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Angriff der Wurst-Väter

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Die Latte-macchiato-Mutter hat Konkurrenz bekommen. Coole Väter sorgen für neue Munition in der Eltern-Klischeekiste. Das ist genauso nervig wie die weibliche Version, sorgt aber immerhin für Geschlechtergerechtigkeit. Eine lästerliche Betrachtung.

Neuerdings verbringen auch hippe Väter die Vormittage mit ihren Kleinkindern, statt ihre High Performance in der Agentur zu pitchen. In knallharter Abgrenzung zur Latte-Mutti müssen sie das jedoch möglichst männlich tun. Im Prenzlauer "Papa-Café" soll das "Kind im Manne" angesprochen werden. Einmal die Woche heißt es Carrera-Bahn und Kicker statt Stricken und Backen. Amaranth-Müsli und Seitan-Aufschnitt werden gegen Käse- und Salamibrötchen getauscht. Der Kaffee ist selbstverständlich schwarz. "Die Atmosphäre ist locker, die Besucher lustig", schwärmt ein junger Vater und Autor der "Berliner Zeitung" ("Die coolen Väter aus Prenzlauer Berg"). Und macht sich lustig über "gewöhnliche Mutti-Krabbelgruppen". "Immer locker, immer entspannt."

Mit ihrem Gegenentwurf wollen gut situierte Prenzlberg-Vatis wohl zeigen: "Hey, ich kann machen, was eigentlich Frauen sonst tun, und bin trotzdem ein richtiger Kerl!" Neben der biodynamischen Smoothie-Mami scheint sich der Wurstbrot-Papa zu etablieren. Dabei hingen uns die Macchiato-Mütter schon zum Hals heraus.

Die Soja-Latte-Mutti ist kein Berliner Hipster-Klischee. Sie sitzt auch im Stuttgarter Süden in sackteuren Fair-Trade-Klamotten den halben Tag im Szenecafé und stopft sich Zucchini-Feta-Quiche zwischen die Backen. Wahlweise schlürft sie zuckerfreie Bio-Smoothies für sechs Euro (kein Witz!) aus roher Roter Bete und Wildberries mit kompostierbarem Strohhalm. Das tut sie zusammen mit anderen superhippen Muttis, mit denen sie auch jetzt noch im Oktober stundenlang am Marienplatz abhängt, um wahnsinnig busy abzumuttern.

Wer in Kindernähe Mittag macht und raucht, wird mit bohrendem Blick in den Gulag geschickt. Wer ihr im Bus nicht subito einen Sitzplatz neben ihrem Bugaboo-Kinderwagen anbietet, kann sich eigentlich gleich selbst bei der Behörde für ungeschriebene Gesetze anzeigen. Derselben Behörde übrigens, auf der Anzeigen gegen Unmenschen entgegengenommen werden, die es nicht "bubu" finden, wenn der kleine Kackstift in einer Lautstärke minutenlang "Dadadadada" kreischt, dass die Busfenster platzten, wenn sie nicht so dick wären.

Von der Prenzlberg-Mutti unterscheidet sich die Stuttgarter Version jedoch durch ein wichtiges Add-on: den SUV. Diesen Großstadt-Panzer bekommt sie vom hard workin' Papa verpasst, damit die Süßen auch schusssicher ins Mutter-Kind-Yoga rollen. Oje, mieses Genderklischee! Leider aber mit wahrem Kern. Es sind immer noch überwiegend die Väter, die weiter arbeiten gehen, wenn Casper-Finn da ist. Da kann Mutti noch so emanzipiert tun, wild am Lenkrad kurbeln und ein Diplom in Whatever haben. Geht's drum, was man mit dem Spross anstellt, verfallen auch AkademikerInnen oft in Jahrzehnte zurück, in denen das Wort "Herd" ein Synonym für "Frau" war.

Und jetzt greifen in der Hochburg der Hipster auch noch coole Väter an. Bleibt nur zu hoffen, dass die Berliner Wurst-Vater-Welle nicht nach Stuttgart schwappt. Dass es nun ein "Papa-Café" gibt, zeigt nur, wie weit wir davon entfernt sind, das, was nach dem Kinderkriegen stattfindet, gleichberechtigt zu denken und auszuführen. Lieber reproduzieren wir weiterhin bescheuerte Geschlechterklischees. Tolle Wurst. Als ob's irgendwen juckt, wer schwarzen Kaffee und wer Smoothies trinkt!


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2 Kommentare verfügbar

  • Weltenbummler2016
    am 08.11.2016
    Antworten
    Warum kommt so wenig Zustimmung? HERRLiCH ist ja wohl das Mindeste! Für mich fehlt noch die Beschreibung der EinkäuferInnen bei Feinkost Böhm (PIECH).
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