Ausgabe 418
Medien

Die Trigger-Meister

Von Elena Wolf
Datum: 03.04.2019
Die kontroverse Berliner Band Rammstein veröffentlicht ein Musikvideo zum Song Deutschland im Netz. Und Kulturverständige hyperventilieren landesweit in einem medialen Blitzkrieg – noch bevor der Song überhaupt in voller Länge online ist. Ein Paradebeispiel für Überforderung mit Popkultur und deutscher Vergangenheit.

Besser hätte es für Rammstein nicht laufen können: Noch bevor das Video ihres neuen Songs "Deutschland" vergangenen Donnerstag um 18 Uhr online ging, machten Radio und Online-Medien den ganzen Tag unfreiwillig Werbung dafür, indem sie den 35-sekündigen Teaser zerrissen. Bereits zur Mittagszeit wurde im "Deutschlandfunk Kultur" heiß darüber diskutiert, ob "so was" gehe oder gar nicht. Moderator und "Experte" waren sich schnell einig: GEHT GAR NICHT! Man solle den Teaser eigentlich nicht einmal anschauen, denn DAS sei eine angemessene Reaktion auf SO WAS.

Dass sich der "Experte" nach eigenen Angaben noch nie mit Rammstein beschäftigt hat, finden beide nicht problematisch. Warum sich also nicht trotzdem egozentrisch in die eigene Wichtigkeit als Popkulturverständige hinein erigieren? Charlotte Knobloch, die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, war ebenfalls entsetzt. Der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, sah in der "Bild"-Zeitung die viel zitierte rote Linie überschritten. Wow. Skandal. Angela Merkel hätte noch was twittern können, dann wäre alles zu spät gewesen. Doch was war eigentlich passiert? 

In dem kleinen Teaser, also einem kurzen Ausschnitt des ganzen Videos, stehen Sänger Till Lindemann und seine Bandkollegen in KZ-Klamotten mit Judensternen an einem Galgen. Die Schlingen um den Hals. Im Hintergrund dunkelschwere Pathos-Soundeffekte. Die Kamera fährt an ihren Gesichtern vorbei. Dann harter Schnitt. Schwarzer Bildschirm. Bääm. Mega-Nazi-Trigger, klar. Aber was genau triggert da eigentlich? Was ist so schlimm an diesem kleinen Fetzen Film, der dazu führt, dass in Feuilletons, in den Trash-Medien und in den Hirnen zahlreicher anderer Spezis gleichermaßen Sicherungen durchknallen und überall der Nazi-Alarm schrillt? Verharmlosung der Nazi-Verbrechen? Sympathisierung damit? Antisemitismus? Sieg-Geheile reloaded? Gerade jetzt, wo "wir" in Deutschland doch alle wieder nach rechts rutschen auf der morschen Eichenbank der Geschichte? NAZI-ALARM!!

ERROR: Content Element with uid "12011" and type "media" has no rendering definition!

Äh. Nö. Sorry. Keine Sekunde des Teasers rechtfertigt die Aufregung. Der Video-Ausschnitt verursacht lediglich eines: ein richtig mieses Gefühl. Man ist ekelhaft berührt von diesen Bildern, die man aus zahlreichen Dokus, Filmen und Museumsbesuchen kennt. DAS ist der Trigger: Derartige Bilder evozieren Gefühle von Wut, Traurigkeit, Horror, Ekel, und Mitgefühl, wie es kaum andere Bilder können. Vielleicht sogar Scham. Sie sind der Inbegriff des Bösen. Eine nie verblasste Erinnerung daran, dass Deutschland einmal das beschissenste Land der Welt war. Und ruft irgendetwas diese Erinnerung wach - auch noch in Form eines Kulturprodukts einer kontroversen Band – weiß niemand recht damit umzugehen.

Dabei sind Rammstein musikalisch gesehen eigentlich vollends wurscht. Wer sich ein bisschen mit deutscher Popkultur auskennt und nicht ganz malle ist, könnte irgendwann in den vergangenen gut 20 Jahren mal festgestellt haben, dass Rammstein zwar massenkompatible Marsch-Metal-Disco machen, aber weder Grauzone, noch Faschos sind. Als dem Nischen-Musikgenre "Neue Deutsche Härte" zugehörig, bedienten sie sich schon immer der Leni-Riefenstahl-Ästhetik – ohne dabei irgendwelche Nazi-Inhalte zu verbreiten. Über diese Ästhetik hinaus gibt es keinerlei Anhaltspunkte, dass die Band irgendwelches rechtes Gedankengut verwurstet oder propagiert. Kann man geil finden. Muss man aber nicht. Warum sie Ästhetik aus der Nazi-Zeit reproduzieren? Weil's funktioniert. Millionenfach. Immer noch. Ihre kommende Tour wird wieder Stadien füllen. An manchen Orten sogar zweimal hintereinander. Fertig. Das wegzudiskutieren ist lächerlich. Aber ebenso interessant.

Ob man "so was darf", ist keine Kategorie

Rammstein triggern wunderbar auf allen Ebenen der Medienwelt – und dieses Phänomen ist viel interessanter als die Band selbst. Nach derselben Logik müsste man auch diskutieren, ob man Hemden im Stil von Hugo Boss "noch" tragen "darf", weil das Label mal Uniformen für die SS und die Hitlerjugend geschneidert hat. Und das weiß die Berliner Band. Deshalb tut sie es. Ob man "so was darf" ist keine Kategorie, in der eine Rezeption stattfinden kann. Die einzige Frage, die zu stellen ist: Wie geht man mit diesen Bildern in der Kunst um? Sie kategorisch abzulehnen hieße, sie zu verdrängen und aus dem Kunstbetrieb und kollektiven Gedächtnis auszuschließen, weil "zu schlimm" und nur in Form von institutionalisierten Museumsbesuchen "richtig". Sie sind jedoch da und machen etwas mit uns. Immer noch.

Dabei unterscheiden sich Rammstein ganz klar von "Künstlern" wie etwa dem Rapper Kollegah, der sich unbestritten antisemitisch, homophob und frauenfeindlich in seinen Texten äußert. So was "geht nicht". Ganz klar. Aber das tun Rammstein nicht und haben es nie getan. Sie reproduzieren eine archaische Ästhetik, die auch die Nazis nicht "erfunden", aber zu nutzen gewusst haben. Man könnte es cleveres Marketing nennen.

Die ewige Diskussion um Rammstein und der immer gleiche Vorwurf ist ein Paradebeispiel dafür, dass die deutsche Kultursphäre samt "Experten" nach wie vor keinen souveränen Umgang mit Kunstprodukten hat, die sich an Nazi-Themen abarbeiten. Da brennen sofort Drähte im Experten-Hirn durch, die es verhindern, progressive Diskussionen über Ästhetik, Psychologie, Kunst, Politik und Moralempfinden voranzutreiben. Das darf man nicht. Das soll man nicht. Das geht nicht. Basta. Deutscher geht's nicht.

Viel wichtiger und ertragreicher wäre eine Diskussion über das, was auf der Seite der RezipientInnen passiert. Was in uns passiert, wenn wir Kunst- und Kulturprodukte konsumieren und bewerten, die Nazi-Themata triggern? Vielleicht ist es heilsamer, die dunklen Stellen unserer eigenen Herzen aufrichtig zu erforschen, statt ständig nach außen auf Bilder projizieren? Deutschland hatte schon vor dem "Dritten Reich" ein Antisemitismus-Problem – genauso wie viele andere Länder. Solange das nicht Geschichte ist, ist es da und muss an uns genauer betrachtet werden als in Musikvideos. Rammstein erinnern uns daran – ob sie das wollen oder nicht. Es gibt viel zu tun. 

Epilog

Das eigentliche Musikvideo zu "Deutschland" ist durch die Explosion über dem Teaser nicht annähernd so leidenschaftlich besprochen worden, wie es besprochen hätte werden müsste. Das ist sehr schade, denn es ist eine geniale und unfassbar aufwendige Kino-Produktion zwischen Tarantino-Film, Rapvideo und Sci-Fi-Bombast, an dessen Ende eine schwarze Frau als Germania über alle weißen Männer triumphiert. Muss man gesehen haben.

ERROR: Content Element with uid "12015" and type "media" has no rendering definition!


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

2 Kommentare verfügbar

  • Valerie Solanas
    am 03.04.2019
    "Besser hätte es für Rammstein nicht laufen können" und Kontext ist so doof und fällt voll drauf rein indem über den Schwachsinn auch noch geschrieben wird. Rammsteins "archaische Ästhetik" ist einfach ranzige, toxische Männlichkeit, die die Welt nicht braucht.
  • K. Heitmann
    am 03.04.2019
    Diese ganze 'Leni-Riefenstahl-Nazi-Ästhetik' ist in ihrem Kern eh' ursächlich geklaut - u.a. von den Kubisten, von progressiven Theaterleuten wie Erwin Piscator über Ernst Lubitsch - (und entkernt!), ideologisch umgepolt, umgedeutet worden.
    Aber eben genau nicht von der Band "Rammstein", sondern ursächlich von diesen sich als radikale Vertreter der Machtlosen - damals wie heute - gerierenden, möderischen Nazis. (Dieses "Geschäft", diesen Raub, diese perverse Umdeutung geistiger Leistungen, betreibt dieses u.a. staatlich ge- und beförderte, untote, kulturlose Pack auch heute noch... siehe u.a. die faschistische 'Identitäre Bewegung')
    Die Band hält diesem Treiben einen facettenreichen, künstlerischen Spiegel vor. Das ist dediziert (und eigentlich auch dezidiert) nicht rechts.
    Das muss wirklich mal konstatiert werden.
    Vielen Dank für den hellsichtigen Beitrag!

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr
unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.
JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!