Überzeugt nicht nur durch Perücke als Trump: Gundi-Anna Schick. Fotos: Daniela Aldinger.

Überzeugt nicht nur durch Perücke als Trump: Gundi-Anna Schick. Fotos: Daniela Aldinger.

Ausgabe 326
Kultur

Trump hoch fünf

Von Oliver Stenzel
Datum: 28.06.2017
Bitte nicht noch mehr Trump! "The Trump Trial" im Stuttgarter Studio Theater lohnt sich trotzdem. Denn Regisseur Christof Küster, der schon die S-21-Schlichtung als Musical adaptierte, ermöglicht in seiner O-Ton-Collage aufschlussreiche Einblicke ins Denken und Wirken des US-Präsidenten.

Donald Trump allein ist ja schon schwer erträglich. Aber zu Beginn von "The Trump Trial" kommt er gleich in fünffacher Ausführung auf die Bühne. Drei Schauspielerinnen und zwei Schauspieler, alle mit grotesker blonder Perücke und langen roten Krawatten, betrachten sich erstmal ausgiebig in den vielen an der rechten Bühnenseite hängenden Spiegeln, um sich anschließend noch ausgiebiger im Wechsel der eigenen Großartigkeit zu versichern und zu begründen, worin die denn besteht. Es sind Zitate, die einem alle irgendwie aus dem Wahlkampf und den wenigen Monaten Trumps bisheriger Präsidentschaft bekannt vorkommen. Sie stammen alle aus dessen 1987 veröffentlichtem Buch "The Art oft the Deal".

Seitdem er im vergangenen November zum US-Präsidenten gewählt worden ist, sind ja viele Menschen geradezu besessen von Trump. Sie lesen manisch jeden seiner Tweets, lesen alle Texte, schauen alle Filme über ihn an, gucken morgens als erstes im Internet, was er denn Neues gemacht hat. Christof Küster ist einer von ihnen. Aber er macht das aus beruflichen Gründen. Denn für sein neues Stück fügte der Regisseur und künstlerische Leiter des Stuttgarter Studio Theaters ausschließlich Originalzitate von Trump selbst – aus Büchern, Interviews, Pressekonferenzen – sowie aus journalistischen Texten oder Sendungen über ihn zu einer Collage zusammen, die abwechselnd lachen und schaudern lässt.

Schon das vierte Stück aus O-Tönen

Das Prinzip der O-Ton-Collagen hat Küster schon mehrmals angewandt, am bekanntesten wurde wohl 2011 seine Adaption der so genannten Schlichtung zu Stuttgart 21 als Musical. Ein Publikumsrenner, Wochen im Voraus ausverkauft. Schon ein Jahr zuvor hatte er sich mit "Verdienste? Unbestritten! Die Helmut-Kohl-Revue" dem jüngst verstorbenen Altkanzler gewidmet. 2014 schließlich kompilierte er nicht Politikerzitate, sondern Schnipsel aus Online-Foren zum Stück "Well.Netz". Auch hier, ohne den Wortlaut zu verändern.

"Großartige Chemie mit Merkel": Trump (Christoph Franz) bei der Pressekonferenz mit der Bundeskanzlerin (Schirin Brendel).
"Großartige Chemie mit Merkel": Trump (Christoph Franz) bei der Pressekonferenz mit der Bundeskanzlerin (Schirin Brendel).

Und nun also Trump. Warum gerade diese Figur, die in den Medien ohnehin schon so dauerpräsent ist, über die es schon so viele Satiren und Parodien gibt? Zum einen wollte Küster die O-Ton-Reihe fortsetzen, "und Trump war natürlich einfach ein großes Thema". Ausschlaggebend für ihn sei aber eine Dokumentation über den Präsidenten gewesen, die er gesehen habe. "Was mir absolut neu war: Diese Werbefigur, die Trump in den USA schon so lange ist", sagt Küster. Und dass dort schon seit 15 Jahren die Menschen über seine Haare diskutierten. Vor seinem Wahlkampf sei Trump ihm nicht wirklich ein Begriff gewesen, räumt Küster ein, und vielen Bekannten sei es ähnlich gegangen. "Zu zeigen und abzubilden, wie lange er in Amerika schon so präsent ist, das fand ich interessant", und schnell habe er auch gemerkt, wie viele theatralische Momente sich in Trumps Lebensgeschichte finden.

Ab Februar recherchierten Küster und sein Team, lasen Biografien, recherchierten Material. Eine relativ kurze Zeit für so eine riesige Menge Stoff, denn es geht bei "The Trump Trial" ja nicht wie bei der Schlichtung um einige Sitzungen innerhalb eines recht kurzen Zeitraums, sondern um das ganze Leben der Hauptfigur. Und natürlich kamen während der Recherchezeit immer wieder neue lohnende Aussagen hinzu. Er träume jede Nacht von Trump, sagte Küster kurz vor der Premiere am 10. Juni.

Durch die kleine Bühne wird Weltpolitik ärmlicher

Nun zirkulieren von Trump so viele Statements sofort in allen Kanälen, erscheinen viele seiner täglichen Aussagen schon so bizarr und komisch, dass eine weitere Zuspitzung im Theater kaum möglich erscheint. Doch das passiere oft ganz von alleine, sagt Küster, allein durch die kleine Bühne des Studio Theaters. "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es manchmal ganz schön ist, die große Weltpolitik runterzudimensionieren und dadurch die Luft rauszulassen." Manches Martialische werde dadurch kleiner, ärmlicher.

Vieles von Trump wurde schon in Satiresendungen verbraten, "weil Trump eben Realsatire pur ist, da muss man gar nichts mehr dazu erfinden." Doch Küsters Inszenierung beweist, dass das kein Hindernis sein muss. Ein Beispiel: ein CBS-Interview mit Trump im Oval Office aus dem Mai 2017, einer der Höhepunkte im ersten Teil des Stücks. Häppchen davon tauchten schon in vielen Sendungen und Internet-Clips auf, hier aber wird es in voller Länge auf die Bühne gebracht, und allein durch die Art, wie Trump bestimmte, hoch groteske Aussagen ständig wiederholt, wie er bestimmte Fragen entweder nicht versteht oder ignoriert, wie daraufhin der Interviewer zunehmend verzweifelter wird, glaubt man Strukturen in Denken und Wahrnehmung zu erkennen, die einen gruseln lassen.

Dass man hier nicht den originalen Trump hört oder sieht, ist möglicherweise hilfreich. Dass Bild und Ton nicht gleich einen Überdruss aktivieren, der manche Ungeheuerlichkeiten gar nicht mehr wahrnehmen lässt. Wobei die SchauspielerInnen Trumps Mienen und Marotten sehr treffend, aber nie zum Holzschnitt übersteigert persiflieren. Grandios dabei vor allem Gundi-Anna Schick als "Haupt-Trump", die neben der charakteristischen Mundstellung auch Trumps dauerndes, wie permanente Selbstzustimmung wirkendes Nicken karikiert.

Jeder darf mal Trump sein: Christoph Franz, Barbara von Münchhausen, Gundi-Anna Schick, Schirin Brendel, Boris Rosenberger (v.l.).
Jeder darf mal Trump sein: Christoph Franz, Barbara von Münchhausen, Gundi-Anna Schick, Schirin Brendel, Boris Rosenberger (v.l.).

Chronologisch erzählt wird in "The Trump Trial" nicht, und Küster hofft, dass gerade dieser dauernde Wechsel der Zeitebenen das Interessante ist, "dass man den Vergleich hat und merkt: So viel hat sich nicht verändert in den letzten Jahrzehnten." Und tatsächlich werden bestimmte Strukturen und Denkmuster Trumps akzentuiert, die nahelegen, dass dieser Mensch eine ganz außerordentliche Resistenz gegenüber allem hat, was seine Überzeugungen, sein Weltbild zerstören könnte.

Sicher, nicht alles erscheint dem Betrachter neu an diesem Abend, manches wirkt auch wie ein Abhaken von Dingen, die man eh schon kannte. Doch manches wird auch noch unfassbarer. So witzig wie grotesk ist dabei auch eine Szene, in der anhand einer Talkshow beim Sender Phoenix die Besessenheit der Medien mit Trump als das deutlich gemacht wird, was es ist: Kaffeesatzlesen. Und am stärksten ist das Stück immer dann, wenn es suggestiv bestimmte Elemente aus Trumps Vita aneinanderreiht und durch diese Kombinationen dann neue Einblicke entstehen.

Kandidatur aus Rache – warum nicht?

Etwa, wenn erst ein Teil aus Barack Obamas Rede beim Korrespondentendinner 2011 wiedergegeben wird, in dem dieser auf ziemlich geistreiche Weise Trump lächerlich machte, der kurz zuvor die Tatsache angezweifelt hatte, Obama sei in den USA geboren. Trump solle sich besser wirklich wichtigen Dingen zuwenden, sagte Obama, "etwa, ob wir die Mondlandung erfunden haben". Darauf folgt ein Ausschnitt aus dem Kapitel "Rache" aus Trumps Buch "The Art oft the Deal" (1987), in dem er beschreibt, wie er eine in seinen Augen illoyale Mitarbeiterin hinauswarf, weil sie ihm nicht bei Mauscheleien mit einer Bank helfen wollte, und sich im Folgenden diebisch über jeden ihrer Misserfolge freute. "Sie hatte sich gegen mich gewandt", schreibt Trump, und weiter: "Zögern Sie nicht mit Vergeltung. Zielen Sie direkt auf die Halsschlagader." Dass für Trumps Präsidentschaftskandidatur sein Rachebedürfnis gegenüber Obama ein entscheidender Impuls war, ist dabei nicht nur die naheliegende Schlussfolgerung des Zuschauers, sondern auch die Meinung mancher Trump-Experten.

Oder beim Thema Immigration. Teile einer "Spiegel"-Reportage werden vorgetragen, die zeigen, wie sich in den USA seit Trump das Klima gegenüber Illegalen verändert hat. Dann eine Wahlkampfrede Trumps, in der dieser den Text von Oscar Browns Song "The Snake" auf plumpste Weise zu einer Hetze gegen Immigranten verdreht. Und schließlich eine Episode aus Schottland, wo Trump 2006 einen Golfplatz plante. Weil ihn die Anwohner störten, schikanierte er sie nicht nur auf vielfältigste Weise, sondern fing auch an, einen Zaun um ihre Häuser sie zu bauen. Und schickte ihnen anschließend eine Rechnung dafür.

Am Schluss des Stücks steht eine einzige kurze Episode mit frei erfundenen Texten, die den Titel des Stücks aufgreift: Ein Prozess gegen Trump in einer Zukunft, in der er schon einige Spuren hinterlassen hat. Eher eine Dystopie, soviel sei verraten. Als Polit-Prophet mag sich Küster aber, trotz seines neuen Trump-Wissens, nicht versuchen. "Es ist alles sehr undurchschaubar gerade." Er hofft aber, "dass man als Zuschauer zusätzliche Details und Aspekte sieht, die man bis jetzt nicht wusste." Theater als politisches Informationsmedium, dazu dank des großartigen Ensembles auch mit hohem Unterhaltungsfaktor, das ist "The Trump Trial" auf jeden Fall.

 

Info:

"The Trump Trial" ist noch am 30. Juni, 1., 5., 6. und. 7. Juli, jeweils 20 Uhr, und am 8.Juli, 19 Uhr, im Studio Theater (Hohenheimer Straße 44, S-Mitte) zu sehen; weitere Aufführungen im Dezember 2017.


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