KONTEXT:Wochenzeitung
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Der Allesversteher

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Vor einem Jahr wurde Kai Gniffke zum SWR-Intendanten gewählt. Seitdem fragt man sich, warum er so gerne mit und bei der AfD redet. Er selbst sagt, er mache das vorsätzlich und bewusst. Das Fehlen roter Linien könnte biographische Gründe haben.

Der Blick nach vorne auf den mittleren Schlossgarten ist fantastisch. Der Blick zurück ein Gräuel. Hinter Gniffkes Schreibtisch spannt sich eine meterlange schwarze Schrankwand, deren Türen er sich nicht zu öffnen traut. Krempel aus längst vergangenen Tagen befinde sich darin, erzählt er, unentsorgbar wie das ganze Teil, das SDR-Intendant Hans Bausch (1958–1989) als Lagerstätte gedient hat. Noch heute soll seine halbvolle Whiskeyflasche vorrätig sein. Die Schrankwand steht unter Denkmalschutz.

Zur Person

Vor einem Jahr, am 23. Mai 2019, wurde Kai Gniffke zum Intendanten des Südwestrundfunks gewählt. Als erster ohne CDU-Parteibuch. Der 59-Jährige ist SPD-Mitglied. Zuvor war er Erster Chefredakteur von ARD-Aktuell in Hamburg.

Herr Gniffke, was macht ein Intendant in Coronazeiten?

Er geht ins Büro. Ein Intendant gehört ins Haus.

Um die MitarbeiterInnen auf dem Computer anzugucken?

Ich leide darunter sehr, weil der menschliche Kontakt nicht zu ersetzen ist. Bis zu 75 Prozent waren im Home-Office. Andererseits haben wir gelernt, dass wir viel weniger zwischen Stuttgart, Mainz und Baden-Baden hin und her sausen müssen, und der Laden läuft trotzdem.

Und abends haben Sie viel Zeit, um vor dem Fernseher zu hocken. Fühlen Sie sich gut informiert?

Da bin ich amtsbedingt befangen. Aber wenn ich das Feedback von unserem Publikum als Maßstab nehme, dann scheinen wir vieles richtig zu machen. Wir bekommen so viel Post wie noch nie zuvor, und zwar zustimmende. Normalerweise schreiben die Leute, wenn sie sauer sind. Wir rücken wieder näher an unser Publikum heran. Es bekommt genau das, was ein öffentlich-rechtlicher Sender zu geben hat: Orientierung, Heimat und Geborgenheit.

Das ist jetzt Ihre Privatempirie.

Das ist auch meine Erfahrung, wenn ich durch den Sender gehe und einen extrem hohen Teamspirit bei den Mitarbeitenden registriere. Da ist ein riesengroßer Kampfgeist, wenn es darum geht, die Bevölkerung unter den erschwerten Bedingungen von Corona mit unseren Angeboten zu versorgen. Die Leute sind motiviert bis unter die Haarspitzen, und sagen mir: Jetzt brauchen uns die Menschen, jetzt muss der öffentlich-rechtliche Rundfunk zeigen, wofür er da ist.

Wenn ich auf den Cannstatter Wasen zu den Corona-Rebellen gehe, sehe ich Plakate, auf denen "Staatsfunk abschaffen" steht.

Die Menschen, die uns ablehnen, sind eine laute Minderheit. Darunter gibt es sicher eine Gruppe, denen kann ich so viele Dialogangebote machen, wie ich will. Das wird nichts mehr, da könnte ich auch mit einem Betonpfeiler reden. Der größere Anteil aber ist nicht verloren, mit ihm dürfen wir die Verbindung nicht abreißen lassen. Sonst erleben wir dasselbe wie vor sechs Jahren mit der Pegida, als sich die Dinge so weit auseinanderentwickelt haben, dass kein Dialog mehr möglich war. Das ist im Übrigen auch der Grund, warum ich mit der AfD rede.

Da sind Sie ganz vorne in der ARD-Intendantenriege. 2016 haben Sie sich für die Streichung des Attributs "rechtspopulistisch" eingesetzt, 2018 auf dem Podium der AfD Dresden gesessen und jüngst der "Jungen Freiheit" ein langes Interview gegeben. Das scheint Methode zu haben.

Ich mache das vorsätzlich und bewusst. Die Podiumsrunde mit Alexander Gauland haben Sie noch vergessen.

Wie sieht's mit dem rechtsradikalen Björn Höcke aus?

Das ZDF hat den Beschluss gefasst: nicht mit Höcke. Ich sehe keine Notwendigkeit, hier rote Linien zu ziehen. Es sei denn, jemand äußert sich antisemitisch. Ansonsten gilt, dass die AfD die größte Oppositionspartei im Deutschen Bundestag ist – ob das dem Gniffke gefällt oder nicht.

Wir sind uns aber schon darüber einig, dass die AfD im Grundtenor nationalistisch, völkisch, rassistisch und fremdenfeindlich ist?

So weit würde ich nicht gehen, sie ist kein monolithisch rechtsextremer Block.

Wie reagieren Sie, wenn AfD-Politiker vor Ihrem Funkhaus in Baden-Baden stehen und drohen, die Journalisten aus ihren Redaktionsstuben zu vertreiben?

Das ist nicht lustig, aber diese Leute machen von ihrem Recht auf Demonstration Gebrauch. Daran haben wir nichts auszusetzen, sondern unvoreingenommen und emotionsfrei darüber zu berichten. Wir würden unseren Auftrag völlig falsch verstehen, wenn wir mit gleicher Münze heimzahlen würden.

Bei der AfD in Dresden haben Sie coram publico gesagt, ich zitiere: "Verdammt nochmal, ich zahle die 17,50 Euro auch nicht besonders gerne". Und das gegenüber Leuten, die die "Zwangsgebühren" gänzlich abschaffen wollen.

Okay, ich räume ein, dass das nicht sehr geschickt formuliert war. Heute würde ich sagen, dass unabhängiger Rundfunk der Gesellschaft soviel wert sein sollte. Aber seien wir doch ehrlich: Wäre uns der Gedanke, das Geld lieber in ein Feierabend-Bier zu investieren, so fremd?

Keine Sorge, dass Sie mit Ihrem AfD-Verstehen im eigenen Laden nicht mehr verstanden werden?

Das muss man aushalten. Als ich von Dresden nach Hamburg zurückgekommen bin, hat mich eine Diskussion mit der Abteilung Innenpolitik empfangen, die fast schon härter war als die AfD-Veranstaltung. Genau wegen dieses Zitates mit den 17,50 Euro. Moderiert von Anja Reschke, die ich über die Maßen schätze. Panorama war der Meinung, man redet bei denen und mit denen nicht. Ich werde es weiter tun und halte es mit dem Tübinger Medienprofessor Pörksen, der eine "respektvolle Konfrontation" empfiehlt.

Sie machen den Rechten die Tür zum Salon auf.

Im Gegenteil. Sie leben doch im Glauben, als Parias betrachtet und von den Öffentlich-Rechtlichen schlecht behandelt zu werden. Wenn da einer kommt und zivilisiert mit ihnen redet, bröckelt das Bild, die Entrechteten der Erde zu sein. Damit zerstöre ich ihr Opfernarrativ.

Ihre zivilisierte Rede in der "Jungen Freiheit", in der sie um Vertrauen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk geworben haben, scheint zumindest bei dem AfD-Bundesvorstandmitglied Joachim Paul nicht angekommen zu sein. Nach dem Interview spricht er von einem "PR-Feuerwerk" und wirft Ihnen "regierungsnahe Hofberichterstattung" vor, Ihren Kollegen Reschke und Restle "gouvernantenhaften Erziehungs- und Haltungsjournalismus".

Bingo. Diese Reaktion zeigt mir: Das Opfernarrativ funktioniert nicht mehr.

Leute wie Paul werden Sie demnächst in Ihrem Rundfunkrat haben.

Das ist für mich kein neues Phänomen, das kenne ich vom Norddeutschen Rundfunk. Warum soll die AfD nicht drin sitzen, ihr steht nun mal Sitz und Stimme zu als im Landtag vertretene Partei. Damit haben wir gefälligst zu leben. Egal, welche Partei, welche gesellschaftlichen Gruppen in unseren Aufsichtsgremien vertreten sind – entscheidend ist, dass wir eine ordentliche Arbeit abliefern. Solange wir das tun, kommen wir mit allen klar.

Zuletzt ist Ihr Hauskabarettist Mathias Richling durch scharfe Thesen bei Maischberger aufgefallen. Er meinte, das Virus sei wie ein Erdbeben am Bodensee, das nicht komme, und die Schutzmaßnahmen ermordeten die Wirtschaft. Das stecken Sie auch weg?

Ich teile diese Einschätzung ausdrücklich nicht und würde meine Worte an seiner Stelle stärker wägen. Aber Sie müssen seine besondere Situation sehen. Mathias Richling ist ein freier Kulturschaffender, der durch Corona plötzlich auf Null gesetzt wurde. Da können einem schon mal die Gäule durchgehen. Außerdem sieht er die Lage seiner Kolleginnen und Kollegen, die existenziell gefährdet sind und nicht mehr wissen, wie sie ihre Miete bezahlen sollen. Richling ist ein Freigeist, der im SWR auftritt, worüber ich mich freue und dies auch weiterhin tun werde.

Sie gehen doch gern steil. Wie wäre es mit dieser These: Ihre Weigerung, rote Linien zu ziehen, hat auch biografische Gründe. Kai ist das ausgegrenzte Kind in der Eifel, weil die Eltern weder katholisch noch in der CDU waren. Es sehnt sich nach Anerkennung.

So steil ist die These vielleicht gar nicht. Die Gniffkes waren im Kaiserreich Sozialdemokraten. Nicht karrierefördernd. Sie waren im Dritten Reich Sozialdemokraten. Höchst gefährlich. Mein Großvater hat die SPD in der Illegalität aufrechterhalten und ist dafür ins Zuchthaus gegangen. Nach dem Krieg hat er sie in Ostberlin wieder begründet und musste mit ansehen, wie sie mit der KPD zur SED und damit für ihn untragbar wurde. Er ist getürmt, für meinen Vater war es zu spät, er landete im Stasiknast. Danach gingen meine Großeltern in den Fünfziger Jahren in die Eifel.

Sehr konservativer Landstrich.

Für Sozialdemokraten nicht unbedingt der Home-Turf. Will sagen, dass meine Familie über ein Jahrhundert lang erlebt hat, wie es ist, wenn sich keiner zu dir an den Tisch setzt. Das mag mich in dem Bestreben bestärkt haben, das Gespräch zu suchen.

Sie sprechen bisweilen von einer vertikalen Lernkurve, die man als neuer Intendant hat. War Tagesschau leichter?

Anders. Bei ARD-aktuell war ich für 300 Menschen zuständig, beim SWR sind es mehr als zehn Mal so viel. Zu meinem Verantwortungsbereich gehört nicht nur der klassische Journalismus, plötzlich zählen auch Orchester, ein Vokalensemble, eine Bigband und Unterhaltungsformate dazu. Die Erwartungen sind riesengroß, so groß, dass sie ein einzelner Mensch kaum erfüllen kann. Das ist die entscheidende Erkenntnis: Du kannst nicht sagen, jetzt rocke ich den Laden, und nach einem Jahr sieht alles anders aus. Das geht nicht bei einem Tanker.

Diese Erkenntnis schützt zumindest vor Größenwahn.

Ich sag's ganz offen: Manchmal wünschte ich mir, die Mitarbeiter behandelten mich wie einen normalen Menschen. Wenn ich durchs Haus gehe, habe ich oft den Eindruck, sie begegneten mir mit besonderer Vorsicht.

Naja, sie mussten auch Intendanten wie Peter Voß überleben.

Ich bin ein Tick anders.

Voß war sicher der Ansicht, dass er den Laden alleine rocken kann.

Die Zeiten ändern sich. Andererseits muss aber auch festgehalten werden, dass sich Voß vor seine Leute gestellt hat und beispielsweise mich geschützt hat, als ich einfacher Schlussredakteur in Mainz war. Ein hochrangiges Gremienmitglied wollte wissen, wer für eine Nachrichtensendung zuständig war, die ihm nicht gepasst hat. Die Verantwortung trägt der Intendant, meldete Voß trocken zurück. Punkt. Wiederhören. Das hat mich geprägt.

Kommen wir zu der magischen Zahl 18,36. Auf diesen Betrag empfiehlt die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten KEF, die Monatsgebühr anzuheben, also um 86 Cent. Nach Ihrem Feierabendbier in Dresden sind wir auf die Antwort gespannt.

Wir klagen nicht, wir sind nicht von der Pleite bedroht, wie diverse Verlagshäuser, über die ich Ihnen nichts erzählen muss. Der SWR würde überleben, wenn es wieder keine Beitragserhöhung gebe. Nach elf Jahren Stagnation übrigens. Aber es würde sehr, sehr ernst. Schon jetzt ist klar, dass sehr viele Menschen – coronabedingt – beitragsbefreit werden müssen, dass wir Werbeausfälle in zweistelliger Millionenhöhe haben, dass wir Produzenten und Produzentinnen Ausfallhonorare zahlen müssen. Kommt die Beitragserhöhung nicht, müssen wir harte Maßnahmen ergreifen, Programme zusammenlegen oder ganz einstellen.

Der SWR als zweitgrößter ARD-Sender ist also in einer vergleichsweise stabilen Lage.

Ja, dank der klugen Haushaltsführung von meinem Vorgänger Peter Boudgoust und Verwaltungsdirektor Jan Büttner. Aber kleinere ARD-Anstalten wie der Saarländische und Hessische Rundfunk sowie Radio Bremen hätten größere Schwierigkeiten. Wenn sie zahlungsunfähig werden, greift die Staatshaftung, das heißt, Steuergelder müssten in die Sender gepumpt werden. Das wäre das Ende der Unabhängigkeit, das Ende der Idee ARD und eines Grundpfeilers des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Darüber müssen sich auch die 16 Landtage, die in diesem Jahr noch darüber entscheiden, klar sein. Das Ergebnis werden wir mit einer gewissen Demut abwarten.

Nun hängt das Überleben nicht nur von einer klugen Haushaltsführung ab. Es könnte auch eine Frage des Programms sein. Hört man in Ihr Funkhaus hinein, stöhnen die MitarbeiterInnen über tausend Plattformen, auf denen sie rumturnen sollen. Am besten Online, Facebook, Youtube, Instagram gleichzeitig.

Ich brauche viele Plattformen, weil mir die Hoffnung abhandengekommen ist, dass meine Kinder sich vors SWR-Fernsehen setzen.

Wie alt sind sie?

23 und 27, politisch interessiert, bei Netflix und Spotify zuhause. Diese Generation ist unsere Zukunft. Wir erreichen sie noch mit dem Radio, das läuft super, aber nicht mehr mit dem linearen TV-Programm.

Adieu ihr Alten.

Nein. Die älteren Menschen sind unser Stammpublikum, sie sind mir lieb und teuer. Aber wir haben auch die Aufgabe, jüngere Menschen zu erreichen, die in den nächsten Jahrzehnten diese Gesellschaft tragen. Das bedeutet für uns: Vollgas bei den anderen Plattformen, insbesondere bei denen, die wir selbst in der Hand haben. Der SWR-Channel soll der attraktivste innerhalb der ARD-Mediathek werden.

Über Journalismus darf aber auch noch geredet werden.

Für alle Kanäle gilt dasselbe Produktversprechen: Qualität aus dem journalistisch besten Haus im Südwesten. Der SWR ist keine Sparkasse, sondern investiert in Journalismus.

Zu unserem Bedauern wird bei den "Fallers" nicht mehr weitergedreht.

Das war Corona geschuldet. Aber auch hier gibt es eine gute Nachricht: Der Dreh geht weiter. Allerdings ohne echte Kussszenen.


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8 Kommentare verfügbar

  • Andreas Markowsky
    am 08.06.2020
    Antworten
    Kai Gniffke hofft, dass er die Denkweise seiner Gesprächspartner im AfD-Umfeld beeinflusst. Umgekehrt ist dies vermutlich genauso – und offensichtlich mit Erfolg. Jedenfalls hat Gniffke nichts dagegen, dass in redaktionellen Beiträgen seines Senders zur AfD passende Thesen verbreitet werden.…
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