Dr. Stern (Merab Ninidze) entdeckt im Syrer Aryan (Zsombor Jéger) ökonomisches Potenzial. Fotos: Proton Cinema/Match Factory Productions/KNM

Dr. Stern (Merab Ninidze) entdeckt im Syrer Aryan (Zsombor Jéger) ökonomisches Potenzial. Fotos: Proton Cinema/Match Factory Productions/KNM

Ausgabe 399
Kultur

Kommt ein Engel geflogen

Von Rupert Koppold
Datum: 21.11.2018
In "Jupiter's Moon" erzählt Kornél Mundruczó von der sogenannten Flüchtlingskrise. Und vom jungen Syrer Aryan, der sich buchstäblich über die irdischen Verhältnisse erhebt. Das ist nicht immer stringent, meint unser Kritiker, aber ästhetisch immer aufregend.

Hühnerkäfige in einem Lastwagen, daneben dicht gedrängt auch Menschen, stehend, schweigend, angespannt. Nur ein Kind weint. Wortlos springt die Gruppe nun von der Ladefläche, eilt durch nächtlichen Wald, bis an einem Flussufer grelle Scheinwerfer in die Dunkelheit platzen und ein Lautsprecher schreit: "Grenzkontrolle!" Die Menschen stürzen sich ins Wasser, tauchen, atmen schwer, keuchen ans Ufer, rennen durch Schlamm. Der junge Syrer Aryan (Zsombor Jéger) verliert im Chaos seinen Vater aus den Augen, er steht nun allein und verloren auf einem Waldweg und wird gestellt vom Polizisten László (György Cserhalmi). Der legt mit unbewegter Miene auf den Grenzüberscheiter an und schießt ihm ohne jede Vorwarnung dreimal in die Brust.

Aber es ist für den leblos daliegenden Aryan noch nicht alles vorbei, er überschreitet jetzt erneut eine Grenze und kehrt zurück aus dem Reich der Toten. Und nicht nur dies: Nach seiner Wiederauferstehung kann er, was ihn selber irritiert, in die Luft steigen und fliegen. Eine Superhelden-Story? Ja, was die Erlangung der besonderen Fähigkeiten betrifft. Nein, was die Eingliederung dieses Films in das immer noch boomende US-Genre betrifft. Aryans Überwindung der Schwerkraft etwa zeigt sich weniger als jenes zielgerichtet selbstbestimmte Fliegen von Superman und Co., sondern eher als ein von überirdisch-anonymen Mächten ausgelöstes Geflogen-Werden, bei dem es zunächst auch zu Landungsproblemen kommt. Und dann ist Aryan ja gar nicht der Held dieser Geschichte, sondern "nur" jenes Wunder, an das der illusionslos-skeptische Doktor Stern (Merab Ninidze) lange nicht glauben will.

Wenn Wunder zum Geschäftsmodell werden

Doktor Stern ist ein Mann Mitte vierzig, der in seinem angeranzten Wohnblock-Apartment erwacht, mit trübem Blick einen toten Vogel auf dem Fensterbrett registriert, sich eine Zigarette ansteckt und später auf dem Weg zur Arbeit den zwei missionierenden Männern, die ihm eine Bibel aufdrängen wollen, mit böser Ironie erklärt, da sei ihm zu viel Gewalt drin, das könne zu Hirnschäden führen. "Glauben Sie denn an irgendetwas?", fragen die Religionsverkäufer. "An die Wiederauferstehung Ungarns!", antwortet Doktor Stern sarkastisch. Dann fährt er ins Flüchtlingslager, einen trostlosen Unort aus Zäunen, Zelten und Zynismus, und lässt sich dort – Hospitaleinweisungen gegen Geld! – routiniert bestechen. Auch Aryan ist in diesem Lager gelandet, und als Doktor Stern ihn bei der Untersuchung abheben sieht, sagt er: "Ich brauch' einen Schnaps!" Und will dann aus Aryans Schwebefähigkeit sofort ein Geschäftsmodell machen.

Aryan hebt ab.
Aryan hebt ab.

Der Regisseur Kornél Mundruczó, der in Ungarn eine Theatergruppe leitet und auch schon erfolgreich für deutsche Bühnen inszeniert hat, sagt zu seinem Film "Jupiter's Moon": "Ich habe mich mit dem Problem der Flüchtenden auseinandergesetzt, als ich an einer großen Theaterinstallation zu Schuberts Winterreise arbeitete. Europa befand sich am Anfang der Krise. Wir quartierten uns ein oder zwei Wochen im Flüchtlingslager Bicske ein, das damals gerade eingerichtet wurde, und ich habe versucht, meine dortigen Erfahrungen zu verarbeiten – und damit bin ich bis zum heutigen Tag noch nicht fertiggeworden." Zum Titel seiner ursprünglich als Science-Fiction-Film geplanten und nun in einem nicht genannten, aber sehr gegenwärtigen Land angesiedelten Geschichte sagt Mundruczó: "Einer der Jupiter-Monde, die Galileo entdeckt hat, heißt Europa. Mir lag sehr daran, diesen Film als europäische Geschichte zu erzählen." Er sagt aber auch: "Wir wollten keinen Film über Flüchtende drehen – vielmehr verwenden wir die aktuelle Krise als Kontext dafür, über Wunder nachzudenken."

Dass sich in dieser sehr weit von Hollywoods High-Tech-Welten entfernten Tristesse aus utopielosen Sozialismus-Ruinen und neuer Kapitalismus-Hektik ein Wunder ereignet, dass in diese sepiafarbenen bis krankgelben Bilder von abgelebten Bars, Bahnhöfen oder Bädern also etwas einschwebt, das ein Engel oder noch Höheres sein könnte, stellt die Verhältnisse in jedem Sinn auf den Kopf. So lange, bis auch der abgebrühte Doktor Stern, der Aryan in dubiosen Deals als Heiler verkauft und ihn als solchen quasi steigen lässt, selber in die Knie geht. Die mögliche Läuterung des Doktor Stern mag motivisch an jene Gottsucherfilme erinnern, die Andrei Tarkowski ("Stalker") in den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gedreht hat, zumal auch Kornél Mundruczó mit extrem langen, also ungeschnittenen Einstellungen arbeitet. Dabei geht er jedoch nicht in sich, hält sich also nicht auf mit kontemplativer Ruhe und Andacht, sondern choreografiert in die Räume hinein virtuose Actionsequenzen von Flucht und Verfolgung. Und eben auch, in verblüffend realistischer Anmutung, vom großen Schweben.

Die Suche nach dem Glauben als Thriller: "Jupiter's Moon" ist, was die Story betrifft, vielleicht nicht immer stringent, ästhetisch aber immer aufregend. Sogar eine mehrminütige und von keinem Cut unterbrochene Autoraserei, die wie eine Hommage an Claude Lelouchs legendären Vollgas-Kurzfilm "C’était un rendez-vous" (1976) wirkt, hat Mundruczó zu bieten. Mag sein, dass diese Sequenz zu sehr ablenkt vom spirituellen Anspruch des Films. Aber so ganz wird dieser doch nicht aus den Augen verloren. Es geht unter anderem darum, sich von den Verhältnissen nicht auf den Boden drücken zu lassen, sondern sich über diese zu erheben. Oder, wie Doktor Stern sagt, nicht nur horizontal zu leben und sich dabei "von den Netzwerken" verformen zu lassen, sondern nach oben zu schauen.

Dass dieser Film über die irdischen (respektive die europäischen und ungarischen) Zustände hinausgehende und sich ins Metaphysische wagende Film nicht konkreter wird, also auch im Sinnsuchen einen Schwebezustand mit Platz für viele Bedeutungen zulässt, ist für manche Kritiker ein Manko. Doch der Regisseur übersieht die realen Verhältnisse nicht einfach, er betrachtet sie eben von einer anderen Warte aus. Und so ist in "Jupiter's Moon" eben doch und auf besondere Weise etwa das eingeschrieben, was Mundruczó über Geflüchtete sagt: "Man weiß nicht einmal, ob man noch die vertraute Identität hat, ob man noch die Person ist, als die man damals aufgebrochen ist, oder eine andere, in die man sich auf der Reise verwandelt hat. So etwas kann ich nicht beobachten, ohne mich solidarisch zu fühlen. Alles andere wäre unmenschlich."


Kornél Mundruczós "Jupiter's Moon" ist ab Donnerstag, 22. November, in den deutschen Kinos zu sehen. Welche Spielstätte den Film in Ihrer Nähe zeigt, sehen Sie hier.


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