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Stuttgart 21

Maulhelden unter Kelchstützen

Stuttgart 21: Maulhelden unter Kelchstützen
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Womöglich können Männer auf Großbaustellen nicht anders. Im S-21-PR-Magazin "Bezug" ist auf Hochglanz zu sehen, wie das Y-Chromosom zuschlägt bei Frank Nopper und Christoph Ingenhoven. Der Stuttgarter OB und der Architekt der Kelchstützen reden sich einen Bahnhof schön, der niemals halten wird, was die beiden versprechen.

Ingenhovens Entwurf bekam 1997 unter 126 eingereichten Vorschlägen den Zuschlag. Die Jury lobte den Bahnhof dafür, sich "als großes städtebauliches Zeichen in den Stadtgrundriss einzuschreiben, ohne jede Monumentalität". Wie wurde damals geschwärmt: von der einzigartigen ''biomorphen (von den Kräften der Natur geformt/Anmerkung der Redaktion) Gestaltung der Halle" beispielsweise oder der ästhetisch-eleganten Tragekonstruktion! Bestechen sollte das Konzept "insbesondere mit Helligkeit und einer visuellen Offenheit, die Ästhetik und Sicherheitsvorteile verbindet". Ungewöhnlich wäre der neue Stuttgarter Bahnhof allemal geworden, vielleicht sogar ein TouristInnenmagnet im neuen Jahrtausend.

Wurde er aber nicht und wird es nie mehr werden. In die Jahre gekommen ist nämlich das Renommierprojekt des Düsseldorfer Architekturbüros. Und mit ihm die Idee von den zehn Gleisen, die den in den 1990er-Jahren auf eine ferne Zukunft hochgerechneten Leistungsanforderungen gerecht werden sollten. Auch die immer neuen Versprechungen zu Kosten und Bauzeit erwiesen sich als spezielle Varianten von Maulheldentum. Statt aber demütig über Fehler und Versäumnisse zu reden, endlich mal reinen Tisch zu machen und wenigstens diesen einen Satz "Wir haben uns geirrt" öffentlich auszusprechen, fabulieren ein Oberbürgermeister und ein Stararchitekt im Projekt-PR-Magazin "Bezug" ohne nennenswerten Realitätsbezug vor sich hin, etwa über die schöne "Vision einer Stadt der kurzen Wege".

Geschichtsklitterung auf Hochglanz

Nopper freut sich darauf, "im Idealfall" 2025 ein großes Versöhnungsfest zu feiern. Ingenhoven stilisiert sich zum verkannten Ökologen: "Es ist eine meiner größten Enttäuschungen im Leben, dass die grüne Partei sich zumindest in Baden-Württemberg normalisiert hat. Sie hat parteitaktisch Dinge getan, die nicht inhaltlich begründet waren, sondern den Zweck hatten, Mehrheiten zu produzieren." Geschichtsklitterung auf Hochglanz. Denn wäre diese Mehrheit tatsächlich produziert worden bei der Volksabstimmung, gäbe es das ganze Projekt nicht. Jedenfalls nicht in der Form, die jetzt auf Biegen und Brechen entstehen soll.

Aber der inzwischen 61-Jährige ist ohnehin ein Meister des Wortschwalls, garniert mit immer neuen, gern leicht impertinenten Spitzen oder der eigenwilligen Auslegung von Tatsachen. "Ein Ingenhoven lässt sich nur kurz entmutigen?", schlüpft der Stuttgarter OB im "Bezug"-Interview bereitwilligst in die Rolle des Stichwortgebers. Die Antwort ist nicht lustig, sondern reichlich schräg. O-Ton Ingenhoven: "Auf jeden Fall! (lacht) Der Schwarze Donnerstag war natürlich extrem unglücklich, das hat auch dem Projekt geschadet. Aber mit dem offiziellen Spatenstich – das war vor genau zehn Jahren – kehrte die Lust zurück. Als der erste Kelchfuß betoniert wurde, wuchs die Begeisterung wieder. Mir geht es da nicht anders als dem normalen Publikum: Man ist richtig angetan, wenn man Ergebnisse sieht."

Unerwähnt bleibt der Rest vom normalen Publikum, der abgeturnt ist von so viel Willkür. Ein Gefühl, das schon Schlichter Heiner Geißler nicht verbergen mochte. Etwa als es um die hundert Bäume ging, die weichen müssen für die Realisierung des Entwurfs und die neuen grünen Prachtstücke, die auf den PR-Folien aus dem künftigen Bahnhofsdach wachsen. Nachfragen eher unerwünscht. Als Brigitte Dahlbender diese Tonlage thematisierte, konterte Ingenhoven: "Finden Sie mich unangenehm?" Als sich Gangolf Stocker doch nicht einfach nicht abspeisen lassen wollte mit der Scheinwelt, erntete er allein Herablassung.

Schöne Scheinwelt

Apropos Scheinwelt. Eine besonders gelungene Folie zeigt das neue Stuttgarter Innenstadtleben. Rund um den Bahnhof sind viele Menschen unterwegs. Sie flanieren davor und dahinter auf dem heutigen Gleisfeld, dem Fußgängerweg an der Königstraße oder auf dem Vorplatz. Natürlich ungestört vom Verkehr, weil sich insgesamt nur ein Dutzend Autos verlieren in der idyllischen Szenerie. Und noch einen interessanten stadtplanerischen Hinweis gibt die Architektenfantasie: Die großzügig überdeckelte B14 von übermorgen kommt problemlos mit einer Spur weniger aus, die nämlich rasenbegrünt ist.

OB Nopper lässt sich betören von den 14 der 28 fertiggestellten Kelchstützen, vom "Bergfest beim Bahnprojekt", wie es auf der Internet-Seite der Stadt Stuttgart heißt. Baustellen-Fans wird ohnehin ganz warm ums Herz: "Für die 14. Kelchstütze wurden insgesamt 100 Betonmischer‐Ladungen mit 700 Kubikmeter Spezialbeton benötigt. Im Kelch befinden sich 350 Tonnen Bewehrungsstahl, die sich auf 22.000 einzeln vermessene Stahlstreben verteilen. Der Durchmesser beträgt im oberen Bereich 32 Meter, in der Öffnung für das Lichtauge 16 Meter."

Dass verantwortliche IngenieurInnen während der durchaus beeindruckenden Führungen durch das urbane Riesenloch leuchtende Augen bekommen , ist nahezu selbstverständlich. Stuttgart-21-AnhängerInnen, gerade in der CDU, hatten von Fritz Kuhn bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit verlangt, das so hochumstrittene Projekt gefälligst loyal zu begleiten. Und ein CDU-OB? Darf der leuchtende Augen bekommen? Darf der sich gefallen als Werbeträger in einem PR-Magazin der Bahn? Na ja. Ingenhoven kann schwadronieren über "die materialsparende Konstruktion" oder darüber, dass "wir für Heizung, Kühlung, Luftzirkulation und Tageslicht keine Energie aufwenden werden". Wenn aber ein Oberbürgermeister angesichts der ebenso permanenten wie permanent geleugneten Verteuerungen den Begriff "schwäbisch sparsam" in den Mund nimmt beim Tiefbahnhof, ist heftiges Stirnrunzeln das Mindeste.

Gespräch unter harten Männern

Und dann wird das Gespräch unter starken Männern wenigstens noch unfreiwillig witzig. "Hätte es noch eine grünere Variante gegeben?", will Nopper wissen. Da hat der Startarchitekt den hellsten aller Momente in dem seltsamen Dialog: "Die grünste Variante ist immer, nichts zu tun." Es darf ja noch geträumt werden: Etliche Milliarden wären gespart, der Kopfbahnhof wäre längst saniert und Ingenhovens Modell stünde im Haus der Geschichte, bestückt mit Playmobil-Kerlen mit Warnwesten, Schutzhelmen und Gummistiefeln als Exempeln schwäbischer Vernunft und Einsichtsfähigkeit. Stattdessen will Nopper per Öffentlichkeitsarbeit demnächst "unsere Bürgerinnen und Bürger mitnehmen und ihnen die Chance geben, stolz auf ihre Stadt zu sein". So einfach wird's wohl kaum.


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5 Kommentare verfügbar

  • D. Hartmann
    vor 3 Wochen
    Antworten
    Von oben erinnern sie mich an Urinale, seit diese Kelchstützen im Rohbau beim Blick in die Baugrube von den Stegen zur alten Bahnhofshalle sichtbar wurden. Aber gut, bis zur Fertigstellung werden ja alle noch eine Glashaube bekommen.

    Von unten wird wohl eine Anmutung entstehen, die man in…
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