Politik oder schon Kampfkunst? Fotos: Jens Volle

Politik oder schon Kampfkunst? Fotos: Jens Volle

Ausgabe 407
Kultur

Die Herkunft der Busfahrer

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 16.01.2019
Drei Lyriker machen eine Ausstellung. Sie heißt Falsches Rot. Was damit gemeint ist, bleibt offen, die SPD ist es aber nicht. Als Vertreter der "Roten" kommt Martin Schulz, Buchhändler und vehementer Verteidiger der Idee von Europa.

"Die Lösung ist Teil des Problems!", ruft ein Schild den Besuchern des Literaturhauses zu, das wie für eine Demo in der Ecke des Treppenabsatzes parat steht. Unter den Fenstern zwei Zitate, wie auf rotes Packpapier gedruckt, etwas verblichen, ausgerissen und an die Wand gekleistert. "Einen Satz zu verstehen heißt, wissen, was der Fall ist, wenn er wahr ist", sagt rechts Ludwig Wittgenstein. Links kontert Gudrun Ensslin: "den sinn eines satzes verstehen heißt, wissen, wie die entscheidung herbeizuführen ist, ob er wahr oder falsch ist."

Mit viel Witz und Ironie haben sich die drei Lyriker Frank Witzel, Ulf Stolterfoth und Dieter M. Gräf in der Ausstellung im Literaturhaus Stuttgart durch die Absonderlichkeiten der Zeitgeschichte gearbeitet, denen sie in ihrer Sozialisation und danach begegnet sind. Geboren zwischen 1955 und 1963, wuchsen sie hinein in die "bleierne Zeit" des "Deutschen Herbstes", Nachgeborene der 68er-Revolution, die sich diese Entwicklung nicht ausgesucht hatten. Den Zusammenbruch des "real existierenden Sozialismus" nahmen sie verwundert zur Kenntnis.

"Falsches Rot" heißt Gräfs jüngster Lyrikband, der wie Witzels letztes Buch in Stolterfoths "Brueterich Press" erschienen ist. Witzel ist besser bekannt durch seinen vor vier Jahren erschienenen Roman "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969". Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof, Stammheim und die Gräber auf dem Dornhaldenfriedhof bestimmen denn auch einen großen Teil der Ausstellung.

Am Roten Telefon revolutionäre Musik und Gedichte

Dies wäre weniger interessant, würde die Ausstellung nur in die große Erzählung vom Terrorismus einstimmen. Doch Gräf, Witzel und Stolterfoth haben die Zeit nach 1968, die schließlich in den Deutschen Herbst mündete, selber als rebellische Jugendliche, Anhänger linker und emanzipatorischer Bewegungen erlebt. Sie zeigen auch andere Seiten der Geschichte. So behauptet die Zeitung "Die Welt" 1977 dramatisch: "Jeder Bürger wird weiter damit rechnen müssen, dass ihm eines Tages der gewaltsame Tod in Gestalt eines jungen Mädchens gegenübertritt, das kein Erbarmen mehr kennt."

Im Zentrum steht eine "revolutionary jukebox". An einem roten Telefonhörer kann man Gedichte der drei Autoren abhören, über ein Megafon RAF-Tondokumente und mithilfe von zwei Kopfhörern "revolutionäre Musik", von "Revolution No. 9" von den Beatles über Gil Scott-Herons "The Revolution Will Not Be Televised" bis hin zu Tuli Kupferbergs Antwort auf die Beatles: "You Say You Want an Evolution?" Hier waren Kenner am Werk. Red Crayola und Robert Wyatt sind vertreten, ebenso Franz-Josef Degenhardt und Ton Steine Scherben, F.S.K., Billy Bragg und Woody Guthrie.

Da steckt nicht nur Musik drin.
Da steckt nicht nur Musik drin.

Ein Plakat im Treppenhaus zeigt fünf Pistolen. Im Foyer stehen fünf Zielscheiben. "extrem-pietcong, korntal-münchingen", heißt es in der Erläuterung zur ersten, "zur zeit der ausbildung 32 jahre alt, absolvent der flattichschule und mitglied beider jugendfeuerwehren, schweißerlehre beim alten beißner, marx-lektürekreis in ludwigsburg, gelungene selbstradikalisierung, taucht hinter schwieberdingen unter – und anschließend nie wieder auf." "target 5" ist dagegen ein "blutjunger linksabweichler, final niedergestreckt auf der böblinger straße im frühjahr 1983."

"Das falsche Rot besucht die SPD", steht auf einem Plakat im Saal. Und nachdem Stolterfoth im Dezember bereits die Karlsruher Band Kammerflimmer Kollektief eingeladen hat, kommt nun auf Wunsch Gräfs der SPD-Mann Martin Schulz. "Ist Links museal geworden?", fragt der Moderator Hubert Winkels, vom Thema zum Format Ausstellung assoziierend. "Es gibt nichts, was darauf hinweisen würde, dass einmal Lyrik zu meinem Lebensinhalt werden würde", bekennt Gräf, der in Ludwigshafen als Sohn eines Maschineneinstellers und einer Krankenkassenangestellten geboren und aufgewachsen ist.

Martin Schulz ist kein Fan von Lyrik

Schulz ist gelernter Buchhändler. In Würselen hat er 1983 eine Buchhandlung gegründet, die es heute noch gibt. Vier Jahre später wurde er Bürgermeister. Seine Eltern animierten ihn zum Lesen. "Sich für eine Stunde in einen Roman zu versenken", sagt er, "ist wie eine Stunde Urlaub." Mit Lyrik tut er sich schwerer. Es sei früher Teil der Buchhändler-Ausbildung gewesen, sich auch mit Poesie zu beschäftigen. Für Gedichte brauche man Zeit und Geduld, man müsse sich zugestehen, nicht alles auf Anhieb zu verstehen. Vielen Menschen bleibe Lyrik fremd. So entstehe der "Anschein des Elitären". Dabei kommt Schulz zu dem bemerkenswerten Schluss, Politikern, die operativ mit Sprache umzugehen gewohnt seien, könne Lyrik als Stärkung dienen.

Neue Weltflucht.
Neue Weltflucht.

Winkels fragt Gräf angesichts des irgendwie politischen Themas nach Erich Fried. Gräf versteht nicht ganz, was der Moderator von ihm will. Fried habe er als 24-Jähriger in der "Frankfurter Rundschau" verrissen. Näher stehe ihm Ernst Jandl: experimentelle Schreibweisen, die sich auch im Schriftbild zeigen, wie in der Konkreten Poesie. Allerdings mag Gräf – und hier setzt er sich zwischen alle Stühle – "Gedichte voll mit Hobelbänken und Kellerräumen". Ein ganz kurzes hängt schon im Treppenhaus: "Die Busfahrer stammen von Busfahrern ab", steht da, ganz groß auf zwei Buchseiten.

Da muss Winkels bei Schulz nachhaken: Wie steht es mit der Chancengleichheit, dem Versprechen Willy Brandts auf sozialen Aufstieg? Das sei "nach wie vor ein großes Problem", antwortet der, und sagt nicht so genau, was seine Partei, die SPD, seit Willy Brandt getan hat, um es zu beheben. Bildung sieht er vielmehr als "zentrales Problem des 21. Jahrhunderts". Die SPD und die Gewerkschaften seien als politische Vertretung der Arbeiterschaft entstanden, die aber im Abnehmen begriffen sei. Sie müssten auch prekäre Verhältnisse und die Generationengerechtigkeit in den Blick nehmen: "Wenn die Sozialdemokraten das nicht begreifen, haben sie keine Zukunft."

Zweiminutenurlaub mit Gräf-Gedichten

Mehrfach gewährt Gräf allen Beteiligten einen Zweiminutenurlaub, indem er aus seinen Gedichten vorliest. Über den Tod seiner Mutter – ein Gedicht, das Schulz sehr berührt. Über die DDR und den Umgang mit dem Palast der Republik: "Was sagt es über uns, ein Nachbauschloss als Mitte zu staffieren?" Oder über die "Rosen von Sarajevo": Einschlaglöcher von Granaten im Asphalt, die von Bewohnern der Stadt immer dort, wo ein Mensch ums Leben kam, mit rotem Harz markiert wurden.

Zu Sarajevo hat Schulz einiges zu sagen. Unzählige Gespräche hat der frühere Präsident des Europäischen Parlaments in Bosnien-Herzegowina geführt, das ohne Hilfe der Europäischen Union nicht überlebensfähig sei. Er spricht vom "zum Teil nicht mehr erträglichen Zynismus des Teilgebiets Republika Srpska" und kommt auf die AfD zu sprechen, die ausschließlich mit drei Code-Begriffen operiere: Migranten, die angeblich an allem schuld seien, 68-versifftes Rot-Grün und Lügenpresse. Damit führe sie mit leicht veränderten Begriffen – Lügen- statt Systempresse, rot-grün statt bolschewistisch, Migranten statt Juden – "dieselben Reden, die schon einmal gehalten worden sind."

Drei Männer und die Farbe Rot: Dieter M. Gräf,  Hubert Winkels, Martin Schulz (von links).
Drei Männer und die Farbe Rot: Dieter M. Gräf, Hubert Winkels, Martin Schulz (von links).

Winkels sucht den roten Faden wiederzugewinnen. Was ist eigentlich das falsche Rot? Sind Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit im Osten nicht aus den Ruinen des Kommunismus entstanden? Solche Tendenzen gebe es auch im Westen, meint Schulz und verweist auf Le Pen und die Brexiteers. Sicher ist er sich jedoch: Wenn die Sowjetunion das falsche Rot darstellt, könne er für seine Partei in Anspruch nehmen, das richtige Rot zu verkörpern – und er erhält spontanen Applaus aus dem Publikum.

Doch was ist mit Hartz IV? Hat die SPD etwa immer alles richtig gemacht? Warum sinkt die Partei dann immer weiter in der Wählergunst? Solche Fragen werden hier nicht gestellt.

Vielleicht liegt es daran, dass sowohl Schulz als auch Gräf aus einem traditionell SPD-nahen Arbeitermilieu stammen, aus dem sie aber längst herausgewachsen sind: "Meine Eltern sagten mir, dass ich es besser haben solle als sie", wie sich Gräf ausdrückt. Ob die Ausstellung, die sich stark auf die 1970er Jahre konzentriert, nostalgisch sei, fragt Winkels. Nun, nach dem falschen Rot von RAF und DDR sehnt sich wohl kaum einer zurück. Vielleicht aber nach einem richtigen Rot in einer nebulösen Vergangenheit – das in Wirklichkeit nirgends zu finden ist.

Aus dem Publikum kommt am Ende nur eine Frage: nach dem Brexit. Schulz rollt die Augen, verweist auf die irisch-nordirische Grenze, geißelt die Lügen der Ausstiegsbefürworter, spricht von einem "Drama, das da abläuft", und wirbt für die "Idee von Europa". Die europäische Realität besteht freilich in einer wachsenden Ungleichheit zwischen Deutschland und den ärmeren Ländern.

Um bei den Busfahrern zu bleiben: Die von der EU eingeführte Ausschreibungspflicht im öffentlichen Verkehr führt dazu, dass sich die Unternehmen mit Billiglöhnen unterbieten. Busfahrer, die noch bereit sind, zu diesen Konditionen zu arbeiten, finden sich fast nur noch in Osteuropa. Ob ihre Väter schon Busfahrer waren oder nicht.


Info:

Am 23. Januar lädt Frank Witzel den Heidelberger Romanisten Gerhard Poppenberg zu einem Gespräch über die Röte des Rot von Technicolor – Ikonographie des Terrors ins Stuttgarter Literaturhaus.


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