Ausgabe 392
Zeitgeschehen

Judenschmäh-Revival

Von Günter Randecker
Datum: 03.10.2018
Die "Laichinger Hungerchronik", laut der sich jüdische Händler in der Hungersnot 1816/17 durch Getreide-Wucher bereichert haben sollen, hatte Günter Randecker 1987 als antisemitische Fälschung enttarnt. Damals war er Archivar der Stadt Münsingen. Jetzt hat der SWR einen Film ausgestrahlt, in dem der Chronikfälscher zitiert wird. Das bringt für Randecker das Fass zum Überlaufen. Wir lassen ihn zu Wort kommen.

Der SWR-Film "Das Jahr ohne Sommer – Wie das Cannstatter Volksfest entstand" ist im Fernsehen ausgestrahlt worden und wird bis 3. Oktober im Stuttgarter EM-Kino öffentlich gezeigt, im Rahmen der Festtage "200 Jahre Cannstatter Volksfest". Das mit 350 000 Euro ausgestattete Budget für diesen Film, produziert von der AV Medien Film und Fernsehen GmbH, wurde verwendet etwa für Außenaufnahmen im Marbacher Haupt- und Landgestüt. In Buttenhausen ist nicht gefilmt worden. Ein Film über die Juden dieses Lautertaldorfes, die in der sogenannten "Laichinger Hungerchronik" unschuldig des Wuchers in der Hungers- und Teuerungszeit 1816/17 verdächtigt worden waren, wäre von Seiten der Fernsehmedien längst überfällig, als Ehrenrettung und Entschuldigung zugleich. Doch nichts davon erfüllt dieser neue Film – im Gegenteil.

Vor 30 Jahren sind meine Recherchen im Rahmen eines Symposium mit Wissenschaftlern aus Hamburg, Göttingen und Baden-Württemberg im Münsinger Rathaus bestätigt worden: Die "Laichinger Hungerchronik" ist eine Fälschung. Heute muss man sich allerdings fragen, wer sie zu neuem Leben erwecken will. Denn wenn man eine Dokumentation des SWR-Fernsehens – 2017 zuerst auf "Arte" ausgestrahlt – und eine Neuerscheinung des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg für bare Münze nimmt und die aktuelle "200 Jahre Volksfest"-Sendung hinzuzählt, kann man zu diesem Schluss kommen. Aber der Reihe nach.

Ende September 2017 zeigte "Arte" und Ende Februar 2018 das SWR-Fernsehen den Film "Der Vulkan, der die Welt veränderte" ("Tambora - l'éruption qui a changé le monde"). Der Vulkanausbruch des Tambora im fernen Indonesien 1815 sei Mitursache der hiesigen Wetterkapriolen 1816 und der Notzeit 1816/17 gewesen, so die Kernaussage dieses Films. Drehbuch und Regie: Florian Breier und Elmar Bartlmae. Letzterer ist auch Geschäftsführer der Leonardo Film GmbH in Oldenburg, die im Auftrag des SWR (Redaktion: Martin Schneider) und in Zusammenarbeit mit "Arte" den Streifen produzierte, gefördert von der Filmförderung Baden-Württemberg und der Nordmedia Film- und Mediengesellschaft Niedersachsen-Bremen. Der Film enthält folgende Sequenz über das Hungerjahr 1816/17: "Die frühen Anzeichen einer schlechten Ernte hatten einige Kaufleute erkannt und waren auf der Suche nach einem guten Geschäft von Dorf zu Dorf gezogen. Auf der Schwäbischen Alb waren die Menschen sehr fromm ... Viele Bauern verkauften deshalb ihre Vorräte und glaubten an einen guten Handel. Doch es waren die Kaufleute, die profitierten. ... Sie wurden reich, sehr reich und bei der Bevölkerung verhasst – Kornwucherer genannt."

Bis heute baut man auf Erlogenem auf

Diese Filmsequenz, die ja angeblich auf der Schwäbischen Alb angesiedelt sein soll, wurde im fränkischen Freilichtmuseum Wackershofen gedreht. Mit dem eingeblendeten Bild – einen angeblichen Kornwucherer darstellend – gibt der Film zu erkennen: Der Kornwucherer war ein Jude.

Schon 1987, anlässlich der Napoleon-Ausstellung in Stuttgart, gab es eine TV-Begleitsendung des Stuttgarter Senders (Redakteur: Ulli Bausch) mit einem Bild des Kornhandels und dem Text: "Auf der Alb sind sie mit Kornhandel beschäftigt". Eine Richtigstellung des SWR, obwohl meine Aufdeckung der "Laichinger Hungerchronik"-Fälschung damals im Gedenkbuch "Juden und ihre Heimat Buttenhausen" bereits vorlag, erfolgte nicht.

Dass in beiden Filmen eine unkritische Übernahme der 1916 von Christian August Schnerring fabrizierten antisemitischen Fälschung, genannt "Laichinger Hungerchronik", als Grundlage diente, ist inakzeptabel. Schnerring hat in seinem Begleitaufsatz nicht nur die Buttenhäuser Juden diffamiert ("ganze Fuhren von Getreide tun sie aus dem Flecken"), auch die fränkischen Juden: "Mit ihrem Kärrich fahren sie umeinand und kaufen auf ... (Aus dem Fränkischen)". Alles verlogen. Schnerring hat diese "Dokumente" 1916/17 gefälscht. Fürs TV-Drehbuch, hundert Jahre später, schienen solche Sätze plötzlich authentisch!

Aber nicht nur in solch schlecht recherchierten Filmsequenzen, auch in einer neuen Publikation wird Schnerring und seine Erstveröffentlichung der "Hungerchronik" in den "Württembergische Jahrbüchern für Statistik und Landeskunde" (1917 herausgegeben vom Königlichen Statistischen Landesamt) herangezogen. Jüngstes Beispiel: der Aufsatz "Tambora und die Folgen im Königreich Württemberg", abgedruckt im Band "Tambora. Ein Vulkan verändert Südwestdeutschland", herausgegeben vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg (2017). Der Autor Thomas Schnabel, langjähriger, zum Ende dieses Jahres pensionierter Leiter des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg, zitiert Schnerring ("Die Not hub an") und lässt sich von Schnerrings Aufsatz aus dem Jahr 1916/17 (Exzerpte aus Parlamentsprotokollen und Regierungsblättern) gleich ein Dutzendmal "inspirieren". In diesem angeblich wissenschaftlichen Jahrbücher-Einleitungstext (dem die gefälschte Chronik angefügt ist) werden die gefälschten "Aufzeichnungen eines Älblers" vierzigmal zitiert. Darunter sind zehn antisemitische Äußerungen: Die "Kornwucherer" seien die Buttenhäuser Juden gewesen, behauptete Schnerring. Und an einer Stelle schreibt Schnabel über die spätere Debatte, ob die Preissteigerungen auf Wucher zurückgingen: Teilweise hätten sich darunter - ohne Belege - antijüdische und später antisemitische Äußerungen gemischt. Aber am Ende des Schnabelschen Aufsatzes ist dann doch wieder die Rede von der "Bereicherung der Juden" – wie im eingeblendeten Bild zum entsprechenden Kommentar des Fernsehfilms!

Ein Absud von Fälschung und Dichtung

Um einer Replik vorzubeugen, man habe ja nur belegbare Fakten – auch aus Schnerrings Aufsatz – zitiert, hier ein Beispiel für die Übernahme Schnerringscher Ergüsse im Schnabelschen Aufsatz. Denn Schnabel schreibt tatsächlich von Schnerring ab! Etwa auf den Seiten 43/44: "In einer zeitgenössischen Darstellung hieß es: 'Statt der Gemüse ... kochten sie Gras, Klee, Wurzeln, Heu ..." So weit wird das "Württembergische Jahrbuch" von 1818 bei Schnabel – ohne Quellenangabe – wie auch bei Schnerring, allerdings etwas abgeändert – mit Quellenangabe – zitiert. Was dann folgt, ist Schnerringsche Erdichtung und wird von Schnabel unkommentiert abgeschrieben und gedruckt – wiederum ohne Quellenangabe. Ein Satz, der nur bei Schnerring zu finden ist: "... und als warmes Getränke am Morgen genoß man vielerorts einen Absud von Heublumen ..." Dieser letzte Teil steht nicht im "Württembergischen Jahrbuch" von 1818, vielmehr 1916/17 von Schnerring hinzugedichtet – ein typisches Beispiel, wie Schnerring verfälschte. Die ganze trübe Mischung, neu aufgewärmt, ist ein Absud von Fälschung, Dichtung und Jahrbuchextrakten.

Was die "Bereicherung der Juden" betrifft, beruft sich Schnabel auf einen Aufsatz über "Hunger als administrative Herausforderung" aus dem Jahr 1995 (abgedruckt im "Jahrbuch für europäische Verwaltungsgeschichte"), geschrieben von Clemens Zimmermann (heute Professor für Kultur- und Mediengeschichte an der Universität des Saarlandes). Noch Jahre nach meiner Aufdeckung der "Chronik"-Fälschung empfahl dieser Autor in einer Fußnote den 33-seitigen Aufsatz Schnerrings, insbesondere acht Seiten davon, in denen allerdings die "Laichinger Hungerchronik" rund drei Dutzend Mal zitiert wird. Und diese Zimmermannsche "Abhandlung" mit dem Schnerring-Hinweis wird heute unkritisch von Schnabel herangezogen. Das Ganze ist kein Ruhmesblatt, sondern vielmehr ein ziemlich blamabler Vorgang für die sonst auf ihre Seriosität so viel Wert legende Historikerzunft.

In dem jetzt angelaufenen 90-minütigen SWR-Film der Regisseure Torsten Truscheit und Bernhard Stegmann (Drehbuch: Ulrike Stegmann, Redaktion: Norbert Bareis) werden Experten herangezogen aus dem Hauptstaatsarchiv, dem Landesmuseum, dem Landwirtschaftsmuseum (es sei "mit Getreide spekuliert" worden), dem Haus Württemberg und auch die Historikerin Dr. Susanne Dieterich, die vor laufender Kamera unkritisch aus der "Laichinger Hungerchronik" zitiert: "Im Märzen hat es angefangen, da haben meine Kinder zum erstenmal nach Brot geschrien und wir hatten keins. Derweil im 1815er und 1815er Jahr alles schlecht geraten war. Und ist hernachmals alles so teuer geworden, als man es nimmer hat verzahlen mögen." Wer neugierig ist und diese angebliche "Chronik" nachliest, stößt dann auf solche "Feststellungen": "Kein Brot; das hat der Jud fort."

30 Jahre nach meiner Aufdeckung dieser Jahrhundertfälschung, mit der schuldlose Buttenhäuser Juden diffamiert wurden ("zum Flecken hinauspeitschen sollte man die ..."), ist das unkritische Zitieren von Schnerring-Texten nicht nachvollziehbar, und es ist unverantwortlich. Wann hört die Verbreitung dieses Machwerks endlich auf? Es ist inakzeptabel, dass dieser Film mit Zitaten eines eines notorischen, antisemitischen Fälschers (NSDAP-Mitgliedsnummer 2 339 719) bis diesen Mittwoch auch noch öffentlich in einem Stuttgarter Kino ohne kritische Kommentierung gezeigt wird.


Info:

Günter Randeckers Beitrag "Die Laichinger Hungerchronik - ein Lügengewebe" ist erschienen in: "Gefälscht! Betrug in Politik, Literatur, Wissenschaft, Kunst und Musik", 1988 herausgegeben von Karl Corino, Verlag Nördlingen Greno.

Am Sonntag, dem 14. Oktober bietet Günter Randecker um 10.30 Uhr einen geschichtlichen Rundgang durch Buttenhausen an. Treffpunkt ist das Jüdische Mahnmal in der Ortsmitte.


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4 Kommentare verfügbar

  • Andrea Boysen
    am 10.10.2018
    Die Aufdeckung der Fälschung der Laichinger Hungerchronik ist ein großer Verdienst von Günter Randecker. Erstaunlich, grotesk, hanebüchen die Tatsache, dass sich Historiker nach vor auf die als Fälschung enttarnte antisemitische Chronik von Schnerring beziehen. Wie ist das möglich?? Eine schöne Geste wäre, Herrn Randecker ins Stuttgarter Haus der Geschichte einzuladen!
  • Waldemar Grytz
    am 08.10.2018
    Mal abgesehen von der anti-jüdischen Propaganda, die später mit der Laichinger Hungerchronik betrieben wurde: kann ein ausgewiesener Historiker dem Publikum mal erklären, wie Getreidehändler in derart chaotischen Zeiten welche Mengen von Getreide kaufen, transportieren und dann auch noch horten konnten? Das kann doch nur mit Duldung oder gar massiver Unterstützung durch die Obrigkeit abgelaufen sein. Herr Schnabel, übernehmen Sie?
  • Michael Kuckenburg
    am 03.10.2018
    Den Film hab' ich gesehen. Aber ich habe darin nirgends das Wort "Jude" gehört.
    Es kann ja sein, dass es in begleitenden Büchern vorkommt. Aber im Film selbst doch nicht!?
    Also, wer den Film unvoreingenommen angeschaut hat, kann doch darin nichts Antisemitisches entdecken?
    Über aufkärende Antworten freue ich mich.
  • Rosemarie Kirschmann
    am 03.10.2018
    Lieber Herr Randecker, der Artikel ist in seinem Nachweis der Abwesenheit intelektueller Redlichkeit und historischer Sorgfalt bei wichtigen Medien vielen auch bekannten Persönlichkeiten wie Dr. Susanne Dieterich erschütternd. Ich danke Ihnen, dass Sie dran bleiben, aufdecken und aufklären, dies ist so wertvoll!

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