Ja, wenn das so ist ...

Ausgabe 285
Gesellschaft

Himmel oder Hölle

Von Elena Wolf
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 14.09.2016
Die Gläubigkeit der Großelterngeneration wurden bei vielen kritischen jungen Menschen verdrängt. Durch Aufklärung, Ratio und ein Quäntchen Arroganz. Doch wenn es um den Kirchenaustritt geht, kommen viele FeministInnen, Revoluzzer und andere Weltverbesserer ins Schleudern. Denn die christliche Sozialisation sitzt tiefer als gedacht.

Bei Sevinç (30), Jessica (29), Markus (32) und Martin (40) ist das Private politisch. Wie jeden Dienstag sitzen sie mit weiteren FreundInnen in Markus' WG in Bad Cannstatt. Spielen "Trivial Pursuit" oder Quizze. Süffeln mitgebrachte Getränke und qualmen wie die Schlote. Reden über Marx, Adorno oder Judith Butler. Diskutieren aktuelle Gender-Debatten anhand von Selbsterlebtem aus Bus und Büro. Dann streiten sie leidenschaftlich über ihre unterschiedlichen Haltungen zu Prostitution, Pornografie, Israel oder die Verbannung des Begriffs "Neger" aus ihrem Wortschatz. Als eine Freundin in der gemütlichen Wohnküche des Altbaus gesteht, dass sie (wieder) Fleisch isst, zieht Martin vorwurfsvoll die Augenbrauen hoch. "Ein Loch in der Matrix" sei es schon, wenn man Weltverbesserin sei, aber trotzdem Tiere esse, bemerkt er spitz. Alle Anwesenden haben irgendwas mit Menschen, Aristoteles und Ratio studiert. Gott und Religion sind nur dann Thema, wenn man sich darüber lustig machen kann.

Als Sevinç sich nach einer Quizfrage über den Papst darüber echauffiert, dass Markus, Jessica und Martin noch in der Kirche sind – "einem Laden, der allem widerspricht, für das ihr steht!", ist die höchste Eskalationsstufe gezündet. Das Ende vom Lied: Die quizzenden GeisteswissenschaftlerInnen und sozialen ArbeiterInnen aus Bad Cannstatt haben sich in einen Gruppenstreit bis morgens um drei hineingesteigert. Und zwar nicht im Jahr 1968, sondern 2016.

Das Thema "Kirche" ist seit den Achtundsechzigern nicht ausdiskutiert. Zwar sinkt die Zahl der Kirchenaustritte seit Mitte der 1960er-Jahre zunehmend. Doch während im Rekordjahr 2014 noch rund 218 000 Katholiken und 270 000 Protestanten deutschlandweit der Kirche den Rücken gewendet haben, traten im Jahr 2015 nur noch 182 000 Katholiken und 210 000 Protestanten aus den christlichen Institutionen aus. Nach der Veröffentlichung der aktuellen Kirchenstatistiken diesen Sommer freute sich der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, sogar über die gestiegene Zahl an Taufen und Trauungen im Vergleich zum Vorjahr und dem Wunsch nach den Sakramenten der Kirche.

Kirchenaustritte haben abgenommen

Dass sie die kirchlichen Statistiken mit in die Höhe treiben, finden die Kirchenmitglieder vom linken Spieleabend nicht gut. Da der Kexit, wie der Kirchenaustritt an diesem Abend getauft wurde, in Baden-Württemberg aber bis zu 60 Euro kostet, verlaufen Ausstiegsgedanken oftmals im Sand. Schnell kommt auf den Tisch, dass Jessica, Markus und Martin als SozialarbeiterInnen Job-Probleme bekommen könnten. Große Träger deutscher Sozialeinrichtungen, wie Caritas und Diakonie, dürfen als "Tendenzbetriebe" von ihren Angestellten verlangen, dass sie katholisches oder evangelisches Kirchenmitglied sind. "Das ist eine Riesenfrechheit. Wir müssen Kirchenmitglieder sein, um anderen Menschen helfen zu dürfen", sagt Jessica wütend.

Doch schnell wird klar, dass da noch etwas anderes ist, das den Exit verhindert: Sozialisation und gesellschaftliche Moralfallen. Die sind auch der Grund, weshalb sich Feministin Sevinç kaum mehr auf dem Stuhl halten kann. "Ihr labert den ganzen Abend von Revolution und Emanzipation, aber bei der Kirche seid ihr so klein mit Hut", poltert die konfessionslose Deutschtürkin. "Das kannst du nicht verstehen, Sevinç", mault Martin zurück. "Du weißt nicht, wie das ist, wenn du mit dem Kram aufgewachsen bist!" Dann folgt das klassische Totschlagargument: "Die Kirchen unterstützen ja auch gute Sachen", sagt Sozialarbeiter Markus.

Die Kirche ist trotz Marx-Verehrung ("Religion ist das Opium des Volkes") nicht völlig in den geistigen Papierkorb gewandert. Schlummert im Hirnkasten, wie der letzte Endgegner der eigenen Emanzipation. Ein blinder Fleck, dem mit noch so viel Kritischer Theorie und Horkheimer nicht beizukommen ist. Was bringen 20 Semester Gender-Studies, wenn die Schwester ein Kind bekommt und man nicht Taufpatin sein kann? Was, wenn der Oma das erzkatholische Herzerl bricht? Alle Kirchenmitglieder in der WG haben mindestens eine Geschichte auf Lager, die zeigt, dass die Causa Kirchenaustritt moralisch vertrackt ist.

Als Markus nach einem schweren Snowboardunfall mehrere Monate im Koma liegt, hat er später erfahren, dass seine Mutter zusammen mit einem evangelischen Pfarrer für ihn gebetet hat. "Klar isses total bescheuert, aber ich finde das schön, wenn ich zurückdenke", gesteht er.

Dass man sich kritisch mit dem Kirchenaustritt beschäftigt, findet der Stuttgarter Katholikenchef Christian Hermes okay. "Wenn jemand wegen der Missbrauchsskandale aus der Kirche austritt, oder weil sich als Feministin das Weltbild nicht mit dem der Kirche deckt, dann verstehe ich das", erklärt der Stadtdekan. Die Probleme von Menschen, wie die der linken Quizrunde, kann er jedoch nicht ganz nachvollziehen. Der Ausschluss aus der Kirche und die damit verbundenen Sanktionen hätten keinerlei Auswirkungen auf das soziale Leben von Menschen, denen Gott und Religion schnurz sind. "Man hat keine Nachteile, was den Service der Kirche betrifft", weiß Hermes. Denn auch wenn man aus der Kirche ausgetreten sei, könne man Dienstleistungen von kirchlichen Sozialeinrichtungen trotzdem in Anspruch nehmen. Selbst wer ohne Kirche sakralen Flair bei der Hochzeit möchte, müsse sich keine Sorgen machen: "Für 'nen Tausender kann sich jeder 'nen Ritenfuzzi buchen, der das in irgendeinem Schloss genau so macht, wie sie wollen." Nur eben nicht in der Kirche.

Stuttgarter Katholikenchef Hermes versteht Kirchenaustritte

Jüngst hätte sich sogar der emeritierte Papst Benedikt XVI. dafür ausgesprochen, dass es einen Unterschied machen müsse, ob sich jemand von der steuerpflichtigen Kirchenmitgliedschaft verabschiede, oder sich bewusst von Gott und Glauben abkehre. Doch das ist nach deutschem Recht formal nicht möglich. "Es ist auch nicht sinnvoll, wenn man erwartet, dass die Kirche hier in Deutschland all die Aufgaben weiter übernimmt, die sie eben übernimmt", erklärt Hermes.

Das ist des heiligen Pudels Kern: Die moralischen Bedenken von Jessica, Martin, Markus und vielen anderen beim Verlassen der christlichen Gemeinde sind nicht Ergebnis einer unentschiedenen Frage nach Gott und Glauben. Vielmehr haben 2000 Jahre christliche Tradition dafür gesorgt, dass sie in einer Gesellschaft leben, die Menschen mit der Unterschrift auf der Kirchen-Austrittserklärung in zwei Gruppen spaltet: vollwertige Mitglieder des christlichen Abendlandes. Und Abtrünnige, denen unterstellt wird, sie würden sich nur der Steuer entziehen, die alle anderen bezahlen müssen. Mit Glauben hat das am Ende jedoch auch nichts zu tun. Deshalb macht Stadtdekan Hermes in der Praxis auch keine Unterschiede. Wenn er im Beichtstuhl sitze, nehme er auch jemandem die Beichte ab, wenn er wisse, dass er oder sie ausgetreten ist. "Sonst kann man ja nicht mal beichten, dass man ausgetreten ist", lacht der Katholik.

Am Ende des Spieleabends in der Bad Cannstatter WG versucht Martin Sevinç zu beschwichtigen: "Eigentlich bringt's ja gar nix, aus der Kirche auszutreten. Wenn man einmal getauft ist, bleibt man für immer Christ", sagt er und lacht. Vielleicht entscheidet sich die kirchliche Zukunft der WG ja aber auch mit der Einführung des Online-Kirchenaustritts, wie er vor Kurzem in Norwegen eingeführt wurde. Dort haben sich innerhalb einer Woche 15 000 Menschen von ihrem Kirchendasein verabschiedet.


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3 Kommentare verfügbar

  • Adelheid
    am 16.09.2016
    Also, irgendwie liest sich der Artikel wie ein verlängertes "Wort zum Tag" der evangelischen Kirche. Könnte so auch von der Kirchenredaktion des SWR verfasst worden sein. Kann man machen, aber besser im evangelischen Gemeindeblatt oder in chrismon. Oder gibt es bei Kontext jetzt eine Kirchenquote wie beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk?
    Verhalten und Figuren in dem Artikel sind so klischeehaft - wenn es diese WG in der Realität so nicht geben würde, müsste man sie erfinden.
    Den Vogel schießt folgende Passage ab: "Der Ausschluss aus der Kirche und die damit verbundenen Sanktionen hätten keinerlei Auswirkungen auf das soziale Leben von Menschen, denen Gott und Religion schnurz sind. 'Man hat keine Nachteile, was den Service der Kirche betrifft', weiß Hermes." Nun weiß Hermes sicher auch, dass es bei MitarbeiterInnen von kirchlichen Einrichtungen bzw. BewerberInnen durchaus einen Unterschied macht, ob man in der Kirche ist oder nicht. Vor allem in Gegenden, wo die Mehrheit der Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft ist und man wenig Ausweichmöglichkeiten hat. Dieses Detail wird nonchalant übergangen. Und das ist kein Randproblem, wie man z. B. in "Gott hat hohe Nebenkosten" (Eva Müller) nachlesen könnte.
  • hajomueller
    am 16.09.2016
    Als Kontrast zu Hans-Ulrich Agsters Lektüren empfehle ich die Beiträge des Humanistischen Pressedienstes hpd.de.

    Eigentlich geht es ja beim Kirchenaustritt nicht um Kirchensteuer oder Mißbrauchskandale, sondern darum, ob man (noch) an altorientalische Geschichten und Götter glaubt. Aber auch darum, ob man der Meinung ist, dass das Soziale in die Hand des Staates gehört, und nicht in die privaten Hände von kirchlichen Einrichtungen, auf die man als Bürger keinen Einfluß (dritter Weg) mehr hat.
  • Hans-Ulrich Agster
    am 14.09.2016
    Etwas seicht, etwas oberflächlich, bin im KONTEXT Besseres gewöhnt. Was ist nun die message dieses Artikels?
    Ich empfehle Emmanuel Carrère, Das Reich Gottes (eben gelesen, einer, der nicht glaubt, aber darüber nachdenkt, was Christsein heißt - in heutiger Zeit) oder von Jörg Lauster, Die Verzauberung der Welt (2000 Jahre Geschichte des Christentums mit allen Licht- und Schattenseiten, aber doch nicht weg-zu-denken).
    Die Kirchen(gemeinden) und die Christen gehören bei aller berechtigten Kritik noch zu den wenigen die dem Konsumismus und der Spaßgesellschaft noch ernsthaft etwas entgegensetzen könn(t)en. Der immer wieder quer zum mainstream liegende Kern der christlichen Botschaft lässt sich weder vermarkten noch verzwecken, aber er ist befreiend, kein Opium, sondern Pharmakon.

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