Die Büro-Tür an der Uni von Arizona. Foto: privat

Die Büro-Tür an der Uni von Arizona. Foto: privat

Ausgabe 396
Politik

Aktivismus als Hoffnung

Von Emran Feroz (Interview)
Datum: 31.10.2018
"Kampf oder Untergang!" heißt das Buch von Emran Feroz, das diese Woche im Westend-Verlag erscheint. Der Stuttgarter Journalist spricht mit Noam Chomsky, dem weltweit bekanntesten linken Intellektuellen. Beeindruckend ist der Optimismus des prominenten Denkers aus den USA im Angesicht einer derzeit dystopischen Welt. Ein gekürzter Auszug.

Wie kommt man dazu, ein Interview-Buch mit Noam Chomsky, der Ikone der linken Philosophie, zu machen? "Man schreibt ihm eine Email und fragt, ob er Lust dazu hat", sagt Emran Feroz und lacht dabei. Mehrere Interviews hat er per Skype und Mail mit dem mittlerweile fast Neunzigjährigen Granden geführt. Zum letzten Gespräch ist Feroz in die USA geflogen, um Chomsky live zu treffen, in Büro 234 an der Universität von Arizona, am Ende eines Ganges links, wie programmatisch.

Tucson, die Stadt in der Noam Chomsky lehrt, liegt an der Grenze zu Mexiko. Hunderte Migranten aus Honduras, Guatemala und El Salvador fliehen momentan vor politischen und sozialen Krisen, um in den USA Asyl zu beantragen. Viele dieser Menschen werden sterben beim Versuch, über Mexiko die Vereinigten Staaten zu erreichen, so, wie es schon tausenden vor ihnen ergangen ist. "Sie werden von den Grenzwächtern absichtlich in den Tod geschickt und verdursten in der glühender Hitze der Wüste", sagt Emran Feroz. Er hat diese Wüste besucht, nur einen halben Tag lang war er dort. "Es hatte 45 Grad, du kannst nur ganz kurz aus dem Auto aussteigen. Es ist nicht auszuhalten. Und dann stellt man sich vor, Flüchtlinge wandern durch diese Hitze und hoffen, dass endlich die nächste Stadt kommt. Es kommt aber keine." Noam Chomsky, erzählt Feroz, ginge dieses Thema sichtlich nahe. Auch in seinem Buch nimmt es viel Raum ein. (Anna Hunger)

Herr Professor Chomsky, Sie haben die sogenannte Migrations- beziehungsweise Geflüchtetenkrise bereits erwähnt. Zurzeit macht die Geflüchtetenpolitik der USA weltweit Schlagzeilen. Die Behörden trennen Eltern von ihren Kindern, an der südlichen Grenze geschehen fürchterliche Dinge. Zum Glück gibt es hier in Tucson, das nahe der Grenze liegt, sehr viele Aktivisten, die helfen wollen und Geflüchtete retten.

Ich würde nicht sagen, dass man von "sehr vielen" Aktivisten sprechen kann, dennoch ist ihre Arbeit sehr wichtig. Das ist ein interessanter Aspekt, hier im Süden Arizonas. Die allgemeine Politik ist sehr rechts gerichtet, doch in Tucson und einigen anderen Orten gibt es einige Hilfsorganisationen, die stark von der Öffentlichkeit unterstützt werden. Diese Menschen sind sehr couragiert. Sie errichten Camps in der Wüste, wo sie versuchen, den Geflüchteten zu helfen. Es gibt dort Notversorgung, Schlafplätze und andere grundlegende Dinge. Man versucht, jenen Menschen zu helfen, die es geschafft haben, die Grenze zu überqueren und den Grenzpolizisten zu entkommen. Diese Helfer gehen in die Wüste, die bekannterweise sehr tödlich ist, und verstecken dort Lebensmittel- und Wasserrationen für Geflüchtete, die zufällig vorbeikommen könnten.

Das ist sehr riskant. Manchmal werden sie auch verhaftet. Oftmals tauchen die Grenzpolizisten auf und zerstören alle Hilfsmittel. Doch die Helfer geben weiterhin ihr Bestes. Aus meiner Zeit in Boston kenne ich Menschen, die in Tucson gerettet worden sind. Es waren ebenjene Aktivisten, die ihnen das Leben retteten und die Weiterreise ermöglichten. Ursprünglich kamen sie aus Guatemala, wo in den frühen 1980er-Jahren aufgrund der Politik Ronald Reagans ein Genozid stattfand. Menschen fliehen weiterhin vor den Auswirkungen solcher Desaster.

Ich habe hier in Tucson Menschen getroffen, die ihr Leben riskieren, um anderen zu helfen. Dürfen wir hoffen, dass sich die Zeiten zum Besseren ändern? 

Ich denke, dass das ein Zeichen der Hoffnung ist, ja. Aber die Zeiten sind ziemlich düster, das steht außer Frage. Andererseits bemerkt man eine außerordentliche Veränderung, wenn man in die letzten 50 Jahre zurückblickt. Wie bereits erwähnt, ist dies bezüglich der Anerkennung der Rechte von indigenen Völkern sehr stark der Fall gewesen. Wir haben große Veränderungen erlebt. Vergessen Sie nicht, was in den USA in den 1960er-Jahren los war. Wir hatten damals noch rassistische Gesetze, die eine Heirat zwischen weißen Menschen und "Personen, die einen Tropfen fremdes Blut" hatten, verbaten. ...

Emran Feroz und Noam Chomsky in dessen Büro. Foto: privat
Emran Feroz und Noam Chomsky in dessen Büro. Foto: privat

Ähnlich verhielt es sich auch in Großbritannien. Einer der größten Mathematiker des 20. Jahrhunderts, Alan Turing, der auch als Erfinder der modernen Computertechnologie gilt und aufgrund seiner Rolle als Codebrecher und Kryptoanalytiker im Krieg als Held betrachtet wird, wurde von seiner eigenen Regierung umgebracht – aufgrund seiner Homosexualität. Er wurde zu einer Behandlung gegen die "Krankheit" gezwungen, die ihn zerstörte. Am Ende beging er Selbstmord. So sah die Welt vor nicht allzu langer Zeit aus. Deshalb sollte man stets beachten: Ja, die Zeiten sind unschön, aber es gibt auch Zeichen von Hoffnung. Man muss daran denken, wie die Dinge gewesen sind und was in den letzten Jahren erreicht wurde. All dies geschah nicht einfach so, es war kein Geschenk des Himmels. Es geschah dank ernstem, hingebungsvollem Aktivismus, hauptsächlich durch junge Menschen.

Dies macht deutlich, was erreicht werden kann, und heute ist es einfacher als früher. Denn durch das, was in der Vergangenheit erreicht wurde, kann man heute mit einem guten Fundament, einer Hinterlassenschaft, starten. Man muss heute nicht streiten, um über grundlegende Frauenrechte oder die Rechte von indigenen Völkern und anderen Minderheiten zu reden. ... Die Zustände heute sind schrecklich, aber so schlimm sind sie nicht mehr. Man kann gewisse Sachen erreichen, wenn man sich für sie einsetzt.

Denken Sie, dass einzelne Akte des Ungehorsams große Auswirkungen auf die Gesellschaft haben könnten?

Ein Beispiel hierfür fand vor Kurzem statt und machte deutlich, was man mit derartigen Aktionen erreichen kann. Eine junge Frau – die schwedische Aktivistin Elin Ersson – stand in einem Flugzeug allein auf, um den möglichen Tod eines Menschen zu verhindern. Es handelte sich dabei um einen afghanischen Geflüchteten, der abgeschoben werden sollte. Groß angelegter ziviler Ungehorsam könnte sehr viel mehr erreichen. In diesem Kontext appelliere ich allerdings immer wieder daran, auf den Gesamtzusammenhang zu achten.

Wir müssen stets daran denken, warum Menschen aus ihrer Heimat fliehen. Sie fliehen nicht, weil sie in den Armenvierteln von New York leben wollen. Sie fliehen, weil man in ihrer Heimat nicht mehr leben kann. Man kann dort nicht leben aufgrund der Dinge, die wir getan haben. In weiten Teilen ist genau dies der Grund. Dieser Umstand macht auch deutlich, was die Lösung für die Krise ist, nämlich das wieder aufzubauen, was wir zerstört haben. Wir müssen die Gräueltaten, die wir verübt haben, wiedergutmachen. Dann werden auch weniger Menschen gezwungen sein zu fliehen. Jenen, die hier um Asyl bitten, sollten wir in einer humanen und zivilisierten Art und Weise entgegenkommen. Vielleicht werden wir nie das Niveau der Zivilisierung jener armen Länder erreichen, die die meisten Geflüchteten aufnehmen. Aber es sollte und darf nicht völlig außer Reichweite sein. 

Sie sagen oft, dass viele Menschen vor dem Klimawandel fliehen. Wie können wir sofort und realistisch etwas dagegen unternehmen?

Die Benutzung fossiler Brennstoffe muss zügig beendet werden, während die Verwendung erneuerbarer Energien massiv erhöht werden muss. Ähnlich verhält es sich mit der Erforschung von erneuerbarer Energie. Die Erhaltung der Natur muss als wichtigste Aufgabe erachtet werden. Außerdem muss eine weitreichende Kritik am kapitalistischen Modell der Ausbeutung von Menschen und Ressourcen erfolgen. Es ist nämlich dieses Modell, das unserer Spezies den Todesstoß geben könnte.

Ein Schritt in diese Richtung würde eine grundlegende Veränderung des Lebensstils vieler Menschen bedeuten, auch des "American Way of Life". Darüber hinaus ist die Geschichte der Menschheit von Zerstörung und Blutvergießen geprägt. Ohne Zweifel gibt es also auch eine aggressive und gewalttätige Seite des Menschen, die wir überwinden müssen. Wie stehen Sie zu dieser dunklen Seite der menschlichen Natur?

Seitdem Gewalt und Unterdrückung existieren, gibt es Reflexionen über die Natur des Menschen. Was Sie beschrieben haben, ist nicht falsch. Doch der Mensch ist auch ein Wesen, das Mitgefühl, Güte, und Solidarität zeigt. Er kümmert sich auch um seine Mitmenschen – und einige wichtige Persönlichkeiten wie Adam Smith waren sich dessen bewusst und meinten, dass diese die grundlegenden, wichtigen Eigenschaften des Menschen wären. Die Herausforderung für die soziale Politik ist es, einen Weg zu finden, diese Eigenschaften in institutionellen und kulturellen Strukturen auszuleben. Demnach müssen wir unsere milde, gutmütige Seite vorziehen, während wir die rauen und zerstörerischen Aspekte unserer Natur unterdrücken.

In Bangladesch werden in naher Zukunft Millionen von Menschen zu Klimaflüchtlingen. Dies hat vor allem mit dem steigenden Meeresspiegel sowie mit den immer extremer werdenden Wetterbedingungen zu tun. Atiq Rahman, ein Klimaforscher aus Bangladesch, meint diesbezüglich, dass diese Menschen das Recht haben sollten, in all jene Staaten zu ziehen, in denen die Treibhausgase produziert werden. Millionen sollten demnach auch in die USA einreisen dürfen. Ich nehme an, auch Sie sind der Meinung, dass er damit recht hat?

Rahmans Kommentare stammen aus einem Text in der New York Times. Sie waren irgendwo in der Zeitung vergraben. Eigentlich hätten sie die Schlagzeile sein sollen, denn seine Worte illustrieren die sogenannte Migrationskrise sehr gut. Es war Papst Franziskus, der das Ganze auf den Punkt brachte, als er meinte, dass die Migranten nicht die Ursache der Krise sind, sondern deren Opfer. Warum betrachten wir es überhaupt als Krise, wenn zum Beispiel 8 000 Opfer von Krieg und Zerstörung in Österreich ankommen, einem reichen und mächtigen Land mit acht Millionen Einwohnern? Andere Staaten, die weitaus weniger wohlhabend sind, nehmen viel mehr Geflüchtete auf. Im Libanon sind vierzig Prozent der Bevölkerung Geflüchtete, die von einem Verbrechen zum nächsten geflohen sind, etwa vor jenen, die kürzlich im Irak und in Syrien stattgefunden haben und dort weiterhin zum Alltag gehören. ...

Doch reiche Staaten, die nicht nur die Kapazitäten haben, Geflüchtete aufzunehmen, sondern auch eine maßgebliche Verantwortung für die Situation in den Ursprungsländern tragen, wollen ebenjene Menschen nicht aufnehmen. Es gibt nur einen Staat in Europa, der tatsächliche Bereitschaft zeigte und richtig reagierte, nämlich Angela Merkels Deutschland, das rund eine Million Geflüchtete aufnahm. Abgesehen davon sollte man sich fragen, was Europa und die Vereinigten Staaten eigentlich tun. Sie sind damit beschäftigt, andere Länder zu bestechen, damit diese die Geflüchteten fernhalten. Europa tut das, indem es einen Deal mit der Türkei eingegangen ist, damit sie diese Menschen, die aus Syrien, Irak oder Afghanistan fliehen, aufnimmt. ...

Die USA machen genau dasselbe. Wenn Menschen aus dem Norden Zentralamerikas fliehen, etwa aus jenen drei Staaten, die von der Reagan-Administration zerstört wurden – El Salvador, Guatemala und Honduras –, dann wird von Mexiko erwartet, diese Menschen daran zu hindern, die Grenzen zu überqueren. ...

Doch um auf den Klimawandel zurückzukommen: Millionen von Menschen werden aus Bangladesch fliehen. Doch wohin werden sie gehen? Das ist nur der Anfang der Geschichte, wenn es um Klimaflüchtlinge geht. Die Gletscher des Himalayas schmelzen, das ist die Wasserversorgung Indiens und Pakistans. Berichten zufolge leben in Indien bereits 75 Million Menschen, die keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. ... Nun stelle man sich vor, ein Krieg um Wasser bricht aus. Das kann schnell in einen Atomkrieg umschlagen, und dann wird das eintreten, wovor Wissenschaftler bereits seit Jahrzehnten warnen: ein nuklearer Winter und eine globale Hungersnot. In solch einem Fall können wir sagen: Das war es dann für uns. Das ist der Punkt, an dem die beiden großen Bedrohungen der Menschheit zusammenlaufen. Doch in den Zeitungen wird kaum ein Wort darüber verloren. Es gibt lediglich hier und da einige verstreute Kommentare. Dabei passiert all das direkt vor unseren Augen. Die Aufmerksamkeit liegt allerdings eher auf den Tweets von Trump.

"Kampf oder Untergang – Warum wir gegen die Herren der Menschheit aufstehen müssen" erscheint am 2. November im Westend-Verlag. 192 Seiten, 18 Euro.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!
botMessage_toctoc_comments_9210
KONTEXT per E-Mail:  

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail. Datenschutz-Hinweis

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!