Ausgabe 313
Politik

Begleitmusik des Terrors

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 29.03.2017
Wie andere Hiphop hören oder Haydn, so hämmern sich Rechtsextremisten Hass und Hetze ins Hirn. Der NSU-Ausschuss im Landtag hat jetzt begonnen, sich detailliert mit der einschlägigen Musikszene zu befassen. Gleich kamen brisante Details ans Licht.

Die Mitteilung des CDU-geführten Justizministeriums könnte dürrer kaum sein. Man werde sich der Vorwürfe annehmen, erklärte ein Sprecher. Es wird auch kaum etwas anderes übrig bleiben. Denn die Abgeordneten wollen der Frage nachgehen, ob in der Justizvollzugsanstalt Ravensburg – und möglicherweise nicht nur dort – Angehörige des Personals tatsächlich CDs mit radikaler Musik unter Gefangenen verteilen. Und zwar kostenlos. Dass Polizisten bei der Bereitschaftspolizei in Böblingen rechtsextremistische Bands wie "Landser", "Noie Werte" oder "Carpe Diem" hören, war schon im ersten Ausschuss Thema gewesen. Ebenso wie die Frage, ob Behörden und Gesetzgeber nicht viel zu lange zu- beziehungsweise weggeschaut haben.

Die Zeugin vorm Ausschuss. Fotos: Joachim E. Röttgers
Die Zeugin vorm Ausschuss. Fotos: Joachim E. Röttgers

Die Frage ist in vielen Studien, in Publikationen von Experten und Expertinnen wie Andrea Röpke und anderen längst beantwortet. Dort ist zu lesen, wie wichtig die Musik für Zusammenhalt und Motivation ist, für finanzielle Einnahmen und die weitere Verbreitung rechtsextremer Ansichten. Zu hören war im NSU-Ausschuss des baden-württembergischen Landtags nun eine frühere Ikone der Szene, Annett Müller, die Auskunft gab über ihre Beweggründe, über ihre Anfänge und den Ausstieg. Heute geht sie in Schulen, um aufzuklären gegen rechts. Die Zweifel daran, ob es wirklich sinnvoll ist, sie vor 14- oder 15-Jährigen auftreten zu lassen, kann sie nicht ausräumen. Sie erzähle einfach ihre Geschichte, sagt Müller, die heute Haupt heißt. Der NSU oder das Thema Gewalt sei "nichts, was ich anspreche. Ich will keine Positionen beziehen für irgendwas." Und würde sie über Menschenrechte reden, "würde mir doch niemand zuhören".

Die Zeugin beschreibt sich "als Musiker". Es gebe die Musiker, die reden, und die, die sich prügeln. An Letzterem sei sie nie interessiert gewesen: "Als Musiker sind die Musiker unter sich, aber wir politisieren nicht." Nach Konzerten sei sie "auf Level zehn", vollgepumpt mit Adrenalin. In Spanien, in England oder Griechenland habe sie gespielt, sogar vor 10 000 Leuten. Die selbsternannte Liedermacherin, die nicht unpolitisch genug war, um nicht doch in die NPD einzutreten und für die Partei 2008 bei den Landtagswahlen in Niedersachsen zu kandidieren, will motiviert worden sein über Auseinandersetzungen ihres Sohnes in der Schule. Wie Weißrussen ihn "abgezogen" hätten. Sportschuhe seien verschwunden, niemand habe ihre Beschwerden ernst genommen, niemand habe ihr zugehört, also habe sie angefangen, Lieder zu schreiben. Balladen gegen ihre Eltern, gegen die Verhältnisse. In ihrer Erinnerung war es "ein sehr langsamer Einstieg".

Die Zeugin besang blonde Burschen und Bombardierungen

Zuerst hat Müller, wissen Kenner der Szene, eher dem Eva-Braun-Frauenbild entsprochen, blond und mit Vorliebe für trachtenähnliche Kleidung. Später, an der Seite ihres rechtsextremen Ehemanns Michael Müller, wurde die Tonlage (noch) härter. Sie veränderte ihren Typ auf dunkle Haare und Tätowierung und besang blonde deutsche Burschen im Polenland, Bombardierungen oder den "kulturellen Tod" des "Deutschen Reichs". Als ihr Mann an Krebs erkrankte, gab es häusliche Konflikte. "Wir hatten den Krieg daheim", sagt Anett Haupt, niemand habe geholfen, "wenn ich das Wort Kameradschaft höre, könnte ich kotzen." 2009 ist ihr Mann, ein Musiker, der in der Regensburger Burschenschaft Teutonia seine ersten Weihen bekam, gestorben.

Die Polizei hat viele ihrer Konzerte beobachtet, meint die Zeugin zu wissen, aber "schadhaft" war das nicht. Das können jene Verfassungsschützer auch von sich behaupten, die Jahr für Jahr brav ermittelt und dokumentiert und veröffentlicht haben. Zum Beispiel ihre Erkenntnisse aus dem Jahr 2010, "als die Anzahl rechtsextremistischer Skinheadkonzerte in Baden-Württemberg deutlich zunahm, deutlicher als im Bund insgesamt, wo der Anstieg minimal ausfiel", wie es im Verfassungsschutzbericht heißt. Einer der Gründe wird gleich mitgeliefert: "Ein Angehöriger der rechtsextremistischen Szene hatte Anfang 2010 die Gaststätte Zum Rössle in Rheinmünster-Söllingen (Kreis Rastatt) angemietet, wo in der Folge fast die Hälfte der 2010 im Land registrierten Skinheadkonzerte stattfanden." Diese Konzerte seien "meist überdurchschnittlich gut besucht" und bisherige Anstrengungen von behördlicher Seite, sie zu unterbinden, "erfolglos".

Musik ist das wichtigste Propagandamedium der Rechten

Für die Einstufung von Veranstaltungen als rechtsextrem spielt die Musik eine zentrale Rolle. "Sie ist das wichtigste Propagandamedium, über das rechtsextremistische Inhalte transportiert werden", schreiben die Verfassungsschützer. Mehr oder offener würde sie die "verfassungsfeindliche Gesinnung zu erkennen gegeben, denn viele dieser Lieder hetzen gegen szenetypische Feindbilder wie Ausländer, Juden, Israel, die USA, Homosexuelle oder 'Linke'". Zur Veranschaulichung wurde "Symbol der Sonne", ein Lied der Singener Band "Skale", analysiert, bei dem es sich "um ein nur wenig verschleiertes Bekenntnis zum historischen Nationalsozialismus handelt". So gebe der erste Teil der letzten Strophe ("Das Zeichen schwarz im weißen Feld auf feuerrotem Grund") eine exakte Beschreibung der Hakenkreuzflagge wieder, dem "eine göttliche Erhabenheit, (positive) 'Magische Kräfte' und eine heilende Wirkung zugeschrieben" würden. Musiker sind immer vor allem nur Musiker? Auch das ist Propaganda.

Rechtsextremismusexpertin Andrea Röpke: Rechte Musik ist ein Millionengeschäft.
Rechtsextremismusexpertin Andrea Röpke: Rechte Musik ist ein Millionengeschäft.

Schon im ersten Ausschuss hatte die Expertin Andrea Röpke gerade die – wirtschaftliche – Bedeutung der Musik für den NSU beschrieben. Anscheinend habe für Uwe Böhnhardt in den Neunzigerjahren der Handel mit indizierten Tonträgern von Anfang an eine ebenso wichtige Rolle gespielt wie der Waffenbesitz. Die Kontakte ins militante rassistische Musikmilieu waren, "was immer übersehen wird", deshalb wichtig, weil es um ein Millionengeschäft ging. Und weil "die Musik eben die Radikalität transportiert". Man könne hier durchaus "von der Begleitmusik zum Terror" sprechen, so Röpke. Und "Noie Werte" sei tatsächlich "die intellektuelle Band der Szene".

Das ist weit über ihre Auflösung hinaus noch heute so. Alle Titel stehen ohnehin im Netz, werden immer weiterverbreitet. Indizierte Songs, berichtet die Zeugin Haupt, sind besonders begehrt. Die Einstufung "macht Lieder nur interessanter", diese würden "durch den Index einfach schneller wegverkauft, weil schwache Jugendliche darauf anspringen". Fachleute gehen davon aus, dass seit den Neunzigerjahren mehr als 400 unterschiedliche Bands rund 1500 Platten und CDs herausbrachten. Haupt spielte mit "Noie Werte". Zwei Titel der Band sind auf NSU-Bekenner-CDs, ihre Verbindungen zum Ku-Klux-Klan sind dokumentiert, Fans in der Polizei und jetzt sogar in der Justiz bekannt. Die 1987 in Stuttgart gegründete Band steht zudem dafür, wie verankert die Rechtsradikalen in der Gesellschaft sind. Der Frontmann ist Jurist, ein Mitglied sitzt zuerst als Vertreter der "Christlichen Gewerkschaft Metall" und inzwischen einer neu gegründeten Liste im Daimler-Betriebsrat und war Arbeitsrichter.

Immerhin, einen Teil ihrer Musikerinnenkarriere bereut die Zeugin ("Ich schreibe Texte, wie ich fühle") bei ihrem denkwürdigen Auftritt im Landtag dann doch: Dass sie 2004 und 2005 an den von der NPD zu Propagandazwecken erstellten Schulhof-CDs beteiligt war. Sie habe sich schon damals Gedanken gemacht, ob es richtig sei, die Lieder unter Kindern und Jugendlichen zu verbreiten. Aber auf Konzerte seien sogar Eltern mitgegangen. Zeilen wie: "Ich kenne Deinen Namen, ich kenne Dein Gesicht, Du bist die Faust nicht wert, die Deine Nase bricht", zogen und ziehen ihre Kreise immer weiter. Es gab Fanpost, auch aus Gefängnissen. Das baden-württembergische Justizministerium hat einiges zu tun.


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