Ausgabe 348
Politik

Kaum zu ertragen

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 29.11.2017
Die Ermordung eines kurdisch-stämmigen Blumenhändlers im Herbst 2011 in Laichingen hat den NSU-Ausschuss im Landtag beschäftigt. Ob er Opfer des rechten Terrors war? Wie in vielen anderen Fällen weiß man es nicht, weil in diese Richtung nicht ermittelt wurde.

"Retrospektiv ist man immer schlauer", sagt FDP-Obmann Nico Weinmann und hat diesmal vermutlich recht. Weil wenig dafür spricht, dass der damals 44-jährige Blumenhändler am frühen Morgen des 4. Oktober 2011 tatsächlich Opfer des "Nationalsozialistischen Untergrund" wurde. Zwar war auch hier die Waffe eine Česká. "Die Ausspähung der Umstände vor der Tat wäre aber viel zu aufwändig gewesen", sagt Alexander Dürr, heute Kriminaloberrat, damals Leiter der Soko "Blume".

Mit 15 Schüssen in nur wenigen Sekunden wurde der Mann niedergestreckt, mit acht Enver Şimşek, ebenfalls ein Blumenhändler und das erste bekannte Opfer des NSU elf Jahre zuvor in der Nähe von Nürnberg. Unverzüglich nahmen die Ermittler Kontakt mit den fränkischen Kollegen auf. Parallelen und Unterschiede wurden herausgearbeitet, letztere überwogen, etwa, dass nicht auf den Kopf, sondern auf den Rumpf "bis zum Genitalbereich" (Dürr) gezielt wurde. Auch das Kaliber der Česká ist ein anderes.

Jürgen Filius (Grüne) mit Parteifreundin Petra Häffner im Untersuchungsausschuss. Foto: Joachim E. Röttgers

Wäre da nicht die Spur 044 in dem unaufgeklärten Fall, könnten die Abgeordneten also rasch zur Tagesordnung übergehen. Der Grünen-Obmann Jürgen Filius will aber Näheres zur Auswertung von Funkzellendaten wissen. Unter 70 000 Nummern wurden 99 identifiziert, die aus NSU-Ermittlungen bekannt waren. Und plötzlich taucht ein Sachverhalt auf, der intensiver hätte bearbeitet werden müssen. Dass der Laichinger über Dritte Kontakt zu Şimşek hatte, mag angesichts der Arbeit in derselben Branche noch nicht verwundern. Dass aber eine Telefonnummer, eben jene Spur 044, im Oktober 2011 knapp vor dem Auffliegen des NSU in der Zwickauer Frühlingsstraße, auftaucht, die der Polizei schon 2004 im Zusammenhang mit dem Kölner Nagelbombenattentat untergekommen war, hätte alle Beteiligten schon früher stutzig machen und weitere Ermittlungen auslösen müssen. Filius verlangt, dass die zuständigen Ulmer Beamten jetzt nachliefern.

Der Laichinger Mord ist einer von rund 3300 unaufgeklärten Fällen seit 1990, ausgewählt nach einem sogenannten Opferindikatoren-Katalog von Bund und Ländern. Ihnen wurde noch einmal mit Blick auf eine rechtsradikale Gesinnung der Täter und speziell auf den NSU nachgegangen. Aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen geht hervor, dass immerhin 745 Fälle genauer unter die Lupe genommen wurden. Verbindungen zum NSU ergaben sich bis heute nicht. Erschreckend waren die Ergebnisse dennoch: Vielfach sind Taten dem rechten Spektrum gar nicht zugeordnet worden oder – gerade in den Neunziger Jahren – aus der Statistik wieder verschwunden.

Ein politisches Motiv ist nicht zu erkennen, aber das Milieu

Dabei kann "nur in wenigen Fällen ein rechtsextremes oder rassistisches Motiv mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden", schreiben die Forscher des Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrums in ihrer Detailanalyse von 23 Tötungsdelikten zwischen 1990 und 2007. Auffallend "ist der hohe Anteil an Fällen, bei denen zwar ein politisches Motiv nicht zu erkennen war, aber die Täter oder maßgebliche Tatbeteiligte klar dem rechtsextremen Milieu zuzuordnen waren oder eine rechtsextreme oder rassistische Einstellung zum Ausdruck brachten". Die logische Konsequenz: Hätten Ermittler anders und damit genauer auf die rechte Szene geschaut, hätten ganz andere Verbindungen entdeckt werden können. Und dass dabei Schnittmengen – zumindest mit dem Unterstützerumfeld des NSU – aufgefallen wären, erscheint mehr als plausibel.

Die Liste belegter Ungereimtheiten ist lang. Viele Jahre galt beispielsweise der Kosovo-Albaner Sadri Berisha, der 1992 in Kemnat bei Stuttgart von sieben alkoholisierten Neonazis mit Baseballschlägern getötet wurde, als das erste Opfer rechter Gewalt in der Republik. Inzwischen wird Andrzej Fratczak, ein polnischer Arbeiter, der schon im Oktober 1990 im Spreewald erstochen wurde, als erster in der Statistik rassistischer Taten geführt. Das eigentliche Tötungsdelikt wurde nie abgeurteilt, weil nicht ermittelt werden konnte, wer damals zugestochen hat. Die Angeklagten mussten sich wegen gemeinschaftlicher schwerer Körperverletzung verantworten, ohne dass das Gericht im Urteilstext auf ihre fremdenfeindliche rassistische Haltung hinwies.

Exemplarisch dafür, wie inzwischen Familienmitglieder und Freunde agieren, steht der Fall Burak Bektas. Der 22-Jährige wurde am 5. April 2012 um ein Uhr nachts in Berlin an einer Bushaltestelle gegenüber dem Krankenhaus Neukölln erschossen, zwei seiner Freunde wurden schwer verletzt. Von zwei weiteren, unverletzt gebliebenen Jugendlichen gibt es eine detaillierte Beschreibung des zu Fuß flüchtenden Täters. Die Anwälte haben die Frage aufgeworfen, ob es sich um eine NSU-Nachahmungstat handelt. Familien und Freunde sehen deshalb die Bundesanwaltschaft am Zug. Eine "Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş" hat sich gegründet, aus Spenden wird ein Denkmal am Tatort finanziert, das am sechsten Jahrestag des Verbrechens fertiggestellt sein soll.

Opfer werden von Staat und Gesellschaft oft allein gelassen

Und Blogger bloggen. Aktuell unter anderem darüber, wie die Mehrheitsgesellschaft mit dem Gedenken an die Opfer von Nazigewalt umgeht. "Jahrelang hat die Stadt Mölln das an den Angehörigen vorbei vorbereitet und veranstaltet", heißt es in einem Beitrag zum 25. Jahrestag der Brandanschläge im November 1992 mit drei weiblichen türkischen Todesopfern, darunter zwei Kinder. Es habe "eher die Funktion gehabt, sich als Stadt gut zu fühlen". Seit 2013 findet die "Möllner Rede im Exil" statt, selbstorganisiert von den Angehörigen jeweils am Jahrestag und diesmal auch zum Thema Opfer-Täter-Umkehr. Dass also "der oder die Ermordeten oder Familienangehörige angeblich selbst schuld sein sollen, auch um von den tatsächlichen Tätern abzulenken". Es sei die größte Demütigung, heißt es weiter, "die oft ertragen werden muss und kaum ertragen werden kann, vom Staat und der Gesellschaft allein gelassen, nein sogar noch beschuldigt und erniedrigt zu werden, und das nach dem gewaltsamen Tod eines Angehörigen".

Im NSU-Ausschuss berichtete der frühere Leiter der Laichinger Sonderkommission vom Lebensstil des Opfers. Der Blumenhändler sei "charmant und dem anderen Geschlecht äußerst zugeneigt" gewesen. Er fuhr dicke Autos, hatte Umgang mit Schwarzgeld in beträchtlicher Höhe, kaufte 1b-Ware ein und veräußerte sie mit erheblichem Gewinn. Von seiner Persönlichkeit her sei er "bereit gewesen, unmoralische Beziehungen einzugehen". Deshalb habe die "Hypothese betrogener Ehemann" als Täter im Raum gestanden. Alles Ergebnisse akribischer Ermittlungen, die legitimerweise ausgebreitet werden dürfen, im Untersuchungsausschuss sogar müssen.

Schön weit weg: der Bosporus. Foto: Pixabay
Schön weit weg: der Bosporus. Foto: Pixabay

Nur an einer Stelle fehlt dann doch wieder das nötige interkulturelle Feingefühl. Der Beamte spricht heute noch von der "Soko-Bosporus", als er vom Kontakt nach Nürnberg berichtet. Nach der Faustformel "Retrospektiv ist man immer schlauer" müsste der Name eigentlich aus dem Sprachgebrauch getilgt sein oder zumindest relativierend benutzt werden, denn der ist verräterisch für die Denke der Polizei nach dem Mord an Şimşek. "Weshalb erfolgte eine mentale Verlegung an die Meerenge von Istanbul, während alle Tatorte für alle ersichtlich in der Bundesrepublik liegen?", wollte das deutsch-türkische Jugendwerk in einer Aufarbeitung der blutigen Ereignisse schon vor ein paar Jahren wissen: "Warum hieß es nicht 'SoKo Franken'?" Ja, warum eigentlich?

 

Die nächsten Sitzungstermine im NSU-Ausschuss: 15.1.2018, 19.2., 5.3., 16.4., 14.5., 4.6., 9.7. und 16.7.2018


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