Ausgabe 362
Gesellschaft

Das entbehrliche Geschlecht

Von Minh Schredle
Datum: 07.03.2018
Der Mann ist aus biologischer Sicht nützlich, aber nicht unverzichtbar. Bei Säugetieren degeneriert seine genetische Grundlage seit Jahrmillionen unaufhaltsam. Einziger Hoffnungsschimmer ist der transkaukasische Mull-Lemming.

Die Mutation ereignete sich, soweit Forscher den Fall rekonstruieren können, vor einem Vierteljahrhundert, vermutlich in einem süddeutschen Aquarium. Wenig später gelangte der Marmorkrebs auf unbekannte Weise in die Freiheit. Nicht nur macht der Krebs mit der namengebenden Marmorierung auf dem Panzer – Triggerwarnung für besorgte Bürger! – als invasive Spezies dem autochthonen Edelkrebs Ressourcen und Lebensraum strittig. In den noch jungen Jahren ihrer Existenz gelang es der Art sich quer durch Europa bis nach Japan und sogar Madagaskar auszubreiten.

Empfängt so unbefleckt, dass er die Jungfräulichkeit im Namen trägt: Marmorkrebs, auch bekannt als Procambarus virginalis. Foto:
Empfängt so unbefleckt, dass er die Jungfräulichkeit im Namen trägt: Marmorkrebs, auch bekannt als Procambarus virginalis. Foto: Chucholl C., CC BY-SA 3.0

Während das allein manchem schon Grund genug zur Sorge ist, muss das Fortpflanzungsverhalten des Marmorkrebs erst recht blankes Entsetzen hervorrufen: Denn sie vermehren sich durch apomiktische Parthenogenese. Weniger wissenschaftlich heißt das: Um ihre Art zu erhalten, braucht es weder Männer noch Sperma. Marmorkrebse sind ausschließlich weiblich, ihr Gengut ist immer identisch, sie klonen sich, und das im Schnitt alle acht Wochen rund 120 Mal. Die katholische Kirche hat sich das vermutlich anders erhofft: Endlich eine jungfräuliche Empfängnis – und dann ist ausgerechnet die ein Beleg, dass Rippenspender Adam und seine Geschlechtsgenossen für den Zeugungsprozess obsolet sind.

Manchmal kommt es eben faustdicke. Da plagt sich das männliche Geschlecht ohnehin schon durch eine postmoderne Identitätskrise, werden selbstverständlich gewähnte Rollenbilder dekonstruiert, und nun wird auch noch auf Basis empirischer Evidenz die Existenzberechtigung des gesamten Sexus' in Frage gestellt. Für Phallusfreunde sind die biologischen Befunde junger Jahrzehnte definitiv deprimierend: Wäre die Menschheit ein Bauprojekt, wäre der Mann so was wie die Brandschutztür. Brauchbar als Katastrophenvorsorge, falls mal was schief geht. Immerhin schützt genetische Vielfalt, wie sie aus dem sexuellen Austausch von Erbgut resultiert, vor Viren und Epidemien. Wenn das Immunsystem eines Individuums also einer Krankheit nichts entgegenzusetzen hat, muss das bei einer gut durchmischten DNS nicht das Aussterben der ganzen Art zur Folge haben. Für Klone sieht es hingegen düster aus.

Zum stationären Samenspender degradiert

Bei gut 99,9 Prozent der Tierarten hat sich daher die geschlechtliche Fortpflanzung etabliert. Doch es gibt durchaus Beispiele erfolgreich überlebender Arten, die ganz ohne Männer auskommen. Etwa Amazonenkärpflinge. Die haben ihre maskulinen Vertreter schon vor 100 000 Jahren abgeschafft, seitdem frönt der sittenlose Süßwasserfisch dem sogenannten Sexualparasitismus. Schamlos missbraucht er die Männlein nah verwandter Arten, um die Entwicklung der eigenen Eizellen anzuregen, ohne aber das Sperma seiner Opfer anschließend weiterzuverwerten: Für das Erbgut der Nachfahren, das mit dem des Muttertiers identisch ist, sind die Samen völlig irrelevant. Somit demonstriert der Amazonenkärpfling, dass auch die vaterlose Vermehrung Jahrtausende überdauern kann, wenn der immer wieder kopierte Genpool nur resistent genug ist

Doch die Natur droht dem männlichen Geschlecht mit Schicksalen, die weitaus schrecklicher sind, als einfach nur ersetzt zu werden oder auszusterben. Das wahre Grauen lauert dabei selbstverständlich in der Tiefsee. Tausende Meter unter Wasser, wo ein Großteil der Geschöpfe so hässlich ist, als ob sie genau wüssten, dass sie da unten eh niemand entdeckt, hat sich das Sein einen beispiellos entwürdigenden Fortpflanzungsprozess einfallen lassen, um das männliche Geschlecht auf eine groteske Karikatur zu reduzieren: Der männliche Anglerfisch wird bei der Paarung zu einem lebendigen, aber hirnlosen Hodensack.

Tiefsee-Schönheit Anglerfisch, hier ohne Anhängsel. Foto: Theodore W. Pietsch/University of Washington, CC BY 3.0

Statt Genmaterial per Geschlechtsakt auszutauschen, beißt sich das winzige Männlein im Rücken seiner vielfach größeren Angebeteten fest und verwächst dort auf Lebenszeit zu einem ominösen Anhängsel. Als solches fristet es fortan, unter fast vollständiger Einstellung aller Gehirnaktivitäten und zum stationären Samenspender degradiert, sein Dasein und wird von der Gattin, bis dass der Tod sie scheidet, durchgefüttert. Dieser durch vollkommene Selbstaufgabe hart erarbeitete Platz ist dann zu allem Überdruss noch nicht einmal exklusiv: An den Weibchen mancher Arten baumeln, oh liederliche Tiefseewelt, bis zu acht Zwergmännchen.

Als wären das allein noch nicht genug Hiobsbotschaften für die v-förmige, breitschultrige, muskelbepackte Krone der Schöpfung ist ein Befund aus dem Reich der Natur ungleich schockierender als alle anderen: "So stolz mancher Schwanzträger laut Lehrbuchpsychologie auf seinen Penis ist, so sehr sollte ihn beim elektronenmikroskopischen Blick auf dessen genetische Wurzel Selbstmitleid, ja Entsetzen befallen", war schon 2003 in der FAZ zu lesen. Denn das Y-Chromosom, also der Teil der Erbanlagen, der männliche Säugetiere mit Penissen zur Welt kommen lässt, ist, wie Forscher damals herausfanden, seit 300 Millionen Jahren einer durchgängigen Degeneration ausgesetzt und verkümmert somit unaufhaltsam.

Ein verdammnisvorbeugender Entrepreneur mit fragwürdigem Namen

Und es kommt noch dicker: "Aus Sicht von Parasitologen gleichen Männchen eher einer Seuche, die das Weibchen befällt", schrieb der "Der Spiegel" schon vor Jahren: "Die Befruchtung einer Eizelle mutet an wie der Überfall eines Schmarotzers: Das Spermium bohrt sich wie ein Virus in die Eizelle und nutzt deren Ressourcen, um seine eigene DNS von ihr kopiert zu bekommen. Das Ei, ausgestattet mit allen Nährstoffen, trägt die männlichen Gene weiter – allein auf Kosten der Mutter." Der Genetiker Steve Jones betont, männliche Lebewesen seien zwar "kostspielig und ineffektiv, aber wenn sie erst einmal entstanden sind, wird man sie nicht wieder los." Es sei denn, die ganze Art stirbt aus – was durch das Männersiechtum unserer Chromosomen laut Jones eine reale Bedrohung für die Menschheit, ja sogar für die Säugetiere insgesamt darstelle. Bis zu unserem endgültigen Ableben geben uns Biologen je nach Pessimismusgrad noch zwischen 125 000 und 10 000 000 Jahre. Ein Zeitfenster, das recht vage ausfällt. Und wenigstens noch ein bisschen Spielraum für unberechenbare Entwicklungen offen lässt.

Der Tesla des Tierreichs: Im Blick des Mull-Lemmings glänzt Erfindergeist.
Der Tesla des Tierreichs: Im Blick des Mull-Lemmings glänzt Erfindergeist. Foto: Михайло Колесніков / Марина Коробченко, GPL

Denn einige Forscher haben ihre Rechnung offenbar ohne den transkaukasischen Mull-Lemming gemacht. Der ist, trotz Ähnlichkeiten im Aussehen, gar kein echter Lemming. So viel ist jedenfalls sicher, auch wenn Autoritäten der Nagerforschung streiten, ob man ihn den Wühlmäusen zuordnen kann oder ob er seinen eigenen Tribus begründet. Was diesen eigentümlichen Grenzgänger noch mehr zum Sonderling macht, ist der Umstand, dass er sich ganz ohne Y-Chromosom fortpflanzt und dennoch zu etwa gleichen Anteilen weibliche und männliche Nachfahren zeugt. Wie genau er dieses Wunderstück bewerkstelligt, gibt gegenwärtig noch Rätsel auf. Womöglich handelt es sich bei dieser Innovation um ein tragfähiges Zukunftsmodell und der Mull-Lemming wird, wenn auch unter fragwürdigem Namen, als verdammnisvorbeugender Entrepreneur in die Geschichte der Säugetiere eingehen.

Ach, und noch eine Bemerkung zum Abschluss. Wie groß nur die Empörung wäre, mag sich manch einer bei der Lektüre dieses männerhassenden Machwerks ereifern, wenn einer es wagen würde, das weibliche Geschlecht als entbehrlich zu bezeichnen?

Nun, zum einen wäre das schlichtweg falsch. Denn im Gegensatz zu autonomen Eizellen ist bislang kein Beispiel bekannt, dass Spermien allein für den Zeugungsprozess ausreichen würden. Zum anderen ließe sich sehr treffend anmerken, dass biologistische Argumentationen in Bezug auf Menschen immer problematisch sind, da diese keine Sklaven ihrer Gene oder Geschlechter sind. Sollten aber die bemitleidenswerten Gestalten, an denen sämtliche Errungenschaften von Emanzipation und Aufklärung fruchtlos vorbeigezogen sind, eine herbeifabulierte Überlegenheit des Mannes noch im Jahr 2018 mit naturgegebenen Umständen untermauern wollen, sollten sie spätestens jetzt die Schnauze halten.


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