Ausgabe 436
Medien

Die Parkbank ist keine Option

Von Stefan Siller (Interview)
Datum: 07.08.2019
Der dienstälteste Intendant der ARD räumt sein Büro, das einen schönen Blick auf den unversehrten Teil des Stuttgarter Schloßgartens frei gibt. Da könnte einem leicht wehmütig ums Herz werden. Oder? Peter Boudgoust verneint. Nach zwölfeinhalb Jahren hat er genug gesehen.

Immer wieder ist gerätselt worden, warum der SWR-Intendant die Brocken (vorzeitig) hingeschmissen hat. Das macht man doch nicht, mit der oben erwähnten Aussicht, mit 64, einem Jahresgehalt von 338 000 Euro, und, vor allem, wenn die Amtszeit noch dreieinhalb Jahre dauern würde.

Stefan Siller wirft deshalb ein: Gestatten, dass mir das nicht so recht einleuchtet.

Und Boudgoust erläutert: Ich glaube, es wäre keine besonders gute Idee, wenn jemand, mit am Ende 68 Jahren, noch vor hat, den SWR in die digitale Zukunft zu führen. Seine Amtszeit sei doch eine "sehr gedrängte komprimierte Veranstaltung" gewesen.

Logo: Siller fragt

Alle Folgen von "Siller fragt" gibt es hier.

Da schau einer an, da räumt einer ein, die Geschwindigkeit nicht mehr mitgehen zu wollen (oder zu können), fern der Omnipotenz zu sein, und vielleicht noch etwas Besseres vorzuhaben, als von einer Sitzung zur nächsten zu hetzen. Auch wenn sein Fahrer eine Limousine mit dem Kennzeichen S – CL, wie Champions League, bewegt.

Trotzdem: Wie ist das so, wenn am Monatsende Schluss ist? Das drohende Loch, Gartenarbeit, die Ehefrau verstört?

Wie ist das jetzt eigentlich, in den letzten Wochen Ihrer Amtszeit?,  will Siller wissen.

Noch-Chef Boudgoust scheint nahezu gerührt von der Anteilnahme und beruhigt: Sie brauchen keine Sorge zu haben, dass der ehemalige Intendant irgendwann verloren auf einer Parkbank im Schlossgarten zu finden sein wird.

Gesprächspartner Siller könnte nun gemein sein und sagen, dass der Schloßgarten dafür auch kein guter Platz wäre, wegen der S-21-Verwüstungen. Ist er aber nicht, sondern verweist auf die S-21-Berichterstattung des Senders:Ich glaube, da war der SWR nicht bei den Medien, die das Projekt von Anfang an besonders kritisch begleitet hätten. Ja, so kann man’s auch sagen.

Peter Boudgoust. Foto: Joachim E. Röttgers

Peter Boudgoust. Foto: Joachim E. Röttgers

Der kontrollierte Typ

Die große Welle war Boudgousts Sache nicht. Dafür sah sich sein Vorgänger Peter Voß zuständig. Er sei eher der kontrollierte Typ, sagt der SWR-Intendant beim Besuch der Kontext-Redaktion, und so verlief auch seine Vita: Jurist im Regierungspräsidium Stuttgart und im Staatsministerium, Justiziar beim damaligen SDR, später Finanz- und Verwaltungsdirektor im fusionierten SWR, seit 2007 Intendant der zweitgrößten ARD-Anstalt. Seit 2016 ist das CDU-Mitglied Boudgoust auch Präsident des deutsch-französischen TV-Kanals Arte. Diesen Job will er bis 2020 behalten. Am meisten öffentlichen Rumor erzeugte seine Zwangszusammenlegung der Sinfonieorchester von Baden-Baden und Stuttgart. Im Ruhestand kann er sich vorstellen, als „Bürokratie-Scout“ zu helfen, wenn es im Behördendschungel an Orientierung mangelt. Sein Nachfolger ist der Chef der „Tagesschau“, Kai Gniffke, der sein Amt am 1. September antritt. (red)

Da glaubt der Intendant, überraschend, anders. Sie hätten "alle Aspekte" gebracht, erst jüngst untersucht, was die Bahn verspricht und was in Wirklichkeit passiert, womit der Fragende nicht wirklich zufrieden war und persönlich wurde:

Freuen Sie sich auf Stuttgart 21?

Antwort Boudgoust: Ich bin gespannt und noch zwischen Skepsis und Hoffnung hin und her gerissen. Wir haben im Moment …

Siller unterbricht:Woher nehmen Sie Ihre Hoffnung, wenn ich fragen darf?

Antwort: Weil ich mir nicht vorstellen kann, dass alle Fachleute, die beteiligt waren, völlig daneben lagen.

Siller hält dagegen:Herr Grube als langjähriger Chef der Bahn hat schon vor ein paar Jahren gesagt, er hätt’s nicht nur nicht erfunden, er hätt’s auch nicht gemacht.

O-Ton Boudgoust: Ich meine nicht die Bahnchefs. Ich meine die Ingenieure und Techniker, die mit den Planungen befasst waren. Aber im Moment hat man die furchtbare Phase, dass alles eine Baustelle ist. Ich würde sehr hoffen, wenn der Bahnhof mal tatsächlich fertig gestellt ist, dass die damit einhergehenden Erwartungen erfüllt werden.

Selbige Erwartungen sind bekanntlich unterschiedlicher Natur. Konsensfähiger dürfte sein, was der scheidende SWR-Intendant als öffentlich-rechtliche Botschaft hinterlässt: Mit den Mitteln des Journalismus müssen wir die Menschen in die Lage versetzen, sich ihr eigenes fundiertes Urteil zu bilden. Dass sie nicht bevormundet, aber auch nicht mit irgendwelchen Unwägbarkeiten allein gelassen werden. Wir dürfen Menschen nicht primär als Konsumenten betrachten, auch nicht als schlaue Konsumenten, sondern als Staatsbürger, die selbstbestimmt darüber entscheiden können, wie sie leben wollen. Und das auf der Basis von fundierten Fakten.

Am Ende wünscht Siller noch fröhliches Kofferpacken.


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5 Kommentare verfügbar

  • Philippe Ressing
    am 26.08.2019
    Ein Interview das wichtige Probleme des SWR nicht thematisiert: Der SWR soll mit seinen Programmen das Land abbilden. Schaut man sich die Regionalsendungen im Fernsehen für Baden-Württemberg an, dann herrscht immer noch ein ländlich-betuliches Bild des Südwestens vor. Dabei lebt die Mehrheit in den Ballungsgebieten Stuttgart, und im Rhein-Main-Dreieck. Der Sender versendet aber immer noch das betuliche Bollenhut-Image verstaubter Zeiten. Oder wie eine Programmverantwortliche vor vielen Jahren auf meine Frage nach Chancen für Themen wie etwa Aids im TV-Regionamagazin sagte, dies wollten die Leute zum Abendbrot nicht sehen. Schon bezeichnend, dass es 2019 keinen Moderator und keine Moderatorin mit Migrationswurzeln auf dem SWR-Bildschirm gibt. Die gelebte Wirklichkeit im Ländle wird immer noch durch heilewelt Klischees ersetzt. Einst schwadronierte SWR-Gründungsintendant Peter Voß über die Macht des zweitgrößten Senders der ARD im Verbund der Anstalten. Wo ist das Realität geworden - das fragt der Interviewer nicht.
    Über Arbeitsverdichtung antwortet Boudgoust ausweichend, da hätte vor allem bezüglich der journalistischen Qualität der Berichterstattung nachgefragt werden müssen. Landesschau Aktuell und Landesschau Magazin in BaWü konkurrieren mit Bunten Themen. Insider sagen, dass für längere Recherche immer weniger Platz im Programm ist und auch die Sendeplätze fehlen. Dafür immer mehr PLatz für Online-Nerds, die das journalistische Handwerk nicht beherrschen. Insofern ein verschenktes Interview.
  • Martina Auer
    am 08.08.2019
    Was ich längst nicht mehr hören kann:

    Wenn immer noch wiedergekäut wird, Grube hätte S21 nicht gemacht.

    Liebe Leute, genau dieser Grube war es doch, der Ende 2009, kurz vor dem letztmöglichen Termin der ordentlichen Kündigungsmöglichkeit der S21-Verträge, mal eben schnell die Baukosten runtergerechnet hat, um eben diese Kündigung zu vermeiden - und sich damit seine Boni (Möhrchen, wie er es selbst nannte) zu sichern.

    Er war es, der sich auch persönlich die Vorschläge der S21-Kritiker anhörte, um diese geflissentlich zu ignorieren. Er war es, der in die Kamera log, er kenne den Bericht des Bundesrechnungshofes nicht.

    Genau dieser Grube würde jetzt und hier S21 erfinden, wenn es das noch nicht gäbe und er dafür Möhrchen bekäme. Er würde es immer wieder machen. Grube gehört zu den ganz bedeutenden Playern bei S21, er ist eine der ganz entscheidenden treibenden Kräfte.

    Vergesst doch endlich diesen Spruch von Grube und schaut auf die Realität und ins Wesen dieser traurigen Gestalt.
    • Marla M.
      am 09.08.2019
      @Martina Auer.... danke
      Auch ich finde es unerträglich wie da eine mittlerweile tagtägliche kognitive Umkehrung stattfindet: Täter macht sich zum Opfer!
      Und dann wird sein Opferstatus publiziert -tagein, tagaus!

      Dabei taugt insbesondere Grube hinten und vorne nicht als 'Opfer'! Er hatte viele Möglichkeiten Stopp zu sagen: im Hinblick auf AZER, 2009 als er das Projekt klein rechnete, beim Faktencheck, vor der VArce..... undundund...

      Seine 2 900 Mio waren m.E. Schweigegelder und dem wurden dann ja noch lukrative Beraterverträger hinterhergeworfen!

      Spannend wäre eine Frage danach gewesen, warum und wieso ein SWR doch so behutsam mit der Causa Grube umgeht! (Und warum Kontext so behutsam mit Boudgoust)
      Warum macht einem 300 000 Euro Verantwortungsträger das ganze drum herum nicht skeptisch? Als #Sozialklimbim Mann müsste er sich doch fragen lassen: das Projekt ist offiziell zur Hälfte finanziert, woher sollen die vielen Reste kommen? Einsparungen beim SWR? (Der Haushaltsplan für 2018 sieht insgesamt Aufwendungen in Höhe von 1.425 Milliarden Euro vor. )

      Früher war in Rente gehen auch ne Zeit, um selbstkritisch einiges zu hinterfragen... doch wenn Mann noch ne #KukidentKarriere anstrebt, geht das natürlich nicht!

      "Ich vertraue auf Deutschlands Ingenieurskunst" .... hat mann schon mal gesagt!
  • Marla M.
    am 07.08.2019
    "Das macht man doch nicht, mit der oben erwähnten Aussicht, mit 64, einem Jahresgehalt von 338 000 Euro, und, vor allem, wenn die Amtszeit noch dreieinhalb Jahre dauern würde. "
    ...während man einen Dachdecker auf 67 Jahre, bei einem Jahresgehalt von nich mal 50 000 verpflichten will....
    Geht Boudgousts mal eben so...vorzeitig... keine Sperre, keine Strafe, keine Sanktionen...

    Grube wurde ja auch ob seines vorzeitigen AUS reichhaltig bedacht! Schuster macht seitdem richtig reichhaltige Karriere!
    Und wette, er wird eine lukrative Anschlußverwendungen finden?

    Und wenn nicht da, dann hebeln sie in einer Art AufbruchVerein die Demokratie aus!

    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Peter_Boudgoust

    Ich finde Leute, die vom #Sozialklimbim bezahlt werden.... sollten wenigstens ab Rente daran arbeiten MÜSSEN, ihre angerichteten Schäden wieder zu beheben!
    Und bzgl S21, insbesondere dem Widerstand gegenüber, hat SWR und er als Verantwortlicher eine mehr wie schräge Nummer abgegeben....
    undemokratisch und hatend!
  • Jue.So Jürgen Sojka
    am 07.08.2019
    Nicht doch Stefan Siller! Sie können doch nicht den Intendant des zweitgrößten ARD-Senders diese Frage stellen: „Freuen Sie sich auf Stuttgart 21?“
    Was, so die Frage, lässt sich darauf wohl antworten, von einem der wichtigsten Personen zur ö-r Meinungsbildung?!?
    Jetzt halten Sie, Stefan Siller, auch noch entgegen: „Herr Grube als langjähriger Chef der Bahn hat schon vor ein paar Jahren gesagt, er hätt’s nicht nur nicht erfunden, er hätt’s auch nicht gemacht.“
    Warum verteidigt dann Rüdiger Grube so vehement dieses größte _ungeplante_ Bauprojekt?!?

    Grube - Da war doch was: 2. März 2010 ZDF Frontal 21 Baubeginn STUTTGART 21 https://www.youtube.com/watch?v=FgPKEBEbUGs#t=4m11s ab Min. 4:11 Rüdiger Grube

    Übrigens… Es darf _niemand_, der sich der Auto-Industrie verpflichtet meint, sich in einer "Schlüsselfunktion" in der Bahn AG, in einem der vielen Ausgliederungen, dem Eisenbahnbundesamt, den Landes- oder dem Bundes-Verkehrsministerium befinden!!!

    SWR Martin Rupps 05.08.2019, 15:57 Uhr Baustellen-Jubiläum. Ein Kommentar
    "Stuttgart 21" behindert Shoppen und Cabriofahren https://up.picr.de/36455359an.pdf mein Kommentar mit 3 Antworten
    Sie sind Stuttgarter Martin Rupps? Der Schreiber dieser Zeilen "SdZ" auch. _
    Nun ist der Blick auf unsere Geburtsstadt nicht so ohne weiteres vergleichbar. Die Kessellage und die Eingemeindungen führen zu vielfältigen Betrachtung

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