Ausgabe 391
Gesellschaft

Ein guter Hirte

Von Roland Reck (Text und Fotos)
Datum: 26.09.2018
Die Idylle trügt. Weil man es sich gerne anders vorstellt, eben wie Urlaub daheim das ganze Jahr. Schäfer sind dort, wo andere wandern und einkehren. Zum Beispiel im Oberen Schmiechtal, zwischen Ehingen und Münsingen am Rande des Biosphärengebiets Schwäbische Alb. Sven de Vries ist einer von ihnen.
Sven de Vries, Schäfer aus Leidenschaft.
Sven de Vries, Schäfer aus Leidenschaft.

Die Alb lockt mit ihrer einzigartigen Landschaft, geboren aus der Erdgeschichte und gestaltet über die Jahrhunderte nicht zuletzt von Schäfern und ihren Schafen. Die Wacholderheide ist das malerische Bild dieser Urlaubsidylle. Sven de Vries und seine 550 Schafe sind dafür verantwortlich. Der 38-Jährige ist Schäfer und hat nie Urlaub – erst recht nicht "dahoim", denn das ist dort, wo seine Schafe sind. Und das ist harte Arbeit.

De Vries ist, so erzählt er, klassischer Wanderschäfer. Unterwegs mit Herde, Hunden und Bauwagen. Dabei bricht er mit vielen Klischees, die der Zeitgenosse in seinem romantischen Herzen spazierenträgt. Sven de Vries zwingt zum Umdenken, aber er lässt einen weiterhin staunen über die Irrungen, Wirrungen und Fügungen des Lebens.

Geboren ist er in Hannover. Aber während die Alten in Wollpullovern und Wollsocken aus Schafwolle vom Finkhof in Arnach bei Bad Wurzach (Kontext berichtete) sich aus der Ferne dem Leben der dortigen Landkommune nahe fühlten, surfte der Sprössling auf der Internetwelle über die Jahrhundertschwelle ins virtuelle Zeitalter, bis er schließlich auf dem Weg der Selbstfindung selbst bei den Finkhöflern landete. Und dort aufs Schaf kam: verliebt (Praktikum), verlobt (Ausbildung), verheiratet (Selbstständigkeit).

Seit zehn Jahren ist er nun schon als Schäfer unterwegs. Im Herbst letzten Jahres hatte er einen Burn-out. Er sei "nicht mehr ganz zurechnungsfähig gewesen", erzählt der hagere Mann, der mit zerzaustem langem Haar und Vollbart auf Facebook mit Jesus verglichen wird. "Ich schaffe 16 bis 18 Stunden am Tag – sieben Tage die Woche." All sein Herzblut stecke in diesem Beruf. Die Schafe sind seine Leidenschaft, aber sie sind auch sein Zwang.

Als "akzeptierter und respektierter Teil der Herde" zieht er tagtäglich von Ort zu Ort, um auf insgesamt 140 Hektar dem Natur- und Landschaftsschutz zu dienen. Denn darum geht es auf der Alb. Die Beweidung durch die Schafe erhält den Charakter der typischen Landschaft und ihre spezifische Artenvielfalt. Dafür werden Sven de Vries und seine Kollegen, von denen es immer weniger gibt, bezahlt. Öffentliches Geld und Subventionen aus Brüssel erfordern einen enormen Bürokratieaufwand und seien dennoch unwägbar, klagt de Vries. Das könne existenzbedrohend sein, schildert er das Dilemma, in dem er und viele andere Schäfer steckten.

Die Landschaft ist nur deshalb so schön ...
Die Landschaft ist nur deshalb so schön ...

So eng die Täler im porösen Kalkstein der Alb auch sind, Sven de Vries' Blick hat keine Grenzen. In den sozialen Medien ist er weltweit unterwegs und in Stuttgart und Berlin ist er politisch aktiv. Das sorgt für mediale Aufmerksamkeit, die de Vries zu nutzen weiß. So initiierte er via Internet eine Petition mit 150 000 UnterstützerInnen, in der er und der Berufsverband eine Weidetierprämie forderte, die in Ergänzung zur Flächenprämie die Existenz in der landwirtschaftlichen Nische sichern sollte. Unterstützt von der Linken und den Grünen, scheiterte die Forderung an den Mehrheitsverhältnissen im Bundestag. Die Zukunft bleibt prekär.

Und jetzt noch der Wolf. 40 Schafe sind erst kürzlich in Bad Wildbad im Schwarzwald dem grauen Räuber zum Opfer gefallen. Und tote Artgenossen auf den Autobahnen lassen keinen Zweifel daran, dass das einst ausgerottete Großraubwild auch im Südwesten wieder seine Spuren hinterlässt. Der Schäfer am Albrand weiß natürlich, dass hundert Kilometer für Wölfe keine große Strecke und seine Schafe deshalb nicht vor einer Wolfsattacke sicher sind.

De Vries ist weit davon entfernt, aus Eigennutz dem Raubtier das Existenzrecht abzusprechen. Wenn die Gesellschaft die Rückkehr des Wolfes begrüße, dann müsse er Vorsorge treffen. Die sieht er vor allen Dingen in Elektrozäunen, die mit entsprechender Schlagkraft Wölfe nachhaltig von Schafen fernhalten. Der Vorbehalt ist der, dass nicht auszuschließen ist, dass ein Wolf trotz Stromschlag sich nicht scheut, über den Zaun zu springen. Was aber wohl seltene Ausnahme sei, hofft der Schäfer und gibt sich gelassen. Ausdrücklich betont er die pragmatische Herangehensweise der Landesregierung, die versuche, die Balance zwischen ziviler Akzeptanz und dem Interesse der potenziell Leidtragenden zu wahren. Und obwohl er als Schäfer im Ernstfall zu den Letzteren gehört, ist zivile Akzeptanz der Leitfaden des Hirten, der seine Existenz einem geradezu archaischen Tun widmet.

... weil Tiere wie dieses sie pflegen.
... weil Tiere wie dieses sie pflegen.

Er sei "ein politischer Mensch", sagt de Vries. Und als solcher verfolge er die gesellschaftliche Entwicklung mit ihrem "Rechtsruck" mit Sorge, auch weil ihm bei dem Geschrei aus Bayern wider den Flüchtlingen "die Empathie" fehle. Schließlich seien die wenigsten Flüchtlinge Verbrecher, sondern in ihrer Vielzahl nur Menschen, die aus der Not heraus "ihr Glück suchen". Und das sei kein Verbrechen.

Sind Sie glücklich? "Heidanei", ruft der Preuße erstaunt. Langes Schweigen. Dann: "Im Moment kann ich nicht mit ja antworten." Aber "der Weg ist richtig". "Ich muss es machen, weil ich die Hoffnung habe, dass sich was ändert."

Wer bescheiden ist, braucht wenig, um zufrieden zu sein. Und Sven de Vries braucht sehr wenig in seinem Schäferkarren; deshalb sind es auch nicht finanzielle Sorgen, die ihn bedrücken. Es sind die Lebensumstände: Wie soll man als Wanderschäfer eine Beziehung leben und wie soll man als Wanderschäfer Vater sein? "Eine Beziehung ist wichtig, aber irrsinnig schwer", meint Sven, und "ich hätte gerne Kinder". Die Schäferei sei zwar "so ähnlich wie Eltern sein". Aber ähnlich ist eben nicht gleich.


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