Erschnupperte die Wechselstimmung: Martin Horn. Fotos: Rita Eggstein

Ausgabe 371
Debatte

Piep, piep, piep, ich hab dich lieb

Von Gastautor Matthias Deutschmann
Datum: 09.05.2018
In Freiburg wird ein Laienprediger Oberbürgermeister. Er heißt Martin Horn, hat Veilchen verteilt und eins kassiert, viele Hände geschüttelt und an Haustüren geklingelt. Ein Kabarettist wundert sich darüber, wie das in Green City funktionieren konnte.

Sein Wahlkampf konnte nur so erfolgreich sein, weil Martin Horn – nach eigener Aussage – schon bei seinem ersten Sondierungsbesuch in Freiburg die Wechselstimmung gewittert hat. So eine Geschichte klingt besonders überzeugend, wenn man gerade einen sensationellen Wahlerfolg hingelegt hat.

Die "Badische Zeitung" hatte noch zu Beginn des Wahlkampfs keinerlei Wechselstimmung wahrgenommen und daher auf die üblichen Umfragen und statistischen Rechenspiele verzichtet. Der grüne Amtsinhaber Dieter Salomon hatte seine erneute Kandidatur schon vor einem Jahr bekanntgegeben und konnte im Herbst 2017 noch in Ruhe beobachten, dass sich die SPD mit der Suche nach einem Herausforderer schwer tat. Gerüchte gingen um, die SPD werde noch rechtzeitig vor Weihnachten eine veritable Kandidatin präsentieren.

Die CDU hatte erst gar nicht versucht, sich einen eigenen Kandidaten vorzustellen. Vorgeschobene Begründung: Keine Wechselstimmung in Freiburg. In der Tat wurde Salomon schon bei seinem knappen Wahlsieg 2010 von der CDU unterstützt. Seit 2016 regiert in Stuttgart mit Grünschwarz eine Rarität, die auf kommunalpolitischer Ebene seit 2002 in Freiburg klinisch getestet wurde. Mit Erfolg, aber auch mit Folgen. Salomon setzte auf Wachstum. Freiburg wurde noch attraktiver. Eine Schwarmstadt zum Schwärmen.

Aber nicht für alle. Die Bevölkerung wuchs um gut 30 000 und damit stiegen auch die Immobilienpreise und die Mieten. Es ist sehr schwer, in Freiburg eine Wohnung zu finden und der Wahlkämpfer Horn demonstrierte ein überaus empathisches Verständnis der Mietproblematik, ist er doch gleich dreimal in seinem viermonatigen Wahlkampf mit seiner Familie umgezogen. Schicksal oder Inszenierung? Jedenfalls ein perfekter Wahlkampf, der auf der Straße mit öden Plakatbotschaften wie "Öko? Logisch!" oder "24 Jahre? Zeit für den Wechsel" begann und sich dann im Internet zu einer scheinbaren kommunalen Omnipräsenz steigerte.

Offline machte Horn biedere und bürgernahe Angebote: "Auf ein Bier mit Horn" oder "Einen Korn mit Horn." Er klingelte an Türen, schüttelte Hände und er verteilte Hornveilchen, von denen er – nach eigener Aussage – eines am Wahlabend zurückbekam. Mit Nasenbeinbruch und Platzwunde unter dem Auge meldete sich der Wahlsieger aus der Uniklinik per Facebook bei seinen Fans.

Keine Frage, dieser Mann weiß, wie Öffentlichkeit hergestellt wird. Er hat eine perfekte Welle hochgeschaukelt, die nicht zu brechen war. Schon gar nicht durch das Manöver des Amtsinhabers, der wenige Tage vor dem zweiten Wahlgang von "Salomon" auf "Dieter" umschaltete. "Dieter wählen!" Das klang dann doch zu anbiedernd und einfach nicht glaubwürdig. Während Salomon sich im weißen Hemd mit offenem Kragen präsentierte, erschien Horn auf seinen Finish-Plakaten mit Anzug und Krawatte, bereit, die Amtsgeschäfte zu übernehmen.

Aber wer ist dieser Überflieger Martin Horn? Bis jetzt wissen wir zu wenig. Die Antwort wird er im Amte geben müssen. Die Generalsekretärin der Südwest-SPD, Luisa Boos, hat sein Talent erkannt und ihn nach Freiburg gelockt. Nun ist ein Europakoordinator und Laienprediger kein typischer Sozialdemokrat. Die SPD ist wohl zur Erkenntnis gekommen, dass mit parteieigenem Personal in der Green City kein Blumentopf zu gewinnen ist. Wohl aber mit einem politischen Frischling, einem jungen Mann, der sich unter die Leute mischt, zuhören kann und dessen Evangelium lautet: Brücken bauen, Gräben zuschütten und Freiburg gemeinsam gestalten.

In vereinfachter Form hat vor Martin schon Guildo Horn diese Botschaft durchgefunkt: "Piep, piep, piep, ich hab Dich lieb und als Liebesbeweis schick ich Himbeereis." Bei Martin Horn waren es Hörnchen.

Ich habe mit einer Großanzeige die Freiburger gefragt: "Ist es möglich, mit Floskeln und Händeschütteln in Freiburg Oberbürgermeister zu werden? Sind 16 Jahre Amtszeit eines Oberbürgermeisters Grund genug, um die Verantwortung einem Mann anzuvertrauen, der politische Inhalte scheut, dafür aber um so freundlicher an den Türen klingelt?" Diese Fragen kamen zu spät. Das Hosianna-Fieber war bereits ausgebrochen: Der Retter in größter Wohnungsnot war erschienen.

Es ist schon irre! In welcher deutschen Großstadt werden die steigenden Mieten dem Oberbürgermeister zum persönlichen Vorwurf gemacht? Salomon war nicht der arrogante und entrückte Sonnenkönig, zu dem er jetzt von interessierter Seite stilisiert wird. Noch in der Wahlnacht träumte der SPD-Vize Brütting im Hornfieber von einem Dominoeffekt: Heute war es Salomon, morgen ist der Kuhn in Stuttgart dran und übermorgen jagen wir den Kretschmann aus der Villa Reitzenstein.

Hat in Freiburg der Aufstand gegen die Grünen und ihre "Transformation in eine CDU mit Faible für Insektenschutz" ("Stuttgarter Zeitung") begonnen? Ist es wahr, dass Kretschmann wieder in der Mao-Bibel liest? "Ein Funke vermag einen Flächenbrand zu entfachen." Erleben wir jetzt eine SPD-Renaissance? Kann die SPD von sich selbst genesen? Wird Martin Horn sie gesund beten?

Erst einmal müssen die Erfinder des Oberbürgermeisters Martin Horn diesen in das schwere Amt einführen. Das kann lange dauern und schon im nächsten Jahr stehen Kommunalwahlen ins Haus. Möglicherweise ist die Euphorie bis dahin längst verflogen und für den Mann, der am Weltlachtag die Wahlen gewann, ist dann Schluss mit lustig.

 

Matthias Deutschmann lebt in Freiburg, ist Kabarettist und Autor und spielt regelmäßig im Stuttgarter Renitenztheater.


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1 Kommentar verfügbar

  • Bernd Oehler
    am 09.05.2018
    Man weiß nicht so genau, bei wem es piept, insbesondere, wenn man der Badischen Zeitung von gestern dies entnehmen konnte:
    »Die Stadträtinnen und Stadträte verteilen sich seit der Kommunalwahl 2014 auf sieben Fraktionen und eine Gruppierung. Das machte die Mehrheitsfindung schon bisher spannend. Es bestand zuletzt eine strategische Mehrheit jenseits des Oberbürgermeisters. Die Einführung der 50-Prozent-Quote für den sozialen Wohnungsbau und verschiedene umstrittene Haushaltsanträge wurden mit 25 zu 24 entschieden. Denn: SPD, Unabhängige Listen (UL), Freiburg Lebenswert/ Für Freiburg (FL/FF), Junges Freiburg/Die Partei/ Grüne Alternative (JPG) und SPD kamen auf eine Stimme mehr als Grüne, CDU und Oberbürgermeister Salomon.«
    Wie es aussieht, war Salomon bei der Wahl in etwa auf das CDU-Klientel zurückgeworfen worden – wer noch echt grün oder links denkt, hatte ja eine Alternative. Das Ergebnis von Monika Stein (24 Prozent in der Stichwahl) hat interessanterweise eher bescheidenes Aufsehen verursacht . Noch schöner ist natürlich, dass ein AfD-naher Schwurbler im ersten Wahlgang mit 2,6 Prozent komplett abschiffte.

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