Ausgabe 393
Politik

Wahrheit und Witz

Von Roman Deininger und Uwe Ritzer
Datum: 10.10.2018
Wer ist dieser Markus Söder? Der bayerische Ministerpräsident ist ein glühender Strauß-Bewunderer, notorischer Kreuz-Aufhänger und Grenzzaun-Zieher sowie plötzlicher AfD-Feind. Die SZ-Kollegen Roman Deininger und Uwe Ritzer kennen noch einen anderen: den Witzbold Söder. Ein Auszug aus ihrem Buch.

Immer auf Attacke

Freundlich böse sein können nicht viele. Roman Deininger, 40, von der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ), kann es. Wer die Biografie Söder liest, verspürt womöglich ein wohliges Schaudern über eine Figur, die viele „Schmutzeleien“ mit einem Lächeln im Gesicht begeht. „Total beunruhigend“, sagt der SZ-Autor, dieser Typus Politiker, immer auf Attacke, Ego und Show gebürstet. Oder wie es der Kabarettist Django Asül ausdrückt: Söder ist der Richtige. Ich habe nur keine Ahnung wofür?

Furchtbar verwirrend dieser Münchner Ministerpräsident. In Stuttgart, wo Deininger zwischen 2010 und 2014 geschrieben hat, war das einfacher. Da gab es diesen Kretschmann, der angesichts seines bayerischen Kollegen als Hort der Seriosität angesehen werden musste. „Man musste kein Freund von Kretschmann gewesen sein“, vergleicht die feine Feder aus München, „aber eine gewisse Nachdenklichkeit war ihm nicht abzusprechen.“ Inwieweit der fast 20 Jahre Jüngere ins Grübeln gerät, wenn am Sonntag die Wahlergebnisse feststehen, vermag auch der Biograf nicht zu sagen. Nur so viel: „Söder wird’s überleben und die Straßenbahnen fahren weiter.“ (jof)

Egal wohin Markus Söder so kommt: Er hält sich meistens für den witzigsten Mann im Raum. Und er hat gar nicht so selten recht. Für ihn ist Humor ein Wettbewerb – und ein politisches Instrument. Schon eine ganz normale Rede hat bei Söder mehr Witz als bei den meisten anderen Politikern, wobei er bisweilen eine Art von Selbstironie pflegt, die den Namen nicht verdient. Seine Witze kreisen in seinen Ministerjahren mehrheitlich um das Grundthema, dass er irgendwann mal Regierungschef wird und wie gut er dafür geeignet ist. Ein beispielhafter Söder aus dem Jahr 2016: "Als bayerischer Finanzminister habe ich mir unheimlich viel Wissen angeeignet. Schade, dass ich damit 2018 nichts mehr anfangen kann."

Über die Jahre hat Söder aus der Kabarettrede ein eigenes Genre in der bayerischen Politik gemacht. Seehofer geht er damit tierisch auf die Nerven. Aus Seehofers Umfeld hört man sogar, die ewigen Respektlosigkeiten hätten wesentlich zur Zerrüttung ihres Verhältnisses beigetragen. Seine Bühne hat sich Söder selbst gezimmert. Mit ziemlicher Chuzpe hat er, der überzeugte Wassertrinker, sein persönliches Starkbier-Kabarett eingerichtet und als feste Wegmarke im politischen Prozess des Freistaats verankert, gleich nach dem Nockherberg.

Die Starkbierzeit, identisch mit der Fastenzeit zwischen Aschermittwoch und Ostern, ist in Bayern auch die Zeit der Fastenpredigten. Vor Jahrhunderten appellierte ein Mönch unter Androhung von Höllenqualen an die Sittsamkeit seiner Zuhörer, heute liest ein kabarettistischer Redner den Politikern die Leviten – was man bayerisch "Derblecken" nennt. Im Lauf der Zeit wurde das Ritual auch auf den Maibockanstich ausgeweitet. Söders Maibock-Variante findet alljährlich im Hofbräuhaus statt, wo er als Finanzminister der Hausherr ist. Irgendwann wird Horst Seehofer der Welt erklären müssen, was zum Teufel er sich dabei gedacht hat, seinem ärgsten Feind Söder neben der Zuständigkeit für die Königsschlösser und die Seenschifffahrt auch noch die für die staatliche Brauerei Hofbräu zu überantworten.

Der Maibockanstich dort ist jedenfalls zur großen Söder-Show geworden, mit Steuergeld finanziert und vom Bayerischen Fernsehen übertragen, eine Dauerwerbesendung für einen ehrgeizigen Minister. Seehofer übrigens lässt sich im Hofbräuhaus frappierend oft mit Verweis auf dringende Staatsgeschäfte entschuldigen. In nüchterneren Ecken Deutschlands mag man es seltsam finden, dass Politik und Humor derart vermengt werden, noch dazu im Biernebel, doch in Bayern hat das Tradition – auf dem Münchner Nockherberg nehmen sich Fastenredner seit mehr als 120 Jahren die Obrigkeit vor.

Roman Deininger und Uwe Ritzer. Deininger ist politischer Reporter bei der SZ und sein Kollege Ritzer bekannt für investigative Recherchen, für die er gleich mehrmals den Wächterpreis erhielt. Fotos: Droemer Knaur/Markus Röleke
Roman Deininger und Uwe Ritzer. Deininger ist politischer Reporter bei der SZ und sein Kollege Ritzer bekannt für investigative Recherchen, für die er gleich mehrmals den Wächterpreis erhielt. Fotos: Droemer Knaur/Markus Röleke

Im Grunde sind Nockherberg und Maibock die bayerische Entsprechung der amerikanischen Rede zur Lage der Nation: Kabarettisten fassen zusammen und kommentieren, was im Freistaat gerade politisch los ist. Söder indes überlässt dieses heikle Geschäft lieber nicht den Profis allein – bevor beim Maibock der Kabarettist Django Asül ans Pult darf, ergreift er selbst das Wort. Er spricht etwa zwanzig Minuten, und in dieser kurzen Zeit werden unsagbare Dinge vorübergehend sagbar. Über seine Konkurrentin Ilse Aigner zum Beispiel, die Seehofer mit falschen Versprechungen aus dem Bund zurück ins Land lockte.

Aigner, sagt Söder, habe als Ministerin in Berlin die Hauptrolle in "Ein Chef zum Verlieben" gespielt, in München sei sie dann bei den "Desperate Housewives" gelandet. Oder: Was wäre Horst Seehofer, wenn er ein Bier wäre? Söder sagt: "Eiskalt gehopfter Hallodri". Kein anderer von Seehofers Ministern würde sich erdreisten, dem Ministerpräsidenten so nahe zu treten, und sei es im Schutzmantel des Scherzes. Söder tut es. Und hievt sich damit auf Augenhöhe.

Berüchtigt ist seine Maibock-Rede aus dem Jahr 2014, sie sprengt jede Definition von Koketterie. Es ist eine Kampfansage an den selbstherrlichen Seehofer. Kabinett und Kabarett, sagt Söder, hätten "wahnsinnig viel gemeinsam". Es gebe nur einen Unterschied: "Im Kabarett lachen alle über einen, im Kabinett lacht nur einer über die anderen." Weil's so schön war, noch eine Variation des gleichen Motivs: "Im Kabinett geht es sehr harmonisch zu. Die Stimmung ist gut, nur einer stört." Und zum großen Finale: "Unsere Sorge ist nicht, wann er aufhört, unsere Sorge ist, ob er überhaupt aufhört."

Wenn Söder oder irgendein anderer Minister das in einem Interview sagen würde, müsste er auf der Stelle zurücktreten. Der Wettbewerbsgedanke ist bei alldem gar nicht so unangebracht, weil ja auch Seehofer selbst das mehr oder minder hintersinnige Verbalfoul pflegt. Aber während Seehofer als Regierungs- und Parteichef leicht nach unten treten kann, muss Söder nach oben treten – was ein bisschen mehr Mut erfordert. In seinen späten Ministerjahren allerdings auch nicht mehr, da hat er jede Zurückhaltung aufgegeben und eine eigenwillige Mischung aus Frechheit und Bösartigkeit kultiviert. Söder ist längst sein eigener Hofnarr. Django Asül, der offizielle Maibock-Redner, hat mal sehr hübsch gesagt: "Markus Söder ist der Richtige. Ich habe nur keine Ahnung, wofür."

2008 derbleckte Django Asül, ein Ur-Niederbayer mit türkischen Wurzeln, zum ersten Mal Politiker beim Maibock. Seit Markus Söder der Finanzminister sei, würden sie beide "ein Dream-Team bilden", sagt der Kabarettist, "für mich ist es toll, ihn als Vor-Band zu haben." Im Lauf der Jahre habe Söder sich "zu einem für seine Verhältnisse filigranen Humor hin entwickelt", der ihm früher, als CSU-Generalsekretär etwa, noch völlig abgegangen sei. "Statt dem großen holt er inzwischen den kleinen Holzhammer raus. Heute ist der Anstich eine Riesengaudi für ihn, wie ein Politischer Aschermittwoch, nur lustiger", glaubt Django Asül. Söder schreibe seine launigen Reden selbst und sei im Lauf der Jahre immer routinierter geworden. "Er hat eine gesunde Ironie, für seine Verhältnisse sogar etwas Selbstironie entwickelt und muss sich nicht quälen, amüsant zu sein. Man hört ihm gerne zu." Und wie ist er als Zuhörer, der noch dazu Django Asüls Gage zahlt? "Als Generalsekretär hat er gerne ausgeteilt, konnte aber nicht einstecken. Das hat sich geändert." Noch nie habe Söder ihn wegen eines Witzes auf seine Kosten hernach angesprochen, sagt Django Asül.

Nach den Maibock-Auftritten scharen sich immer die Journalisten um Söder wie um einen Fußballer nach dem Abpfiff. "Champions League der Starkbierrede", analysiert Söder eigentlich jedes Jahr, er meint damit seinen Co-Star Asül, hat dann aber auch noch ein paar warme Worte für sich selbst übrig. Einmal steht Marcel Huber neben ihm, Huber ist Minister und Staatskanzleichef, er ist schon auch eine Nummer in der bayerischen Landespolitk. Irgendwann sagt Söder: "Sag du doch auch mal was, Marcel." Huber setzt an und sagt – nichts, weil Söder einfach weiterredet und Huber mit einem Schritt nach vorn zur Seite schiebt. Humor ist Wettbewerb, manchmal sogar ein physischer. Söder sagt noch: "Man muss über sich selbst lachen können."

Söder wäre nicht Söder, wenn er nicht einen Weg gefunden hätte, das Erfolgsrezept des Maibock auch noch in seine Heimat Nürnberg zu exportieren – dass es dort gar kein Hofbräuhaus gibt, hat ihn natürlich nicht abgehalten. Umständehalber sticht er also seit ein paar Jahren im Rittersaal der Nürnberger Kaiserburg ein Fass Bockbier an. Weil die Nürnberger von ihrem Söder gar nicht genug bekommen können, spricht nach Söder traditionell der Kabarettist Wolfgang Krebs – in der Rolle von Markus Söder. Krebs-Söder beschäftigt sich mit Seehofers Gesundheitszustand: "Es braucht in den Spitzenämtern der CSU jemand ohne Herzschwäche. Ich hab bekanntlich keine Schwäche. Manche sagen, ich hab nicht einmal ein Herz." Wahrheit und Witz liegen in Bayern manchmal so nah beieinander, dass man sie kaum auseinanderhalten kann.


Auszug aus "Markus Söder – Politik und Provokation" von Roman Deininger und Uwe Ritzer. Die Biografie ist im Droemer Verlag München erschienen, hat 363 Seiten, kostet 19,99 Euro und zeichnet einen Politiker neueren Typs, der zum Fürchten ist. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags.


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