Ausgabe 391
Kultur

Zurück ins Kayser-Reich

Von Rupert Koppold
Datum: 26.09.2018
Oliver Schwehms Dokumentarfilm "Fly, Rocket, Fly" erzählt die abenteuerliche Geschichte eines Stuttgarter Ingenieurs, der mit seiner Firma Otrag von Afrika aus den Weltraum erobern wollte. Faszinierend, meint unser Filmkritiker. Doch die Doku zeigt nicht die ganze Geschichte.

Wo ist Lutz Kayser, der Mann, der in den 1970er Jahren die Welt mit einer privaten All-Eroberungs-Firma in Aufregung versetzte? Der Ingenieur, der auf seinem Testgelände in Afrika daran arbeitete, die Raumfahrt mit preiswerten Antriebssystemen zu revolutionieren? Der Raketenforscher, der berühmte Kollegen wie Wernher von Braun für seine Sache begeisterte, bald auch erfolgreiche Starts vorweisen konnte und dann von der Politik abrupt ausgebremst wurde? Nein, sie hätten nichts mehr von ihrem ehemaligen Chef gehört, sagen in Oliver Schwehms Dokumentarfilm "Fly, Rocket, Fly" frühere Mitarbeiter. Kayser sei abgetaucht, es gebe nur ein paar Gerüchte darüber, wo er sich jetzt aufhalte. Doch dann taucht Kayser buchstäblich wieder auf: Ein stattlicher älterer Herr, der sich vor seiner eigenen Pazifik-Insel im Meer treiben lässt, so dass es aussieht, als sei er schwerelos. Und schon sitzt er in seinem Haus am Strand und beginnt zu erzählen.

Es ist eine Abenteuergeschichte, in welcher der Regisseur nicht nur den kurz nach den Dreharbeiten gestorbenen Kayser und einige seiner Mitstreiter rückblickend zu Wort kommen lässt. Schwehm hat auch noch eine Unmenge von zeitgenössischem Bild- und Filmmaterial aufgetrieben, das er mit seinen aktuellen Interviews virtuos zusammenmontiert und mittels eines dynamischen Soundtracks vorantreibt. Oder auch hinauf: Denn Kayser und Co. sind ja Raketenmänner, sie richten ihre Blicke ins All. Aber ein bisschen Erde muss natürlich auch sein, und in Lutz Kaysers Fall ist sie sogar sehr regional: Er wird 1939 in Stuttgart als Sohn des Direktors der Süddeutschen Zucker AG geboren, sammelt mit Freunden in den Ruinen der Stadt Kriegsmunition und lässt das Pulver explodieren, macht am Karls-Gymnasium das Abitur und wird dann als Student der hiesigen Universität Mitglied einer Arbeitsgruppe für Raumfahrt und Raketentechnik.

Ein Bubentraum wird wahr. Raus aus der Vergangenheit und deren Trümmern, hinein in die Zukunft! Der Traum wird unterstützt von Raumfahrtforschern wie Braun oder Kurt Debus, die ihre Nazi-Vergangenheiten bei der NASA vergessen konnten, und finanziert wird er von der baden-württembergischen und der deutschen Regierung und zudem über eine Art frühes Crowdfunding, bei dem das berüchtigte Modell der Steuerabschreibung eine Rolle spielt. Kayser gründet nun die Orbital Transport und Raketen Aktiengesellschaft, genannt Otrag. Und weil die öffentlichen Gelder, unter anderem wohl wegen der europäischen Ariane-Konkurrenz, irgendwann nicht mehr richtig fließen und sich auch kein geeignetes Versuchsgelände findet, bricht er mit seinen Mitarbeitern auf nach Afrika.

Bubentraum, militärisch nutzbar. Illu: Kinostar Filmverleih
Bubentraum, militärisch nutzbar. Illu: Kinostar Filmverleih

Ein deutscher Geschäftsmann hat den Kontakt mit Mobutu Sese Seko vermittelt, der Diktator von Zaire stellt Kayser auf einem Hochplateau im Dschungel ein Stück Land zur Verfügung. Es ist riesig, es ist so groß wie die DDR. Nun sind gut gelaunte weiße Männer in kurzen Hosen zu sehen, die mit dem Bulldozer den Wald roden und eine vier Kilometer lange Piste anlegen, über die Material herbeigeschafft wird. "Mit Macheten zu den Sternen", so lautet der Untertitel dieses Films. Es ist also Pionierzeit, es herrscht Aufbruchstimmung. Aus Zelten werden Hütten und Häuser, ein dressierter Schimpanse raucht Zigarre und ein Koch erinnert sich, wie er Gnus und Antilopen zu Würsten verarbeitet hat. Es wird Bier getrunken und meist schwäbisch gesprochen, ganz unbefangen bezeichnen Weiße ihre schwarzen Hilfskräfte als "Eingeborene". Für den heutigen Zuschauer wirkt diese von Lutz Kayser selbstbewusst bis arrogant durchstiefelte Männerwelt wie ein Nachklapp zur europäischen Kolonialismushistorie.

Der Film lässt solch kritische Assoziationen zwar zu, legt sie einem allerdings nicht nahe. "Fly, Rocket, Fly" ist nämlich selber fasziniert von dieser Geschichte, die in jedem Sinne die von Lutz Kayser ist. David gegen Goliath, so sah Kayser sein Vorhaben wohl selbst. Ein genialer Stuttgarter Tüftler zieht hinaus in die Welt, baut sich ein eigenes Reich auf, ist kurz davor, das All zu erobern, wird in Zeiten des Kalten Kriegs von beiden Seiten jedoch misstrauisch beobachtet und schließlich zurückgepfiffen. "Das Unglückliche bei Raketen ist", so Kayser, "dass sie auch militärisch verwendbar sind." Er sagt das zu Beginn des Films, der auf diese Möglichkeit aber nicht weiter eingeht und lieber Kayser glauben will, der davon spricht, nur an billigem Satellitentransport für die Dritte Welt zu bauen.

Zurück zu Hitler und weiter nach Libyen

Als Mobutu persönlich bei einem Start vorbeischaut, kommt die Rakete leider in Schieflage, zieht einen engen Bogen und stürzt ab. Kayser bewahrt zwar die Contenance, aber Mobutu beugt sich 1979 dem Drängen Frankreichs, die schwäbischen Raketenbauer aus dem Land zu werfen. Sowieso ist es wegen der Unruhen in Zaire gefährlich fürs Kayser-Reich geworden. Es wird aber noch eine Abschiedsflussfahrt organisiert, bei der ein Gefährt zeugenlos kentert. War es ein zorniges Flusspferd? Oder ein politisch motivierter Anschlag? Das Afrika-Abenteuer ist nun dunkel grundiert, es scheint etwas durch von Joseph Conrads "Herz der Finsternis". Für den Film aber, der Raum lässt für eigene Spekulationen, ist dieses Abenteuer nun zu Ende.

Lutz Kayser und Regisseur Oliver Schwehm auf Bikendrik Island. Foto: Kinostar Filmverleih
Lutz Kayser und Regisseur Oliver Schwehm auf Bikendrik Island. Foto: Kinostar Filmverleih

Tatsächlich ging es weiter, und wer die Geschichte von Lutz Kayser nachrecherchiert, der erfährt, dass er nach Libyen ging. Um Aufwindkraftwerke zu bauen, wie es in Wikipedia heißt. Um weiter Raketen zu basteln, wie die "Encyclopedia Astronautica" weiß. Dort steht auch: "Von 2005 an suchte Kayser nach Partnern, um eine Otrag-Produktionsstätte in den Vereinigten Staaten zu finanzieren und seine einzigartige Low-Cost-Technologie für die Anforderungen des zukünftigen amerikanischen Raumfahrtprogramms einzurichten. Er gründete die Firma "Braun Debus Kayser Rocket Science LLC", um das geistige Eigentum und Know-how von Otrag in die Vereinigten Staaten zu transferieren."

Immer wieder diese Namen, die noch weiter zurückweisen als in Kaysers Vergangenheit! Wer dem Otrag-Gründer im Internet hinterherklickt, der stößt nämlich nicht nur auf die SS-Mitglieder Wernher von Braun und Kurt Debus, sondern noch auf andere Forscher, die an Hitlers Raketenprogramm beteiligt waren und nach dem Krieg weiter Karriere machten. Sie kommen in diesem Film zum Teil vor, aber es wird wenig auf sie eingegangen. Auf Eugen Sänger zum Beispiel, der von 1954 bis 1961 Direktor des Instituts für Physik und Strahlenantriebe an der Universität Stuttgart war und das heute noch betriebene Raketenversuchsgelände in Lampoldshausen gründete. Oder auf Wolfgang Pilz, der mit Sänger in Stuttgart zusammenarbeitete und danach auch bei einem Raketenprogramm für Ägypten. Nein, die Bubenträume waren nie unschuldig. In Michael Chabons 2016 erschienenem Roman "Moonglow", in dem der Autor das abenteuerliche Leben seines Großvaters nacherzählt, ist der Held ebenfalls von Raketen fasziniert, auch von der V2. Als er jedoch 1945 als US-Soldat nach Deutschland kommt, erfährt er von den Zwangsarbeitern, die beim Nazi-Raketenprogramm geschunden wurden und umgekommen sind. Nun macht er es sich zur Aufgabe, Wernher von Braun aufzuspüren und zu töten. Auch davon sieht und hört man nichts in diesem Film.


Oliver Schwehms "Fly, Rocket, Fly" geht am Mittwoch, 26. September, bundesweit auf Kino-Tour. Welche Spielstätte den Film in Ihrer Nähe zeigt, finden Sie hier und auf der Website des Verleihs.


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