist keine Marotte und entsteht auch nicht aus bösem Willen, sondern in einer gesellschaftlichen Herrschaftsposition, die sich nicht nur in Abgrenzung zu anderen Männlichkeiten herstellt, sondern zentral gegenüber Weiblichkeit. Neben der alltäglichen Brutalität gegen Frauen, deren sexualisierte Natur durch Me Too zumindest etwas mehr ins öffentliche Bewusstsein gedrungen ist, gibt es unzählige Beispiele von Männern, die ihrer Wut über ihr Scheitern am Männlichkeitsideal und ihre leicht bröckelnde Dominanz in der Gesellschaft handfeste Taten folgen lassen. Den traurigen Höhepunkt findet diese strukturelle Männergewalt im konkreten Feminizid, dem Mord an Frauen, weil sie Frauen sind. Ein Phänomen, dass erst seit kurzem wieder Beachtung findet.

Männliches Leiden im feministischen Kontext

Deshalb ist der Verweis auf männliches Leid oft so reaktionär. Verständnis und Rücksicht wird dann eingefordert, wenn es feministische Forderungen abschwächt. Denn sobald es um Männer als Betroffene und Opfer geht, soll damit ihre patriarchale Komplizenschaft verdeckt werden. Wie männliches Leid verhandelt wird, muss deshalb immer im (feministischen) Kontext betrachtet werden. So ist es zwar richtig und wichtig, sich vor allem mit Männern darüber auszutauschen, inwiefern grenzverletztendes Verhalten erst an sich selbst gelernt werden muss. Etwa indem mann lernt, (Köper-)Grenzen zu missachten und Sensibilität als Schwäche zu interpretieren. Nur sollte das dem entschlossenen Einschreiten gegen (sexualisierte) Männergewalt nie entgegenstehen: Betroffene können mehr als ein Lied davon singen, dass sozialpädagogisches Verständnis in konkreten Situation der Übergriffigkeit selten sonderlich hilfreich waren. Auch wenn es prinzipiell gut wäre, brauchen die betreffenden Männer in diesem Fall keine Lektüreempfehlung von Laurie Pennys "Fleischmarkt", um zu begreifen, dass sie kein Anrecht auf Frauenkörper haben, sondern auf einen möglichst kräftigen Schlag ins Gesicht.

Es ist also bitter nötig, über männliches Leid zu reden. Aber ein Reden ohne die Kritik des Patriarchats und der widersprüchlichen Position des Männlichen selbst darin, steht zurecht im Verdacht, männliche Souveränität da wieder aufbauen zu wollen, wo es darum gehen müsste, sie zu überwinden. Dass es dieses Reden fast nicht gibt, ist ein Problem des Feminismus, aber nicht seine Schuld. Es liegt vor allem an der herrschaftsstützenden Ignoranz und der abgewehrten Verunsicherung von Männern, dass männliches Leiden nicht emanzipatorisch zur Sprache kommen kann. Daran etwas zu ändern, liegt deshalb vor allem in der Hand von eben diesen Männern, die im solidarischen Austausch mit Feministinnen anfangen könnten, sich selbst, ihr Leid und die Verhältnisse, die es hervorbringt, zu hinterfragen und gemeinsam dagegen aktiv zu werden.

In Deutschland gab es einst eine soziale Bewegung, die sich diesem Vorhaben verschrieben hatte. Sie machten zwar "Männerpolitik", waren aber nicht maskulistisch, sondern "pro-feministisch". Sie sprachen über ihre Unsicherheiten und Utopien, dachten Gefühle, Sexualität und Politik zusammen und denunzierten das Patriarchat und seine Männergewalt, ohne so zu tun, als ob sie selbst kein aktiver Teil davon wären. Es ist traurig, aber bezeichnend, dass es sie nicht mehr gibt und dass sich fast niemand mehr an sie erinnert. Aber vielleicht ein umso besserer Grund, um neue Versuche in diese Richtung zu wagen, wie sie teilweise auch schon unternommen werden. Und wer weiß: vielleicht wird sich dann Christi Himmelfahrt irgendwann als "Anti-HERRschaftstag" angeeignet? Das wäre zumindest ein Herrentag weniger im Jahr. Fehlen noch 364 weitere Tage.

 

Kim Posster ist 26 Jahre alt und lebt in Leipzig. Er ist ein unbefriedigter Student der Sexualwissenschaft und forscht zu Antifeminismus und "penetrierter Männlichkeit" aus heterosexueller Perspektive. In dem monatlich stattfindenden Polit-Café "Männlichkeit im Widerspruch" redet er gern mit anderen über (Pro-)Feminismus, die Überwindung des Patriarchats und gute Kuchenrezepte. Zusammen mit anderen betreibt er eine Informations- und Vernetzungsseite zu pro-feministischer Männerpolitik: https://kritmaen.noblogs.org.https://kritmaen.noblogs.org/


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3 Kommentare verfügbar

  • Nicht Sicher
    am 12.05.2018
    Gibt es eine Quellenangabe, wo „Die Männerrechtsbewegung oder der „Maskulismus“ Männlichkeit als Heilmittel verspricht? So was habe ich noch nie gelesen? Es gibt andere Gruppen die das tun, aber die haben i.d.R. keine Bezug zu Männerrechtlern oder verachten diese sogar.

    Btw.: Immer wieder lustig wenn Feministen anderen eine Opferideologie vorwerfen, wo doch ihre Erklärung für alles ist das da Frauen diskriminiert werden. Das gleiche mit dem Nullsummenspiel: das ganze 50:50 geredet basiert doch genau da rauf.

    Lachhaft!
  • David Sohn
    am 09.05.2018
    Musste beim Lesen herzlich lachen und hab dann konditioniert ein Bier aufgemacht.
    Also ich kenne niemand, der gegen seinen Willen zu einen Vaterschaftsumzug oder Grillen gezwungen wurde. Der Tag steht für jede Freizeitaktivität zur Verfügung.
    Die höhere Sterblichkeit der Männer ist auch auf dem Umstand zurückzuführen, daß sie die gefährlicheren und körperlich anstrengenderen Jobs machen. Der Anteil der Handwerkerinnen oder Bauarbeiterinnen ist doch sehr überschaubar.
    Das Zitat "Feminismus ist (manchmal) kein Männerhass" möchte ich um das Wort manchmal ergänzen. Im Gegensatz zu früher ist das heute eher Feminarzissmus.

    Ich freu mich so auf die Grillparty morgen, auch wenn es vermutlich regnen wird.
    P.S.: Der Verfasser dieser Zeilen bügelt seine Hemden selber.
    • Martin Wolters
      am 09.05.2018
      Sind Frauen bessere Menschen, Herr Posster ?
      Oder sind zumindest Feministinnen bessere Frauen ?
      Sind Sie als Pro-Feminist besser als andere Männer, die sich nicht so bezeichnen würden ?
      Ich weiß bis heute nicht - nach dem ca. tausendsten Männer-Bashing, in welchen Kontext ich das lesen soll und warum immer nur die ANDEREN über sich reflektieren sollten.

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