Ausgabe 399
Medien

Schon wieder ein Hype

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 21.11.2018
Die Grünen fliegen hoch und höher. Auch weil sich ein selbstreferenzielles System aus Demoskopie und Politik, Öffentlichkeit und Medien etabliert hat, das Siegertypen sexy macht. Selbst wenn allen Geländegewinnen immer Vorläufiges und Zerbrechliches anhaftet: Die Prognosteritis grassiert.

Im Frühjahr 2017 führte Thomas Leif durch einen aufregenden Abend. In der Berliner Landesvertretung von Rheinland-Pfalz organisierte und moderierte er den Mainzer Mediendisput zum Thema "Zwischen Glaskugel und professioneller Expertise – Die Macht der Meinungsforscher und des Kommentariats". Seine Idee, noch vor den Bundestagswahlen einen neuen Verhaltenskodex vorzulegen, konnte er nicht mehr realisieren. "Doch wir fühlten uns dem Ende 2017 verstorbenen Thomas Leif gegenüber verpflichtet, das angedachte Projekt in erweiterter Form zu Ende zu bringen", schreibt Jupp Legrand, der Geschäftsführer der Otto-Brenner-Stiftung (OBS). Das Ergebnis ist das 67-seitige Arbeitspapier "Demoskopie, Medien und Politik: Ein Schulterschluss mit Risiken und Nebenwirkungen".

Grüne Spezialität: Urwahlforen. Hier eine Momentaufnahme zweier Kandidaten, rangfolgenlos. Fotos: Joachim E. Röttgers
Grüne Spezialität: Urwahlforen. Hier eine Momentaufnahme zweier Kandidaten, rangfolgenlos. Fotos: Joachim E. Röttgers

An der gegenwärtigen Zustimmung zu den Grünen lassen genau die sich detailliert herunterdeklinieren. Nur einmal seit ihrer Gründung vor fast vier Jahrzehnten waren die Zahlen für die Partei noch besser. Im April 2011, nach Fukushima und Winfried Kretschmanns erstem Triumph im deutschen Südwesten, ermittelte die Forschungsgruppe Wahlen als Momentaufnahme, ohne "längerfristige Überzeugungen und taktische Überlegungen der Wähler" einzurechnen, 27 Prozent Zustimmung für die Grünen. Im Spätherbst 2018 sind es nun 26 Prozent bei der "politischen Stimmung" in Deutschland. Und 22 Prozent in der Sonntagsfrage, was einen Sprung um fünf Punkte innerhalb weniger Wochen bedeutet.

Andere Institute ziehen nach. Und nicht nur das politische Berlin hat mit schräg klingenden Debatten über eine Zukunft begonnen, in der das ewige Abonnement von CDU und SPD auf den Einzug ins Kanzleramt eben keine Bank mehr ist. Im Gefolge der spektakulären Wahlerfolge in Bayern und Hessen und ihres in schönster Eintracht verlaufenen Leipziger Parteitags – "politische Spaßkultur", ätzte die FAZ – machen Personal, Profil und breite Bündnisfähigkeit der Grünen jedenfalls bei immer mehr Leuten so viel Eindruck, dass im Ranking der Parteien allmählich vieles für möglich gehalten werden muss.

Thomas Wind, Volkswirt und Psychologe, beschreibt für die OBS die kommunizierenden Röhren, in denen Demoskopie und Medien sich gegenseitig nutzen und brauchen, und dass "Umfragen vielen Journalisten die Leitplanken für die eigenen Einschätzungen und Beurteilungen liefern". Ein kurzer historischer Abriss geht zurück bis zu Karl dem Großen, der anno 811 eine Umfrage unter Multiplikatoren und Würdenträgern durchführen ließ. Gründungsvater in der Moderne ist der gelernte Journalist Georg Gallup, der Franklin D. Roosevelt 1936 seinen Erdrutschsieg vorhersagte. Auf ihn geht auch die Erkenntnis zurück, dass ausschlaggebend für die Qualität einer Umfrage nicht die Größe, sondern die richtige Zusammensetzung der Befragten ist, und dass Trends richtig interpretiert werden.

Umfragen machen Schlagzeilen

Wenn die Entwicklung weitergeht wie in der jüngsten Vergangenheit, dann wird es in der Republik bald mehr Umfragen geben, als ein Jahr Tage hat. "Eine jagt die nächste, und in Wahlkampfzeiten erhöht sich die Schlagzahl noch einmal deutlich", schreibt Wind. Im Jahr der Bundestagswahl 2017 fanden zwischen Januar und September nach eigener Zählung rund 230 Befragungen statt; im Wahljahr 2013 waren es noch 150. "Demoskopie braucht die Medien als Verbreitungsinstanzen", heißt es weiter, "und die Medien brauchen die Umfragen", weil die "stets brandaktuellen Zahlen zum Auf und Ab der politischen Stimmung gut zur Dramatisierung der Berichterstattung und zum Generieren von Schlagzeilen taugen".

Beim Thema Auf und Ab wissen immer mehr PolitikerInnen nur zu gut, wovon die Rede ist. Allen voran Martin Schulz und die SPD. Als er Anfang 2017 antrat, um nach Möglichkeit Angela Merkel zu beerben, stand die Partei bei 20 Prozent, der Höhenflug ließ sie auf 32 Prozent entschweben, gut ein Jahr später dümpelt sie bei schmählichen 14 – und Schulz arbeitet, wie man hört, an seinem Comeback aus dem Niemandsland. Eine tragende Rolle in diesen Turbulenzen haben die Medien ohne Zweifel gespielt. Noch vor der Bundestagswahl meinten notorische BesserwisserInnen, der eigenen Zunft eins mitgeben zu müssen. Die "eigentlichen Verlierer", schrieb "Cicero", seien nicht der Kandidat und seine orientierungslose SPD, "es sind, wieder einmal, die Medien". Schnell verliere die Orientierung, wer "Medienrealität und Realität, die zwei sehr verschiedenen Dinge, verwechselt". Stimmt.

Auch die Grünen haben Berg-und-Tal-Fahrten hinter sich. 2011 war der Hype nach wenigen Wochen wieder vorbei, die harte Landung bei den Bundestagswahlen mit neun Prozent schmerzhaft. Zumal die Partei schon mehrfach die Erfahrung machen musste, dass die regelmäßig zur Hälfte von Legislaturperioden ermittelten hohen Werte an deren Ende nicht in Prozente umzusetzen waren. Wind dreht sich, zuweilen sogar in Windeseile. Eine immer wieder belegte Erfahrung: WechselwählerInnen schlagen sich schlussendlich gern auf die Seite prognostizierter Sieger.

Cover des OBS-Arbeitspapiers.
Cover des OBS-Arbeitspapiers.

Diesmal ist der Trend für die Grünen ein auffallend kontinuierlicher. Ihr Abstand zum Spitzenreiter Union ist geschmolzen wie Schnee in der Märzensonne, und bei so vielen ungelösten Problemen im konservativen Lager deutet derzeit nichts darauf hin, dass demnächst wieder eine Baisse um die Ecke kommt. Daniel Cohn-Bendit hat es kürzlich in einem Interview als Realitätsverweigerung bezeichnet, wenn nicht laut über einen nachhaltigen Aufstieg im 40. Jahr der Parteigeschichte nachgedacht würde. "Robert Habeck könnte eines Tages Bundeskanzler werden", sagte der Deutschfranzose und schob in seiner Eigenschaft als inzwischen politisch korrektes Urgestein nach: "Oder Annalena Baerbock Bundeskanzlerin."

Womit ein weiterer Aspekt des Geflechts aus Medien, Politik und Demoskopie – in der Karikatur auf dem Titelblatt des OBS-Arbeitspapiers verschränken sich die unterschiedlichen Kurven zu einem bunten Zopf – ins Spiel kommt, der speziell die Starken stärkt und mitbastelt am Hype: Personalisierung. Weil er immer wieder Spitzenwerte bei den Meinungsforschern erzielte, ist Winfried Kretschmann stabil und über Jahre der beliebteste Ministerpräsident der Republik. Schon vor mehr als einem halben Jahr lag Robert Habeck in der Kanzlerfrage des RTL/ntv-Trendbarometers von Forsa auf Platz zwei knapp hinter der Bundeskanzlerin.

Hochgerankt, tiefgeratet: sich selbst erfüllende Prophezeiungen

"Was die Sonntagsfrage für die Parteien ist, sind die Politikerratings und -rankings für das politische Spitzenpersonal", schreibt Wind. Heute werde alles gerankt oder geratet: die Lebensqualität von Städten, das Ansehen bestimmter Berufsgruppen, die Schülerleistungen in verschiedenen Ländern, die schönsten Strände und die gefährlichsten Autobahnabschnitte, "warum also nicht auch Politikerinnen und Politiker?" Und aus Hochgerankten werden interessante Gesprächspartner: Der zwölfminütige Auftritt des Grünen Habeck in der "heute-Show" wurde auf Youtube inzwischen fast 190 000 Mal geklickt.

Problematisch am Personenrating ist, wie es in dem OBS-Papier weiter heißt, dass niemand weiß, welche Aspekte oder Bündel von Kriterien in die Urteile der Befragten einfließen. Insbesondere die Bewertung der politischen Arbeit "erscheint problematisch, schon angesichts der unterschiedlichen Funktionen, die die Kandidatinnen und Kandidaten ausüben, da konkurriert der Fraktionsvorsitzende mit der Bundeskanzlerin, die Ministerin mit dem Parteichef". Und Informationen "über die tatsächlichen politischen Aktivitäten des politischen Personals in der Bevölkerung" seien, wenn überhaupt vorhanden, eher dünn gesät". Will sagen: Wie heben oder senken die Leute den Daumen über jemanden, dessen Leistung sie kaum kennen?

Sachkenntnis wird im Publikum oft ersetzt durch den schlichten Bekanntheitsgrad. Aber selbst der ist kein verlässlicher Maßstab mehr in schnelllebiger Zeit. Im Bayern-Trend vom Mai bescheinigt infratest dimap den Grünen-Fraktionsvorsitzenden Katharina Schulze und Ludwig Hartmann, noch mit gewaltigen Bekanntheitsdefiziten zu kämpfen. Ein halbes Jahr später legen die beiden ein historisch hohes Ergebnis hin, und Hartmann zelebrierte nachts in Feierlaune gemeinsam mit Habeck den inzwischen nicht nur viral berühmten Sprung ins begeisterte Publikum.

Plädoyer für Transparenz, Analyse, inhaltliches Einordnen

Helfen würde, zu diesem Schluss kommt das OBS-Arbeitspapier ohne Abstriche, mehr Transparenz. "Die Institute sollten nachdrücklich kommunizieren, dass ihre Befunde Momentaufnahmen von Stimmungen sind, die nur für den Erhebungszeitraum gelten", steht in einem Empfehlungskatalog zu lesen. Zu oft würden "diesen Momentaufnahmen – gerade von Seiten der Medien – Prognoseeigenschaften zugeschrieben". Und noch eine Idee: "Grundsätzlich sollte bei der Vermittlung der Ergebnisse der Konjunktiv gewählt werden." Oder, wie in anderen Ländern, offensiv die Schwankungsbreite verdeutlicht werden.

Momentaufnahme? Kretschmann im Dauerhoch.
Momentaufnahme? Kretschmann im Dauerhoch.

Zwei Internetseiten illustrieren die Unterschiede. www.wahlrecht.de reiht für die Bundesrepublik Zahlenkolonne an Zahlenkolonne. Auf www.neuwal.com werden für die – deutlich selteneren – Umfragen in Österreich alle Rahmenbedingungen angegeben, einschließlich der maximalen Schwankungsbreiten, von drei, vier oder sogar fünf Prozentpunkten. Am vergangenen Wochenende freute sich die FAZ schon darüber, dass der "Aufwärtstrend der Grünen vorerst gestoppt" sei, weil eines der sieben Institute, die im Netz fortlaufend die Sonntagsfrage-Zahlen zur Verfügung stellen, statt 22 nur noch 21 Prozent auswies.

In ihren Schlussfolgerungen bezieht sich die Studie noch einmal auf Thomas Leif, der den Zehn-Punkte-Katalog "im Wesentlichen konzipiert" habe. Darunter den Appell, "im Zusammenhang mit der Sonntagsfrage auch die Anteile der zu diesem Zeitpunkt Unentschlossenen sowie der bekennenden Nichtwähler zu erfassen und auszuweisen, weil diese die Parteienpräferenzen erheblich relativieren und ein genaueres Stimmungsbild vermitteln können". Leif selbst hatte öffentlich gemahnt, dass "die nahezu inflationäre Nutzung der Demoskopie – häufig von den Medien selbst in Auftrag gegeben – zunehmend die eigentlichen Aufgaben der Medien ersetze: Analyse und inhaltliche Einordung politischer Geschehnisse". Um die Risiken und Nebenwirkungen zu minimieren.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!
botMessage_toctoc_comments_9210
KONTEXT per E-Mail:  

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail. Datenschutz-Hinweis

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!