Wäre er gut beraten, hätte er andere Berater: Kanzlerkandidat Schulz (Sebastian Schäfer), umgeben von falschen Freunden. Fotos: Daniela Aldinger

Wäre er gut beraten, hätte er andere Berater: Kanzlerkandidat Schulz (Sebastian Schäfer), umgeben von falschen Freunden. Fotos: Daniela Aldinger

Ausgabe 418
Kultur

Hype und Höllenfahrt

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 03.04.2019
S 21 als Musical, Helmut Kohl als Revuestar, fünf Donald Trumps vor Gericht: Das Stuttgarter Studio Theater hat Erfahrung mit großen Erfolgen auf kleiner Bühne. Nun mit Martin Schulz – einem Spitzenpolitiker, der sich in die Seele hat blicken lassen wie kein anderer vor ihm.

Da steht er am Rednerpult, der SPD-Kanzlerkandidat mit dem Kassengestell auf der Nase, den ewigen grauen Anzügen, der roten Krawatte. Und er müht sich durch sein ihm völlig entglittenes Leben. Geschubst von miserablen BeraterInnen, längst ohne Biss und Durchsetzungskraft, aber immer weiter unterwegs, mechanisch winkend, nur noch selten lächelnd, in Wahrheit am Rande seiner körperlichen und mentalen Kräfte. Sebastian Schäfer bewegt sich wie Schulz, redet wie Schulz, leidet wie Schulz, lässt den Sarkasmus des Ex-Bürgermeisters von Würselen aufblitzen, sogar in größter Not. Was Schulz wohl sagen wird, wenn er sich dem 150-Minuten-Stück demnächst durch persönliches Erscheinen aussetzt?

Auch die Medien bekommen ihr Fett weg.
Journalist Markus Feldenkirchen besuchte die Premiere und konnte sich auf der Bühne betrachten, verkörpert von Moritz Brendel.

Christof Küster, der künstlerische Leiter, Regisseur und Autor dieser Bühnenfassung der "Schulz-Story", hat jedenfalls Erfahrung mit gefallenen Heroen. 2013 holte er im Stuttgarter Theaterhaus mitten im Schlussapplaus Jürgen Schneider auf die Bühne. Der Baulöwe, der in den Neunziger Jahren Milliarden veruntreut hatte und dann hinter Gittern verschwand, musste weinen, nachdem er sich "Doktor Utz oder die wundersame Läuterung des Jürgen Schneider" zu Gemüte geführt hatte. Küster war gerührt, weil Schneider so gerührt war. Dem Gefühlsmenschen Martin Schulz wird es, wenn er dem Sechs-Personen-Stück über Hype und Höllenfahrt eines Hoffnungsträgers wie versprochen die Ehre gibt, kaum anders gehen. 

Markus Feldenkirchen hat den persönlichen Aufschlag bereits hinter sich. Der "Spiegel"-Autor, der in Talkshows so smart und redegewandt rüberkommt, weiß nach der gelungenen Premiere kaum umzugehen mit seinem Stolz, der Verlegenheit und damit, sich selber zugeschaut zu haben. Moritz Brendel spielt den Chronisten, der zugleich Erzähler ist und für die Verknüpfung der vielen rasanten Szenen sorgt. Vier AkteurInnen in immer neuen Rollen: Schirin Brendel kann Stewardess und Andreas Nahles und besonders gut Angela Merkel; Gundi-Anna Schick sogar die selten an der Seite ihres Mannes gesehene, so liebevolle Inge Schulz; Boris Rosenberger die sozialdemokratischen Sargnägel Thorsten Albig, Ministerpräsident in Kiel, oder Parteisprecher Tobias Dünow; und Axel Krauße, mal Sigmar Gabriel darstellend und mal Hubertus Heil, personifiziert den Untergang doppelt: Der erste ist gar nicht der Schulz-Freund, den er mimt, und letzterer hat als Wahlkampfmanager reichlich Pannen und Possen, Falschmeldungen und Fehlentscheidungen zu verantworten. Ist dieser Heil nach all den Flops von damals heute wirklich Arbeitsminister? 

Dann musste ein eitler Gockel mit seiner neuen Geliebten prahlen 

Apropos Verantwortung: Der Niedergang beginnt, auf der Bühne wie in der Realität, im März 2017, als die SPD die erste von drei Landtagswahlen auf dem Weg ins Kanzleramt nicht gewinnen kann. Die fast 30 Prozent im Saarland werden falsch analysiert, nämlich unterbewertet. Deshalb kommt der Höhenflug erstmals leicht ins Trudeln, wovon der sich genauso wie das Team um Schulz nie mehr richtig erholen sollte, der allzu platten Optimismus-Rhetorik zum Trotz.

Gesicherte Existenz

Vor 50 Jahren zog eine Theatertruppe in den Hinterhof an der Hohenheimer Straße, in dem einmal eine Schneiderei untergebracht war und eine Druckerei und ein Spielwarenladen, und brachte in loser Reihe Stücke heraus. 1981 nahm das Studio Theater den regelmäßigen Spielbetrieb auf. Seit 1992 wird es rechtlich-formal unabhängig als gemeinnütziger Verein mit kommunaler Förderung geführt. Und dann dauerte es 23 Jahre, bis sich auch das Land unterstützend engagierte und damit die Existenz sicherte. 2015 entschied die grün-rote Koalition, insgesamt 50 Privattheater in ganz Baden-Württemberg mit gut 4,5 Millionen Euro im Jahr zu unterstützen. Mittel, die seither verstetigt sind und auf die sich die EmpfängerInnen verlassen können, etwa das Zimmertheater Rottweil, die Theaterei Herrlingen, das Theater Ravensburg, G7 in Mannheim oder das Schwetzinger Theater am Puls. Die Voraussetzungen: Die kleinen Häuser müssen über eine eigene Spielstätte verfügen, von der jeweiligen Kommune unterstützt werden, hauptberufliche MitarbeiterInnen sowie professionelle KünstlerInnen beschäftigen und einen regelmäßigen, aus Eigenproduktionen bestehenden Spielplan anbieten. (jhw)

Ein richtiger Nackenschlag ist der Machtverlust in Schleswig-Holstein, weil der SPD-Regierungschef wie ein balzender Auerhahn in der "Bunten" nicht nur mit der neuen Geliebten prahlt, sondern auch nachtritt gegen die Ehefrau. Schon da gehen dem Kanzlerkandidaten die Phrasen und Floskeln aus. Er werde sagen, schlägt der verunsicherte Schulz vor einem Live-Interview vor, das sei so wie im Fußball nach einem Gegentor. "Geht nicht", bremsen ihn seine nur mäßig talentierten RatgeberInnen, "das hast du schon nach der Saarland-Wahl gesagt." 

Und wieder wird die Deko, werden vor allem die grauen Stellwände hin und her geschoben, die wie die Denkblockaden allgegenwärtig sind. Gleich nach dessen Wechsel in die Bundespolitik war Feldenkirchen bei Angela Merkels Herausforderer vorstellig geworden mit der Frage, "ob ich hinter den Kulissen dabei sein kann, um endlich das mitzubekommen, vom dem ich als politischer Journalist immer geträumt habe". Schulz stimmte zu, der stumme Dauergast mochte oft gar nicht glauben, dass er wirklich mit am Tisch saß, wenn es ums Eingemachte ging. Entstanden ist ein 320-Seiten-Bestseller, inzwischen in der sechsten Auflage. Küster hatte nach Lektüre schnell die Idee einer Dramatisierung. Die Verhandlungen um die Rechte zogen sich hin - mit dem guten Ende für beide Seiten. 

Das Ziel ist nicht mehr das Kanzleramt, sondern die Fünf-Prozent-Hürde 

Das Studio Theater mit der Intimität von gerade Mal fünf Dutzend Plätzen und ein paar zugestellten Stühlen ist wie geschaffen für diese Art Kammerspiel. Off-Theater at its best. Schon die Pausengespräche im verträumten Innenhof mit seiner Backsteinromantik direkt an der Hohenheimer Straße, einem der Schadstoff-Hotspots im Talkessel, sind hart an und mit der Realität. "Geht es wirklich derart zu in der SPD?", "Wie kann ein erwachsener Mann das zulassen?", "Haben Spindoktoren wirklich so viel Macht?" Fragen über Fragen. 

An Antworten ist kein Mangel. Manchmal mehr, als einem lieb sein kann. Zwei Tage hat Schulz damals vor dem ohnehin schon fast unwichtig gewordenen TV-Duell mit der Kanzlerin trainiert. "Mannomannomannomann", stöhnt der fünfsprachige gelernte Buchhändler ohne Abitur, wenn ihm der Drill zuviel wird, die ewige Bevormundung durch die Schlauberger um ihn herum, wenn er dutzende Male "Manche" in ein Mikrophon sagen muss wegen Dialektfärbung. Würselens Ex-Bürgermeister flüchtet dann gern in seinen Galgenhumor: "Wenn das schlecht läuft, ruiniere ich morgen die SPD ... Ich schlag' dann die Schwesig vor und gehe in Rente." Oder an anderer Stelle: Dann sei das Ziel eben nicht mehr das Kanzleramt, sondern die Fünf-Prozent-Hürde.

So sehen Sieger aus. Oder so ähnlich.
Aktuell ein reines Bühnenphänomen: Roter in Siegerpose.

Natürlich war der Plan der roten StrategInnen im wirklichen Leben wie auf der Bühne, dass der "Spiegel"-Autor eine Erfolgsgeschichte schreibt. Der Höhenflug war anfangs denn auch beispiellos, binnen sechs Wochen schoss die SPD um zwölf Prozentpunkte nach oben und zog gleich mit der CDU. Der Heilsbringer tourte durchs Land, jeder Auftritt zigfach unterbrochen von kreischenden Jusos und "Martin-Martin"-Sprechchören. Schulz sei angetreten, wird Feldenkirchen später sagen, um "transparenter, ehrlicher, glaubwürdiger und menschlicher Politik zu machen". Und er habe wissen wollen, was einem mit diesem Anspruch passiert: Kann so etwas denn gut gehen? 

Kann vielleicht, konnte diesmal aber nicht. Heute sitzt der gefallene Engel im Bundestag auf einem der wechselnden Plätze für die weniger wichtigen Abgeordneten und als stellvertretendes Mitglied im Auswärtigen Ausschuss. Dabei wollte er doch in aller Einfalt und nach dem großkoalitionären Raus-und-Rein-in-die-Kartoffel Außenminister werden, als alles andere schiefgegangen war – und machte damit den kompletten Absturz perfekt. Zum Abgang steht ihm eine letzte Fahrt im Dienstwagen zu, die kann aber wegen einer Reifendrucksystem-Störung nicht mehr stattfinden.

In Stuttgart beschert die Tragikomödie seinem brillanten Darsteller Sebastian Schäfer einen großen persönlichen Schauspielererfolg und dem ganzen Ensemble langen herzlichen Applaus. Vorerst sind 13 weitere Vorstellungen geplant und ein Gastspiel im Theaterhaus. Fortsetzung folgt ganz bestimmt.

 

"Die Schulz-Story - ein Jahr zwischen Höhenflug und Absturz" läuft im Studio Theater (Hohenheimer Straße 44, 70184 Stuttgart) noch an 13 Terminen im April, wovon viele schon ausverkauft sind. Mehr Infos zu Terminen und Verfügbarkeit gibt's hier.


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