Ausgabe 313
Editorial

Revolution und Wahrheit

Datum: 29.03.2017

Plötzlich kann alles wahr sein. Demozahlen werden zu alternativen Fakten umgebogen, und was da eigentlich in Schweden los war, Mister Trump, wissen wir bis heute nicht. Da fragen sich auch die jungen MedienmacherInnen des Landes: Wem kann man noch glauben? Und wozu braucht es eigentlich noch Journalismus? Oder braucht es ihn womöglich dringlicher denn je? Nein, sie sind nicht deprimiert, die MacherInnen der Jugendmedientage Baden-Württemberg in Stuttgart. Im Gegenteil. Sie wollen es genau wissen. Drei Tage, ein Thema, und zwar – wen wundert's – Wahrheit(en).

Los geht's am Freitag mit einem hochkarätig besetzten Podium. Dietrich Krauß, Grimmepreisträger und Redakteur der Satiresendung "Die Anstalt", Experte für Gegenöffentlichkeit, der im Gespräch mit Kontext sagte: "Wir Satiriker sind der kleine schmutzige Bruder des Journalismus." Er diskutiert mit Jens Glutsch, Datenschützer und Coach für "digitale Selbstverteidigung". Mit Peter Martin Thomas, Leiter der Sinus-Akademie. Und last but not least mit dem Wirtschaftsjournalisten Ulrich Viehöver, der für Kontext nicht nur recherchiert und schreibt, sondern sich auch engagiert in der Journalisten-Ausbildung. Nur wer das Handwerk beherrscht, lässt sich kein X für ein U vormachen.

Wie schon den letzten Jugendmedientagen vor vier Jahren in Karlsruhe, wollen sich die Jugendlichen am kommenden Wochenende in Workshops, Diskussionskreisen und Fotografie-Kursen austauschen und von den Erfahrungen älterer KollegInnen profitieren. Damals übrigens, 2013 in Karlsruhe, beschäftigten sich die JungjournalistInnen mit der Revolution und mit Widerspruch ("Einspruch! Kommt bald die nächste Revolution?"). In diesem Jahr wird es auf der Suche nach der Wahrheit auch schon mal philosophisch. Es sind übrigens noch Plätze frei. Und das ganze Programm kann man hier sehen.

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Roland Hill mit Unterlagen zu seinem gekündigten Mietverhältnis. Foto: Joachim E. Röttgers
Roland Hill mit Unterlagen zu seinem gekündigten Mietverhältnis. Foto: Joachim E. Röttgers

Es ist noch keine vier Wochen her, dass wir den früheren Bauunternehmer Roland Hill in seiner Wohnung besucht haben, die er sich auf dem Dach des Gebäudes in der Rotenbergstraße 170 selbst gebaut hat. Auf Drängen der Stadt hatte er einst das leerstehende Gebäude im Stuttgarter Osten übernommen und auf eigene Kosten renoviert. Und so hielt er es auch mit seinen MieterInnen, dem Fabrikanten Frank Bechinger, dem Psychotherapeuten Robert Schmittmann und der Familie Do Van Thai, die den Asia-Markt betreibt. Um die Instandsetzung kümmerten sie sich selbst, und Hill presste aus ihnen nicht raus, was ging, sondern war im Gegenzug mit einer moderaten Miete zufrieden.

Würden alle VermieterInnen so handeln wie er, würden die Mieten nicht den Einkommen davonlaufen, und bezahlbare Wohn- und Arbeitsräume zu finden wäre kein Problem. Und er war ein Unternehmer, für den ein Wort noch etwas galt. Nicht so für die Stadt Stuttgart. Entgegen früherer Zusagen hat sie Hill und seinen MieterInnen auf Ende Juli gekündigt. Hill hätte ausziehen müssen. Eine Woche nach unserem Besuch kam er mit einem Schlaganfall ins Krankenhaus, nun ist er im Alter von 80 Jahren gestorben.


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