So stellt man sich die Steinzeit vor: Zeichnung im Württembergischen Landesmuseum. Zeichnung: Benoît Clarys, Fotos: Joachim E. Röttgers

So stellt man sich die Steinzeit vor: Zeichnung im Württembergischen Landesmuseum. Zeichnung: Benoît Clarys, Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 362
Zeitgeschehen

Ich Mann. Du Frau

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 07.03.2018
Der Mann jagt Mammuts, die Frau kocht und kümmert sich in der Höhle um die Kinder. Das ist das immer noch gängige Bild vom Leben in der Steinzeit. Bloß: Diese Vorstellung stimmt so nicht.

Vorn sitzt ein Mann, er scheint etwas zu nähen oder zu reparieren. Weiter hinten hält eine Frau etwas über das Feuer, während eine andere ein Kind auf dem Schoß hat. Eine dritte naht links, Feuerholz herantragend.

Schräges Bild: Steinzeitfrauen beim Kochen, Holz holen und mit Kind.
Schräges Bild: Steinzeitfrauen beim Kochen, Holz holen und mit Kind.

2012 hat das Landesmuseum Württemberg unter dem Titel "Legendäre Meisterwerke" den Rundgang durch seine Sammlung eingeweiht. Die Attraktionen der Steinzeit-Abteilung waren damals acht kleine Mammut-Elfenbeinfigürchen, darunter die "Venus vom Hohlen Fels". Es sind mit die ältesten Kunstwerke der Welt. Sie stammen aus den Höhlen Hohler Fels, Vogelherd oder Geißenklösterle auf der Schwäbischen Alb, die seit Juli 2017 zum Unesco-Weltkulturerbe gehören. 2008 ausgegraben, befinden sie sich heute im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren.

Wer den kaum sechs Zentimeter hohen Figürchen zum ersten Mal gegenübersteht, ist enttäuscht. Vor allem Kinder, für die soll das Landesmuseum nach der erklärten Absicht der Direktorin Cornelia Ewigleben auch da sei, lassen sich von den kleinen Figürchen wenig beeindrucken. Aber wenn sie sich das Leben der eiszeitlichen Mammutjäger plastisch vorstellen können, sind sie schnell zu begeistern. Dieser Vorstellung helfen die Zeichnungen auf die Sprünge.

Die Vorstellung der Steinzeit bekommt Risse

Es sind Bilder, wie sie auch in anderen Museen oder in Schul- und Kinderbüchern zu finden sind. Sie entsprechen dem jeweils aktuellen Stand der Wissenschaft, aber sie reproduzieren häufig ein Rollenverständnis, das in den zweihundert Jahren, seit es eine Ur- und Frühgeschichte gibt, immer für selbstverständlich gehalten wurde: Auf die Jagd gehen nur Männer. Frauen hüten das Feuer und die Kinder, allenfalls gehen sie noch ein paar Früchte und Feuerholz sammeln.

Millionen Jahre alt, aber irgendwie unspektakulär ...
Millionen Jahre alt, aber irgendwie unspektakulär ...

Doch seit der Eröffnung des Rundgangs hat dieses Bild Risse bekommen. Die große Ausstellung "Ice Age Art" 2013 im British Museum wollte nicht nur beweisen, dass Elfenbeinfigürchen wie die Venus vom Hohlen Fels große Kunstwerke waren, die schon Picasso bewunderte. Die Kuratorin Jill Cook war der Meinung, dass Frauen diese Figuren hergestellt hatten. Im selben Jahr war im Frankfurter Senckenberg-Museum die Rekonstruktion eines Mädchens zu sehen, das so gar nicht dem bisherigen, zotteligen Bild der Eiszeitmenschen entsprach: Schwarze glatte Haare, das Gesicht teilweise schwarz bemalt, trug sie um die Schulter einen eleganten Pelz und sah den Betrachter interessiert mit großen Augen an. An einem um den Hals gelegten Band hing ein Elfenbeinfigürchen.

Das Colombischlössle, Freiburgs archäologisches Museum, wagte 2014 einen Frontalangriff auf die alten Geschlechtermythen. "Waren in der Urzeit tatsächlich Männer Jäger und Frauen Sammlerinnen?", fragt schon die Ankündigung der Ausstellung, die im Titel "Ich Mann. Du Frau" an das Tarzan-Klischee anspielt und auch im Untertitel ein Fragezeichen setzt: "Feste Rollen seit Urzeiten?"

"Nein – Männer und Frauen haben keine festen Rollen seit Urzeiten", antwortet die Schweizer Archäologin Brigitte Röder im von ihr herausgegebenen, umfangreichen Begleitband. "Die Idee vom steinzeitlichen Jäger alias 'Ernährer' und der Sammlerin alias 'Hausfrau und Mutter' ist eine Fiktion."

... Figuren aus Mammutelfenbein im Landesmuseum.
... Figuren aus Mammutelfenbein im Landesmuseum.

Aufsehen erregte in neuerer Zeit die Meldung, die Oberarmmuskulatur von Steinzeitfrauen sei stärker ausgebildet gewesen als bei heutigen Profi-Ruderinnen. Und eine Untersuchung von 84 Skeletten der späten Stein- und frühen Bronzezeit im österreichischen Lechtal ergab, dass die Männer eher sesshaft waren und die Frauen aus weit entfernten Regionen stammten. Auf der Suche nach einem Partner scheinen sie sich auf Wanderschaft begeben zu haben.

Wie aber kommt es, dass die Rollenverteilung der Steinzeit lange Zeit so fest zementiert war? Die Wissenschaft der Ur- und Frühgeschichte ist ungefähr so alt wie die bürgerliche Gesellschaft. Dass der Mann berufstätig und die Frau an Heim und Herd gebunden sei, ist eine zutiefst bürgerliche Idee. Die französische Philosophin Elisabeth Badinter, die sich in ihrem Buch "Emilie, Emilie. Weiblicher Lebensentwurf im 18. Jahrhundert" mit zwei außergewöhnlichen Frauenkarrieren dieser Zeit beschäftigt hat, stellt fest, dass sich die Chancen für Frauen im Zuge der Aufklärung keineswegs verbessert hätten: im Gegenteil.

"Nicht mehr das 'ganze Haus', wie zu Beginn des 18. Jahrhunderts, sondern zunehmend die Dissoziation von Familien-und Erwerbsleben bestimmte die gesellschaftliche Organisation im ausgehenden 18. Jahrhundert", schreibt auch die Erziehungswissenschaftlerin Heide von Felden zur "Geschlechterkonstruktion und Frauenbildung im 18. Jahrhundert" und Jean-Jacques Rousseau schrieb: "Männer, für eigentumsfähig und berufsfähig erklärt, wurden zu Bürgern mit politischem Einfluss und Frauen, für finanziell abhängig von Vätern oder Ehemännern erklärt, blieben Abhängige ohne direkte politische Einflussmöglichkeit."

Das Bild der treusorgenden Ehefrau, wie es Rousseau beschreibt, übertrugen die männlichen Forscher nun auch auf die Steinzeit. Es schien ihnen der natürlichen Ordnung zu entsprechen, die gerade in der Urzeit, vor den Verderbnissen der Zivilisation, noch Gültigkeit hatte. Diese scheinbar natürliche Ordnung entdeckten sie in den frühesten Zeiten der Menschheit wieder und bestätigten so in einem Zirkelschluss, dass es schon immer so war.

Schier übermenschliche Anstrengungen gefordert

Die französische Philosophin Elisabeth Badinter hat sich ihr Leben lang mit Frauen- und Männerrollen beschäftigt. Aufsehen erregte 1980 ihr Buch über "Die Mutterliebe", in dem sie diese als Mythos beschrieb, der im Zuge der Aufklärung entstand. Mit "XY – die Identität des Mannes" hat sie 1993 eine Studie veröffentlicht, die über die gängigen Geschlechterzuschreibungen weit hinausgeht. Ausgehend von den Erkenntnissen verschiedener Wissenschaftszweige – von der Anthropologie bis zur Entwicklungspsychologie – verfolgt Badinter die Mannwerdung von der Entwicklung vor der Geburt über die Kindheit bis hin zur Adoleszenz. Ihre Grundthese: Während die Frau einfach Frau sein kann, muss der Mann, um zum "richtigen Mann" zu werden, schier übermenschliche Anstrengungen vollbringen.

Um nur zwei der zentralen Momente herauszugreifen: Als Kleinkind leben Jungen wie Mädchen in einer symbiotischen Einheit mit der stillenden Mutter. Während sich die Mädchen aber weiterhin mit der Mutter identifizieren können, müssen sich die Jungen von ihrer ersten Identifikationsfigur abgrenzen. Daher der Zwang, aktiv zu sein – während zugleich die Sehnsucht nach der wohligen Passivität des Säuglingsdaseins immer bestehen bleibt. In der Pubertät müssen die Jungen sich dann überall auf der Welt Initiationsriten unterwerfen, die ihre Männlichkeit auf die Probe stellen. Mädchen werden dagegen einfach zur Frau, wenn die Menstruation einsetzt. Sie müssen sich nicht eigens beweisen.

Steinzeitmann beim Werkzeugmachen.
Steinzeitmann beim Werkzeugmachen.

Diese "Differenzierung zum Mann" könne zu einem regelrechten Frauenhass führen, schreibt Badinter und führt Beispielen aus der Literatur an, von Günter Grass bis Philipp Roth. Hart, aktiv, eben "männlich" sein zu wollen, resultiere aus dem Bedürfnis, sich von der Passivität der frühen Kindheit zu lösen und von der Frau zu unterscheiden. Hinter der Härte steckt laut Badinter jedoch eine große Verletzlichkeit, ja Hilflosigkeit, die darin besteht, die weiblichen Bestandteile der eigenen Identität nicht akzeptieren zu können.

Diesem "verstümmelten Mann" stellt die Wissenschaftlerin im letzten Kapitel das Gegenbild des "versöhnten Mannes" entgegen, der nun auch seine Rolle als "guter Vater" entdeckt. Dabei stehe ihm nicht nur die Männerwelt im Wege, welche die Rolle, sich um die Kinder zu kümmern, den Frauen zuschiebt. Vielmehr, schreibt Badinter über ihre Beobachtungen, dass Frauen zwar gern in Männerdomänen eindringen würden, aber von ihrem Bereich, nämlich der Kindererziehung, ungern etwas abgeben.

Was sagt das über die Steinzeit? Zumindest dass das heute wieder im Wandel befindliche bürgerliche Modell, das bei allem feministischen Protest rund 200 Jahre lang die Geschlechter-Rollenverteilung bestimmte, für frühere Zeiten nicht als gegeben angenommen werden kann. Badinter verweist auf die amerikanische Anthropologin Margaret Mead, die bei Forschungen in der Pazifikregion festgestellt hatte, dass es unter den Südsee-Insulanern ganz verschiedene Rollenmodelle gab: kriegerische Machos ebenso wie ausgesprochene Softies. Dass Meads Thesen nicht unangefochten blieben, hatte für Badinter wenig Bedeutung, die weitere Beispiele für "die männliche Vielfältigkeit ... von einem Ende der Welt zum anderen" anführt.

Neuere Untersuchungen heutiger Jäger- und Sammlergesellschaften zeigen, dass es zwar meistens Männer sind, die auf Großwildjagd gehen. Aber kleinere Tiere jagen Männer und Frauen oft gemeinsam. Hier zeigt sich, wie aktuell Kinderbücher zuweilen sind. Geschrieben von Frauen und gelesen von Mädchen, wollen sie keineswegs antiquierte Rollenbilder propagieren. Die Archäologin Almut Bick etwa zeigt auf dem Cover ihres 2013 erschienenen Buchs "Eiszeitjäger" einen Mann mit Speer und eine Frau mit Pfeil und Bogen. Inwieweit sich die Steinzeitmänner auch um die Kinder kümmern, blieb dagegen in der Forschung ebenso wie in bildlichen Darstellungen bisher ausgespart.


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