Karl-Heinz Stahl (rechts) in seinem Labor in Kabul im Jahr 2003. Fotos: privat

Karl-Heinz Stahl (rechts) in seinem Labor in Kabul im Jahr 2003. Fotos: privat

Ausgabe 396
Gesellschaft

Krankheit der Armen

Von Karl-Heinz Behr
Datum: 31.10.2018
Alles, was schnell Geld bringt, ist beliebt in der Pharmaindustrie. Was aber passiert mit armen Menschen, die an eher seltenen Krankheiten leiden? Die kucken oftmals in die Röhre. Der Freiburger Arzt Kurt-Wilhelm Stahl versucht seit vielen Jahren, dagegen zu halten.

Bei seiner ersten Reise nach Kabul im Jahr 2002 geriet Kurt-Wilhelm Stahl in helle Aufregung, als er zufällig Kranken begegnete mit schwärenden Wunden im Gesicht, an Armen und Beinen. Das hatte er nicht erwartet. Stahl wusste wegen seiner Tätigkeit am französischen Pasteur-Institut, dass er Hautleishmania-Infektionen vor sich hatte. Er wusste auch, dass die Krankheit nicht tödlich verläuft. Dennoch hat sie verheerende Auswirkungen: Wenn die Wunden schließlich abheilen, bleiben verwachsene Narben zurück, die im Gesicht zu verzerrenden Entstellungen führen können. "Für Frauen in Nordafrika oder im Nahen Osten können solche Entstellungen den sozialen Tod bedeuten", erklärt Stahl. Als "Gezeichnete" könnten sie nicht mehr heiraten, verheiratete Frauen mit solchen Narben könnten von ihrem Mann verstoßen werden.

Verwaiste Medizin

Im Mai 2000 gründete Kurt-Wilhelm Stahl in Freiburg den gemeinnützigen Verein "Waisenmedizin – Promoting Access to Care with Essential Medicine (PACEM) e.V.", der sich um die Behandlung und Erforschung seltener Krankheiten in Europa und vernachlässigten Infektionskrankheiten in Entwicklungsländern bemüht, die nicht auf dem Radar der Pharmaindustrie sind. Mitglieder sind Physiker, Pharmazeuten, Chemiker, auch Studierende und Doktoranden – Menschen mit professionellem Hintergrund, die sich dafür einsetzen, dass Medikamente heilen, und nicht nur Geld abwerfen. Der Vereinsname geht auf den Begriff orphaned medicine – zu deutsch „verwaiste Medizin“ – zurück. (ana)

Hautleishmaniose ist eine Krankheit der Armen in Afrika und im Nahen und Mittleren Osten. Sie ist, bei uns weitgehend unbekannt, mit dem Krieg und den Ratten massenhaft nach Syrien zurückgekehrt. Der weltweite Schwerpunkt der Hautleishmaniose ist Afghanistan. Die Weltgesundheitsorganisation WHO berichtet von 220 000 Neuinfektionen pro Jahr. Leishmanien sind einzellige Parasiten, die eine ganze Reihe von Erkrankungen der Haut, Schleimhaut oder inneren Organen auslösen können. Schlechte hygienische Verhältnisse, Krieg, Zusammenbruch des gesellschaftlichen Lebens und Mangel an Bildung begünstigen die Infektionen. Übertragen durch die Stiche von Sandmücken setzt der Erreger zuerst die körpereigenen Abwehrzellen außer Gefecht. Dort vermehren sich die Parasiten, es folgt eine Beule an der Einstichstelle, die schließlich aufbricht und, unbehandelt, über Monate eine offene Wunde bleibt, eine Eingangspforte für weitere Infektionen. Von der WHO empfohlen wird die Behandlung mit Antimonverbindungen, einem Gift, das dem Arsen ähnelt. Die Therapie ist teuer und körperlich sehr belastend. Patienten müssen bei komplexen Hautläsionen stationär im Krankenhaus bleiben.

Stahl entwickelte eine einfachere und viel billigere Therapie

"Zugelassene alternative Medikamente gibt es nicht", weiß Stahl. Hautleishmaniose sei eine von Forschung und Entwicklung vernachlässigte Krankheit – allerdings nicht, weil sie weltweit so selten wäre. Sie sei lediglich als Krankheit der Armen nicht attraktiv für die westlichen Pharmamärkte. Nach Deutschland gelangt Leishmania nur mit ein paar Touristen und Soldaten.

Stahl, dem agilen älteren Herrn, hat die Begegnung in Kabul keine Ruhe gelassen. Mit Unterstützung seines Freiburger Vereins "Waisenmedizin", der Bundesregierung, die etwas gegen das Infektionsrisiko für die eigenen Truppen in Masar-i-Scharif unternehmen wollte, und auch mit Hilfe der WHO baute er in Kabul ein Leishmania-Zentrum auf. Und er suchte nach einer Heilmethode, die weniger belastend und teuer ist, als die von der WHO empfohlene Behandlung mit Antimon.

Seine Idee war, auf die körpereigenen Selbstheilungskräfte zu setzen: nach Desinfektion der Hände und der Wundreinigung wird die Wunde verschlossen. So entsteht ein Schutz vor weiteren Infektionen, und dem Körper wird Zeit verschafft, die Leishmania erfolgreich abzuwehren. Auf Medikamente und einen Aufenthalt im Krankenhaus kann verzichtet werden. Den Wundverschluss erreicht Stahl mit einem Gel auf Basis von Gummi Arabicum, das er zusammen mit Pharmakologen entwickelt hat.

In hoffnungsvolleren Zeiten: Stahl (2 v. l.) im Jahr 2010 mit ISAAF-SoldatInnen und Beamten der afghanischen Gesundheitsbehörde.
Hoffnungsvollere Zeiten: Stahl (2 v. l.) 2010 mit ISAAF-SoldatInnen und Beamten der afghanischen Gesundheitsbehörde.

Die Erfolge gaben ihnen Recht. In mehreren vorbereitenden Studien in Afghanistan, Algerien und dem Iran konnte nachgewiesen werden, dass die Wunden schnell abheilen und die zurückbleibenden Narben kaum sichtbar oder entstellend sind. Das Gel ist einfach anzuwenden und kostengünstig herzustellen. Die Behandlung eines Kranken kostet nur noch wenige Euro, wenn in großem Stil produziert werden könnte. Einer breiten Anwendung sollte nichts mehr im Wege stehen, dachte Stahl.

Unterstützung beendet – weil Deutsche nicht mehr gefährdet sind

Doch da irrte der erfahrene Naturwissenschaftler: "So viel Leid könnten wir lindern, wenn man uns machen ließe." Stahls Augen blitzen beim Erzählen: Nachdem sich der Einsatzauftrag für die deutschen Truppen geändert und man sich in Masar-i-Scharif eingemauert hatte, war die Infektionsgefahr für die deutschen Soldatinnen und Soldaten weitgehend gebannt. Sowohl die Bundesrepublik als auch die WHO beendeten 2012 die Unterstützung für das Leishmania-Zentrum in Kabul und für die Produktion des Gels. Weggefallen war damit auch die öffentliche Unterstützung für den CE-Zertifizierungsprozess als Medizinprodukt. "Ohne diese Anerkennung dürfen wir das Produkt nicht einmal kostenlos bei den Patienten verwenden", resümiert Stahl bitter. Auch nicht in Nordafrika, Afghanistan oder dem Iran, der die Waisenmediziner aktuell um Hilfe gebeten hat. Zuständig für die Zertifizierung in Deutschland ist das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Aber das ist teuer. 2017 konnte sich der Verein eine Sonderzulassung für gerade mal 60 Kilogramm des Gels erkämpfen.

Ob Stahl und die Waisenmedizin irgendwann den großen Durchbruch erleben, und den jährlich 100 000 Neuinfizierten in ganz Persien dauerhaft helfen können, steht in den Sternen. Immerhin: Das BfArM hat Entgegenkommen bei der Zertifizierung signalisiert und eine Firma aus dem südbadischen Raum hat eine Maschine im Wert von 77 000 Euro für die Produktion zur Verfügung gestellt.

Aber Stahl ist nun 79 Jahre alt. "Mir läuft die Zeit davon", sagt er.

 

Weitere Informationen und Kontakt gibt es hier.


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