Ausgabe 237
Zeitgeschehen

Bescheidenes Schuldbekenntnis

Von Oliver Stenzel
Datum: 14.10.2015
Mit der sogenannten Stuttgarter Schulderklärung bekannten sich die Evangelischen Kirchen Deutschlands (EKD) zu ihrer Mitschuld am Nationalsozialismus. Die Relevanz des Dokuments, vor 70 Jahren in Stuttgart aus einer Rede Martin Niemöllers entstanden, ist bis heute umstritten.

Über eine Woche dauerte es, bis die ersten Zeitungen darüber schrieben, was der Rat der nach Kriegsende neu gegründeten Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), am 19. Oktober 1945 unterzeichnet hatte. "Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden" lautet der wohl am häufigsten zitierte Satz der von den EKD-Ratsmitgliedern Martin Niemöller, Otto Dibelius und Hans Christian Asmussen verfassten Erklärung. Mindestens ebenso wichtig erscheint die Feststellung, dass sich der EKD-Rat "mit unserem Volk nicht nur in einer großen Gemeinschaft der Leiden ..., sondern auch in einer Gemeinschaft der Schuld" wisse.

Der ehemalige Stuttgarter Prälat Martin Klumpp. Foto: Joachim E. Röttgers
Der ehemalige Stuttgarter Prälat Martin Klumpp. Foto: Joachim E. Röttgers

Um die öffentliche Verbreitung kümmerten sich die Verfasser und Unterzeichner indes wenig. "Weil sie Angst hatten, dass die Öffentlichkeit gleich über sie herfällt", so der ehemalige Stuttgarter Prälat Martin Klumpp. Was dann auch geschah. Heftige Empörung und Widerspruch aus Bevölkerung und Kirchenkreisen folgte, als der "Kieler Kurier" als erste Zeitung am 27. Oktober das Dokument aufgriff – und seinen Inhalt in der Schlagzeile auch gleich gehörig zuspitzte: "Evangelische Kirche bekennt Deutschlands Kriegsschuld." Das stand so nicht in der Erklärung, entsprach aber offenbar der ersten Assoziation vieler Deutscher in jener Zeit, die sich unter der Besatzung nicht als Täter, sondern als Opfer fühlten und, analog zum Ersten Weltkrieg, eine harte Siegerjustiz fürchteten.

Der eigenen Schuld wurden Kriegsverbrechen der Alliierten – ob reale oder erfundene – entgegengestellt. Eine Haltung, die sich etwa in der Reaktion des schleswig-holsteinischen Präses Wilhelm Halfmann widerspiegelt: "Die polnischen Greuel, die Frauenschändungen, ... die Vertreibung der Millionen – kurz der beispiellose Volksmord, der jetzt vor sich geht – ist der keine Schuld? Solange darüber verlegen verschwiegen wird, solange hat man drüben keine Vollmacht, von deutscher Schuld zu reden." Wie Halfmann distanzierten sich viele konservative evangelische Kirchenleute von der Erklärung als zu weit gehend. Von den 27 Landeskirchen stellten sich nur vier hinter die Erklärung.

Allerdings gab es auch Kritik daran, dass die Erklärung zu vage ausfiel. Stein des Anstoßes war etwa, dass weder die Shoah noch die Ursachen des Krieges benannt wurden. Durchaus kritisch sieht auch Martin Klumpp noch heute diesen Aspekt: "Aus historischer Sicht ist das Schuldbekenntnis brüchig und bescheiden, weil es die Vernichtung der Juden nicht nennt, nicht die Verfolgung der Sinti und Roma und der Homosexuellen. Es war nur ein allgemeines Schuldbekenntnis."

Martin Niemöller 1952. Foto: J. D. Noske/Anefo, CC BY-SA 3.0
Martin Niemöller 1952. Foto: J. D. Noske/Anefo, CC BY-SA 3.0

Empörung von Kirchenkritikern rief auch folgender Satz der Erklärung hervor: "Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, daß wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben." Ein Satz, der suggeriert, dass sich die gesamte evangelische Kirche während der NS-Zeit deutlich gegen das Regime gewandt hätte, was nicht einmal für die Bekennende Kirche (BK) in toto zutraf, obwohl sich diese im "Kirchenkampf" 1934 aus Widerstand gegen den Nationalsozialismus von der Deutschen Evangelischen Kirche (DEK) abgespalten hatte. Vertreter des radikalen Flügels der BK wie Paul Schempp und Hermann Diem kritisierten etwa, die Komparative wie "nicht mutiger bekannt" suggerierten, man habe durchaus mutig bekannt, nur nicht mutig genug – was der Realität des Kirchenkampfes nicht entspreche.

Tatsächlich hatten fast alle Verfasser und Unterzeichner der Stuttgarter Schulderklärung zunächst die Machtübernahme Adolf Hitlers begrüßt und sich mal mehr, mal weniger antisemitisch geäußert. Selbst der später im KZ inhaftierte Martin Niemöller, der heute neben Dietrich Bonhoeffer als der deutsche Widerstandsprotestant schlechthin gilt.

Wie aber kam es überhaupt zu der Schulderklärung? Sie sollte nicht zuletzt ein Mittel sein, die durch den Krieg und die Verstrickung der Deutschen Evangelischen Kirche mit dem Nationalsozialismus gekappten internationalen Verbindungen zu den evangelischen Kirchen anderer Länder wieder aufzunehmen, die Tür zur Ökumene wieder zu öffnen. Der Besuch einer Delegation des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) vom 17. bis 19. Oktober 1945 in Stuttgart war der konkrete Anlass. Die ÖRK-Vertreter stellten eine Aufnahme der EKD in die Ökumene in Aussicht – vorausgesetzt, die Deutschen würden ein glaubwürdiges Schuldbekenntnis ablegen.Der EKD-Rat wusste um diese Erwartungen. Martin Niemöller sagte etwa am 18. Oktober in einer Sitzung mit der ÖRK-Delegation: "Ich möchte die Brüder bitten, dass es uns wirklich ernst ist, in unserer Kirche und unserem Volke einen neuen Anfang zu versuchen. Liebe Brüder von der Ökumene, wir wissen, dass wir mit unserem Volke einen verkehrten Weg gegangen sind, der uns als Kirche mitschuldig gemacht hat an dem Schicksal der ganzen Welt."

Kirche und Staat: Türme der Macht in der Stuttgarter Innenstadt. Foto: Joachim E. Röttgers
Kirche und Staat: Türme der Macht in der Stuttgarter Innenstadt. Foto: Joachim E. Röttgers

Tief bewegt sollen die Delegationsmitglieder von Niemöllers Rede gewesen sein. Sie erbaten aber zusätzlich einen schriftlichen Text, den sie ihren jeweiligen Kirchen mitbringen könnten. Dies wurde dann die Stuttgarter Schulderklärung. Am Morgen des 19. Oktober den ÖRK-Vertretern ausgehändigt, nachdem bis tief in die Nacht am Text gefeilt wurde.

Handelte es sich bei dem Schulderklärung also nur um ein taktisches Papier? "Zu sagen, die Schulderklärung sei etwas gewesen, womit die evangelische Kirche ihre Schuld aufgearbeitet habe, greift zu kurz. Manches ist heute noch nicht aufgearbeitet", sagt Klumpp. Er sieht die Relevanz des Dokuments eher in einer Art Langzeitwirkung: "Die Erklärung hat mit bewirkt, dass der Protestantismus nach dem Krieg viel staatskritischer geworden ist. Wenn man sich die gesamte Geschichte der evangelischen Kirche anschaut, dann stellt man fest, dass etwa die protestantische Kirche in Preußen lange Zeit eine Art Nationalkirche war" – und entsprechend antidemokratisch während des Kaiserreichs und im Nationalsozialismus. Das habe sich nach 1945 grundlegend geändert. Eine Entwicklung in der EKD habe begonnen, die zu einer deutlichen Unterscheidung zwischen Kirche und Staat geführt habe, dazu, dass die EKD sich nun verstärkt kritisch zur Politik äußere. "Die Schulderklärung war der Anfangspunkt dieser Entwicklung", sagt Klumpp, "ein Samen, von dem das ausging."

Der volle Text der Schulderklärung ist online abrufbar.

Veranstaltungen anlässlich des 70. Jahrestags

Kirche im „Dritten Reich“
Sonntag, 18.10., 10 Uhr, Markuskirche, Filderstr. 22, 70180 Stuttgart

Die Stuttgarter Schulderklärung: Der Text und seine Entstehungsgeschichte
Montag, 19.10., 19:30 Uhr, Markuskirche, Saal unter der Empore, Filderstr. 22, 70180 Stuttgart

Was war die Schuld der Kirchen in der Zeit des Nationalsozialismus?
Donnerstag, 29.10., 19:30 Uhr, Gemeindehaus Erlöserkirche, Birkenwaldstr. 26, 70191 Stuttgart

 

 


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