Freitag, 22. März, Funkhaus Stuttgart: Der Rundfunkrat lauscht den Botschaften von oben. Fotos: Joachim E. Röttgers

Freitag, 22. März, Funkhaus Stuttgart: Der Rundfunkrat lauscht den Botschaften von oben. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 417
Medien

SWR: Platz zwei hinter der Polizei

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 27.03.2019
Am Ende lobt sich der Intendant selber. Die Menschen vertrauen dem SWR fast so sehr wie der Polizei, sagt Peter Boudgoust. Wenn man seinem Verwaltungsdirektor folgt, stellt sich die Frage, warum, um Himmels Willen, das so ist.

Peter Boudgoust (64) ist voller Zuversicht. Seine Ärzte sagen, er sei kerngesund, und seine Medienforschung sieht seinen Sender auf Platz zwei. Gleich hinter der Polizei. Bei der Frage, wer das größte Vertrauen im Land genießt. Das gibt dem SWR-Intendanten die nötige Kraft, bis zum Ende seiner (verkürzten) Amtszeit durchzuhalten. Auch die anderen Werte sind gut. 76 Prozent der Befragten geben an, der Südwestrundfunk sei sein Geld wert. 73 Prozent empfinden die Anstalt als modern und zeitgemäß. Nur bei der Innovation hapert's noch ein wenig. Die liegt bei 55 Prozent. Boudgoust ("Wir müssen groß denken") schließt daraus, dass die "gezielten Angriffe nicht wirken". Er sagt nicht, wen er da genau meint. Es könnte sein, dass er an die Zeitungsverleger oder an PolitikerInnen seiner eigenen Partei (CDU) oder an jene noch weiter rechts draußen ("Staatsfunk") denkt.

Peter Boudgoust: hat bald fertig.
Peter Boudgoust: hat bald fertig.

Die versammelten Rundfunkräte spenden ihm Beifall, an jenem Freitag, den 22. März, dankbar, dass sie es erstmal hinter sich haben. Die Nominierung der BewerberIn für Boudgousts Nachfolge. Das war, wie berichtet, schwierig genug. Ungewohnte Aufmerksamkeit ist ihnen zuteil geworden, ob der Frage, unter wie vielen Kandidaten sie wählen wollten. Unter fünfen oder zweien, was sogleich zu einer Frage der Demokratie erhoben wurde, zumal manchen Leitartikler die Sorge umtrieb, es könnte sich bei den Räten um Marionetten an den Fäden von Strippenziehern handeln, die sich im Heizungskeller des Funkhauses versteckten. Wie weiland Nahostexperte Gerhard Konzelmann, der von der dortigen Kommandozentrale aus die Ölkrise kommentierte.

Der Rundfunkrat ist nicht mehr das, was er einmal war

Nun sind die Strippenzieher nicht völlig verschwunden, aber sie haben's schwerer. Seit vier Jahren, seitdem der Staatsvertrag verlangt, dass weniger Politiker die Gremien bevölkern, ist dort ein buntes Volk von Lobbyisten zugange. Migranten statt Vertriebene, Muslime statt Freikirchen, mehr Frauen als Männer, und viele davon flottieren frei durch die schwarzen, roten, grauen und lila Freundeskreise, in denen früher alles ausgekaspert wurde. Wolfgang Drexler, einst einmal SPD-General und auch S-21-Sprecher, ist der Frontmann des roten Bundes und meint, die parteipolitische Präferenz sei heute nicht mehr entscheidend. Man darf annehmen, dass er das bedauert.

Nach der Sitzung gibt es Kaffee und Kuchen, Stefanie Schneider, die Landessenderdirektorin, ist nominiert, Kai Gniffke, Chefredakteur von ARD-Aktuell, ebenfalls. Bei einer Gegenstimme von Karl Geibel, dem Journalistenvertreter, und vier Enthaltungen, darunter einer von Volker Stich, dem früheren Beamtenlobbyisten, der zuvor das ganze Wahlverfahren kippen wollte. An den Stehtischen wird über Gniffke geredet und über die Vorwürfe, er führe seinen Laden nach Gutsherrenart und erzeuge ein "Klima der Angst". Bauernverbandspräsident Joachim Rukwied ist da schon nicht mehr dabei. Er eilt zum nächsten Termin. Der anonyme Vorwurf aus Hamburg kommt pünktlich zur Kandidatenkür, und ist offenbar nur eine Wiedervorlage. Aus dem Büro Boudgoust ist zu hören, jener Brief sei schon vor Wochen bei der Intendanz eingegangen und sofort im Papierkorb gelandet. Also alles gut?

Der eine nimmt's gelassen, der andere mit Verdruss: Clemens Bratzler (rechts) und Jan Büttner.
Der eine nimmt's gelassen, der andere mit Verdruss: Clemens Bratzler (rechts) und Jan Büttner.

Nichts ist gut. Sagen nicht die üblichen Miesepeter, nicht die KollegInnen, die einst den Stammtisch Edeka (Ende der Karriere) gegründet haben und heute einen guten Teil der Kantine füllen würden. Das sagt Jan Büttner, der SWR-Verwaltungsdirektor, der bisher als Kronprinz galt, und kurz vor knapp hingeschmissen hat. In seinem Brief an die Gremienmitglieder, datiert vom 16. März, mit dem er zugleich seine Bewerbung zurückzieht, kritisiert er Bekanntes, das Gegeneinander zwischen Stuttgart und Mainz, die überbordende Bürokratie, die fehlende Kraft, daran etwas zu ändern. Neu sind seine Positionen zum Programm, die der gelernte Journalist als "Herzensangelegenheit" bezeichnet. Er will die "alten Tugenden" wieder haben, die Neugier, die Bereitschaft, einen anderen Blickwinkel einzunehmen, nichts vorschreiben, ein Gegengewicht sein zu Fake-News, Populismus und kommerziellen Interessen. Damit ist doch etwas anzufangen.

Büttner schreibt einen richtigen Brief zur falschen Zeit

Aber hallo, fragen wir von Kontext, warum hat er das nicht schon früher gesagt? Stattdessen dieser Rückzug, den niemand kapiert, es sei denn, eine beleidigte Leberwurst zu sein, genügt als Motiv. Das Ticket der Schwarzen ist heute halt kein Freifahrtschein mehr, die Vorstellung, einen 57-jährigen Boudgoust zu bekommen, offenbar nicht sexy, und der Umstand, dass ihm Frau Schneider (57) vorgezogen wurde, mag der Männerseele wehtun, ist aber kein Grund zum Weinen. Ein anderer Aussortierter, Clemens Bratzler (46), nimmt es wesentlich gelassener. Er hat Flagge gezeigt und bereut es nicht. In fünf Jahren ist wieder Showtime.

Büttners Brief endet mit dem Hinweis, er wolle Schaden vom SWR abwenden, vielleicht könne ein kleinerer Bewerberkreis hier helfen. Und ab in die Verwaltung. Nein, so einfach geht das nicht. Wenn schon kein erklärendes Wort ("Ich bitte um Verständnis"), dann soll der Brief für sich sprechen:

Mit Klick auf das Bild geht es zum ganzen Schreiben.
Mit Klick auf das Bild geht es zum ganzen Schreiben.

Womöglich gewinnt Büttner dadurch neue Freunde. Gewiss nicht im Kreise der Direktoren und Gremienmenschen, die ziemlich sauer sind auf ihn. Sie könnten sich ja fragen, ob sie etwas verpennt haben? Eher bei denen, die nicht zu den 75 Prozent gehören, die Boudgoust zu seinen Fans zählt, und die es durch "mehr Emotionalität" zu mehren gelte. Vielleicht, so spricht der Intendant in die Runde, "werden wir von den Menschen als zu verkopft wahrgenommen". Das fehlende Viertel wird davon nicht überzeugt sein, auch ausweislich der Kommentarspalten von Kontext, in denen immer wieder die Heimattümelei, die beharrliche Betulichkeit, die Beamtenmentalität, das Popgedudel und das ewige "Gehörtgehört" gegeißelt wird. Falscher wird es durch die Wiederholung nicht.

Unter den Kritikern ist auch Gerhard Manthey, unser Träumer mit empiriegesättigter Vergangenheit. Als Verdi-Mensch ist er im SWR jahrzehntelang ein und aus gegangen, kennt er den Laden in- und auswendig. Er fragt, warum eigentlich nicht die wählen dürfen, die am besten wissen, wie so ein Intendant, so eine Intendantin beschaffen sein müsste: die MitarbeiterInnen des SWR. Warum nicht die BeitragszahlerInnen, also alle BürgerInnen, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk finanzieren? Manchmal sind die einfachsten Fragen die besten.


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