Ausgabe 376
Politik

Neo: Aus liberal wird national

Von Tomasz Konicz
Datum: 13.06.2018
Wer Freihandelsinteressen verficht, kämpft auch gegen Rechts? Ganz im Gegenteil. Der neoliberale Mainstream der vergangenen Dekaden bildete die Brutstätte der Neuen Rechten, die sich nun anschickt, diesen als dominierende Ideologie zu beerben.

Noch immer sind die Quellen unbekannt, aus denen die AfD ihre üppige Finanzierung während des Bundestagswahlkampfes bezog. Millionenbeträge kamen der Partei über einen dubiosen, formell unabhängigen "Verein zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und bürgerlichen Freiheiten" zugute, der den Wahlkampf der Rechtsextremisten durch groß angelegte Plakataktionen und den massenhaften Vertrieb von Gratiszeitungen (Kontext berichtete) unterstützte. Professionell Lücken in den Gesetzen zur Parteifinanzierung ausnutzend, deuteten viele Spuren der finanzkräftigen Hintermänner des Vereins in die Schweiz, insbesondere zu dem dort lebenden, erzreaktionären deutschen Mövenpick-Milliardär August von Finck. Seinen formellen Sitz hat der AfD-nahe Verein, der gerne im Hintergrund operiert, ausgerechnet in Stuttgart.

Es scheint auf den ersten Blick absurd, dass gerade in Stuttgart, der Kernregion der deutschen Exportwirtschaft, ein dubioses Finanzvehikel einer Partei seinen Stammsitz hat, die mit ihrer xenophoben Rhetorik den Freihandelsinteressen der Exporteure zuwiderläuft. Kürzlich etwa, nach einer ressentimentgeladenen Bundestagsrede der AfD-Frontfrau Alice Weidel, platzte Siemens-Chef Joe Kaeser der Kragen: Ihm seien die von Weidel verteufelten "Kopftuch-Mädel" lieber als der "Bund Deutscher Mädel", so der Vorstandsvorsitzende des Großkonzerns. Die AfD sei dabei, "mit ihrem Nationalismus dem Ansehen unseres Landes in der Welt" zu schaden, gerade dort, "wo die Haupt-Quelle des deutschen Wohlstands" liege.

Die liberale Welt scheint hier noch in Ordnung: Der weltoffene, global denkende Manager, dessen Unternehmen von der neoliberalen Globalisierung profitierte, stellt sich gegen den dumpfen Neo-Nationalismus der Rechtspopulisten, die daran gehen, die "Haupt-Quelle des deutschen Wohlstands" zu untergraben. Indes verdecken diese aktuellen Konflikte nur die tiefen ideologischen Kontinuitätslinien: Denn der rechtspopulistische Neonationalismus ist ein Produkt des neoliberalen Zeitalters mit seinen krisenbedingt zunehmenden sozioökonomischen Widersprüchen. Was am Beispiel der Bundesrepublik kurz skizziert werden soll.

Vom kranken Mann Europas zur Deutschland AG

Charakteristisch für den Neoliberalismus sind dessen sogenannte Reformen, die als Reaktion auf wirtschaftliche Stagnationstendenzen implementiert werden. So war es in der Bundesrepublik als dem vormals "kranken Mann Europas" ("Economist", 1999) die Agenda 2010 samt den Hartz-IV-Arbeitsgesetzen, mit denen das Nachkriegsmodell der sozialen Marktwirtschaft endgültig zu Grabe getragen wurde – und die zur Ausrichtung der Gesamtgesellschaft als "Deutschland AG" entlang des betriebswirtschaftlichen Kalküls führte. Die mit drakonischen Einschnitten bei Sozialleistungen, breiter Prekarisierung und krasser sozialer Spaltung einhergehende Hebung der Konkurrenzfähigkeit Deutschlands schien tatsächlich erfolgreich, sie führte ja zur Erringung von Exportweltmeisterschaften, von denen gerade Konzerne wie Siemens profitierten.

Doch zugleich lastet Hartz IV wie ein Alb über der deutschen Arbeitsgesellschaft. Die beständig mitschwingende Drohung mit totaler Verelendung hat die Machtverhältnisse endgültig zugunsten der Unternehmer verschoben. Die zunehmende Verdichtung und Entgrenzung des Arbeitslebens ließ nicht nur die Zahl der arbeitsbedingten psychischen Erkrankungen explodieren, sie verfestigte auch autoritäre Tendenzen bei vielen Lohnabhängigen, wie etwa der Sozialpsychologe Oliver Decker ausführt: "Die ständige Orientierung auf wirtschaftliche Ziele – präziser: die Forderung nach Unterwerfung unter ihre Prämissen – verstärkt einen autoritären Kreislauf." Sie führe zu einer "Identifikation mit der Ökonomie", so Decker, "wobei die Verzichtsforderungen zu ihren Gunsten in jene autoritäre Aggression münden, die sich gegen Schwächere Bahn bricht". Je stärker der zunehmende Druck auf den autoritär fixierten Lohnabhängigen lastet, desto größer sein Bedürfnis, schwächere Menschen genauso ausgepresst und ausgebeutet zu sehen.

Die neoliberale Verzichtspolitik fördert somit die autoritäre Aggression gegen die Krisenopfer, auf der rechtspopulistische wie rechtsextremistische Ideologien gleichermaßen beruhen. Evident wurde dies während der Sarrazin-Debatte, dem irren Urknall der Neuen Deutschen Rechten, als die mit der Agenda-Politik gerechtfertigte neoliberale Hetze gegen sozial marginalisierte Bevölkerungsschichten erstmals erfolgreich öffentlich mit rassistischen und sozialdarwinistischen Ressentiments angereichert wurde. Das neoliberale Feindbild des schmarotzenden, faulen Arbeitslosen verschmolz hierbei mit dem rechten Wahnbild des ausländischen, islamischen Schmarotzers, dessen ökonomische Unterlegenheit quasi genetisch kodiert sei.

Träger dieser ersten großen neurechten Hasswelle im Rahmen der "Sarrazin-Debatte" waren nicht etwa verarmte Bevölkerungsschichten, sondern die Mittelklasse als "Mitte" der Gesellschaft, die hier ihre Abstiegsängste nach dem Krisenausbruch in den Jahren 2007 und 2008 in Hass und Ausgrenzungsreflexe transformierte. Die Begriffe des Extremismus der Mitte und der konformistischen Rebellion sind folglich unabdingbar, um den Erfolg der Neuen Rechten und des Neo-Nationalismus als die ungeliebten Erben des Neoliberalismus zu verstehen.

Die Neue Rechte wähnt sich ja tatsächlich im Aufstand, während sie die schwächsten Gesellschaftsmitglieder angreift. Sie verschafft ihrer Anhängerschaft somit ein Gefühl von Rebellion, ohne sie den Gefahren der Rebellion – die sich immer gegen Herrschaft richtet – auszusetzen. Der Extremismus der Mitte ist das Geheimnis des Erfolgs der Rechten: Man verbleibt im eingefahrenen weltanschaulichen Gleis. Es findet hier kein ideologischer Bruch statt, sondern ein Ins-Extrem-Treiben der bestehenden Ideologie; der latent immer mitschwingende, barbarische Kern kapitalistischer Vergesellschaftung wird nun krisenbedingt manifest.

Zuallererst ist hier das Konkurrenzdenken mitsamt Sozialdarwinismus zu nennen, das der Neoliberalismus forcierte und gesamtgesellschaftlich entgrenzte – und das von der Neuen Rechten mit einem kulturalistischen oder rassistischen Überbau versehen wird. Das Survival of the Fittest findet nun nicht nur zwischen den Marktsubjekten statt, sondern auch zwischen Kulturen und Religionen. Aufbauen kann die AfD dabei auf den Hetzkampagnen der Massenmedien, die etwa während der Eurokrise daran arbeiteten, die Krisenursachen zu personalisieren (Faule Griechen/Italiener). Es findet faktisch eine Verselbstständigung dieser medial geschürten Ressentiments statt, die in den unkontrollierbaren Wahnräumen des Internets eine Eigendynamik entwickelten. Die Neue Rechte fordert Hetze in Permanenz. Die Krise scheint immer von außen durch bösartig agierende Gruppen in die anscheinend widerspruchslose Arbeitsgesellschaft hineingetragen zu werden.

Schon die frühere britische Premierministerin Margret Thatcher begründete ihre neoliberalen Reformen mit der Macht des Faktischen: "There is no Alternative". Die Personalisierung der Ursachen der gegenwärtigen Systemkrise baut folglich auf der Naturalisierung der spätkapitalistischen Gesellschaften auf: Diese erscheinen dem Neoliberalismus (Markt) und Neonationalismus (Nation) – mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung – als natürlicher Ausdruck der menschlichen Natur. Die zunehmenden Krisentendenzen können folglich nicht auf innere Widersprüche der natürlichen spätkapitalistischen Gesellschaften zurückgeführt werden, wie etwa die Krise der Arbeitsgesellschaft, sondern werden im schädlichen Wirken der Krisenopfer verortet. Die negativen Folgen der widersprüchlichen kapitalistischen Vergesellschaftung können so vom Neoliberalismus und Neonationalismus externalisiert werden: Sie erscheinen als negatives Wesensmerkmal einer Gruppe (Sozialschmarotzer, Flüchtlinge, etc.), mit der entsprechend zu verfahren ist.

Dabei bediente sich der Neoliberalismus schon immer gerne des Nationalismus, um seine gesellschaftliche Legitimität zu erhöhen. In der Bundesrepublik wurde im Gefolge der Agenda-Politik ebenfalls ein anscheinend unverkrampfter Patriotismus forciert, der seinen Durchbruch während der Fußball-Weltmeistersaft erlebte. Die nationale Identitätsproduktion diente auch als ideologischer Kleister, der die zunehmenden sozialen Gegensätze in der neoliberalen Krisenperiode überdecken soll. Eine zentrale Rolle spielte hierbei der Standortnationalismus: Die globalisierte Weltwirtschaft als eine Art Kampfschauplatz der nationalen Standorte, wobei die Exporterfolge der Deutschland AG als Ausweis der nationalen Überlegenheit begriffen wurden – und als Quelle von Ressentiments dienten.

Hieran, an das neoliberale Bild des im globalen Kampf stehenden nationalen Standortes, kann der Neo-Nationalismus nahtlos anknüpfen – und den einen Schritt weitergehen, der zum Bruch führt. Der qualitative ideologische Umbruch zwischen Neoliberalismus und Neo-Nationalismus vollzieht sich vor allem entlang der Haltung zur Globalisierung, die von der Neuen Rechten als Urquell aller krisenbedingten Übel, als Werk einer Verschwörerclique von "Globalisten" imaginiert wird.

Neonationaler Protektionismus wird neue Krisen auslösen

Dabei verwechselt die Neue Rechte einfach den historischen Krisenverlauf mit den systemischen Ursachen der Krise. Die Globalisierung mit ihren globalen Handelsungleichgewichten und dem globalen Schuldenturmbau bildete eine Systemreaktion auf eben jene zunehmenden inneren Widersprüche der kapitalistischen Warenproduktion, die weder Neoliberale noch die Neue Rechte wahrnehmen wollen: Der Spätkapitalismus ist längst zu produktiv für sich selbst geworden. Nur noch durch Kreditaufnahme kann die Massennachfrage für eine Weltwirtschaft aufrecht erhalten werden, die mit immer weniger Arbeitskräften immer größere Warenberge fabriziert. Deswegen stieg in den vergangenen Jahrzehnten die globale Verschuldung, mit Schwerpunkt USA, stärker an als die Weltwirtschaftsleistung.

Diesen Schuldenturmbau, der die entsprechenden Handelsdefizite zur Folge hat, wollen die USA unter Trump nun nicht mehr aufrecht erhalten. Dem qualitativen Umbruch in der Ideologie entspricht somit ein Umbruch im Krisenprozess: von der neoliberalen Globalisierung zum neonationalen Protektionismus, der einen neuen Krisenschub auslösen wird. Die Ideologie der neuen Rechten legitimiert diese neue, verschärfte Krisenphase, indem sie diese mit einer irren Binnenlogik auflädt: Als nationale Befreiung der Völkerschaften vom Joch der Globalisten-Verschwörung.

Der Neo-Nationalismus ist somit ideologischer Ausfluss der krisenbedingten Zuspitzung der sozioökonomischen Widersprüche im Spätkapitalismus, die der Neoliberalismus nicht mehr unter Kontrolle halten kann. Es ist mittlerweile eine Massenbewegung mit einer organisatorischen und ideologischen Eigendynamik. An die Macht kommt diese konformistische Rebellion aber nur dann, wenn nennenswerte Teile der Funktionseliten sie unterstützen. Und dies ist – noch – nicht der Fall, wie es die eingangs erwähnte Kritik von Joe Kaeser an Weidel illustriert. Entscheidend ist hier die Begründung des Siemens-Managers, der die Quellen des deutschen Wohlstands im globalisierten Ausland sieht. Doch was passiert, wenn der Protektionismus diese Quellen versiegen lässt? Dann dürfte die Ideologie der Neuen Rechten auch für weite Teile der deutschen Funktionseliten an Attraktivität gewinnen. Siemens-Chef Joe Kaeser repräsentiert somit die neoliberale Vergangenheit, AfD-Frau Weidel samt dem neurechten Abschottungswahn die Zukunft. Sie symbolisieren keine Gegensätze, sondern zwei Phasen in der voranschreitenden Barbarisierung des spätkapitalistischen Weltsystems.


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9 Kommentare verfügbar

  • Andromeda Müller
    am 19.06.2018
    Meine Zustimmung zum Artikel . Ähnlich wurde davor schon von Susann Witt-Stahl gewarnt . Unter dem Titel "Keine falsche Alternative. Ob als völkisches Schreckgespenst oder Konkurrent mit Wirtschaftskompetenz-die AFD liefert die Opposition, die der Neoliberalismus bestellt hat." (In Hintergrund 3/2017).
    Im Übrigen ist das Gleiche auch von der UKIp in GB zu berichten. "Mitte" und AFD sind gleichermaßen neo"liberal" . Die "Mitte" kann es nur einfach nicht mehr verleugnen .
  • Marla V.
    am 18.06.2018
    Hauptsache gg AfD?
    Joe Kaeser, damit ist die Welt in Ordnung? 'Ich bin arm, weil du reich bist'
    Kaeser, Siemens Chef mit einem Jahresgehalt von knapp 7 000 000 Euro? (Und ähnlichen von den Siemens Arbeitern erwirtschafteten RuheständlerPensionen)
    Kaeser, der Armen empfahl doch Aktien zu kaufen? Der tausende von Stellen abbauen will?

    Mitte/Linke sind mit ihrem Ruf nach Internationalismus und 'offene Gesellschaft' zu CoTätern der Ökonomie Diktatoren geworden!
    Dieser blinde Fleck sollte mal aufgearbeitet werden, Leute!

    Dank dieser Devise brettern demnächst Panzer von der Normandie direkt, auf die von Oettinger Milliarden EuGelder gepflegten Autobahnen, bis an den Kaukasus!
    Dank dieser Devise flitzen Geldströme und Datenströme von Frankfurt nach New York!
    Dank dieser Devise können Firmenhauptsitze mal hierhin mal dorthin verlegt werden!


    Framing:
    Neoliberalismus ist Ökonomie Diktatur oder Ökonomie Religion! (Nix darin ist liberal!!!)
    Neonationalismus ist das Wort all jener, die "Angst vor einem neuen Hitler" haben, aber nicht wahrnehmen, dass Kaiserreiche und Papstümer -früher national, heute weltweit ausbeutend- aufgebaut werden! International ausgerichteter #Neofeudalismus ist die Gefahr!

    Wie konnten dieser Adel und Klerus so mächtig und reich werden! Das ist die Frage, die gestellt werden muss! Dagegen sind die paar AfDler doch nur Muckenschisse!


    Eigentlich müssten links gerichtete Medien voll von kritischen Berichten zur Orga #Fifa sein, zum Sommermärchen und all den kriminellen asozialen, undemokratischen Machenschaften..... Hier wurde eine internationale als gemein-nützig anerkannte Orga, die allerdings national alle in die Knie zwingt, zu einem "unkündbaren, unkontrollierbaren, untransparenten, Mafia-gleichen Mammutunternehmen aufgebaut, das die Sozialkassen der jeweiligen Länder gnadenlos ausbeutet, und niemanden interessierts?

    Die Ökonomie Diktatoren haben schon längst gelernt auf allen Festen mitzufeiern!
    Hauptsache, ihre Knete stimmt!
    'ihr seid arm, damit ich reich bin'
    • Andromeda Müller
      am 19.06.2018
      So isses. Ein globalisierter Klassenkampf der 0,1% gegen die 99,9 % . Auch Occupy wurde zusammengeprügelt und diffamiert. Prof. Reiner Mausfeld hat schöne Belege angeführt. Die Eliten sind sich ihrer Klasse bewußt , äußern dies auch ganz offen .Und wie die Massen im demokratischen Schein ruhig gehalten werden.
      Von dieser Seite wird der FIFA ,dem Olympisches Komitee , Hollywood , Tutti-Frutti , RTL , der San Fernando-Valley -Industrie etc.pp. ihre Unantastbarkeit garantiert.
      Im Rahmen des Neo"liberalismus" . Bald wechselt Neymar für 300 Mio. Euro.
  • Rolf Steiner
    am 16.06.2018
    Im Frühjahr 2013 war zu lesen: "Ein Programm zum Fürchten" - die AfD eine Ansammlung von einschlägig bekannten Marktradikalen, die behaupteten, "es gehe nur um den Euro".

    Wenn man sich heute die damals bekannt gewordenen Programmpunkte dieser Gruppierung ansieht, wird deutlich, dass die Euro-Kritik ganz deutlich der Lockvogel war, mit der Unzufriedene aus dem bürgerlichen (!) Lager eingefangen werden sollen – ein trojanisches Pferd mit einem äußert radikalen Inhalt. Die damaligen Forderungen aus den Programmentwürfen der AfD und ihrer direkten Vorgängerorganisation tituliert als „Wahlalternative 2013“:
    •Senkung des Spitzensteuersatzes auf 25%
    •Einhaltung der Schuldenbremse und Abbau der Staatsschulden
    •Liberalisierung des Arbeitsmarkts
    •25.000 Euro Kindspauschale bei der Geburt eines Kindes. Diese Pauschale soll jedoch nur dann ausgezahlt werden, wenn die Mütter in einem „geordneten Verhältnis“ leben, also „ein bestimmtes Mindestalter erreicht haben, über eine abgeschlossene Berufsausbildung verfügen und ein festes Arbeitsverhältnis haben etc.“
    •Höhe Renten für „Kinderreiche“
    •Mehr Eigenleistung im Krankenversicherungs-System
    •Bildung soll als „Kernaufgabe der Familie“ gefördert werden, Kitas und Schulen sollen dies lediglich „sinnvoll ergänzen“.

    Damals wollte die AfD die Steuerbasis zugunsten der Reichen und Superreichen massiv senken und gleichzeitig die Staatsschulden abbauen. Dies wäre nur dann auch nur im Ansatz möglich gewesen, wenn der Staat sich aus zahlreichen Bereichen komplett zurück gezogen hätte. Einige Vorlagen dazu lieferte die AfD gleich mit. Auf der Streichliste war hierzu neben dem Gesundheitssystem vor allem das Bildungssystem sehen. Kitas und Schulen als Ergänzung zur familiären Bildung - diese Forderung war schon damals derart reaktionär, dass man sie wahrscheinlich nicht einmal an einem CSU-Stammtisch hätte vorbringen können, ohne scheel von der Seite angeguckt zu werden. Ähnliche rückwärtsgewandte Vorschläge kannte man damals nur von der Tea-Party-Bewegung in den USA, die in wirtschafts- und finanzpolitischen Punkten Vorlagengeber für die AfD gewesen sein könnte.

    Genau diese Programmatik findet sich auch in jenen Personen wieder, die auf der Unterstützerliste der AfD standen. Dort liest man den Namen des nationalistisch angehauchten „Senior Advisor“ der Bank of America Hans Olaf Henkel. Dazu den ehemaligen CDU-Rechtsaußen, den zur preußischen Kriegsdoktrin zurück wollenden Alexander Gauland. Dazu einen notorischen Leugner des Klimawandels auf der Gehaltsliste der INSM namens Günter Edere, der auch gleich mal den "schädlichen Sozialstaat" abschaffen wollte. Und passend Ökonomen, die forderten, dass Hartz-IV-Empfänger ihrer Organe verkaufen dürfen sollten, wie dies ein Peter Oberender empfahl. Vor allem den „untersten Klassen“ sollte das passive Wahlrecht entzogen werden lt. einem "Hyperdemokraten" Roland Vaubel, der dies zum Schutz der "Leistungseliten" mit einem Mehrklassenwahlrecht öffentlich verlangte. Dass die Pegida-Anhänger später dies niemals mitgetragen hätten, kann sich jedermann denken.
    Dazu kamen jede Menge marktradikaler Professoren aus den einschlägigen Think Tanks und einige nationalchauvinistische Ewiggestrige, die reihenweise in rechten Publikationen wie der „Jungen Freiheit“, der „Preußischen Allgemeinen Zeitung“ oder „eigentümlich frei“ zu deren Stammautorenschafft gehörten.

    Zu denken, dass es die AfD von Anfang an auf die Zielgruppe der einfachen, vom Raubtierkapitalismus ausgeplünderten Leute abgesehen hätte, erscheint mir doch sehr verwegen. Die "radikal betriebene, antisoziale (neoliberale) Politik der (erweiterten) Mitte - insbesondere der CDU und der SPD" (Zitatende Schwa be) kann damit nicht als "Auslöser" dieser AfD anzusehen sein. Erst als mehr und mehr Nazis durch die Ladentür drückten, änderte sich das AfD-Programm.
  • Schwa be
    am 14.06.2018
    "Denn der rechtspopulistische Neonationalismus ist ein Produkt des neoliberalen Zeitalters mit seinen krisenbedingt zunehmenden sozioökonomischen Widersprüchen." - gut auf den Punkt gebracht!
    Endlich mal ein Artikel der die Zusammenhänge zwischen der seit Jahrzehnten in Deutschland radikal betriebenen, antisozialen (neoliberalen) Politik der (erweiterten) Mitte - insbesondere der CDU und der SPD - ins richtige Licht rückt, sprich hierin zurecht die Keimzelle rechtspopulistischer Parteien wie der AfD sieht!
    • Schwa be
      am 16.06.2018
      Was fehlt ist konsequentes Wähler erhalten indem keine der neoliberalen Parteien von Grün bis blau mehr gewählt wird. Eine andere Möglichkeit Egoismus, Kriegsverbrechen und Unmenschlichkeit {z.B. Repression) bei neoliberalen Politikerinnen zu beseitigen gibt es nicht ¬ will man eine Revolution ausschließen bzw. vermeiden.
  • Rolf Steiner
    am 14.06.2018
    Und das Vorige ergänzend passt noch dies von Konstantin Wecker:
    "..........- dem Mob recht geben, nur um an der Macht zu bleiben
    um die nächsten Wahlen zu gewinnen, pfui Deife, Willy, pfui Deife!" -------
    Damals war es Kohl, der an der Macht bleiben wollte, jetzt kleben die Seehofers, Merkels und Söders an der Macht, die ihnen bald von den Nazis weg genommen werden könnte. Passen wir alle gut auf. Auch auf unsere Demokratie!
  • Rolf Steiner
    am 14.06.2018
    Treffend formuliert: „Das neoliberale Feindbild des schmarotzenden, faulen Arbeitslosen verschmolz hierbei mit dem rechten Wahnbild des ausländischen, islamischen Schmarotzers."

    Die medial äußerst gefährliche Vorarbeit bei der Beschädigung unserer Gesellschaft durch die Springer-Presse (Blödzeitung) muss man deutlich herausstellen. Schon gleich nach der Wendezeit beklagte Konstantin Wecker in seinen Statements, dass der Kapitalismus ausschließlich mit Freiheit gleichgesetzt werde, man aber seine "Auswüchse und Schandtaten" vorsätzlich totschwieg. Und er sagte weiter: „Was mir überhaupt nicht gefällt, ist diese Deutschtümelei. Ich bin nun mal kein Nationalist und ich halte Nationalismus für einen ganz gefährlichen Unfug!"
  • Rolf Steiner
    am 14.06.2018
    Zitat von oben: "Träger dieser ersten großen neurechten Hasswelle im Rahmen der "Sarrazin-Debatte" waren nicht etwa verarmte Bevölkerungsschichten, sondern die Mittelklasse als "Mitte" der Gesellschaft, die hier ihre Abstiegsängste nach dem Krisenausbruch in den Jahren 2007 und 2008 in Hass und Ausgrenzungsreflexe transformierte."

    1933 wie 2017 - oder wird es 2018 noch schlimmer? Ein großer Teil des deutschen Volkes wählte damals zwar bewusst Hitler, aber dennoch und leider nicht bewusst den Teufel. Niemand hätte Hitler gewählt, wäre in einer Zauberkugel das Deutschland von 1945 zu sehen gewesen. (Thomas Mann, Dr. Faustus).

    In der Hinwendung von Professoren wie Meuthen ,Jongen, Patzelt und weiteren "Gelehrten" wie die Weidel oder der Schachtschneider an die antidemokratischen, erneuerten tumstürzlerischen Ideen der AfD darf man es sich mit einer sog. "Banalität des Bösen" nicht zu einfach machen. Auch die Nazi Bewegung vor 33 war keineswegs eine Veranstaltung Halb-Debiler, sondern übte gerade auch auf die geistigen Eliten ihre gefährliche Anziehungskraft aus - man denke beispielhaft nur mal an jenen Heidegger und dessen "Equipage".

    Nicht zu übersehen ist, dass damals sehr früh - neben anderen progressiv Denkenden - auch ein Thomas Mann eine bemerkenswerte Intuition für die Gefahren und die Mentalität der Nationalsozialisten und ihrer Sympathisanten hatte. Anfang der zwanziger Jahre, als er die Anfänge der Hitler-Partei in München beobachten konnte. Die typisch bürgerlichen Anfälligkeiten konnte Mann in den ihm nahe stehenden Kreisen der Münchner Gesellschaft hautnah erleben. Diese "Münchner Kreise" waren es ja auch, die den Nobelpreisträger im Frühjahr 1933 aus Deutschland hinausmobbten - die Nazis sahen hämischem Vergnügen, dass damit ein weiterer Kritker und sogenannter Nestbeschmutzer dem "wahren Deutschland" den Rücken kehren musste. Vergessen wir jetzt auf keinen Fall, dass in Orbans präfaschistischem Ungarn Querdenken und Kritker als "Volksverräter" geprügelt werden. Auch für uns in Deutschland gilt: wehret diesen erneuten, extrem widerlichen Nazionalismus.

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