KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Der Wettertänzer

|

Datum:

In einer Kirchenbank hat Sven Plöger noch nie über seine Leidenschaft fürs Wetter und seine Sorge ums Klima erzählt. Zwei Meter Abstand zu Deutschlands beliebtestem Wettermann, klar. Und die Cafés sind sowieso dicht. Ein Treffen unter coronalen Bedingungen.

Herr Plöger, auf Kirchtürmen wie hier in St. Georg in Ulm steht oft der Hahn. Der zeigt, woher der Wind weht.

Ja, der Hahn zeigt die Windrichtung an. Schalenkreuzanemometer sieht man hier seltener. Das ist ein wunderschönes Gerät mit Halbkugeln, da bläst der Wind rein und dreht sie. Das ist das tolle an der Meteorologie, wir haben so nette Wörter, mit denen wir unsere Wissenschaft für ein Gegenüber aufhübschen können. Wie Cumulonimbus capillatus Incus, die hochaufreichende Gewitterwolke oder Altocumulus translucidus perlucidus - mancher nennt das auch Schäfchenwolke.

Okay, das sagt mir auch was.

Ich wollte Sie wieder integrieren ins Gespräch (lacht). Schalenkreuzanemometer ist tatsächlich ein schwieriges Wort. Das Wort Meteorologie fällt ja auch manchen schwer. Ich hatte bei einer Veranstaltung mal ein Namensschild: Sven Plöger, Metrologe. Ich hab zum Scherz gesagt, ich kenn mich mit U-Bahnen gar nicht aus. Und beim Fernsehen war schon mal untertitelt Metrereologe. Da hat einer Einsatz gezeigt und gesagt, ein kompliziertes Wort braucht halt ordentlich viele Buchstaben.

Sie finden ja nicht nur die Wörter schön. Wenn man Ihnen bei Ihren Wetterprognosen im Fernsehen zuhört, merkt man, dass Sie eine Leidenschaft fürs Wetter haben. Ich hingegen schau raus morgens, wenn's regnet, greif ich den Schirm, wenn die Sonne scheint, zieh ich ein T-Shirt an.

Der Klimaerklärer

Wenn Sven Plöger zum Wetter in seiner Heimatstadt Ulm gefragt wird, fängt er nie mit dem Nebel an. "Das finde ich die falsche Reihenfolge", sagt der 52-Jährige auf dem Turm der St. Georgskirche, dessen 200 Stufen wir gemeinsam hochgestiegen sind. Er lobt die Lage an der schönen Donau und dass es an schwülen Tagen in Ulm herrlich frisch ist. Sven Plöger ist ein positiver Mensch – und Deutschlands bekanntester Meteorologe und Wettermoderator. Im Rheinland ist er geboren, studiert hat er in Köln, seit Jahrzehnten lebt er in Ulm – und liebt inzwischen Kässpätzle und Maultaschen.

In Vorträgen und Buchveröffentlichungen beschäftigt er sich seit Jahren mit dem Klimawandel. Sein Credo lautet: "Ideologie raus, Sachverstand rein." Schlüsselerlebnis war der Sturm Lothar, als er sah, wie vor seinen Augen ein ganzer Wald umknickte. "Zieht euch warm an, es wird heiß", heißt sein neuestes Buchprojekt. Es wird demnächst im Westend-Verlag erscheinen. (sus)

Ein ziemlich vernünftiger Umgang mit dem Wetter.

Alle reden von Corona, wir sitzen hier in der Kirche und reden übers Wetter. Passt das oder ist das in diesen Zeiten nicht einfach banal?

Corona ist das dominante Thema, klar. Aber ich habe das Gefühl, dass gerade heute eine gewisse Freude besteht am Wetterbericht, dass er Normalität in unserem Alltag bringt, eine Konstante in unsicheren Zeiten.

Die Menschen freuen sich, dass es wenigstens das Wetter noch gibt?

Ja. Und die Meteorologen, denen man vertraut, sind auch noch da und das Wetter gibt's am Schluss der Tagesthemen. Da haben wir normalerweise zwei Minuten, die wurden jetzt um eine Minute reduziert. Wetter vor Acht, das sind rund 2,19 Minuten. Das schwankt wegen der Werbeminuten. Manchmal hab ich das Glück, dass ich vier Minuten reden darf. Ich sag auch immer allen, in der Regie und den Redakteuren, ihr müsst mich nicht fragen, wenn ihr die Sendung verlängert könnt. Verlängert sie beliebig, dann kann ich was erzählen. Das geht auch aus dem Stand.

Haben Sie das Timing so drin?

Im Studio läuft eine Uhr rückwärts und wenn sie auf Null steht, sollte ich fertig sein. Ich freu mich wieder auf die zwei Minuten, dann kann man auch ein kleines Erklärstück unterbringen. Viele finden Infos über den Standard hinaus interessant und wollen mehr als Regenschirm ja oder nein, so wie Sie.

Seit 20 Jahren moderieren Sie das Wetter im Fernsehen, jeder kennt Sie, viele mögen Sie. 2010 wurden Sie ausgezeichnet als der beliebteste Wettermoderator Deutschlands. Ein bisschen stolz?

Das ist ein schwerer Preis, ein Tornado aus Marmor, der 6,9 Kilogramm wiegt. Der steht bei mir zu Hause und ich freue mich darüber.

Seit Anfang des Jahres produzieren Sie beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt. Und ich nehme an, dass Sie nicht im Homeoffice moderieren können. Wie machen Sie's?

Ich darf noch im Studio stehen und hoffe, dass ich in den kommenden Wochen nicht irgendwann aus dem Wohnzimmer senden muss. Dann muss ich nämlich vorher noch aufräumen! Aktuell gibt es keine Menschen, die mich schminken und ich mache das nun selbst. In 37 Sekunden. Ich arbeite halt großflächig, was meine Frisur ja auch zulässt. Außerdem sind die Graphiker zuhause und ich sehe das Ergebnis erst zum Schluss. Und manche Graphik bleibt auch mal auf der Strecke, wenn die Datenleitung zu langsam ist.

Sind schon Fehler passiert?

Ja, aber das fällt dem Zuschauer gar nicht so auf. Mal waren die Wochentage falsch oder auch mal ein paar Messwerte. Aber das löst man auf, sagt den Leuten das.

Fehler sind sicher auch Ihnen schon passiert. Was war Ihr lustigster Versprecher?

Weiß gar nicht, ob man das hier in der Kirche erzählen sollte. Ich hab mal die feuchtwarme Meereslust moderiert, das war schon etwas besorgniserregend. Oder der missglückte Sonne-Wolken-Mix. Da kam dann halt Sonne-Molken- ... naja, sie wissen schon, raus. Von Potsdam bis Kotzbus war auch eine schöne Sache. Besonders großartig war ein Tonproblem noch zu Ulrich Wickerts Zeiten. Die Batterien des Mikrofons verabschiedeten sich trotz vorheriger Kontrolle 20 Sekunden vor Sendebeginn. Ich war nicht zu hören und der Kollege mit einem neuen Mikro kam in die Live-Sendung spaziert und wurschtelte an den Drähten herum. Dann hab ich den erstmal den Zuschauern vorgestellt. Uli Wickert sagte damals zu mir, "das wollen die Leute sehen". Er fand es ziemlich lustig.

Das muss man ja erst mal bringen, andere hätten einen Nervenzusammenbruch im Studio.

Es ging ohne und meistens fällt mir in einer komischen Situation auch was ein. Ich hab die Grundhaltung: Fernsehen ist nix anderes als wenn Menschen sich normal unterhalten. Das führt dazu, dass ich beim Moderieren so bin wie sonst auch. Auch wenn ich in Veranstaltungen vor 1000 Leuten rede, bin ich nicht nervös. Anspannung behindert den Denkapparat.

Und Sie haben eine Antenne für Menschen. Mit Frau Miosga flirten Sie ja unverhohlen.

Die ist ja auch nett. Aber es muss passen zur Gesamtlage, passen zur Wetterlage, jetzt zu Corona. Ich überleg mir gerade verstärkt, wie viel Heiterkeit lass ich trotz der Pandemie zu. Alles ist anders und viele leiden unter den Herausforderungen, die ein Alltag mit sich bringt, der dauerhaft zu Hause in teilweise beengten Verhältnissen stattfindet. Und trotzdem kann eine gewisse Lockerheit helfen, aber eine mit Fingerspitzengefühl. Manche Nachrichtenlage lässt Humor einfach nicht zu. Aber dann auch wieder: Hei schönes Wetter und ihr dürft raus – zu zweit. Kann doch richtig schön sein.

Ich würde gerne mal Ihr Wettertänzchen im Studio live sehen: Seitenverkehrt, 90 Grad, grüner, leerer Raum und Sie. Sehen Sie eigentlich die Grafik hinter sich?

Ich sehe hinter mir gar nix und zeige quasi ins Leere. Vor mir steht die Kamera, drehe ich mich zur Wand, sehe ich aber einen Monitor mit mir selbst und der Graphik hinter mir. Das ist natürlich dann alles seitenverkehrt und um 90 Grad verdreht. Bei Führungen stelle ich das vor und sage, zeigen Sie mal Ulm. Oder Stuttgart. Und niemand trifft und alle finden das ungeheuer schwer. Ich löse es dann auf, denn wie immer ist alles nur eine Übungssache.

Den Schwarzwald rechts unten würde ich treffen.

Womöglich. Aber wenn man nicht direkt getroffen hat, korrigiert man falsch. Das ist, als ob man sich rückwärts aufs Fahrrad setzt, die Arme überkreuzt und dann losfährt. Am Anfang sagt man, schwierig, dann will man nur noch so fahren.

An einem Tag moderieren Sie bis zu zehn Wettersendungen, auch etwa beim SWR oder beim NDR. Hilft da nur noch der Teleprompter?

Kein Teleprompter und kein Auswendiglernen. Ich beschäftige mich mit dem Wetter, ich kriege jede Menge Daten und Modelle, etwa vom deutschen, englischen, französischen und amerikanischen Wetterdienst. Dann habe ich ein "Wetterweltbild" des Tages und damit geht es ohne Probe und ohne Texte ins Studio. Wie ein Seiltänzer ohne Netz und Stange. Ich muss nur einen Handlungsstrang im Kopf haben. Mein Rekord waren übrigens 22 Wettersendungen an einem Tag. Das waren lauter Sondersendungen, da hatte es Sturm gehabt und eingelagerte Tornados.

Kleidung darf nicht ablenken vom Wettererklärbär. Ihre Mutter kommentierte gerne die Pullunder der früheren Wetterfrau Dr. Karla Wege, und Sie konnten sich als Kind nicht aufs Wetter konzentrieren. Wählen Sie deshalb Ihre Kleidung eher, sagen wir mal, unauffällig?

Ganz am Anfang ist mir wohl nicht aufgefallen, dass Fernsehen ein optisches Medium ist. Da gab es einiges zu lachen. Da habe ich mir professionelle Hilfe gesucht, eine Maskenbildnerin besorgte meine Sachen. Mir fehlte ein Modegen, aber es ist besser geworden. Aber ich sehe es immer noch als völlig unnötig an, mit auffälligen Kleidern auf mich aufmerksam zu machen. Es muss der Inhalt stimmen, meine Freude an der Sache sollen die Leute wahrnehmen und nicht, ob ich jetzt irgendwie eine Fliege trage oder komische Krawatten.

Ihr erster Fernsehauftritt kam auch unvermittelt. Sie arbeiteten bei Meteomedia in der Schweiz, bis dahin als Radiomann und Schreiber. Als ein TV-Moderator ausfiel, holte man Sie vor die Kamera mit den Worten: "Du siehst zwar Scheiße aus, aber du kannst reden." Das war ja wahnsinnig freundlich.

Ja, ging so. Ich hab mich dann aber dafür entschieden, dass "aber Du kannst reden" doch ein Lob ist. Ein großer Vorteil war, dass ich keinen großen Drang vor die Kamera hatte, ich hab gerne geschrieben oder Radio gemacht. Mir war die Wettervorhersage wichtig, und so war ich dem Thema Fernsehen und Kamera gegenüber immer locker.

Lassen Sie uns übers Klima reden. Darüber schreiben Sie Bücher, halten Vorträge, sind engagiert dabei. Dennoch wirken Sie nicht wie ein Missionar.

Man erreicht Menschen nicht durch Missionieren oder Gängeln. Ich will keine Handlungsanweisungen erteilen, ich will auch nicht irgendwie Moralapostel sein oder Missionar, ich will das Klimathema übersetzen.

Sie wollen der Physikerklärer sein?

Natürlich kann ich mich auch mit Wissenschaftlern in der Fachsprache unterhalten. Aber der Klimawandel ist kein rein akademisches Thema, das ist ein gesellschaftspolitisches Thema. Und wenn wir ein schwieriges Thema behandeln, müssen wir es so aufbereiten, dass die Menschen es verstehen können. Manche haben aber auch eine eigene Zielsetzung und Agenda. Nehmen Sie den amerikanischen Präsidenten, der ist 74 Jahre alt, der will seine Deals machen, und da ist Klimawandel im Weg. In 20 Jahren, wenn es dann fühlbar ein Problem für viele gibt, ist er 94, da ficht ihn das nicht mehr an. Das Tragische finde ich nicht Trump, sondern dass er gewählt wird.

Ziehen Sie sich warm an, es wird heiß – so heißt Ihr neues Buchprojekt. Das sollte jetzt erscheinen, ist aber erst mal auf Eis gelegt. Warum?

Nicht auf Eis gelegt, sondern der Erscheinungstermin ist um einen Monat auf den 15. Juni verschoben. Der Klimawandel verliert nicht an Bedeutung, aber im Moment ist dieses Virus furchtbar dominant. Im Buch möchte ich deshalb versuchen zu beschreiben, wo uns Erfahrungen, die wir jetzt als Gesellschaft in der Corona-Pandemie weltweit machen, vielleicht helfen. Wenn mir mehr tun, als einfach nur ein Zurück in alte Gepflogenheiten. Grundsätzlich ist mir Einordnung wichtig. Wir leben medial in einer Schnipselwelt, jeden Tag kommt ein neuer Informationsschnipsel zum Klimawandel dazu. Und irgendwann fehlt den Menschen die Fähigkeit, das aufzunehmen. Das möchte ich in einem erklärenden Metateil auffangen. Außerdem werden unsere Chancen dargestellt. Die Menschen mit einer sehr kritischen Situation zurückzulassen und nichts anzubieten, wo es denn hingehen kann, wäre nicht ausreichend.

Im Moment jedenfalls machen wir gezwungenermaßen mehr Klimaschutz als je zuvor.

Ja. Wir überbieten gerade alles, was jedes kleine Klimapaketchen je gebracht hätte. Wir erreichen nun mühelos die Klimaziele für 2020. Aber in dem Moment, wo die Welt wieder anläuft, fürchte ich, dass die Emissionen überkompensiert werden. Denn alle Gelder, die auch für klimaschützende Maßnahmen da sein sollten, die werden jetzt ausgegeben. Die kurze Delle, die für viele Grund zur Freude ist, wird vielleicht nicht anhalten.

Corona ist eben spürbarer als der Klimawandel.

Ja, ich beschreibe den Klimawandel als Asteroideneinschlag in Zeitlupe. Bei Corona ist der Asteroid schlagartig eingeschlagen. Corona passiert innerhalb von zwei, drei, vier Wochen. Wir spüren die aktuelle Gefährdung, es kann die Oma oder mich treffen. Und die Maßnahmen dagegen sind ja richtig robust. Für den Klimaschutz würden wir nie und nimmer solche Einschränkungen auf uns nehmen. Und da geht es um die Grundvoraussetzungen für Menschen, auf dieser Welt überhaupt leben zu können. Der Grund ist die Zeitskala. Bei Corona die unsere, und beim Klimawandel eben nicht.

Unterstützen Sie Fridays for Future?

Wenn eine Generation das Thema gefunden hat, das sie etwas angeht, dann engagiert sie sich. Das hat mich sehr gefreut. Nun ist die spannende Frage, wie es weitergeht. Nicht nur wegen Corona, sondern ganz generell. Auf der Straße zu protestieren ist wichtig, aber das kann ja nicht dauerhaft so weitergehen. Was erreicht man wirklich und wie lange hält das alle bei der Stange? Sprich: die jungen Erwachsenen müssen versuchen, sich in den politischen Institutionen, die wir in einer Demokratie haben, zu engagieren, um selbst etwas voranzubringen.

Sie sind im Rheinland geboren. Wie hat es Sie vor 27 Jahren eigentlich nach Ulm verschlagen? Der Klassiker?

Ja, ganz klassisch bin ich der Frau hinterher gerannt, so sind Männer ja nun mal. Sie begann hier in Ulm ein Studium und wir sind bis heute in dieser schönen Stadt geblieben.

Sie wirken immer so gut gelaunt. Selbst an einem Tag wie heute: Buch verschoben, Veranstaltungen fallen aus, heute mussten Sie, ein leidenschaftlicher Zugfahrer, Auto fahren wegen Infektionsgefahr und wir sitzen hier auf der kalten Kirchenbank. Wie sind Sie eigentlich, wenn Sie sauer sind?

Ich bin eigentlich immer sauer. Also dauerhaft grantig. Verstelle mich nur für Interviews! (lacht) Nein, im Ernst: Was nutzt es, mit allem zu hadern? Es gibt so viele Sachen, die Freude machen und es ist doch ein Geschenk, überhaupt hier sein zu dürfen. Also einfach ein bisschen den Kopf benutzen, aus den Dingen, die möglich sind, etwas schöpfen. Nach dem Lebensende hat man genug Zeit, schlechte Laune zu haben.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


0 Kommentare verfügbar

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!